André Kühnlenz: Yeah, wir haben uns den Einheitsboom komplett weggespart

Das Argument aber, dass der deutsche Staat mit seinen Schwarzen Nullen in den öffentlichen Kassen zur Entlastung der künftigen Generationen beiträgt, stellt sich als billiger Taschenspielertrick heraus, wie wir gerade gesehen haben. Bei einem erwarteten Leistungsbilanzüberschuss von rund 350 Mrd. € allein in diesem Jahr, das ist die Nettoersparnis (=Investitionen) der Deutschen im Ausland, sollten 69 Mrd. € doch locker zu meistern sein, die für den Erhalt der öffentlichen Infrastruktur notwendig sind. Vergessen wir nicht, dass Dr Schäuble sich derzeit noch immer Geld für praktisch null Zinsen leihen und damit unser Erspartes umsonst einsammeln kann.

Wir werden wohl erst auf den dringend notwendigen Generationenwechsel im Bundesfinanzministerium warten müssen bis endlich Vernunft in die deutsche Wirtschaftspolitik einkehrt.

Weitwinkel-Subjektiv, 2016-09-11
Via Twitter, C. Odendahl

Heinz Jürgen Hauzel: Siegfried Huhle: „Die Tariftreue muss stärker kontrolliert werden“

„Das Handwerk zahlt mehr als den Mindestlohn“, sagt Huhle. „Aber wir leiden seit Jahren zunehmend darunter, dass Firmen hingehen und sich auf alle möglichen Arten um den Mindestlohn herumdrücken. Wir können nicht in Konkurrenz treten zu Firmen aus dem Osten. Es ist schon schwierig mit den Thüringern, von Rumänen und Ungarn ganz zu schweigen.“ Die Elektriker beispielsweise hätten ihm gerade wieder berichtet, wie sehr sie unter Billig-Angeboten aus den ostdeutschen Bundesländern zu leiden hätten.

Er erzählt von einem Auftrag, den sein Unternehmen jüngst in der Schweiz durchgeführt hat. „Da mussten wir unsere Mitarbeiter nach Schweizer Tarifen bezahlen. Und wir mussten das nachweisen, die Überweisungen vorzeigen. Sonst hätten wir 30 000 Franken Buße zahlen müssen, und nie mehr Aufträge in der Schweiz erhalten. So schützt man den Binnenmarkt, so schafft man gerechte Vergabeverfahren und gerechte Entlohnung“, ist der 66-Jährige, der vor 50 Jahren seine Lehre im Familienunternehmen antrat, überzeugt. Der Kreishandwerksmeister wiederholt seine alte These, dass sich „die Wertigkeit handwerklicher Tätigkeit“ auch in der Bezahlung der Beschäftigten niederschlagen müsse. „Es ist ein interessanter Beruf, der macht Spaß und bringt Abwechslung, aber es muss sich auch lohnen und ordentlich bezahlt werden, sonst hört der Spaß auf.“

Huhle ist sicher, dass es uns gesamtgesellschaftlich schadet, „wenn die Sozialleistungen, die über Jahrzehnte erkämpft wurden, in der heutigen Geiz-ist-geil-Mentalität Stück für Stück zurückgefahren werden“.

Wiesbadener Kurier, 2016-09-09

Bernd Kramer: David Graeber – Mein Beruf ist ein Bullshitjob

„Immobilienmakler, Unternehmensberater, Investmentbanker: Sie sind die Hofnarren des Kapitalismus, sagt der Anthropologe David Graeber. Er nennt sie Bullshitjobs.“
Die Zeit, 2016-09-08
Kann mich noch gut erinnern, als mir eine Baumschulkundin Anfang 90er mal ihre Karte gab, weil ich für eine Bestellung um ihre Adresse gebeten hatte, und da stand als Beruf „Key Account Managerin“ drauf. Wir lagen beim Frühstück unterm Tisch vor lachen. Heute muß man sowas alles ernst nehmen und wird eher selbst nicht mehr ernst genommen, weil man noch was richtiges macht statt nur zu managen.
Via Rafael Buchegger auf Twitter

Heike Schmoll: Unterwegs zur Lügenwissenschaft

„Gegen den grassierenden Populismus hilft wissenschaftliche Aufklärung. Doch statt Irrationalität mit Sachverstand abzuwehren, dünnt die EU die Sozialwissenschaften weiter aus.“
FAZ Feuilleton, 2016-08-26

Schon seit einiger Zeit wird Forschungsförderung in Großbritannien nur dann gewährt, wenn ein Forschungsergebnis von volkswirtschaftlicher Relevanz ist

Wenn man die Wissenschaft keine kritischen Fragen mehr stellen läßt und sie zu einem Zulieferer der Wirtschaft degradiert hat, sollte man sich nicht wundern, daß der Populismus unwidersprochen grassiert.

Mely Kiyak: Die Arroganz der Beleidigten

Kiyaks Deutschstunde. Eine Kolumne, in: Die Zeit, 2016-08-24
Das zu lesen, macht mich etwas wütend.
Wir waren und sind doch eigentlich auch noch ein Land mit friedlichen, netten Menschen, die dazu erzogen worden sind, der Frau mit Kinderwagen beim Einsteigen in den Bus zu helfen, egal, was sie auf dem Kopf trägt und den Nachbarn im Treppenhaus freundlich „Guten Tag“ zu wünschen, und sich ab und zu zu erkundigen, wie es geht, auch wenn Deutsch für die eine Zweitsprache ist. So kenn ich das jedenfalls hier aus der Gegend im Westen.
Dieses ekelhafte Gezeter und Gemäkel gegen Menschen, die vielleicht zufällig nicht von hier sind, kommt von ganz oben (Innenminister) und aus allen Kanälen der Medien. Mag sein, daß eine gewisse Partei nicht mehr weiß, wie anders sie sich Wählerstimmen sichern soll, daß gewisse Blätter meinen, so verkauften sie sich besser. Aber dafür die Leute gegeneinander aufzubringen, ist doch wirklich perfide. Hoffentlich nehmen die meisten das alles nicht ernst und bleiben stur so, wie sie sind!

Walter Zöller: Bauern gehen Fachkräfte aus

Mitteldeutsche Zeitung Agrarwirtschaft, 2016-08-24 via @slowfoodberlin
Ostdeutschland: Betriebe so groß, daß ein Bauer mit Familie es nicht selbst schaffen kann. Arbeitnehmer nach 89 massenhaft entlassen und nach Westdeutschland abgewandert, Löhne und Arbeitsbedingungen für einheimische Jugendliche unattraktiv, nun bald die Alten in Rente und kein Nachwuchs da. Osteuropäer arbeiten mittlerweile auch lieber zuhause. Flüchtlinge verstehen angeblich nicht genug von Technik. Nun wollen die Betriebe weiter mechanisieren. Damit sich das lohnt, werden sie, denke ich, auch weiter wachsen müssen. usw usw usw

BMEL erwartet Verkauf von KTG Flächen an Investoren

Wenn man nichts macht, fördert man die Konzentration (das freie Spiel der Marktmächte). Das ist dem CSU-Landwirtschaftsministerium auch bewußt:

In ihrer Antwort auf eine kleine Anfrage der grünen Bundestagsfraktion lässt sie jedoch erkennen, dass sie davon ausgeht, dass bei einem möglichen Verkauf von Einzelflächen oder ganzen Betrieben der KTG Gruppe, diese an Investoren gehen. „Der Finanzbedarf für die Losgröße von Einzelflächen oder ganze Tochtergesellschaften überschreitet in der Regel die Kaufkraft ortsansässiger Landwirte“ schreibt das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) in seiner Antwort. Im Ergebnis werde die Flächenkonzentration weiter zu nehmen, lautet die Einschätzung des BMEL weiter.

Der Agrarsprecher der Grünen, Friedrich Ostendorff, … forderte für die von der KTG Gruppe freiwerdenden Flächen eine Nutzung für eine bäuerliche Landwirtschaft.

topagrar.de, 2016-08-23

Dani Rodrik: „Ich muss Angela Merkel einen Großteil der Schuld geben“

„Der Harvard-Ökonom Dani Rodrik warnt vor den Exzessen der Globalisierung. Er kritisiert auch Deutschlands Rolle im europäischen Integrationsprozess.“

Das eigentliche Problem ist, dass die Regierungen selbst unter dem Einfluss von Konzernen stehen. Der mangelnde Wille der Staaten ist das große Hindernis [beim Kampf gegen Steuerflucht] – mehr noch als fehlende globale Kooperation.

Entweder man dreht die wirtschaftliche Integration zurück oder man vertieft die politische Integration bis hin zur politischen Union. Tut man das nicht und behält man das Ungleichgewicht bei, höhlt man die Demokratie aus.

Der fleißige Deutsche und Nordeuropäer gegen faule und verschwenderische Südeuropäer. Diese moralische Erzählung hat es erheblich erschwert, die Krise als Motor für eine weitere politische Integration zu nutzen, und hat die Grundlage für die nationalistischen Reaktionen auf die Krise bereitet.

Die Zeit, 2016-08-22

Ausrottung der Selbständigen in Griechenland

Die Überbesteuerung der Freiberufler und Gewerbetreibenden in Griechenland stranguliert das private Unternehmertum und fördert Steuerhinterziehung und Schattenwirtschaft.

Es ist bekannt, dass in Griechenland die Selbständigen (sprich Freiberufler, Handwerker und Gewerbetreibende) einen großen Anteil der (wirtschaftlich) aktiven Bevölkerung darstellen.

In der Realität ist Griechenland gemäß auch den jüngsten Angaben des Europäischen Statistischen Amts (Eurostat) unter den europäischen Staaten das Land mit der proportional größten Anzahl Selbständiger im Verhältnis zu der Gesamtheit der Beschäftigten, ohne dass diese Analogie sich in den Jahren der Krise geändert hat.

Griechenland-Blog, 2016-08-16

„Lauter kleine Narzissten, auf Wettbewerb getrimmt“

Ein Interview mit Oliver Nachtwey
Der Spiegel, 2016-08-14

Für viele Menschen stellt sich unsere Gesellschaft als eine nach unten fahrende Rolltreppe dar, gegen die sie anlaufen müssen, um nicht abzusteigen.

Bildungsaufstieg setzt sich nicht mehr automatisch in mehr Wohlstand um.

Wenn sich alle auf die Zehenspitzen stellen, kann keiner besser gucken. Wer mehr Geld in Bildung investiert, aber die Beschäftigungsverhältnisse prekär lässt, verkehrt ihr Emanzipationspotenzial – und die Ausbildung wird zu einem weiteren Austragungsort von Wettbewerb und Konkurrenz.

Einerseits haben die linken Parteien sich seit 1989 der Marktideologie untergeordnet, „und dadurch ihre Fähigkeit, die Interessen der Schwachen zu vertreten, in vielen Bereichen aufgegeben“. Das konnte aber nur passieren, weil ihre starke Basis weggebrochen ist: „Die Individualisierung trägt in sich die Idee, dass meine Herkunft nicht mehr über meinen Lebensweg bestimmt. Aber ich fühle mich dadurch auch nicht mehr als Teil der Arbeiterschicht im Sinne einer lebensweltlichen politischen Gemeinschaft: Das gemeinsame Feiern, die gemeinsamen Vereine, Genossenschaften, was sehr stark durch die Sozialdemokratie tradiert wurde, verschwinden – und damit auch das Milieu, auf das sich linke Parteien stützen können.“
Wieder besser werden kann es nur, wenn den armen Leute wieder klar wird, daß sie stark sind, wenn sie zusammenstehen.

Robert Misik: Die Stimme der Vernunft muss leise, aber machtvoll sein

Objektiv sind unsere Gesellschaften die sichersten der Geschichte, aber subjektiv fühlen sie sich an wie Kriegsgebiete. Langsam gerät unser Wunsch, gut informiert zu sein, in Konflikt mit unserem Wunsch, psychisch gesund zu bleiben.

Diejenigen, die die Vernunft dem lauten Geplärre des Irrsinns vorziehen, sind die Mehrheit. Aber diese Mehrheit muss sich artikulieren.

FS-Misik – derStandard.at › Meinung