Daniela Dahn: Gespalten statt versöhnt

Süddeutsche Zeitung, 2010-06-10

Er will bewahren, was ist: Warum man weder Anti-Aufklärer noch DDR-Nostalgiker sein muss, um den Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck abzulehnen.

2005 erklärte der Verein „Willy-Brandt-Kreis“: Die Unterlagenbehörde habe bewiesen, dass sie für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte ungeeignet sei. Sie sei nicht als neutrale wissenschaftliche Einrichtung angelegt, sondern habe die politische Bestimmung, die DDR zu delegitimieren. Gleichzeitig seien die geheimdienstlichen Erkenntnisse über die Bundesrepublik geheim, sie stünden einer kritischen Aufarbeitung nicht zur Verfügung. „Wenn heute in Westdeutschland und im Ausland das Bild der DDR als das eines reinen Unrechtsstaates vorherrscht, in dem alle Bürger entweder bei der Stasi gearbeitet oder von ihr beobachtet wurden, so hat die Behörde ihren Auftrag erfüllt.“ Unterzeichnet war die Erklärung von Sozialdemokraten wie Egon Bahr, Peter Bender, Peter Brandt, Christine Hohmann-Dennhardt, Günter Grass, Oskar Negt und Friedrich Schorlemmer.

Vor einem Jahr fragte Emnid, ob die DDR „ganz überwiegend schlechte Seiten“ gehabt hätte. Dies bejahten acht Prozent der Ostdeutschen. Und 78 Prozent der Westdeutschen. Auftrag erfüllt? Diese unversöhnliche Kluft, vertieft durch leergesparte Prekarier, könnte Bellevue erschüttern. Auch andere Schlösser.