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Geschichte: Geschichts-Erinnerungen

26. 12. 2018

Vor meiner Berufsausbildung zum Baumschulgärtner hatte ich von 1976 bis kurz vor der "Wende" in München Geschichte studiert.

Nachdem ich per Zufall in der Wikipedia einzelne Artikel über Lehrer gefunden hatte, an die ich mich gut erinnere, kam mir neulich der Gedanke, sie mal zusammenzustellen. Da ich es interessant finde, welchen Generationen die, die unser Denken geprägt haben, angehören, gebe ich die Lebensdaten nach der Wikipedia mit an.

Aus der Schulzeit in Köln: Robert Frohn, 1913-1991, war der Direktor an unserer Schule und hat uns auch höchstselbst im Fach Philosophie unterrichtet. Bei Karl Heidelbach, 1923-1993, hatten wir Kunst, ihn ärgerte nichts mehr, als wenn jemand ein leeres Blatt brav von einer Ecke aus mit Details bemalte in der Hoffnung, es irgendwann voll zu bekommen - ohne Furcht vor dem leeren Raum von Anfang an das Ganze planen, hieß die Devise; mit ihm haben wir im Treppenhaus unserer Schule ein wandfüllendes Mosaik gelegt, die Tiefsee darstellend mit all ihren Wunderwesen.

Studium: Geschichtliche Grundwissenschaften hatte ich im 1. Semester als Hauptfach gewählt, ich wollte nämlich mal Archivar werden ;) Bei Peter Acht, 1911-2010, hörte ich die ersten Vorlesungen; es war so staubtrocken, so etwas Trockenes hatte ich mir bis dahin überhaupt nicht vorstellen können. Waldemar Schlögls Proseminare zur Diplomatik und zu Briefn und andere Übungen am Institut zu Epigraphik, Numismatik waren interessanter; Ich schreb über die Intitulatio Karls des Großen. Ab dem 2. Semester wählte ich daher Mittelalterliche Geschichte als mein Hauptfach, nach Vorlesung (Karolinger) und Proseminar (ich schrieb über die Bedeutung der Schlacht auf dem Lechfeld 955) bei Robert Konrad schien mir das eine "lebendigere" Wissenschaft, dafür hatte das Studieren von da kein konkretes Berufsziel - studieren, weil es einen interessiert, in der Hoffnung, daß man eines Tages irgendetwas wird - und an Interessantem gab es in München wahrlich keinen Mangel, und man war nicht eingeschränkt durch die Studienordnung.

Bei Wolfgang Giese, *1939, ging es viel um die Kreuzzüge, bei denen die abendländischen Rittter viel Kultur kaputtschlugen, aber zuletzt auch vieles aus dem islamischen Orient mitnahmen und mitbrachten, und Kaiser Friedrich II., der arabisch sprach und über Falkenjagd schrieb - viel um die Weltsichten der Geschichtsschreiber, und nicht nur der europäischen, wir versuchten so gut es ging auch die armenischen, syrischen, arabischen kennenzulernen. Ich schrieb Seminararbeiten über die Geschichtsschreiber zum 1. Kreuzzug und über christlich-jüdische Disputationen. Franz Brunhölzl, 1924-2014, blickte bei seinen Vorlesungen über die (meist wenigen) Zuhörer hinweg und ließ über den Köpfen eine europaweite, sprachgrenzenlose Welt entstehen, in der er offenbar zuhause war, die der mittellateinischer Prosa und Dichtung. Ebenso Wolfgang Braunfels, 1911-1987, zeigte spät abends einem großen Saal voller Zuhörer Bilder aus Italien und ganz Europa von Bauten, Figuren und Gemälden, deren Gedankeninhalt er überzeugend erklären konnte.. Karl Bosl, 1908-1993, redete mir zu schwärmerisch über bayerische Schlösser und Abteien, aber wir haben uns später sehr angenehm über Norwegen unterhalten, und er hat meinen DAAD-Stipendienantrag befürwortet. Mit Eduard Hlawitschka, *1928, Lehrstuhlinhaber, hätte ich vielleicht bekannt werden müssen, um es zu etwas zu bringen, aber ich fand die Art, wie er Geschichte vortrug, langweilig. Wilhelm Kölmel dagegen kam nur Freitags nachmittags aus Freiburg und interessierte mich, weil er einen anderen Hintergrund hatte als die meisten Dozenten, für die irgendwie alles um bayrische Klöster und die Spannungen Papst/Kaiser, Italien/Deutschland kreiste. Bei Herrn Kölmel schrieb ich über den Fürstenspiegel Rathers von Verona. Schon über das spätere Mittelalter und die anderen europäischen Länder war relativ wenig zu erfahren, am ehesten bei Karl Schnith, 1934.1999. Später hielt Alexander Patschovsky, *1940, Übungen und Lektürekurse ab, er brachte die spannenden Themen: Wirtschaft, Ketzer, also die Geschichte normaler Leute. Harald Dickerhof, 1941-2010, hat die marxistische Mediaevistik immerhin auch erwähnt. Bei Arno Seifert, 1936-1987, einem der spannendsten Dozenten, er sprach ganz leise, und ein großer Seminarraum spitzte voll konzentriert die Ohren, hätte ich viel mehr über die Theorie der Geschichtswissenschaft lernen sollen, aber er war schon sehr krank. Frhr Wolf-Armin von Reitzensteins Namenkunde war für mich im 1. Semester ein guter Einstieg, weil er bei der Heimatkunde anknüpfte, ich erarbeitete mir die Namenserklärungen der Flüsse und Bäche in dem schwäbischen Landkreis, wo ich kurz zuvor Zivildienst gemacht hatte.

In meinem 1. Nebenfach, Neuere Geschichte, hatte ich immer einen Riesen-Respekt vor der Fülle der archivalischen Quellen, die man studiert haben müßte, um überhaupt irgendetwas sagen zu können. Vorlesungen wie die von Eberhard Weis, 1925-2013, machten einen da wirklich mutlos. Das Proseminar bei Bullik (ich schrieb über Reformen im Osmanenreich im 19. Jh.) war frustrierend. Sehr gern dagegen hörte ich Harm-Hinrich Brandt, *1935, der mit scharfen, klaren Gedanken Schneisen durch den Materialwust schlug und, wie er selbst sagte, immer 5 cm über die Köpfe der Zuhörer hinweg redete, um sie zum angestrengten Zuhören zu animieren. Gerhardt A. Ritter habe ich nur 1 Semester lang über die NS-Zeit angehört, da störte mich der pathetische Vortrag einer reinen Aufzählung der Ereignisse ohne Erklärungsversuch. Darüber las ich Broschüren, die der MSB Spartakus anbot. Bei Hans Schmidt, 1930-1998, ging es um Landsknechtswesen, da konnte ich wieder an einem Thema arbeiten, das mir von meinem vorangegeangenen Zivildienst her nahelag, denn das betreffende schwäbische Dorf Burtenbach hatte dem Landsknechtsführer Sebastian Schertlin gehört. Die frühe Neuzeit war ein weißer Fleck, an Richard van Dülmen, 1937-2004, erinnere ich mich unerklärlicherweise wenig, aber ich habe mir später Bücher von ihm gekauft.

Kirchengeschichte im Fachbereich Ev. Theologie war mein 2. Nebenfach und lag mir mehr. An dem kleineren Fachbereich war ein freundlicherer Umgangston als bei den Historikern und man interessierte sich mehr für sein Fach. Als 1979 der Holocaust-Film im Fernsehen lief, war das nur bei den Theologen ein Thema, wir haben ihn auch gemeinsam geschaut, bei den Historikern interessierte sich jeder für sein Ding und niemand sprach über Aktuelles. Bei Reinhard Schwarz, *1929, habe ich mich am liebsten zugehört, er überlegte beim Reden auf eine Art, daß man mitdenken mußte. Nach dem Proseminar, wo ich mich mit der Zwei-Reiche-Lehre beschäftigte, habe ich be Prof. Schwarz über den Abendmahlsstreit in der AUgsburger Reformationsgeschichte geschrieben und später zum Pietismus die Erträge meines Auslandsstudiums einbringen können: Laestadianismus. Ulrich Köpfs 1941- Lektürekurse spannten von Bonaventura bis Bismarck. Durch Peter Krusche, 1924-2000, erlebten wir ein Wochenende lang Eberhard Bethge, den Schüler, Freund, Herausgeber und Biographen Dietrich Bonhoeffers. Von Eilert Herms 1940- lernten wir einiges über Zeichentheorie und erlebten ein Seminar mit Schalom Ben-Chorin 1913-1999 als Gastprofessor, bei dem ich eine Arbeit über christlich-jüdische Religionsgespräche im Mittelalter abgben durfte.

Alexander Varga von Kibed, 1902-1986, gehörte in keins meiner Fächer, ihm zuzuhören war aber so ein spezielles Erlebnis, daß man gern abends länger an der Uni blieb und er in dieser Aufzählung nicht unerwähnt bleiben darf.

Nachdem ich bei den Mittellateinern bei Günter Bernt Proseminar und Paläographie-Kurse gemacht hatte, bekam ich bei den Monumenta Germaniae Historica über die ganze lange Dauer meines Studiums hin nacheinander mehrere interessante Jobs und eine Zeitlang sogar einen richtigen Arbeitsvertrag als "Wissenschaftlicher Aushilfsangestellter". Mit Wilfried Hartmann, 1942-, habe ich den dritten Concilia-Band (ersch. 1984) korrekturgelesen, ich am Mikrofilm-Lesegerät mit den Handschriften des 9.-10. Jhs. Für den Präsidenten Horst Fuhrmann, 1926-2011, habe ich eine Zeitlang in den Acta Sanctorum recherchiert. Timothy Reuter, 1947-2002, hat die Digitalisierung bei den Monumenta angefangen, und ich habe Texte mit der Schreibmaschine und einem OCR-Typenrad maschinenlesbar abgetippt.

Die Münchner Mittelalter-Historiker blickten nach Italien, auch nach Frankreich, kaum je nach Norden. Dafür gab es das Nordische Institut gleich hinter dem Hauptgebäude. Dort habe ich bei Hubert Seelow, *1948, kurz versucht, Altnordisch zu lernen und bei Kurt Schier, *1929, etwas über Sagaliteratur gehört, dann ziemlich viel Norwegisch gelernt und schließlich 1982/83 2 Semester mit einem norwegischen "Statsstipend" vermittelt vom DAAD an der damals erst zehn Jahre jungen Universität Tromsø studiert. Narve Bjørgo, 1936-, war dort mein "faglig veileder", ich hatte jede Woche 1 Stunde "konferanse" mit ihm, hörte im Oberseminar, woran seine Hauptfachstudenten arbeiteten und "mein" Sessel in der Bibliothek mit Meerblick war fast immer für mich frei. Paradiesische Studienbedingungen im Vergleich mit Mü:nchen. Dort konnte ich über den norwegischen Pfarrer Nils Vibe Stockfleth arbeiten und die "Oktoberrevolution" 1852 in Kautokeino sowie die Anfänge des Laestadianismus. Prof. Bjørgo schickte mich auch auf Reisen, Im Sommer ins Statsarkiv nach Oslo und im Winter ans Sámi Instituhtta in Kautokeino, wo ich Alf Ivar Keskitalo über 1852 und an die Hochschule Alta, wo ich von Kåre Svebak viel über den Laestadianismus lernen durfte. Später, zurück in München, durfte ich durch Vermittlung von Prof. Bjørgo zu einem Projekt etwas über die aller ältesten Schriftquellen zur samischen Geschichte, "Regesta Sabmica", beitragen. Durch Randi Rønning Balsvik, 1939-, hörte ich zum ertsen Mal etwas über afrikanische Geschichte. Povl Simonsen, 1922-2003, Archäologe, hat uns beigebracht, wie willkürlich es ist, Europa als Zentrum und den Rest der Welt als Peripherie zu betrachten: bei den Völkern der Arktis verbreiteten sich technische Neuerungen zirkumpolar innerhalb einer Generation. Ein Semester war ich auch in einem Sprachkurs, und da hatten wir einmal Ole Henrik Magga zu Besuch. Lene Antonsen war ein bißchen mit daran schuld, daß ich diesen Auslandsaufenthalt gemacht habe, nach dessen Ende ich oft bereut habe, daß ich nicht dort geblieben bin.

Als das Historische Kolleg in München gegründet wurde und Hans-Conrad Peyer aus Zürich dort sein Opus magnum über Gastung und Gastlichkeit im Mittelalter schrieb, habe ich ihm mit Übersetzungen nordischer Quellen und Sekundärliteratur zugearbeitet.

zul. bearbeitet 2018-12-30 18:35:00

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