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Magere Jahre

2010-02-16 19:15:26

Es ging nur bis Ende 2007 zu zweit, seither schaukele ich das Ding alleine. Mein ehemaliger Mitarbeiter sucht sich in norddeutschen Baumschulen eigene Wege und mein einstiger Mit-Ideenerfinder hat gleich ganz den Beruf gewechselt. Unser vereinter Enthusiasmus konnte die Kundschaft zwar von Anfang an ganz schön begeistern, genau wie es ja auch gedacht gewesen war. Aber das Wenige, was man einem Mitarbeiter selbst in der Niedriglohnbranche Gartenbau schuldet, kam dabei doch auf die Dauer einfach nicht heraus. Man lockt am Anfang durch die Werbung, für die man viel Geld ausgibt, doch wohl zu viele an, die bloß mal kurz neugierig waren und schon zufrieden sind, nachdem sie sich die neuen Nasen einmal aus der Nähe betrachtet hatten, um sich daraus eine Meinung darüber abzuleiten, wie lange sich denn nun dieses neue Geschäft wohl "werde halten können". Anstandshalber kauften sie ja sogar irgendetwas, sofern es nicht zu teuer war. Aber es ging ihnen nie um Pflanzen und Garten, und es hat keinerlei Nachwirkungen. Dazu kam, daß wir anfangs natürlich noch nicht alles wußten, was mir inzwischen klargeworden ist. Wir hatten von früheren Arbeitsplätzen zwar eine Menge Erfahrung mit Rosensorten, die wir nicht mochten und riskierten in der eigenen Firma, wagemutig, lauter, wie wir dachten, bessere anzubieten, mit denen wir jedoch noch keine Erfahrung hatten. Daß "tolle" Blüten in der Regel auf dürftigen Pflanzen wachsen, war uns nicht klar, gibt ja auch niemand von den Züchterfirmen freiwillig zu. Als es mir allmählich klar wurde und ich anfing, umzusteuern, war es allerdings mit dem Grundkonsens, auf dem die kollegiale Betriebsführung beruhte, vorbei. Die Jugend von heute hat keine Lust mehr, die Augenblicks-Blendwirkung des schönen Scheins mit kritischen Fragen zu entzaubern. Kaufmännisches Denken, kurzfristiges jedenfalls, scheint ihr Recht zu geben, denn die Kunden wollen sich wirklich verführen lassen: muß man die allermeisten fast gewaltsam von den Blender-Blüten losreißen, will man ihnen vernünftige Rosen verkaufen, so stark ist die Wirkung der Drogen. Weiter voraus denkend hat man aber keine andere Wahl als genau dieses Marketing-Sakrileg zu begehen, denn wenn die Leute nach drei Jahren ihre traurigen Gestalten im Garten wiedersehen, denken sie wohl nicht mit freundlichen Gefühlen an uns zurück, die wir ihnen mit naivem Enthusiasmus das Zeug auch noch empfohlen hatten. Niemand von diesen kam wieder und wollte mehr kaufen, doch genau darauf ist die Firma angewiesen. Der grimmige Winter 08/09 hat dann die Streitfrage denn auch zugunsten der robusten Rosen entschieden, alle anderen landeten auf dem Komposthaufen. Die Selbstdarstellung der Firma umzustellen, war ein Prozeß, der bis jetzt angedauert hat. Das neue Bild in die Öffentlichkeit zu vermitteln und endlich eine zufriedene Stammkundschaft zu gewinnen, wird noch lang dauern. Immerhin ist rosenwelten nun, seit ich allein bin, ganz meine Firma, das genieße ich schon. Es gibt auch schon viele Routinen, nicht mehr alles muß improvisiert werden und ich bin kein "böser" Arbeitgeber mehr, dem Telefonterror der kleinen Sachbearbeiterinnen von der Krankenkasse wegen irgendwelcher Fristüberschreitungen ausgesetzt, das spart sehr viele Nerven. Für den Boden und das Kleinklima auf dem Feld habe ich ein Gefühl bekommen und kann besser damit umgehen. In meinem Garten, der 2006 eine Topfwüste war, fühle ich mich wieder wohl, wenn die Nachbarschaft nicht gerade Fußballmeisterschaft, Grillorgien oder Kinderfeste feiert. In solchen Fälle weiche ich auf das beschaulichere Rosenfeld. 2007 war es noch eine Unkrautbaustelle, jetzt kann ich mit Stolz darüber hinschauen. Das tut der Seele gut. An der nagt inzwischen anderes. Mögen die offiziellen Branchenvertreter noch so zweckoptimistisch tönen, in Krisenzeiten gehe es den Gärtnern immer besonders gut, weil die Leute sich Primeln kauften als Trost, ich kenne es anders. Ab Juli 2008 wurden die Leute plötzlich immer mißtrauischer, bekamen Angst, etwas auszugeben, auch für realen Gegenwert, und verloren den Mut, noch Veränderungen vorzunehmen. Denn eine Rosenpflanzung ist nicht wie ein Primel, das man mal für ein paar Tage aufs Fensterbrett stellen kann. Meist bedeutet sie, den Garten ein Stück weit umzugestalten. Dazu hätte man wohl schon oft Lust, aber man traut sich nicht mehr. Man kann ja auch alles so lassen und sich Mühe und Geld sparen. Beratungen ziehen sich dann endlos hin und drehen sich im Kreis, weil Kundin oder Kunde insgeheim nicht nach einer noch besser geeigneten Pflanze suchen sondern nach einer Gelegenheit, ganz ohne Geldausgeben davonzukommen. Als kundenorientierter Verkäufer soll man natürlich grundsätzlich selbst schuld sein, wenn Geschäfte mißlingen. Man war vielleicht nicht freundlich genug, hätte das Geschäft auch mittags, ja am besten Tag und Nacht offen halten sollen, müßte in der Werbung einfach lauter überschreien, mit immer größeren Firmenschildern protzen, dürfte nicht so ehrlich auch über Nachteile seiner Produkte informieren, müßte ständig die Preise senken, ja geradezu Geschenke anbieten - aber damit hat das Ganze ja gar nichts zu tun, so würde man sich nicht nur wirtschaftlich sondern auch seelisch ruinieren. Man müßte den Leuten irgendwie Mut machen, ihr Umfeld schöner zu gestalten. Zeigen, daß es nicht so schwer ist und sicher gelingt. Vielleicht werden die Rosen, die ich jetzt am Rande des Feldes und im Garten als Mutterpflanzen gepflanzt habe, wenn sie einmal groß und stattlich dastehen, genau das vermitteln. Vielleicht wird aber auch die Umverteilung des Geldes von unten nach oben, der Kahlschlag der sozialen Sicherungen, so weitergehen, bis nur noch ganz wenige sich Rosengärten leisten können und wir kleinen und normalen Leute nur noch als deren Dienstboten eventuell ein Auskommen finden. Man wird einiges tun müssen, damit es dazu nicht kommt.

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