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Geschichte-blog: Die ältesten Hospitalregeln

seit ca. 1980 in Arbeit

Vor meinem Geschichtsstudium hatte ich als Zivildienstleistender in einem Alten- und Pflegeheim der Diakonie gearbeitet und dabei auch am Unterricht in der dortigen Krankenpflegeschule teilnehmen können, abgeschlossen mit dem «einjährigen» Krankenpflege-Hilfe-Examen. Mit dem Beruf noch im Hinterkopf, fand ich recht bald nach Beginn meines Geschichtsstudiums zufällig in einem Karteikasten im Katalogsaal der Bayerischen Staatsbibliothek staunend, daß auch dieser eine mittelalterliche Geschichte hat und es darüber Bücher gibt. Das schien mir unmittelbar ein Thema, über das ich dereinst meine Abschlußarbeit schreiben könnte.

Bald stieß ich auch auf Unerforschtes: Weitreichende Übereinstimmungen zwischen «Regeln» von Hospitälern quer durch Europa: etwa zwischen der des Hospitals zu Eichstätt aus dem Jahr 1250 und der des Hospitals Nôtre-Dame zu Paris (1220), der des Hospitals Santo Spirito in Saxia zu Rom und derjenigen des Johanniter-Haupthospitals zu Jerusalem (1152?). Und die lateinische Regel des Heilig-Geist-Spitals der Hansestadt Lübeck von 1263 stimmt weitgehend mit derjenigen des Sint-Janshospitaal der flandrischen Hansestadt Brugge (1188) überein. Letztere liegt als besiegelte Originalurkunde aus dem Jahre 1188 vor und ist als älteste Quelle für das Sint-Janshospitaal Brugge 1976 von Griet Maréchal in ihrer Geschichte desselben untersucht worden. Mit ihrem Text stimmen auch noch weitgehend überein: ein ebenfalls original überlieferter von 1196 aus Gent in lateinischer Sprache und ein altfranzösischer von 1267 aus Ieper. Und der Lübecker Text begegnet wiederum ähnlich auch in Kiel 1301, volkssprachlichen Hospitalregeln aus Älborg in Dänemark, aus Barth in Pommern und einer lateinischen Handschrift aus Riga.

Wurden Ordensregeln gut erforscht, schon weil bis heute bestehende Gemeinschaften ihre eigene Geschichte bearbeiten, blieben Regeln selbständiger Hospitäler wenig bis unerforscht, obwohl sie viel zahlreicher waren (allerdings war lange Zeit gar nicht klar, daß z.B. die meisten Heilig-Geist-Hospitäler nicht zum Heilig-Geist-Orden gehört haben). Léon LEGRAND, der immerhin eine Menge solcher Regeln selbständiger Hospitäler 1901 gedruckt herausgegeben hat, erklärte rundweg, sie stammten, soweit es um Krankenpflege geht, allesamt von der Johanniterregel ab, ansonsten von der Augustinerregel, und das wurde seither allgemein ohne weiteres repetiert, z.B. noch 1977 und 1991 in Dissertationen. Selbst Siegfried REICKE übernahm in seinem Standardwerk zur Rechtsgeschichte der deutschen Hospitäler bezüglich der Regeln einfach die Ansicht, sie seien Varianten der Augustinerregel.

Umso mehr beflügelte meinen Forscherdrang, was ich über belgische Literatur, herausfand: daß die Regel des Sint-Janshospitaals der Hansestadt Brugge und die des gleichnamigen zu Gent von Januar 1188 bzw 1196 als besiegelte Originalurkunden, also so sicher wie nur möglich, überliefert sind, und dazu erheblich älter als die älteste Handschrift der Johanniterregel (1253). Bereits ein erster Blick auf diese Texte legt auch die These nahe, daß sie und nicht die Johanniterregel über die Hansestadt Lübeck eine breite Vorbildwirkung rund um die Ostsee gehabt haben. 1981 hat BONENFANT-FEYTMANS erstmals europäische Hospitalregeln der Zeit um 1200 sowie Aussagen des Zeitgenossen Jacques de Vitry über Hospitalgemeinschaften sowie Beschlüssen französischer Provinzialkonzile von 1214-1215 ohne die Prämisse, sie wären alle von der Johanniterregel abgeleitet, miteinander verglichen und in Beziehung gesetzt und diese Meinung Le Grands als haltlos erwiesen.

Ich habe dann 1985 zunächst in einer Magisterarbeit, einer der ersten, die Prof. Giese betreute, eine Übersicht über die bisherige Literatur zu den mittelalterlichen Hospitälern gegeben, die ich hier im 1. Kapitel zusammenfasse, und mit einer Edition der Brugger Urkunden samt ihrer Nachwirkung begonnen, die hier meinem 3. Kapitel zugrundeliegt. Das auf alle Hospitalregeln auszuweiten, blieb ein Dissertationsprojekt, wohlwollend beobachtet, aber, da selbst gewählt, ohne befruchtende Umgebung steckengeblieben. 1989 mußte ich vorerst abbrechen und einen «richtigen Beruf» lernen. Sowie ich ab 1999 Computer-Besitzer geworden war, wollte ich lernen, mit Datenbanken umzugehen und hatte viel Hilfe durch Newsgroups und den Access-Stammtisch Raunheim, und gleich versuchte ich auch, mit diesen neuen Werkzeugen die Verwandtschaft der Hospitalregeltexte aufzuklären. Eine Dissertation ist es nicht mehr geworden, dazu war der Abstand zur Universität bereits zu groß geworden und das Wekzeug zu fremdartig für die philosophische Fakultät, aber bei seiner Verabschiedung in den Ruhestand konnte ich Prof. Giese immerhin ein erstes Ergebnis überreichen, über das er sich später anerkennend geäußert hat. Nun will ich es als "Freizeit-Historiker" abschließen, ausformulieren und im Internet veröffentlichen. Danke für Interesse, Nachrichten gerne an post at rosenwelten.de, Verwendung gerne, aber bitte mit Quellenangabe.

zul. bearbeitet 2021-01-12 09:20:52

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