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Die ältesten Regeln mittelalterlicher Hospitäler

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Ausgangspunkt Quellen, Forschungsstand und Vorhaben

Im dritten Abschnitt des ersten Teils der "Lebensformen im Mittelalter" stellt Arno BORST "Hospitalbrüder" und dann Gildenbrüder vor als Beispiel für "Bünde", in denen mittelalterliche Menschen zu gegenseitigem Nutzen zusammen lebten. Diese Lebensform stellt er zwischen das Leben als "Einzelmensch" (mit der Einschränkung, daß so etwas in jener Zeit kaum vorkam) und das Leben als "Herren", "Knechte", "Stände", bevor er zum Leben in Rechtsordnungen, "Vaterländern", Völkern, Sprachen und schließlich als "Gottesvolk" weitergeht. Wie im ganzen Buch gründet er jedes Kapitel auf ein Selbstzeugnis. Für Hospitalbrüder wählt er die Statuten, beschlossen vom Generalkapitel der Johanniter im Kreuzfahrer-Königreich Jerusalem am 7. März 1182 und interpretiert sie einfach als das, als was sie ursprünglich geschrieben wurden: Zeugnis für einen

Bund von Menschen, die ihren Lebenskreis verließen, um freiwillig den Verlassenen zu dienen.

«Dieses Ziel, nicht ein individuelles System von Kompetenzen, begründet ihre Gemeinsamkeit.», fährt er fort, «Wenn sie sich im 12. Jahrhundert überhaupt eine Bezeichnung geben, heißt sie nicht Ordo, Ordnung und Orden, sondern Fraternitas, Brüderlichkeit und Bruderschaft . » Obwohl es ihm also gerade nicht um die spätere Wirkung dieses Texts als berühmte Ordensregel, für christliche Apologeten und Mittelalter-Romantiker der Leitstern der gesamten abendländischen Krankenversorgung vor der modernen Medizin, sondern um seine ursprüngliche Funktion im zeitgenössischen Kontext geht, wählt BORST merkwürdigerweise ausgerechnet die berühmteste aller Hospitalbruderschaften. Bei den Gilden hat er eine von gewöhnlichen Handwerkern aus einer eher ärmeren englischen Stadt als Beispiel genommen, die der Schneider von Lincoln.

Dabei sind durchaus Regeln von weniger berühmten Hospitälern etwa gleichen oder wenig jüngeren Alters aus Europa überliefert; Ordensregeln bis heute bestehender Gemeinschaften standen vielleicht einfach schon als solche bei Historikern stets in höherem Ansehen . Und seit Léon LEGRAND, der 1901 einen Band mit Regeln selbständiger Hospitäler herausgegeben hat, bereits im ersten Satz des Vorworts rundweg erklärt hatte, sie hätten nach der Augustinerregel gelebt und sich, Krankenpflege betreffend an das Vorbild der Johanniterregel gehalten , beließ es die Forschung seither im großen und ganzen dabei. Selbst Siegfried REICKE (dem es als Rechtshistoriker freilich auch um Handfesteres als Lebensformen ging) gab sich in seiner aus den Urkundenbüchern erarbeiteten Rechtsgeschichte der deutschen Hospitäler grosso modo damit zufrieden, immerhin machte er für Norddeutschland (Lübeck) Ausnahmen .

Die sich aufgrund der Arbeiten belgischer HistorikerInnen nun klären lassen: Griet MARÈCHAL wies 1976 in ihrer Geschichte des Sint-Janshospitaal Brugge darauf hin, daß dessen älteste Urkunde, die Regel von Januar 1188 (sowie die des gleichnamigen Genter Hospitals von 1196) sich inhaltlich deutlich von jener unterscheiden und zudem als besiegelte Originalurkunden überliefert sind, wohingegen die älteste erhaltene Abschrift der Johanniterregel hingegen erst von 1253 stammt Und die Brugger, nicht die Johanniterregel wirkte offenbar sowohl in der Nachbarschaft (z.B. Ieper 1268) als auch via Hanse (Lübeck 1263) bis rund um die Ostsee als Vorbild. 1981 hat Anne-Marie BONENFANT-FEYTMANS dann die Kommentare von Jacques de Vitry in der Historia occidentalis 1225 über damalige Hospitäler vor dem Hintergrund seiner kirchenpolitischen Position analysiert und gezeigt, daß LE GRANDs Haupt-Zeuge mehr postuliert und polemisiert als zu beschreiben, «un témoin bien informé de l'esprit religieux de ce début de siècle, de son évolution, de ses réformes», aber nicht für das, wofür man ihn angeführt hat.

Mein Vorhaben, daran anknüpfend die Verwandtschaftsverhältnisse und Inhalte der ältesten Hospitalregeln im Zusammenhang darzustellen, blieb nach Vorstudien (als erste Magisterarbeit bei Prof. Giese an der LMU München angenommen) 1985 wegen notwendigen Broterwerbs als «ewiges» Dissertationsprojekt stecken. Ab 1998 erlaubten zwar eigener Computer und Erlernen gewisser Datenbankprogrammier-Techniken, die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Texten einer quantitativen Untersuchung zu unterziehen (s.u. Abschnitt C). Dieses Roh-Daten-Ergebnis lesbar und nachvollziehbar auszuarbeiten, fehlten aber bis zum Rentenalter (2021) stets die Zeit und Muße.

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Borst, Lebensformen, S. 255-261.

Beide Lebensformen vergleicht die Trierer Dissertation von 2011 Laqua, Bruderschaften und Hospitäler.

Borst, Lebensformen, S. 261.

Ein Johanniter, Delaville le Roulx, Cartulaire, gab im Rahmen einer mehrbändigen Edition von Ordensurkunden die Johanniterregel heraus und veröffentlichte 1894 (Delaville le Roulx, Les hospitaliers en terre sain) und 1906 (Delaville le Roulx, De prima origine) Aufsätze darüber. 1929 forschte Ambraziejuté, Johanniter-Regel über die Entstehung der Johanniterregel. Die Regel des Heilig-Geist-Ordens gab Angelis, Regula S. Spiritus heraus; die des Deutschen Ordens Perlbach, Stauten Deutscher Orden. Probst, Deutscher Orden (1969) und Arnold, Entstehung des Deutschen Ordens (1980) trugen zur Erforschung der Deutschordensregel bei. Die Augustinerregel schließlich liegt seit 1967 in einer kritischen Edition von VERHEIJEN vor.

Le Grand, Edition, die Einleitung beginnt S. V direkt mit: «Les religieux hospitalières du moyen âge vivaient selon la règle de saint Augustin. Jacques de Vitry l'affirme formellement dans la chapitre de Hospitalibus pauperum et domibus leprosorum que nous reproduisons en tête de ce recueil.» Und fährt S. X mit dem berühmten Zitat aus der Johanniterregel fort: «‹Et in ea obedientia ubi magister hospitalis concesserit cum venerit ibi infirmus ita recipiatur primum peccata sua presbitero confessus religiose communicetur et postea ad lectum deportetur et ibi quasi dominus secundum posse domus omni die antequam fratres eant pransum caritative reficiantur.› Cette belle formule [er hält sie sogar für urchristlich] ... Nous allons la voir en effet dominer toute la législation hospitalière du moyen âge et se répéter textuellement dans la pluspart des statuts hospitaliers ...» — Bereits ein flüchtiger Blick in die Texte in seiner eigenen Ausgabe genügt, dies als arge Übertreibung zu erkennen.

Reicke, Spital, 2, S. 19ff. Vgl. hier.

Dort arbeitete man gründlicher an Hospitalregeln: Paul BONENFANT edierte 1953 als erster eine kritisch, die von Bruxelles, S Jean, 1211: Bonenfant, Cartulaire, S. 19, Nr. 10.

Aarau, Staatsarchiv des Kantons Aargau, Johanniter-Kommende Leuggern, Signatur Nr. 7. Die älteste Hs. der altfranzösischen Version ist "aus dem 13. Jh., also möglicherweise älter. Vgl. unten Kap. B I 2.

Maréchal, Brugge, S. 94ff.

Maréchal, Brugge, S. 100f unter Verweis auf Reicke, Spital, 2, 21f. Der Lübecker Text begegnet ähnlich auch in Kiel 1301, volkssprachlichen Hospitalregeln aus Älborg in Dänemark, aus Barth in Pommern und einer lateinischen Handschrift aus Riga.

Bonenfant-Feytmans, J. de Vitry, das Zitat S. 22.

Immerhin konnte ich es 2003 gerade noch rechtzeitig zu Professor Gieses Emeritierungsfeier wenigstens notdürftig zu Papier bringen.

Literaturverzeichnis

© Bernhard Höpfner 2002-2021.