Mittelalter-Hospitäler in Geschichtsdarstellungen |

Die ältesten Regeln mittelalterlicher Hospitäler

Johanniterregel und Heilig-Geist-Regel gelten seit der Herausbildung der Krankenpflege als aufopferungsvoller und selbstloser Frauenberuf im 19. Jh. als die mittelalterlichen Vorbilder für christliche Caritas bzw. Diakonie. Dabei sind ihr genaues Alter und ihre Entstehungszusammenhänge recht unklar. Regeln von Hospital-Bruderschaften in niederländischen Handelsstädten des späten 12. Jahrhunderts sind dagegen als Originalurkunden erhalten. Die den Kranken zu erweisende Unterstützung und Pflege steht darin nicht in dem liturgischen und asketischen Kontext wie in den Hospitalordensregeln, eher wie gegenseitige Hilfe, die ein reisender Kaufmann zum Beispiel dem andern leistete. Möglicherweise sind die einschlägigen Bestimmungen der bruderschaftlichen Hospitalregeln sogar ursprünglicher als die der Ordensregeln und diese von jenen abgeleitet.

Ausgangspunkt | Die Texte | Gruppierung der Texte nach Wortlautübereinstimmungen | Unterscheidung der verschiedenen Inhalts-Schichten in den Textgruppen | Entwicklungsgeschichte der Inhalte und der Texte | Resümee |

Gruppierung der Texte nach Wortlautübereinstimmungen nach Ähnlichkeit im Wortlaut, quantitativ mittels eines eigenen Computer-Programms

Strategie | Technik | Ergebnisse |

Strategie Wie kann man Verwandtschaftswahrscheinlichkeit zwischen Texten messen? Warum mit «Wortfolgenkonkordanzen»?

Stemmatologie mit dem Focus auf der Verästelung, nicht dem Fuß eines Stammbaums | Verwandtschaft messen an Konkordanzen, nicht an gemeinsamen Fehlern. | Den Zufall weitestmöglich ausschließen |

Stemmatologie mit dem Focus auf der Verästelung, nicht dem Fuß eines Stammbaums

Die Suche nach dem besten Stammbaum | Automatisierung der Stemmatologie |

Die Suche nach dem besten Stammbaum

KARL LACHMANN (1793-1851) hat zuerst eine Methode in das Herausgeben alter Texte eingeführt. Wer vor LACHMANN einen alten Text neu herausgeben wollte, hatte die bis dahin allgemein gebräuchliche Version, die sogenannte "vulgata", an etlichen Stellen nach seiner eigenen sprach und literaturgeschichtlichen Einsicht in die Intentionen des Verfassers verbessert, dabei gelegentlich - aber nicht grundsätzlich - auf Handschriften zurückgreifend. LACHMANN verlangte, den Urtext (Archetypus) ausschließlich aus den überlieferten Handschriften zu rekonstruieren und dazu das System von Abhängigkeitsverhältnissen zwischen den Handschriften und dem Urtext (Archetypus) aufzuklären. Das Ergebnis dieses durch LACHMANN in die Editionspraxis eingeführten Arbeitsschrittes, der "Recensio", steht seither in jeder wissenschaftlichen Textausgabe vor dem eigentlichen Text. Bei den Schülern LACHMANNs wurde es üblich, es zusätzlich in der Form eines Stammbaums (Stemma) graphisch darzustellen.

LACHMANN war Zeitgenosse sowohl der Begründer der Indogermanistik als auch der ersten Erforscher der Stammesgeschichte des Pflanzen- und des Tierreichs. Sie lebten um die Mitte des 19. Jahrhunderts und waren alle Romantiker, insofern sie sich dem Vergangenen widmeten, das Verlorene ins Leben zurückholen wollten - zugleich aber auch Wissenschafts-Optimisten, indem sie nicht an der Möglichkeit zweifelten, mittels der richtigen Methode das "Unerreichbare" finden zu können.

Während also Franz BOPP (1791-1867) die Stammverwandtschaft der indogermanischen Sprachen bewies, und andere daraufhin die postulierte UrSprache "Indogermanisch" aus ihren Tochtersprachen zu rekonstruieren begannen, - während Ernst Heinrich HAECKEL (1834-1919) die Ideen Charles DARWINS (1809-1882) über die Evolution der Lebewesen von den Einzellern bis zu uns Menschen mittels einprägsamer Stammbaumzeichnungen weit bekannt machte - verglich Karl LACHMANN mittelalterliche Handschriften klassischer Texte, um daraus die Urtexte des griechischen Neuen Testaments (1831. 1842), des Lukrez (1850), des Nibelungenliedes (1826 1851), der Gedichte Walthers von der Vogelweide (1827) und vieler anderer Werke der Antike und des Mitelalters zu rekonstruieren.

LACHMANN gab diese Texte in einer neuen Form heraus, die zusätzlich zu dem rekonstruierten Urtext in einem Fußnotenapparat zu jeder Stelle diejenigen Lesarten aus den Handschriften bietet, auf denen seine Rekonstruktionsentscheidungen beruhen, sodaß sie für den Benutzer nachprüfbar bleiben, außerdem ein Vorwort, worin ausführlich begründet wird, wie die einzelnen Handschriften als Zeugen des Urtextes eingeschätzt werden und warum. Dazu ist es nötig, das gesamte System von Abhängigkeiten unter den Handschriften zu kennen, und als Darstellungsform für dieses System bürgerte sich bei LACHMANNs Schülern die Stammbaumzeichnung ein. So kam es, daß die Philologen etwa gleichzeitig mit den Biologen und den Sprachwissenschaftlern anfingen, "Stemmatologie" zu treiben. Der Vorzug der aufwendigeren wissenschaftlichen Textausgaben gegenüber den herkömmlichen stieß bei Verlegern und Publikum anfänglich noch auf Unverständnis, doch nicht lange: schon bald begannen, getragen von vaterländischen und mittelaltersehnsüchtigen Zeitstimmungen vielerlei Editionsunternehmen auf der Grundlage des neuen Standards, unter ihnen die MONUMENTA GERMANIAE HISTORICA (gegründet 1817). Als LACHMANN 1851 starb, war seine Art, Texte wissenschaftlich herauszugeben, selbstverständlich geworden.

Mit den einzelnen Handschriften beschäftigten sich also die LACHMANN-Schüler wegen des Stemmas und mit dem Stemma wegen des Urtexts. Die einzelnen Handschriften hatten für sie einen Wert als Zeugen des Urtextes, nicht als Stationen der Textgeschichte. Die Textgeschichte erforschten sie nicht als Geschichte der Entwicklung des Textes hin zu einer Vielfalt an Versionen, sondern retrospektiv, als eine Vorarbeit zur Rekonstruktion des Urtextes.

Das änderte sich erst allmählich ein Jahrhundert nach LACHMANNs Tod. Zuerst hatten sich die Editoren hauptsächlich mit den antiken Klassikern befaßt, die im Mittelalter nur selten abgeschrieben worden sind; je mehr sie sich mit auch wirklich im Mittelalter in Gebrauch gewesenen und entsprechend viel abgeschriebenen Texten beschäftigten (zum Beispiel Rechtssammlungen), desto mehr bekamen sie es mit komplizierten Überlieferungsgeschichten zu tun, die auch als solche einer Erforschung wert erschienen. Schließlich hat zum Beispiel Dmitrij Sergeevic LIKHACEV, ein Herausgeber russischer mittelalterlicher Geschichtswerke (deren Überlieferungsgeschichte besonders kompliziert ist), 1962 gefordert, die Fixierung der Textgeschichte auf den Archetypus zugunsten einer umfassenden Textologie aufzugeben, die die Geschichte des Textes in all seinen Versionen durch die Zeit hin betrachtet.

© Bernhard Höpfner 2002-2022.