Die ältesten Regeln mittelalterlicher Hospitäler

Waren alle nur Ableitungen der Johanniter- und Augustiner-Regel?

A. Mittelalter-Hospitäler in Geschichtsdarstellungen

Wie aus unterschiedlichen Interessen verschiedene Geschichten der mittelalterlichen Hospitäler geschrieben wurden, eigentlich eine Geschichtsliteratur-Geschichte anstelle eines Forschungsberichts

Beim Überarbeiten meines 35 Jahre alten Textes finde ich im Dezember 2020 viel seither neu Erschienenes, das ich noch berücksichtigen muß, besonders:

Gisela DROSSBACH (Hg.)
Hospitäler in Mittelalter und Früher Neuzeit. Frankreich, Deutschland und Italien. Eine vergleichende Geschichte
(Pariser Historische Studien, 75)
München: Oldenbourg Verlag, 2007
267 S.

und weiteres, das in der Rezension zu Drossbach auf HSOZUKULT genannt wird.

Die Einteilung nach Fächern gibt die Situation vor allem der deutschen Hospitalgeschichts-Literatur wieder, wie sie sich mir damals darstellte. In den lateinischen Ländern ist die Aufspaltung viel geringer, wie DROSSBACH in der Einleitung zeigt, vgl. auch bei mir unten.

Andererseits finde ich jetzt, in der Krise des Gesundheitswesens durch die Corona-Pandemie, erstaunlich viel Erhellendes in meinen damaligen Charakterisierungen der Denkweise verschiedener Berufsgruppen wieder: die Unselbständigkeit, Ausbeutung, Geringschätzung der Pflege, die ärztliche Neigung, die ganze Welt nach ihren Kriterien zu definieren — daran hat sich erstaunlich wenig geändert, nur der Impuls der christlichen Nächstenliebe ist ersetzt durch die Rendite-Erwartung der Krankenhaus-Konzerne, von ihm übriggeblieben bloß die Erwartung an Pflegende, es irgendwie für Gotteslohn zu tun und jedenfalls auf ordentliche Bezahlung und Arbeitsbedingungen wenig Wert zu legen. Aus solchen Gründen finde ich dieses umfangreiche Kapitel, obwohl es nicht auf dem neuesten Stand für die nachfolgenden ja auch nicht unbedingt als Voraussetzung nötig ist, schon noch immer ein bißchen lesenswert.

I. Pflegegeschichte

Darstellungen aus der Perspektive der 'Geschichte der Krankenpflege als Beruf'

1. Entwicklung

Der jüngste der verschiedenen mit der Geschichte des Hospitalwesens beschäftigten Forschungszweige ist derjenige der Geschichte der Krankenpflege.

Ich will hier zunächst nur die Literatur heranziehen, die die Krankenpflege als eine spezielle Berufstätigkeit historisch behandelt. Mit "Geschichte der Krankenpflege", sind jedoch auch noch andere Darstellungen betitelt, die ganz in die im nächsten Kapitel zu behandelnde medizinhistorische Forschungstradition hineingehören.

In dem engeren Sinn, als Berufsgeschichte verstanden, wurde eine Geschichte der Krankenpflege nicht geschrieben, bevor diese selbst an eine Epochengrenze gelangte: seit etwa 1900 erhoben verschiedene Länder die Abschlußprüfungen von Krankenpflegeschulen zu Staatsexamina -1907-1912 erschien das Pionierwerk der Geschichte der Krankenpflege, von Lavinia L. DOCK und Mary Adelaide NUTTING 1910-1913 bereits dessen Übersetzung ins Deutsche. Diese staatliche Anerkennung der Berufsausbildung war das Resultat organisierter Bestrebungen von selten der "Pflegerinnen", die dabei ein fest umrissenes Berufsselbstbewußtsein, sich von ihren Vorgängerinnen, den "Wärterinnen", scharf abhebend, ausgebildet hatten. "Beruf" gebrauchten sie dabei im emphatischen Sinne und verachteten ihre Vorgängerinnen gerade deswegen, weil diese Krankenpflege "nur" als Brotarbeit betrieben hätten. Andererseits waren es gerade die "Freien Schwestern, also die, die ihren Beruf unmittelbar in der Krankenpflegetätigkeit sahen, von denen die ersten "Geschichte(n) der Krankenpflege" geschrieben worden sind, und nicht diejenigen, welche zuvor in einen religiösen Orden, ein Diakonissen- oder Rotkreuzmutterhaus eingetreten sein mußten, um dann Krankenpflegerinnen werden zu können. Die "Berufsorganisation", die diese "Freien Schwestern" in Deutschland 1903 gegründet hatten, hatte Agnes KARLL (1868-1927) zu ihrer ersten Vorsitzenden - die Übersetzerin der ersten "Geschichte der Krankenpflege" ins Deutsche; und die Verfasserinnen dieses Werks waren Präsidentin bzw. Sekretärin in der entsprechenden Organisation in den Vereinigten Staaten, dem "Amerikanischen Pflegerinnenbund"4:

M Adelaide NUTTING, Lavinia L. DOCK
A History of Nursing. The Evolution of Nursing Systems from the Earliest Times to the Foundation of the First English and American Training Schools for Nurses (geänderter Titel bei Bd. 3.4), Bd. 1-4,
New York, London: Putnam's, 1907-1912

Dieselben; Agnes KARLL (Übers.)
Geschichte der Krankenpflege. Die Entwickelung der Krankenpflege von Urzeiten bis zur Gründung der ersten englischen und amerikanischen Pflegerinnenschulen, Bd. 1-3,
Berlin: Reimer, 1910-1913

Die deutsche Übersetzung ist um einige zusätzliche Anmerkungen von Agnes Karll vermehrt, z.B. Bd. 1, S. 287f. Nach der Titelseite steht in der deutschen Fassung des Werkes die Widmung: "Allen Mitgliedern des Pflegeberufs". Die Übereinstimmung des Personenkreises, der die historischen Forschungen betreibt, mit dem, der sie lesen soll, wie sie in dieser Widmung besonders augenfällig wird, kennzeichnet auch andere, später noch vorzustellende Forschungstraditionen auf dem Gebiet Hospitalgeschichte, nicht zum wenigsten die medizinhistorische Tradition.

Trotzdem ist die Unmittelbarkeit, mit der Nutting und Dock die Geschichte anhand der Gegenwartsfragen ihres Berufs abhandeln, noch einmal von ganz eigenem Grade. Und ebensowenig konnte die Ausführlichkeit, geradezu Monumentalität dieses Pionierwerks der krankenpflegegeschichtlichen Darstellungen später je wieder erreicht werden.

Knapp eine Generation nachdem der letzte Band aus der Feder von NUTTING und DOCK erschienen war, war die Entwicklung in den Berufsverhältnissen und -Organisationen für Krankenpflegerinnen (denn um einen ausgesprochenen Frauenberuf handelte es sich) wiederum so weit verändert, daß vom Bedürfnis nach einer neuen "Geschichte der Krankenpflege" gesprochen werden konnte. Die Verfasserin, die nun diesem Bedürfnis nachkommen wollte, Lucy Ridgeley SEYMER, examinierte Krankenpflegerin mit dem Titel eines "M.A.(Oxon.)" in Geschichte und Archäologie, ließ es allerdings nicht mit einer Darstellung dieser neuesten Entwicklung genug sein, auch wenn sie dafür ungefähr die Hälfte ihres Buches verwendete, sondern sie faßte zugleich die antike, mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte der Krankenpflege ganz neu:

Lucy Ridgeley SEYMER M.A.(Oxon.), S.R.N.
A General History of Nursing
London: Faber & Faber, 1932. 1949(2). 1954(3) (307 S.; (2:)332 S.)

Dass.. Revised for American edition by Niny D. Gage
New York: Macmillan, 1933. 1936(2). 1942(3)

Dies.; W. ALTER, Maria SCHILLER (Übers.)
Geschichte der Krankenpflege
Stuttgart: Kohlhammer, 1937

Nachdem Nutting und Dock den Stoff einfach als ein Monument zur Stärkung ihres beruflichen Selbstbewußtseins aufgestellt hatten, geht bereits aus dem Vorwort, einer österreichischen Oberin zur deutschen Fassung von Seymers "Geschichte der Krankenpflege" hervor, daß man diesen Stoff nun als einen wichtigen Teil des Unterrichts für die Krankenpflege-Schülerinnen auffaßte Seither sind "Geschichte(n) der Krankenpflege" nicht mehr, wie von NUTTING und Dock als Arsenal für Vorkämpferinnen eines noch umstrittenen Frauenberufs verfaßt worden, sondern als Lehrbücher für Schülerinnen, denen man durch geschichtliche Belehrung Begeisterung und rechte Einstellung für ihren zukünftigen Beruf beizubringen hoffte., Mit dem dafür erforderlichen handlicheren Format gingen selbstverständlich die Möglichkeiten, Einzelheiten näher zu untersuchen, verloren. Trotzdem blieb die Krankenpflege-Geschichtsschreibung in Bewegung: durch Änderung der Zielsetzungen, der Konzeptionen, In den Vereinigten Staaten scheint sie sich freilich zum wenigsten umorientiert zu haben - wenn man es als kennzeichnend nehmen darf, daß noch bis 1966 ein ganz im heroischen Stil von Nutting-Dock geschriebenes "textbook" wieder und wieder neu aufgelegt wurde. Grob gesehen, sind da nur die extensiven Quellenzitate des großen Vorbilds weggekürzt worden; vielleicht ist das auch ein Anzeichen von Etablierung: man findet es überflüssig, sich ständig ausführlich abzusichern; selbstverständlich ist es vor allem eine Folge des Lehrbuchcharakters. Und zum anderen wurden gegenüber dem großen Vorbild eine Menge pädagogisch wohlgemeinter Simplifizierungen durchgeführt, beispielsweise Kurven, die das "Auf" und "Ab" der "guten Krankenpflege" für die verschiedenen Epochen der Weltgeschichte unumwunden abzubilden beanspruchen. Zuverlässigkeit und Informationswert sinken mit diesem Buch auf ihren Tiefstand innerhalb der Krankenpflege-Geschichts-Darstellungen:

Elizabeth M. JAMIESON, R.N.B.A.; Mary F[ranklin] SEWALL, R.N.ß.S.; Eleanor B[rady] SUHRIE, R. N.,B.S.,M.Litt.
Trends in Nursing History. Their social, international and ethical relationships
Philadelphia,London: Saunders, 1940. 1944(2). 1949(3).1954(4). 1959(5). 1966(6).

In der Bundesrepublik Deutschland ist durch das Krankenpflegegesetz von 1957 das Fach Berufskunde, dem die Berufsgeschichte gewöhnlich zugerechnet wird, Prüfungsfach geworden, weshalb auch die Lehrbücher für Krankenpflegeschüler(innen) öfters ein Kapitel über "Geschichte der Krankenpflege" enthalten. Es ist aber klar, daß solche knappen Exkurse, ungeachtet ihres Gewichts als Vermittler der historischen Erkenntnisse, zu knapp sind, um einen bestimmten Platz in einer Forschungsgeschichte erhalten zu können. Daneben wurden jedoch auch selbständige Lehrbücher in Geschichte der Krankenpflege herausgegeben.

Deren erstes hat ein Lehr-Oberpfleqer verfaßt. Es begnügt sich freilich damit, zufällige Notizen, nach Jahrhunderten sortiert, zu referieren, ohne sie zu gewichten oder Theorien über Ursachen und Wirkungen im großen aufzustellen. Darin geht er einen anderen Weg als alle übrigen "Geschichte(n) der Krankenpflege", die gerade der roten Faden "von Urzeiten bis" jetzt am meisten beschäftigt. Die Fülle der Detailnotizen ist in diesem Buch enorm. Es bemüht sich vor allem, jeder der Ordens- u.a. Gemeinschaften in der neueren Krankenpflege-Geschichte durch gleiche Ausführlichkeit gerecht zu werden.

Franz BAUER
Geschichte der Krankenpflege. Handbuch der Entstehung und Entwicklung der Krankenpflege von der Frühzeit bis zur Gegenwart
(Schriftenreihe zur Theorie und Praxis der Krankenpflege. Hg.v. Deutschen Zentralblatt für Krankenpflege, l)
Kulmbach 1965

Mit dem anderen der beiden neueren deutschen Lehrbücher in Krankenpflege-Geschichte tritt zum ersten Mal ein Professor der Medizingeschichte an die Stelle der Freien Schwestern bzw. Pfleger als Verfasser von "Geschichte(n) der Krankenpflege". An die Stelle des bisherigen erklärten Ziels, durch Geschichtsbetrachtung ein eigenständiges Berufs-Selbstbewußtsein zu erzeugen, tritt nun dasjenige, die heute vorkommenden Spannungen zwischen den beiden Gruppen von Krankenhauspersonal, Medizinern und Pfleger(inne)n, durch Aufhellung der entsprechenden Zusammenhänge in früheren Epochen zu entschärfen. Im übrigen bleibt die Fachgeschichte auch mit dieser Zwecksetzung "Propädeutik". Berufseinführung für die Schüler.

Eduard SEIDLER
Geschichte der Pflege des kranken Menschen
Stuttgart: Kohlhammer, 1966.Zweite, durchgesehene Aufl. ebda. 1970

Den Begriff "Krankenpflege" für "Krankenpflege-Institutionen" oder "Krankenhauswesen" verwenden Haeser, Kranken-Pflege und Pflegerschaften (1857), Küster, Krankenpflege (1895), Bloch, Krankenpflege (1899), Dietrich, Krankenpflege(1899), Schön, Krankenhauswesen Württemberg( 1901-1902), Baas, Krankenpflege (1922); dazu mehr unten.

Zwar hat auch schon Florence NIGHTINGALE (1820-1910), die 1860, nach ihrem Einsatz im Krimkrieg, die erste unabhängige Krankenpflegeschule gründete (vgl. Dock/Nutting/Karll, Gesch. d. Krankenpflege 2, S. 109-219) Studien über die Geschichte der Krankenpflege getrieben (ebda. S. 121), als sie 1835-1855 allerlei Hospitäler in England, Schottland, Irland, Frankreich, Belgien und Deutschland aufsuchte, um sich, auf eigene Faust, für den verspürten "Beruf" auszubilden, doch äußert sie sich in ihren sehr wirksam gewordenen Schriften (z.B. "Notes on Hospitals'", London 1863, dt.Übers.u.d.T.: "Bemerkungen über Hospitäler. Nach dem Englischen bearb. und mit Zusätzen versehen in besonderer Rücksicht auf Feld- und Nothhospitäler von R..Senftleben, Memel 1866"; "Notes on Nursing for the Labouring Classes", London 1861, dt. Übers.u.d.T.: "Pflege bei Kranken und Gesunden. Kurze Winke, den Frauen aller Stände gewidmet .". nach der 2. Auflage...". Lpz.: Brockhaus, 1861) ausschließlich über praktische Konsequenzen für die Zukunft, nicht über Ergebnisse ihrer geschichtlichen Studien direkt.

Die einzelnen Bundesstaaten der USA seit 1903 (Dock/Nutting/Karll, Gesch. d. Krankenpflege 3, S. 172-230); im Deutschen Reich in Kraft getreten am 1.6.1907 (ebda. S. 449); für die entsprechenden Daten zu weiteren Ländern vgl. die Übersicht bei Seymer, Geschichte der Krankenpflege S. 283f. 320f.

Zu den Biographien der Verf. finde ich nur bei JAMIESON (lt. Reg,) einige Daten, nichts dagegen im "Dictionary of American Biography" etc.

Die beiden Begriffe werden in der einschlägigen Literatur streng unterschieden (vgl. Dock/Nutting/Karll, Gesch. d. Krankenpflege, pass.). mit einer zeitlichen Grenze zwischen ihren Anwendungsbereichen um 1830 (vgl. Sticker, Krankenpflege Quellenstücke, S. 372); ex negativo zeigt den Zusammenhang von "Pflegerin" mit dem neuen "Berufs"-Bewu8tsein die Tatsache, daß Männer (die noch lange kein ähnliches Berufsbewußtsein als Krankenpfleger entwickeln konnten) bis in die jüngste Vergangenheit gewöhnlich "Wärter" genannt worden sind (vgl. Seidler, Geschichte der Pflege S. 9; Ostner/Krutwa-Schott, Entstehung Krankenpfl.-Beruf, S. 132-160).

Die sparsamen sachlichen Auskünfte, die die ihren eigenen Portschritt verherrlichenden frühen Geschichtsschreiberinnen der Krankenpflege (wozu bereits kritisch SCHAPER, Hans-Peter, Aspekte der Kritik traditioneller Krankenpflege-Geschichtsschreibung, in: Historia Hospitalium 14, 1981-1982, S. 321-335; Ostner/Krutwa-Schott, Entstehung Krankenpfl.-Beruf, S. 5-63) über die "Wärterinnen", ihre Antagonistinnen, geben, lassen eine nähere und sachliche Erforschung der offenbar ausnehmend miserablen Lebensverhältnisse dieser vormodernen Berufsgruppe als wichtige Aufgabe der Gesellschaftsgeschichte erscheinen, die offenbar noch nirgends angegangen worden ist. Eine von Dock/Nutting/Karll, Gesch. d. Krankenpflege als "oberflächlich" bezeichnete englische Dame um 1855 zeigte Verständnis: … die armen Menschen, es muß so langweilig sein, die ganze Nacht aufzubleiben, und wenn sie dann ein bißchen trinken, schickt man sie fort und nimmt andere" (zit.n.Dens. 2, S. 188) - für die "Reformer der Krankenpflege" ist es ständig charakteristisch, daß sie moralische Erklärungen der Übelstände ökonomischen vorziehen: "... Jeder Alte, Versoffene, Triefäugige, Blinde, Taube, Lahme, Krumme, Abgelebte, Jeder der zu nichts in der Welt mehr taugt, ist dennoch nach der Meinung der Leute zum Wärter gut genug. Menschen, die ein unehrliches Gewerbe getrieben haben. Faullenzer, Taugenichse, ... So ist denn dieser schöne, edle Beruf in Verruf gekommen! Man suche Krankenwärter und welcher Auswurf der Menschheit sammelt sich da! und wie wenig ehrbare, brave, tüchtige Menschen sind darunter! schreibt der Dirigierende Arzt der chirurgischen Abteilung der Charite, Dieffenbach, Krankenwartung, Berlin 1832, S.6, und er hat folgende Ansicht von den als Patienten ins Hospital kommenden Armen, Schmutzigen, Unglücklichen ... bettelnden Taugenichtssen und Vagabunden": "Der Mensch, der so gesunken ist, ist es immer durch seine Schuld, und doch muß auch das menschliche Herz sich seiner erbarmen (ebda. S. 49-61).

Goerke, Personal und Arbeitstechnik S. 61.

Vergleiche unten über die «Berliner Schule» und über GOLDHAHN

"unübertrefflich" (Seymer, Geschichte der Krankenpflege, Vorwort, S. V.); "Standard text on the history of nursing" (Jamieson/Sewall/Suhrie, Trends (1940) S.230); "nach Tendenz und Forschungsstand in vielen Teilen veraltet, aber immer noch unentbehrlich" (Seidler, Geschichte der Pflege, , S. 168, Nr. 37 - mit Tendenz veraltet meint er NUTTINGS und DOCKS Glorifizierung des Pflegepersonals zum Nachteil der Ärzte).

Seymer, Geschichte der Krankenpflege, Vorwort (dat. 1934), S. V.

Denn nichts begeistert junge Menschen mehr und erweckt in ihnen so sehr den Wunsch nach ähnlichen Leistungen, als das Beispiel jener Großen, die unter unsäglichen Mühen und Opfern den Weg gebahnt haben, auf welchem die jetzige Generation so selbstsicher schreitet. Das Studium der Entwicklung der Krankenpflege durch Jahrtausende, von ihren ersten tastenden Anfängen bis zum großartigen Aufschwung der letzten Zeiten, ist das sicherste Mittel, Liebe für den Beruf und soziales Empfinden in jungen Menschenherzen wachzurufen. (Dominika Pietzker, Oberin des Rudolfinerhauses, Wien, Vorwort, in: Seymer, Geschichte der Krankenpflege S. XI).

Vgl. Anmerkungen 9.17; Bauer, Geschichte der Krankenpflege, stellt sich eine etwas mehr forschungsgerichtete Aufgabe: er sammelt Daten, besonders über die sonst vernachlässigte Geschichte der männlichen Krankenpflege, um zu einer künftigen "Allgemeinen Geschichte der Krankenpflege" Vorarbeit beizutragen (Seidler, Geschichte der Pflege S. 9).

JAMIESON-SEWALL-SUHRIE S. 71 (für das Altertum). 123 (Mittelalter), 243 (Neuzeit); demselben Zweck dienen noch Wiederholungsfragen am Schluß jedes Abschnitts und ein beigefügtes "Teacher's Manual" mit Vorschlägen für Repetitionsübungen.

Prüfungsordnung zum "Gesetz über die Ausübung des Berufs der Krankenschwester, des Krankenpflegers und der Kinderkrankenschwester" (BGBl I, Nr. 31 v. 18.7.1957); vgl. Seidler, Geschichte der Pflege S. 9.

Vorhanden aus meiner eigenen Ausbildung: Haaf/Engelmann/Heyn, Krankenpflegehilfe -wobei es sich allerdings nicht um ein Lehrbuch für die volle dreijährige, sondern für die einjährige Ausbildung handelt - mit einem Kapitel "Kurze geschichtliche Einführung", S. 421-427.

Vgl. Anmerkung 11.

Andererseits beklagt gerade Bauer, Geschichte der Krankenpflege selbst, offenbar bezugnehmend auf mir unzugängliche, ad hoc in kleiner Auflage vervielfältigte Unterrichtsmaterialien, es sei das Manko der Krankenpflege-Geschichtsschreibung, daß jeder hauptsächlich nur über die Gruppe bzw. den Orden schreibe, dem er selbst angehört (S.9).

Seidler, Geschichte der Pflege, S. 11.

Seidler, Geschichte der Pflege, S. 12, vgl. S. 11: … ergibt sich für die Geschichte … zweitens die Möglichkeit, sie die Krankenschwester von der Sache her zu begeistern, sie an ihrer ureigensten Tätigkeit zu fassen und damit ihr Berufsbild auch von dieser Seite her zu untermauern und zu beleben.

2. Das Mittelalter als Epoche der Pflegegeschichte

Erträge der Pflegegeschichte zu Mittelalter-Hospitälern

Bei ihrer starken Zweckgerichtetheit sind die Darstellungen der Krankenpflege, ohne daß es überrascht, grob gesehen Geschichten eines Fortschritts "von Urzeiten bis" auf den jeweils gegenwärtigen Standpunkt. Der Fortschritt wird, je nach Hauptinteresse, auf dem Gebiet der beruflichen Selbständigkeit der Frauen oder auf dem der Heilkunde, als dem Zusammenwirken von Medizin und Krankenpflege, gesehen.

Von einer so gegenwartsbezogenen Geschichtsbetrachtung kann auf den ersten Blick wenig Interesse an der mittelalterlichen Epoche erwartet werden - wenn sich nicht, vielleicht als Fernwirkung des romantisch-katholisierenden Mittelalterbildes der Zeit, in der die Diakonissengemeinschaften entstanden, eine Periodisierungsgepflogenheit verfestigt hätte, wonach die Frühe Neuzeit vom 16. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts als "die Dunkle Periode der Krankenpflege" heißt. Die mittelalterliche Epoche, in der Krankenpflege-Geschichte gewöhnlich von den Anfängen des Christentums bis zur Aufhebung vieler Klöster in der Reformationszeit gerechnet, hebt sich von der dunklen Neuzeit vorteilhaft ab. Ebenso übrigens von der Antike, weil sie die für die (jetzige) Krankenpflege verpflichtenden ethischen Maximen noch nicht gehabt habe.

Mit einem recht starken, von dem Mediziner und Krankenpflege-Historiker Paul JACOBSOHN entlehnten Bild kennzeichnen Nutting und Dock das Mittelalter in der Geschichte der Krankenkpflege als die Zeit der luftigen Hallen, der kühlen Quellen und Springbrunnen und der lieblichen grünen Gärten … - dagegen die Frühe Neuzeit als Periode der engen, dunklen Räume der städtischen und staatlichen Anstalten. Anstalten, die zudem die Pfleger und Pflegerinnen, auch zum Schaden der auf sie angewiesenen Kranken, auf jede Weise deklassiert und ausgebeutet hätten.

Mehr in Übereinstimmung mit den Gliederungsprinzipien denen die Geschichtsschreibung der Krankenpflege bisher de facto gefolgt ist, wird eine Charakterisierung der mittelalterlichen Epoche als Blütezeit der Orden sein.

Am wenigsten folgt dem Fortschritts-Modell Seidler, Geschichte der Pflege, der es als pädagogisch ungeeignet, für Schüler(innen) wenig überzeugend betrachtet, und zwar, notabene, zumal es meist mit einer Geringachtung des Historischen zum bloßen "Ornament zum sachlichen Unterricht" verbunden werde (S. 10-11); vgl. noch Anm. 26a.

Die erste Diakonissengemeinschaft gründete 1836 der evangelische Pfarrer Theodor FLIEDNER (vgl. auch unten S. ) in Kaiserswerth bei Düsseldorf; für seine "Hausordnung" benutzte er die "Verhaltensregeln", in Clemens Droste von VISCHERINGs "Über die Genossenschaften der Barmherzigen Schwestern, insbesondere über die Einrichtung einer derselben und deren Leistungen zu Münster" (1833), die katholischen Barmherzigen Schwestern, in der Frühen Neuzeit als Erneuerung der mittelalterlichen Hospitalorden emporgekommen, waren sicher nicht ganz ohne Vorbildfunktion bei der Gründung FLIEDNERs (vgl. Bauer, Geschichte der Krankenpflege S. 201f.); andererseits empfing Florence NIGHTINGALE, auf die sich die Freien Schwestern vorzugsweise zurückführen, Impulse sowohl in Kaiserswerth (vgl. Dock/Nutting/Karll, Gesch. d. Krankenpflege, Bd. 2 über die Diakonissenbewegung als Vorläuferin der "modernen Krankenpflege") als auch direkt von Barmherzigen Schwestern, mit denen sie bei ihrem berühmten Krimkrieg-Einsatz zusammengearbeitet hatte.

Tl. l: "Vorchristliche Zeit", Tl. 2, Kap. 1-13: Mittelalter, und Tl 2, Kap. 14: "Dunkle Periode" machen bei den ersten Band von Dock/Nutting/Karll, Gesch. d. Krankenpflege aus, worauf im zweiten die Entwicklung zur modernen Krankenpflege hin mit "Kaiserswerth und die Diakonissenbewegung" eingeleitet wird. - Seymer, Geschichte der Krankenpflege, behält "Anfänge des Christentums" und "Reformation" als Periodengrenzen bei, hebt jedoch die Kontinuität vom Mittelalter zu den "Barmherzigen Schwestern" des 16.-17. Jahrhunderts so stark hervor, daß der Verfall erst im 18. Jahrhundert einsetzen kann. – Jamieson/Sewall/Suhrie, Trends (1940) geben ein Schreckbild der "protestantischen Revolte", durch welche "revolutionist Martin Luther ... leader of a Separatist group called Protestants" die Klöster teils zerstört,teils ihnen den Nachwuchs abspenstig gemacht und,wegen der Gleichsetzung von Ordenskrankenpflege mit guter Krankenpflege, auch die letztere ruiniert habe (S. 133. 147-149 u.ö.).

Jacobsohn, Entwicklung, S. 142. 144. Mehr zu seiner Darstellung unten

Dock/Nutting/Karll, Gesch. d. Krankenpflege, l, S. 266, offenbar ein Anklang an das Zitat nach SCHMIDT, Maximilian, Allgemeine Umrisse der culturgeschichtlichen Entwicklung des Hospitalwesens und der Krankenpflege (Gotha 1870) S. 15-17, das sich bei Dock/Nutting/Karll, Gesch. d. Krankenpflege, ebda. S. 252-254 findet. - bei den "kühlen Quellen und Springbrunnen" kann es sich kaum um andere als islamische Krankenhäuser handeln, wie v.a. das Mansurische Hospital zu Kairo, berühmt durch al-Maqrizis 1846 von Ferdinand WÜSTENPELD den Medizinhistorikern bekannt gemachte Beschreibung (Janus l, 1846, S. 28-39) - vgl. Haeser, Kranken-Pflege und Pflegerschaften S. 33-34, Jacobsohn, Krankencomfort, S. 143 und JETTER, Grundzüge, S. 22-23; über die "luftigen Hallen vgl. Näheres unten.

Vgl. oben Anmerkung 6.

Vgl. oben Anmerkung 24.

3. «Verklösterlichung» im 13. Jahrhundert

Erträge der Pflegegeschichte zu Mittelalter-Hospitälern

Die Orientierung an der Gegenwart führt überhaupt bei Nutting und DOCK noch nicht dahin, daß das Mittelalter in seiner Entlegenheit von der Gegenwart verblaßte und nur noch die Kontrastfolie für die neueren Fortschritte abzugeben hätte. Das Interesse an den beruflichen Gegenwartsfragen ist vielmehr so unhistorisch-vital, daß es sich auch noch in der fernsten Vergangenheit ohne weiteres geltend macht. Das läßt wenig Aufnahmebereitschaft für das etwaige ganz Fremde der fernen Epoche zu, glücklicherweise aber ebensowenig für Harmonisierungen der inneren Verhältnisse von Krankenhäusern. Für Konflikte, wie sie sie selbst mit Bürokraten, Medizinern und einer vorurteilsbelasteten Öffentlichkeit austrugen, besaßen die frühen Geschichtsschreiberinnen der Krankenpflege auch bei der Durchleuchtung der mittelalterlichen Hospitalgeschichte einen ganz besonders geschärften Blick, etwa wenn sie folgende Verhältnisse herausstellten:

Die Pflegerinnen und Pfleger in den sehr alten Hospitälern (Hotels-Dieu) von Paris (seit ca. 660?) und von Lyon (seit 542), wie auch sonst in vielen Stadtspitälern, seien anfänglich einfach sich frei zusammenfindende, diensteifrige Gemeinschaften gewesen. Daß sie durch Ablegung von "ewigen" Gelübden und Auferlegung von Regeln, die die Persönlichkeit des einzelnen unterdrückt hätten, zu Klosterinsassen gemacht worden seien, sei ein Schicksal gewesen, daß sie später von außen, "oben", getroffen habe. Besonders schicksalsschwer in dieser Richtung sei das Provinzialkonzil zu Paris von 1212 gewesen, auf dem die Bischöfe versuchten, alle Hospitäler in ihren Diözesen einer Regel, und ihrer Oberaufsicht, zu unterwerfen. Letzten Endes hätten die Bischöfe das Niveau der Krankenpflege selbst untergraben, als sie die Hospitalgemeinschaften in enge Lebensformen gezwängt hätten, denn von der nunmehr an den Universitäten voranschreitenden Medizin sei der Betrieb in den Hospitälern damit gänzlich abgeschnitten worden. Die Unterdrückung des Pflegepersonals in den Hospitälern sei wirklich so krass gewesen, daß es 1497 im Pariser Hôtel-Dieu einen regelrechten Aufstand gegen die es ausbeutende Hospitalverwaltung unternommen habe.

Allein die Beginen hätten sich solch aufgenötigter Regulierung entziehen können. Sie stehen damit für NUTTING und DOCK als ein Vorbild in ferner Zeit, wie sie da in Freiheit und Unabhängigkeit, sich selbst erhaltend, eine makellose Würde und ruhige, einfache Nützlichkeit ihres Lebens gewonnen hätten.

Diesen Punkt, der mir der interessanteste zu sein scheint, den die "Geschichte(n) der Krankenpflege" zum Thema "mittelalterliches Hospitalwesen" aufweisen, die Zwangsregulierung der Hospitalkonvente, haben freilich schon JAMIESON, SEWALL und SUHRIE (1940-1966) wieder übersehen. Mit ihrer Darstellung setzt sich die harmonisierende Auffassung vollständig durch. Sie sprechen nämlioh überhaupt nur von "großen Namen", die zu kennen will add dignity and meaning to the nurse's work, wie sie es ausdrücken: Kreuzritter, Franz von Assisi, Klara, Elisabeth von Ungarn usw. Daß es neben einer kleinen Zahl von Heiligen auch einen mit gewöhnlichen Konflikten angefüllten Alltag gegeben hat, wird einfach unterschlagen; die Beginen nennt man immerhin noch, doch nicht mehr als ihren Namen.

SEYMER (1932-1954) folgt zwar in vielem der Auffassung NUTTINGs und DOCKs von den Lebensbedingungen des mittelalterlichen Krankenpflegepersonals, hält sich jedoch entsprechend dem mehr wissenschaftlichen Charakter ihrer Abhandlung, mit Urteilen mehr zurück, und indem sie die mittelalterlichen Orden mehr in ihrer Großartigkeit darstellt, erscheint die Verklösterlichung nicht mehr als ein Unglück für die mittelalterlichen Hospitalkonvente. Die Orden aber bilden die Vorgeschichte der Barmherzigen Schwestern und - Brüder der Frühen Neuzeit, die den Fortschritt in die Moderne durch die Dunkle Periode hindurch gesichert hatten, und deswegen fallen die inneren Probleme der vorklösterlichen Konvente infolge Seymers strenger linearer Geschichtsdarstellung zum Opfer: für die Weiterentwicklung der Berufsgeschichte waren sie nicht so direkt wichtig.

BAUER bringt (1965) freilich eine Anzahl neuer Details (aus anderer Literatur) über die Beginen und die "Unterwerfung" von Krankenpflegekonventen unter Klosterregeln in die Krankenpflegegeschichte herein, führt die Diskussion der Frage aber nicht wirklich weiter.

Erst SEIDLER löst (1966-1970) die Geschichte der Krankenpflege wieder von ihrer Unterordnung unter die der Klosterorden. Aber auch nicht mehr auf die Selbständigkeit der ersten Pflegergemeinschaften fällt das Hauptaugenmerk jetzt. Es soll den Wurzeln der Spannungen zwischen Pflegepersonal und Ärzten nachgegraben werden. Der Punkt freilich hatte auch für NUTTING und DOCK eine wichtige Rolle gespielt; sie hatten die Entfremdung der Hospitalpfleger von der Medizin aus der klösterlichen Isolation ersterer erklärt und als objektiven Beweis für das Unzuträgliche solcher Einschließung herausgestellt. SEIDLER ergänzt das von seiten der Geschichte der Ärzte: Sie waren im Frühen Mittelalter noch zumeist Mönche gewesen und hatten mit den damaligen Krankenherbergen innerhalb derselben Mauern gelebt; seit dem Hohen Mittelalter hingegen betätigten sich Kleriker nicht mehr in der Medizin, und die Mediziner waren Gelehrte an Universitäten; sie mögen mit,den Hospitäler jener Zeit in denselben Städten ansässig gewesen sein, machten dort aber kaum einen Besuch.

SEIDLERs Hauptinteresse ist aber immer, die Spannungen zwischen den beiden Berufsgruppen als auflösbar zu erweisen. So legt er großen Wert darauf, daß in der Praxis die Kluft zwischen Medizin und Hospitalpflege doch nicht sehr tief gewesen sei. Beide hätten immer noch auf einem gemeinsamen Fundament gestanden. Das sei die Diätetik gewesen, jenes altüberlieferte System von Regeln für die Förderung gesundmachender und die Zurückdrängung krankmachender Lebensfaktoren, an das auch heute wieder von Medizintheoretikern angeknüpft wird, die nach Alternativen zur "Heiltechnik" suchen. Die Frage nach den wirklichen therapeutischen Leistungen der mittelalterlichen Hospitalkonvente liegt aber noch sehr im Dunkeln, zunächst mangels reicherer Quellen, dann aber auch, weil SEIDLERs Vorstoß in dieses Niemandsland zwischen den Interessengebieten der Krankenpflege-Historiker (die sich meist mit Personen und Organisationen, kaum mit deren Arbeit beschäftigt haben) und der Medizinhistoriker (die sich kaum den medizinischen Leistungen von Nichtmedizinern haben zuwenden wollen) so einzig dasteht. Im folgenden Kapitel, über die medizinhistorische Beschäftigung mit der Hospitalgeschichte, wird auch noch deutlich werden, daß die Medizinhistoriker ihr Interesse an den alten Hospitälern aus bestimmten Gründen ganz auf die Baugeschichte gelenkt haben.

Vgl. unten S. 34 über die entsprechenden Gegebenheiten in der medizinhistorischen Forschungstradition.

Was Schaper, Kritik Krankenpflege-Geschichtsschreibung die "Heroengeschichtsschreibung" von NUTTING und DOCK genannt hat, beruht eigentlich auf nichts anderem als dem konsequent durchgeführten Grundsatz, zu Fragen der Berufsarbeit in der Vergangenheit, ungeachtet des historischen Abstands, direkt wie zu aktuellen Tagesfragen Stellung zu nehmen (vgl. z.B. betreffend die Arbeit der Krankenpfleger im Mittelalter Bd. l, S. 318-327: Tagdienst-Einteilung, Essenausteilung, kleine Wäsche, große Wäsche (600 Leintücher, 6-wöchentlich) im Fluß - alles am Beispiel des Hotel-Dieu zu Paris) - so entsteht neben dem "roten Faden" der auf die Gegenwart hinzielenden Entwicklung noch eine zweite, radiale Verknüpfung jedes Ereignisses direkt mit der Gegenwart im Zentrum, und letztere tritt umso deutlicher hervor, je ärger die lineare in Sprüngen bald vor-, bald rückwärts verlassen wird.

Würde man zum Vergleich die geisteswissenschaftliche Darstellungstradition studieren, wäre gerade eine solche Tendenz zur Harmonisierung der inneren Verhältnisse in den mittelalterlichen Hospitälern zu entdecken.

Diese beiden alten Hospitäler behandeln NUTTING und DOCK stets exemplarisch für alle mittelalterlichen, da von ihnen "die vollständigsten Berichte über die Pflegeeinrichtungen" vorlägen (Bd. l, S. 299).

Einem alten Irrtum folgend, dachten sich NUTTING und DOCK alle Hospitäler, die nach dem Heiligen Geist hießen, als Häuser des Heilig-Geist-Ordens; dieser Irrtum auch schon bei Virchow, Heilig-Geist-Orden (1879), S. 363f.; korrigiert bereits von Mone, Armen- und Krankenpflege, S. 7, und von Uhlhorn, Liebesthätigkeit 2, 1884, S. 192 u.a.; vgl. dazu Reicke, Spital, l, S. 168, Anm. 3; trotzdem findet sich die irrige Auffassung wieder bei Seymer, Geschichte der Krankenpflege, S. 51 - hier zeigt sich an einem klaren Beispiel, wie die Erforschung der Hospitalgeschichte in den verschiedenen Disziplinen zeitversetzt voranschreitet, weil auf die Ergebnisse der jeweils anderen Fachbereiche kaum aufgebaut wird.

Nach Dock/Nutting/Karll, Gesch. d. Krankenpflege, l, S. 314-316 u.ö. - den Kommentar zu der Vorschrift des Konzils von 1212 über die Begrenzung der Zahl der Brüder und Schwestern in den Hospitälern, "cum autem pauci sani possint multis infirmis competentius ministrare, möchte ich zur Illustration der unübertrefflichen Gegenwartsbezogenheit in der Geschichtsauffassung von NUTTING und DOCK zitieren: Das bedeutete natürlich, daß die höchstmögliche Last von schwerer Arbeit auf die Schultern der Pflegerinnen gelegt wurde. Von so alter und vornehmer Herkunft ist die Kunst, in öffentlichen Anstalten dadurch zu sparen, daß man die Zahl der Hülfskräfte einschränkt und die Hauptarbeit den Frauen aufpackt - ein naiver und einfacher Ausweg, der noch nicht ganz aus unseren modernen Anstalten verschwunden ist. (Dock/Nutting/Karll, Gesch. d. Krankenpflege, l, S. 316).

Dock/Nutting/Karll, Gesch. d. Krankenpflege, l, S. 370.

Dock/Nutting/Karll, Gesch. d. Krankenpflege, l, S. 272-290, das Zitat ebda. S. 288, die ausdrückliche Überlegung, daß sich irgend etwas im eigentlichsten Wesen der Krankenpflege naturgemäß der strengen klösterlichen Form entzieht … und inwieweit wohl dieser ausgeprägte Charakterzug des Pflegeberufs - nämlich die Weigerung, sich von anderen Anforderungen als denen der Pflege binden zu lassen letzten Endes an der wirtschaftlichen Selbständigkeitsbewegung der Frau beteiligt gewesen ist ebda. S. 274.

Jamieson/Sewall/Suhrie, Trends (1940), S. vi.

S. 103f., erheiternder weise "Clarissa" geschrieben.

Freilich ganz verkehrt: als im 6. Jh. gegründeter Orden (S.105-107)

Auch Seymer, Geschichte der Krankenpflege bevorzugt die Darstellung des Mittelalters am Beispiel des Pariser Hotel-Dieu (S. 53-57, bsd. S. 53f., Anm. 37).

Bauer, Geschichte der Krankenpflege S. 93.

In dieser Art ist Krankenpflege-Geschichte auch bei einem Medizinhistoriker wie Eduard Dietrich, Krankenpflege aufgefaßt.

Kein Wunder, daß sie mit der Zeit geistig verkümmerten und zum Portschritt unfähig wurden, daß die Wissenschaft sie weit dahinten ließ … (Dock/Nutting/KarllGesch. d. Krankenpflege, l, S. 315); nur abgeschwächt noch bei SEYMER-ALTER-SCHILLER S. 54.

Seidler, Geschichte der Pflege, S. 80. 84-86.

Vgl. zum Beispiel die programmatische Schrift von Heinrich Schipperges, Der Arzt von morgen (1982), auf die mich mein Kommilitone stud.med. Josef ZIERL hingewiesen hat.

4. Zusammenfassung und Weiterführung

Die Geschichte der Krankenpflege kann demnach noch nicht als besonders ausgebautes Forschungsfeld betrachtet werden; Einem ständigen Bedarf an Unterrichtsmaterialien und lehrbuchhaften Gesamtdarstellungen steht der völlige Mangel an Primäruntersuchungen gegenüber. Die Besonderheit der verschiedenen Darstellungen kann darum nur auf der Ebene der Fragestellungen, der Auswahl und Verbindung aus anderweitiger Literatur bereits bekannter Einzeltatsachen liegen – und gerade damit werden diese "textbooks" für die Erforschung des mittelalterlichen Hospitalwesens wertvoll: Wenn und insofern sie nämlich Fragen formulieren, die direkt in den inneren Betrieb und die inneren sozialen Verhältnisse der Hospitäler zielen. Darin kann höchstens eine "Histoire des pauvres" ihnen gleichkommen, von der anderen Bewohnergruppe her in die Hospitäler hineinleuchtend, aber auch diese Forschungsrichtung ist noch nicht allzu weit ausgebaut. Wie wenig solcherart direkt eindringende Fragen von anderen mit mittelalterlichem Hospitalwesen beschäftigten Forschungsrichtungen gestellt worden sind, zeigen die weiteren Kapitel.

Auf der Suche nach Ansatzpunkten für die weitere Erforschung des mittelalterlichen Hospitalwesens, die möglichst wenig, wie die bisherige Forschung es allzusehr getan hat, aufspalten und zerstückeln sollte, empfiehlt sich die Perspektive der Krankenpflege-Geschichte als besonders vielversprechend, nämlich die Konzentration des Interesses auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Hospitalbewohner selbst.

Von den beiden Aspekten dieses Themas, die ich aus der krankenpflegegeschichtlichen Literatur als besonders charakteristische herausgestellt habe, zwangsweise Regulierung der Konvente und Prägung der Pflegearbeit durch die sogenannte Diätetik, ist an den letzteren nicht so leicht anzuknüpfen. Wenig Quellen scheinen dazu vorzuliegen, schon gar, wenn es direkte Zeugnisse aus oder über Hospitäler sein sollten. Entsprechend weit sind die wenigen Primäruntersuchungen verstreut. So wichtig es wäre, über die Fragen der krankenpflegerisch-medizinischen Leistungen in mittelalterlichen Hospitälern Bestimmteres zu erforschen, so wenig aussichtsreich müßte ein derartiges Unternehmen fürs erste wirken.

Anders bei dem ersteren Punkt, der Verklösterlichung ursprünglich unabhängig gewesener Hospitalkonvente durch die kirchliche Obrigkeit im 12./13. Jahrhundert. Die Vorkämpferinnen der "Freien Schwestern" haben den Vorgang am stärksten herausgestellt, konnten dabei aber auf älteres zurückgreifen Und dieses Phänomen ist auch neuerdings außerhalb der Krankenpflege-Geschichtsschreibung in die Diskussion geraten: Die Sozialhistorikerin Griet MARECHAL hat nämlich 1978 aufgrund eingehender Studien des mittelalterlichen Hospitalwesens von Brügge die lange akzeptierte Theorie des Rechtshistorikers Siegfried REICKE in Frage gestellt und umzukehren versucht: daß die Spitalgeschichte des Hohen und Späten Mittelalters die Geschichte einer Kommunalisierung kirchlicher Institute gewesen sei Nach MARECHAL handelte es sich stattdessen um eine Offensive der Kirche gegen Einrichtungen, die ursprünglich aus Stadtkommunen heraus frei gegründet worden waren. Auch wenn die Verallgemeinerung des Brügger Befunds durch MARECHAL vielleicht wenig begründet ist - der Ursprung der städtischen Hospitalkonvente um die Wende des 12. zum 13. Jahrhundert, ob und inwiefern sie "frei" waren, aus welchen Gesellschaftsgruppen und mit welchen Motiven sie sich zusammenschlössen, ist als Forschungsaufgabe nun neu gestellt. Und ein Schritt zu ihrer Lösung ist auch bereits getan, indem eine zentrale Quelle zu den "freien" Hospitalkonventen kurz nach 1200 eingehend untersucht worden ist: das Kapitel 29 "De hospitalibus pauperum et domibus leprosorum" in der "Historia occidentalis" (1222/1225) von Jacques de Vitry Mme. A.-M. BONENFANT-FEYTMANS hat 1981 eine Studie darüber veröffentlicht, die auch bewies, wie notwendig fundamentale Quellenuntersuchungen an einzelnen Stellen noch sind, um die Entstehungsphase der kommunalen Spitäler zu begreifen.

Es deutet sich jetzt an, daß es die Regeln der Hospitäler aus dieser Zeit sind, die in allen Argumentationen und Forschungen eine zentrale Rolle spielen: NUTTING und DOCK nannten ja das Jahr 1212 wegen des Pariser Provinzialkonzils, das viele nordfranzösische Hospitäler von oben her reguliert hat, "schicksalsschwer" für die Pflegenden, weil "unsachgemäße" Auflagen in diesen Regeln dem Niveau der Berufsarbeit auf die Dauer geschadet hätten Für MARECHAL ist die Regel des Brügger Sint-Janshospitaal von 1188 das Hauptargument für frei-kommunalen, nichtkirchlichen Ursprung des Hospitalwesens Und BONENFANT-FEYTMANS klärt den Realitätsgehalt der Sätze Jacobus de Vitriacos gerade durch Zusammenhalten mit der Entwicklung der Hospitalregeln an den einzelnen, von Jacobus de Vitriaco mit Namen genannten Orten. Von daher scheint mir schon jetzt eine nähere Erforschung der Hospitalregeln besonders viel zum Problemkomplex "freie" Hospitäler und "Verklösterlichung" beitragen zu können

Haeser, Kranken-Pflege und Pflegerschaften S. 37.

Maréchal, Brugge bsd. S. 1-33. 155-176. 277-306.

Reicke, Spital §13, S. 196-277; auch S. 51.

So zum Beispiel Uta Lindgren, Rez. Maréchal: Brugge S. 704f.

Jacques de Vitry, Historia occidentalis ed. Hinnebusch S. 146-151.

Bonenfant-Feytmans, J. de Vitry, S. 19-45.

Wie oben Anm. 31

Text und Diskussion hier nicht publiziert, in der Originalfassung als Teil 2.

Maréchal, Brugge S. 95-104 und zusammenfassend S. 304: De teorie van de "Kommunalisierung" hebben we als vals van de hand moeten wijzen. De burgerij stichtte se armen- en ziekensorg in de steden, und S. 29: Wanneer we vaststellen dat de broederschappen aan de basis lagen van de oudste hospitaalen en dat het Brugse Sint-Janshospitaal in het reglement van 1188 als 'collegium' en 'fraternitas' vermeld staat, dan denken wij an banden met die koopluiorganisaties.

Vorläufig noch nicht zugänglich waren folgende, im neuesten "Verzeichnis lieferbarer Bücher" angezeigte Werke: WYSS, H.R.; MURKEN, A.H., Geschichte der Krankenpflege. Ein Hilfsmittel für den berufskundlichen Unterricht, o.O. 1982; STROBL, M.; RETTIG, A. (Mitarbb.), Geschichte der Krankenpflege. Hg.v. Österreichischen Krankenpflegeverband, Wien: Facultas, 19833.

II. Medizin- und Architektur-Geschichte

Darstellungen aus der Perspektive der Geschichte der Medizin, die es mehrheitlich als eine Vorgeschichte des ärztlich geleiteten Krankenhauses betrachtete

1. Abgrenzung

Außer der Haupt-Strömung gab es noch eine alternative Sichtweise

Als zweite Gruppe von Beiträgen zur Erforschung des mittelalterlichen Hospitalwesens stehen diejenigen untereinander in Entwicklungszusammenhang, die von Medizinern geleistet worden sind. Auch wenn sie im einzelnen nicht ständig die gleichen Auffassungen, Erkenntnisziele oder Methoden teilen, ist doch allen professionellen Medizinern, die sich mit dem Hospitalwesen früherer Zeiten beschäftigt haben eine Grundlage dieser Studien gemeinsam: das moderne Krankenhaus, Stätte der Fortschritte der modernen medizinischen Wissenschaft, steht immer als Vergleichsmaßstab mit auf der Bildfläche. Damit unterscheiden sich diese Arbeiten von vornherein von allen kirchen- oder rechtshistorischen, in der Akzentuierung der Medizin im Krankenhaus heben sie sich andererseits auch von den zuvor registrierten "Geschichte(n) der Krankenpflege" ab. Daran, daß die medizinhistorischen Arbeiten auch tatsächlich viel mehr auf einander Bezug nehmen als auf Arbeiten anderer Forschungsrichtungen über denselben Gegenstand, kann man erkennen, daß die Fixierung auf das moderne Krankenhaus als Vergleichsmaßstab in der Tat eine eigene Forschungstradition mit sich gebracht hat.

Eine Einschränkung ist für die kleine Gruppe von Medizinhistorikern zu machen, die zugleich durch Ausbildung oder Neigung Historiker der gewöhnlichen geisteswissenschaftlichen Prägung waren bzw. sind. Nachdem schon im vergangenen Jahrhundert einige Ärzte nicht als solche sondern dezidiert als "Kulturhistoriker" über Hospitalgeschichte geschrieben hatten, stehen jetzt die Namen der Medizinhistoriker Johannes STEUDEL (Bonn), seines Schülers Heinrich SCHIPPERGES (Heidelberg), von Eduard SEIDLER (Freiburg i. Brsg.) und Christian PROBST für eine Medizingeschichtsforschung, die dieselben Schriftquellenvorräte wie die Kirchen- oder Geistesgeschichte ausnützt und von streng linearer Fortschrittsschilderung zu warmem Interesse am Mittelalter übergeht, als einer Zeit, in der man die inzwischen als Übel empfundene Fortschrittsentwicklung zur modernen "Heiltechnik" noch nicht wiedertrifft. Schipperges hat die Medizin der Mönche im Frühen Mittelalter untersucht, bedeutsam für die Geschichte des Hospitalwesens, weil die Hospitäler damals zuallermeist in Klöstern lagen, aber auch zum Beispiel naturmystische Schriften wie die von Hildegard von Bingen unter medizintheoretischer Fragestellung. Probst hat einem wichtigen Werk zur Geschichte der Hospitäler des Deutschen Ordens in Preußen eine auch anderweitig gedruckte allgemeine Übersicht über das mittelalterliche Hospitalwesen in geistesgeschichtlicher Perspektive vorangestellt. Eine umfassende Darstellung der Forschungsgeschichte über mittelalterliche Hospitäler müßte selbstverständlich dieser medizinisch-geistesgeschichtlichen Richtung ein Kapitel für sich widmen; ihr innerer Zusammenhang würde sich dann leicht aufweisen lassen.

Vgl. oben Anmerkung 31.

Schmidt, Hospitalwesen (vgl. oben S. 10 mit Anm. 22); dann die Werke des kgl. Bezirksarztes in Stadtamhof, Gottfried Lammert, Bürgerliches Leben und Gesundheitspflege, bsd. S. 124-130 über allgemeine und S. 130-251 über lokale Hospitalgeschichte Süddeutschlands, reich an überraschenden Ideen; vor allem aber ist hier auf die Einleitung zum Vortrag von Rudolf Virchow, Ueber Hospitäler und Lazarette (1879) hinzuweisen, wo er die Geschichte der Krankenfürsorge leidenschaftlich als Inbegriff der Geschichte der Humanität vor Augen stellt und die letztere als Kern der Culturgeschichte, die im geraden Gegensatz zu der der große[n] und prunkende[n] Kriegsthaten vom einfache[n] Mann und der stille[n] Hausfrau gemacht werde (ebda. S. 4f.).

Er gab die Reihe "Heilkunde und Geisteswelt. Eine medizinhistorische Schriftenreihe hg.v. Prof. Dr.med.et phil. -" heraus, in der zum Beispiel als 2. Band Wolf von Siebenthal, Krankheit als Folge der Sünde erschienen ist

Steudel als seinen Lehrer bezeichnet übrigens auch Dieter Jetter, Gesch. d. Hosp., l, S. VI.

Über ihn ausführlich oben: Seidler, Geschichte der Pflege.

Daß das keine banale Selbstverständlichkeit ist, zeigt unter vielen anderen das Beispiel des großen Gelehrten VIRCHOW, der der philologisch-historischen Arbeit nun keineswegs abhold gewesen ist und dessen Arbeiten zeigen, daß ihm ein immenser Apparat entsprechender Werke und Textausgaben zur Verfügung stand - doch muß er einräumen, daß ihm Mignes "Patrologia Latina" oder die durch SCHIPPERGES nachmals berühmt gewordenen Werke der Hildegard von Bingen unerreichbar seien.

Bei dieser, wie bei jeder historischen Besinnung, fühlen wir uns nicht nur an das erinnert, was wir errungen ... sondern auch an das, was wir verloren und vergessen und vergeudet haben. Aus der historischen Distanzierung heraus sind wir ... in der Lage, neue Beziehungen zu dieser alten Heilkunde aufzunehmen, die sich dann in der lebendigen Auseinandersetzung als ein Korrektiv erweisen könnten für die ... Heilkunde von morgen! (Schipperges, Benediktiner in der Medizin, S. 60); vgl. auch hier, oben S. 14 mit Anmerkung 41.

Schipperges, Benediktiner in der Medizin (eine Gastvorlesung im Philos.-Theol. Studium Erfurt); eine Aufzählung seiner weiteren wichtigen Arbeiten würde hier zu weit führen.

Probst, Hospitalwesen (1966) und Probst, Hospitalwesen (1982). Hospital, Firmarie und Arzt bis 1525, Diss.phil. Göttingen (H. Heimpel) 1967 (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens, 29) Bad-Godesberg 1969 (vgl. unten S. 80), zuletzt in: BAADER, Gerhard; KEIL, Gundolf (Hgg.), Medizin im mittelalterlichen Abendland (Wege der Forschung, Darmstadt 1982.

Er manifestiert sich z.B. auch in einem unter den Veröffentlichungen des Instituts für historische Anthropologie hg. Sammelband Schipperges/Seidler/Unschuld/Sprandel, Krankheit Heilkunst Heilung (1978), wo für Urgeschichte bis Moderne versucht wird, die Medizin oder "Heilkunst" in einen umfassenden kulturgeschichtlichen Rahmen zu bringen (rez. in der HZ 235 von Dirk Blasius.

2. Entwicklung

a. Vorläufer

| Haeser | Lücke | Virchow | Küster | Dietrich |

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die medizinhistorische Erforschung der alten Hospitäler einige Vorläufer, die noch von durchaus verschiedenen,und, von später her gesehen, "untypischen" Ansätzen ausgingen. Trotzdem fügen sich diese Arbeiten in die dann entstandene Forschungstradition ein, nicht nur weil sie von Medizinern stammen, sondern noch mehr weil sie nirgendwoanders so sehr beachtet worden sind, wie in der späteren medizinhistorischen Hospitalforschung.

α Heinrich Haeser

Der Neubau von Krankenhäusern im ganz großen Stil mit seinen Impulsen zu hospitalgeschichtlichen Studien, war noch nicht in Gang gekommen, aber es war doch bereits die Gründung einer neuen Universitätsklinik, verbunden mit Universitätsjubiläum und Besuch des Königs, die den Anlaß zu einer ersten Untersuchung eines Mediziners über "Geschichte christlicher Kranken-Pflege und Pflegerschaften" gab. Das war zu Greifswald im Jahre 1857, nur 7 Jahre später als der Anfang kirchengeschichtlichen Studiums über denselben Gegenstand zu datieren zu sein scheint. Der Autor besaß bereits einen Namen als Verfasser einer noch lange nachher zitierten Geschichte der Medizin. Als Professor "der theoretischen Medizin" und Dekan der medizinischen Fakultät hielt er eine lateinische Rede über Hospitalgeschichte, die zuerst in der Einladung zu den Ehrenpromotionen der Fakultät anläßlich des Jubiläums gedruckt wurde:

Viros doctrina arte scribendo docendo claros quibus summos in medicina honores inter sacra saecularia universitatis Gryphiswaldensis quartum celebranda conferendos decrevit medicorum Gryphiswaldensium ordo solenniter die XIX mensis Octobris anni MDCCCLVI hora XI in aede sancti Nicolai renuntiandos indicunt Decanus et Professores ordinis medici. Inest Henrici Haeseri, ord. h. a. decani, dissertatio de cura aegrotorum publica a Christianis oriunda (34 S. in 4°),

dann aber auf geäußertes Interesse hin mit erweiterten Belegen etc. deutsch herauskam:

Heinrich HAESER
Geschichte christlicher Kranken-Pflege und Pflegerschaften
Berlin: Hertz (Besser),
1857 (126 S. 8°)
ND
Bad Reichenhall 1966

β Albert Lücke

Ein anderes Beispiel dafür, wie hospitalgeschichtliche Betrachtungen aus Anlaß von Klinikeinweihungen vorgetragen wurden - dieses jedoch viel ärmer an originalen Forschungsbeiträgen als das vorgenannte - haben wir in:

Albert LÜCKE
Rede über die Entwickelung des Hospitalwesens und die Verwendung der Hospitäler zu Lehrzwecken, gehalten von -, o, Professor der Chirurgie
in: Der Rectoratswechsel an der Kaiser-Wilhelms-Universität Strassburg am l. Mai 1879. Jahresbericht erstattet von dem Prorector Dr. J.H. Holtzmann ... Bericht über die Preisbewerbung für das Jahr 1878-1879. Rede über die Entwickelung (usw. wie oben)
(Strassburg: Schuitz, 1879) S. 21-46

Hier zog die Universitätsklinik aus dem alten "Bürgerspital" mit mittelalterlicher Vergangenheit aus und etablierte sich in eigenen, dem neuesten Stand der Wissenschaft genügenden Bauten vor der Stadt - die Situation ist als Musterbeispiel für das, was die Beschäftigung der Medizinhistoriker mit den alten Spitälern angeregt hat, nicht besser auszudenken.

γ Rudolf Virchow

Doch die erste wirklich großangelegte Unternehmung zur Sammlung und Sichtung der Quellen und der älteren Literatur zum Hospitalwesen im Mittelalter ist eigentlich noch etwas älter als die bei LÜCKE sich andeutende, an der Architektur orientierte Krankenhausgeschichtsforschung der Mediziner, die später "typisch" für diese Disziplin wurde. Jene gewaltige Materialsammlung verdankt man dem Pathologen Rudolf VIRCHOW (1821-1902), Entdecker der Zellularpathologie, der auch Sozialmediziner war. Er forderte "Kenner der mittelalterlichen Geschichte" und "namentlich Ärzte" des In- und Auslands in den Jahren 1860-1861 durch eine Artikelreihe in seinem eigenen "Archiv für pathologische Anatomie" auf, Beiträge, "das, was ihre Heimath an erhaltenen Thatsachen aufweist" einzusenden, zunächst: zu einer "urkundlichen Geschichte des Aussatzes", später: zu der "stark vernachlässigten Krankenhausgeschichte" überhaupt.

Zu Anfang ging es VIRCHOW bei diesem Unternehmen um die Lösung eines rein pathologischen Problems, und sein Vorgehen zeigt, wie sehr einer der "Väter" der streng naturwissenschaftlichen Medizin selbst noch methodisch universal dachte: Eine möglichst vollständige Registrierung der vor dem Rückgang der Lepra in Europa vorhandenen Leprosorien sollte die Schwerpunkte der Krankheit lokalisieren helfen, so daß dann die eventuellen klimatischen, kulturellen u.a. Faktoren identifiziert werden könnten. Schon bald zeigte es sich ihm freilich, daß die historischen Daten über Leprosorien mehr das Zivilisations-, wo nicht gar bloß das Überlieferungsniveau der Quellen, als das tatsächliche Auftreten der Krankheit zu messen erlauben. Daraufhin setzte VIRCHOW das begonnene Unternehmen einfach zur Förderung der Hospital-Geschichtsforschung fort.

Sicher hatte das Gewicht von VIRCHOWs Namen seinen Anteil am Erfolg seines Aufrufs. Philipp JAFFEs Antwort an .VIRCHOW ist übrigens der einzige Beitrag zu unserem Thema von einem der bekannteren deutschen Historiker geblieben. Die einlaufenden Beiträge druckte VIRCHOW, mehr oder weniger redigiert, in seinem eigenen "Archiv";

Rudolf VIRCHOW
Zur Geschichte des Aussatzes ([ab Art. 2:] und-der Spitäler), besonders in Deutschland [nur Art. l :] , nebst einer Aufforderung an Aerzte und Geschichtsforscher, l.-5. Artikel
in: Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medizin. Hg.v. R. VIRCHOW 18 (1860) S. 138-162. 273-329. 19 (1860) S. 43-93. 20 (1861) S. 166-198. 459-512.

Zu einer kritischen und synthetischen Bearbeitung des Stoffes, die er damals vorhatte, scheint sich ihm später - leider - keine Gelegenheit mehr geboten zu haben. Doch liegt auch in der bloßen Sammlung schon ein erheblicher Nutzen für die Hospitalgeschichtsforschung, wenn diese Sammlung in dem Umfange wie von VIRCHOW vorgenommen wird.

Eine nach demselben Muster angelegte Artikelserie mit eigenen "archivalischen und literarischen Lesefrüchten" über die Geschichte des Hospitalwesens in Alt- und Neu-Württemberg hat später ein Stuttgarter Arzt herausgebracht, sie soll nur am Rande zu VIRCHOWs Sammelunternehmen erwähnt werden:

Theodor SCHÖN
Die Entwicklung des Krankenhauswesens und der Krankenpflege in Württemberg
[1. Teil:] Die Krankenpflege und die Krankenhäuser bis 1866
in: Medizinisches Correspondenz-Blatt des wuerttembergischen aerztlichen Landesvereins 71 (1901) S. 542-546. 553-558. 671-675. 72 (1902) S. 81-83. 185-189. 347-350. 553-560. 701-708. 721-723. 734-741. 835-838. 881-883.

Einige Jahre nach Abschluß der Materialsammlung hat VIRCHOW das Thema Hospitalgeschichte immerhin doch noch einmal übersichtsartig behandelt, als er im "Berliner Handwerker-Verein" einen Vortrag hielt, der schließlich sowohl durch eine von ihm mitherausgegebene Reihe populärwissenschaftlicher Schriften als auch durch seine zehn Jahre darauf erschienenen und ziemlich verbreiteten "Gesammelten Abhandlungen aus dem Gebiete der öffentlichen Medicin" bekannt wurde:

Rudolf VIRCHOW
Ueber Hospitäler und Lazarette. Vortrag, gehalten im December 1866 im Saale des Berliner Handwerker=Vereins
1) (Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge. Hg.v. R. VIRCHOW und Fr. v.HOLTZENDORFF, 72) Berlin: Lüderitz-Charisius, 1869 (32 S.)
2) in: Ders., Gesammelte Abhandlungen aus dem Gebiete der öffentlichen Medicin und der Seuchenlehre 2 (Berlin 1879) S. 6-22

In diesem Vortrag äußerte VIRCHOW eine hohe Meinung von dem "sittlichen Wert" der Geschichte der Sorge für Kranke. Sie zeige wie kaum ein anderes Gebiet, daß nicht nur die Geschichte der Politik, ja der "brutale(n) Gewalt", voranschreitet, sondern auch die der Humanität, der Freiheit und der "Veredelung der Menschen" habe ihren eigenen Fortschritt. Auch die Kirchenhistoriker haben ja vielfach die Hospitalgeschichte als eine Serie von Manifestationen des Guten im Menschen aufgefaßt, aber diese Wertung mit einem Fortschrittsmodell zu verbinden, ist dem Naturwissenschaftler vorbehalten geblieben, der sich den Konfessionen gegenüber als neutral, allein der Humanität verpflichtet bekannte. Immerhin mußte er konstatieren ("Sonderbare Gegensätze!"), daß die Fortschritte in der Krankenversorgung jeweils von Kriegen veranlaßt wurden, der Fortschritt der Humanität also nicht ohne den "Fortschritt" der Brutalität habe vonstatten gehen können. Dabei dachte er vor allem an die Verbesserungen in der Versorgung Verwundeter seit Nightin- gales Einsatz beim Krimkrieg und insbesondere an die überraschenden Erfolge, die man mit Zelt- und Baracken-Lazaretten gemacht hatte; woraus er im letzten Teil dieses Vor-trags ein für den Krankenhausbau des letzten Jahrhundertviertels entscheidend werdendes Programm entwickelt, die großen Krankenhausbauten in kleine, gut durchlüftete Pavillons zu zerlegen.

Einen weiteren Ansatz zur Bearbeitung des hospitalgeschichtlichen Stoffes unternahm VIRCHOW 1877, indem er in der preußischen Akademie der Wissenschaften über den Heilig-Geist-Orden las:

Rudolf VIRCHOW
Der Hospitaliter-Orden vom heiligen Geiste, zumal in Deutschland (14. Juni. Gesammtsitzung der Akademie)
in: l) Monatsberichte der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Aus dem Jahre 1877 (Berlin 1878) S. 339-371
2) Ders., Gesammelte Abhandlungen aus dem Gebiete der öffentlichen Medicin und der Seuchenlehre 2 (Berlin 1879) S. 23-47. Nachträge: S. 108f.

Hier kann er sich auch auf eigene Nachforschungen in Rom, im Archiv des Arcispedale di Santo Spirito stützen. Er verbindet in dieser Abhandlung die Einzeldaten über mitteleuropäische Heilig-Geist-Hospitäler (161 sind ihm bekannt) mit einer Theorie über die politischen Ziele des Papstes, der 1204 den Heilig-Geist-Orden gründete: Innozenz III., "der gewaltige Papst, der den Kaiser demüthigte und Könige entsetzte, der unerbittliche Verfolger der Albigenser". Obwohl VIRCHOW die Bedeutung des Heilig-Geist-Ordens überschätzte, indem er annahm, alle Heilig-Geist-Spitäler hätten zu ihm gehört, ist seine These, daß die gehäuften Neugründungen des frühen 13. Jahrhunderts auf eine zielstrebige Politik der Kirche (wenn auch vielleicht nicht gerade nur der Kurie) zurückgehen, geradezu vorbildlich für heutige Ansätze in der mittelalterlichen Hospitalgeschichtsforschung.

δ Ernst Küster

Ganz im Anschluß an VIRCHOW hat noch 1895 der Marburger Chirurg Ernst KÜSTER die Geschichte der Krankenversorgung und des Hospitalwesens resümmiert, als er bei Antritt des Rektorats an der Universität eine Rede zu halten hatte:

Ernst KÜSTER
Die Krankenpflege in Vergangenheit und Gegenwart. Rede, gehalten bei Uebernahme des Rektorats an der Universität Marburg am 13. Oktober 1895 von Dr. -, Professor der Chirurgie
Marburg: N.G. Eiwert, 1895.

Auf S. 4-8 faßt er VIRCHOWs Vortrag "Ueber Hospitäler und Lazarette" von 1869 zusammen, das Folgende über die mittelalterlichen Stadtspitäler ist eine Kurzfassung von VIRCHOWs Akademieabhandlung über den Heilig-Geist-Orden von 1877, und im letzten, den Gegenwartsfragen gewidmeten Teil vertritt Küster eine Auffassung von den religiösen Kranken-pflegeorden, die der VIRCHOWschen nahekommt. Nur in Nuancen gibt er Originales zu erkennen: Er unterstreicht etwas die These vom christlichen Ursprung der Hospitäler, vielleicht im Bewußtsein der Debatte, in die VIRCHOW ihretwegen geraten war (mit Vertretern der jüdischen Konfession); er schlägt etwas die nationalen Saiten an, wo er vom Deutschen Orden zu reden hat z.B.; er schließt den geschichtlichen Überblick mit einer Apotheose auf die Kaiserin Augusta, "die Verkörperung aller humanen Bestrebungen unseres Jahrhunderts"; er empfiehlt die Ausweitung der berufsmäßigen Krankenpflege zur Lösung "der Frauenfrage, die man unpassender Weise als die Frage der Frauenemancipation bezeichnet", und zwar ein angemesseneres Mittel als die Öffnung der Universitäten etwa für Frauen, denn "der veibliche Körper" sei doch "für zahlreiche Anforderungen des bürgerlichen Lebens absolut ungeeignet" - nicht aber für die Krankenpflege darf man wohl ergänzen; diese "getreue Schwester der praktischen Medizin, welche still und geräuschlos ihr Werk thut, welche demuthsvoll bei Seite steht, wenn ihre Schwester Triumphe feiert." Das hat VIRCHOW, soweit ich gesehen habe, nicht gesagt, es ist in der Generation Küsters etwas Neues, und es wird das Thema des nächsten Kapitels.sein. Bemerkenswert erscheint dem Leser heute auch Küsters Einschätzung der Krankenpflege als eines "mächtigen Hebels" gegen die "Lehren des Umsturzes", die seiner Ansicht nach eigentlich immer nur in "Schmutzstarrenden, verkommenen Wohnungen gewisser Bevölkerungsklassen" gedeihen können. Wo dagegen "gebildete Frauen und Jungfrauen" Reinlichkeit, Ordnung und frische Luft hereinbringen, da empfindet "selbst der ungebildete und selbst der verkommene Mensch ... eine heilige Scheu", die Mutter des von der Schwester gepflegten Kindes befällt "ein Schamgefühl", und es treten "versöhnlichere Stimmungen auf". Als schlagendes Argument gibt.Küster zu bedenken, daß "selbst in solchen Hospitälern, welche vorwiegend mit kranken Arbeitern belegt sind" noch nie jemand sich gegen die Disziplin aufgelehnt habe. Das erinnert an die These (M. FOUCAULTs), die Disziplin im Sinne der modernen Gesellschaften sei geradezu in Gefängnis und Hospital "geboren" worden, wo zum erstenmal Menschen einzeln und hilflos einer Ordnungsmacht zur Verfügung standen, und würde bekräftigen, daß eine solche Auffassung tatsächlich noch vor 90 Jahren lebendig war.

Die absolutistische Auffassung die der Mediziner Küster vom Verhältnis seines Berufsstandes zu dem der Krankenpfleger aussprach, signalisiert bereits, daß zwischen beiden Gruppen ein neuer Konflikt aufkam, der dann auch die Hospitalgeschichtsdarstellung der Mediziner veränderte. Deren älteste, vor allem Haesers und VIRCHOWs,. Arbeiten beschäftigten sich doch durchaus noch mit Personen und Gruppen: Haeser sprach: von den "Pflegerschaften". Und sie arbeitete auch noch mit Urkunden und erzählenden Quellen, die man selbständig kritisierte und interpretierte. Beides muß deswegen hervorgehoben werden, weil es für die spätere medizinhistorische Forschungstradition über diesen Gegenstand nicht mehr zutrifft. Gegen die Jahrhundertwende engte die Medizin ihren Begriff von "Krankenpflege" auf die wissenschaftlich begründete Technik ein, so daß die Personen und sonstigen Umstände aus ihrem Blickwinkel herausfielen (s. Abschnitt 1.3.1.2). Etwa gleichzeitig führte eine enorme Neubautätigkeit im Krankenhauswesen dazu, daß die Geschichte der Hospitäler in der Praxis ganz von der krankenhausarchitektonischen Literatur aufgesogen wurde (s. Abschnitt 1.3.1.3).

ε Eduard Dietrich

Einen späten Vertreter hatte die ältere, weiträumigere Auffassung der Medizinhistoriker von "Krankenpflege" freilich noch 1899 in Eduard DIETRICH, Kreisphysikus zu Merseburg. Er schrieb die beeindruckend ausführliche historische Einleitung zu einem im Hochgefühl errungenen Fortschritts herausgegebenen Sammelwerk über alle Sparten der "Krankenversorgung und Krankenpflege":

Eduard DIETRICH
Geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege
in: LIEBE, Georg; JACOBSOHN, Paul; MEYER, George (Hgg.), Handbuch der Krankenversorgung und Krankenpflege l (Berlin: Hirschwald, 1899) Abteilung l = S. 1-182.

DIETRICH zählt die "Pflegerschaften" der Reihe nach auf und achtet peinlich darauf, daß keine Gemeinschaft zu wenig Aufmerksamkeit bekommt; in der Geschichte der Krankenpfleger und -Pflegerinnen bzw. ihrer Verbände erschöpft sich für ihn augenscheinlich die Geschichte der Krankenpflege. Doch verwahrte man sich bereits im selben Jahre 1899 medizinischerseits dagegen, daß so etwas überhaupt unter "Krankenpflege", wie man sie nun definierte, fallen könne. Der Titel des Handbuches, in dem DIETRICHs Beitrag steht, folgt auch bereits der neuen Sprachregelung:

Vgl. unten S. 82.

Zitiert nach Hertz/Baier, Säcularfeier Greifswald, 1, S. 112, vgl. S. 219 über Haesers amtliche Stellung; vgl. seine Verleihungsrede ebda. S. 120-123; S. 115 wird im übrigen berichtet, daß beim selben Anlaß Gerhard UHLHORN mit der theologischen Ehrendoktorwürde geehrt worden sei.

Den Nachdruck zit. ich nach Jetter, Gesch. d. Hosp., 4, S. 28ff., Nr. 25.

Lücke, Hospitalwesen S. 21-22.

Virchow, Aussatz, 2, S. 329.

Virchow, Aussatz, 4, S. 166.

Virchow, Aussatz, 2, S. 273f.

VIRCHOW war vom norwegischen Innen-Departement um Rat zur Bekämpfung einer damals zum allgemeinen Schrecken grassierenden Lepra-Epidemie in den Küstenprovinzen Norwegens gefragt worden, woraufhin er zuerst eine Studienreise in das betroffene Gebiet und dann die erwähnte historische Untersuchung vornahm (die Lepra grassierte zu gleicher Zeit auch in den baltischen Küstenländern) (Virchow, Aussatz, 1, S. 138f.); der Leprabazillus wurde wenige Jahre später, 1871, in Norwegen von Armauer Hansen entdeckt.

70) Das hebt unifassend hervor Jacob, Virchows Naturbegriff, der auch zeigt, wie bei den Schülern VIRCHOWs, so vorbehaltlos sie sich ständig auf ihn beriefen, doch die Einengung auf die naturwissenschaftliche Methodik, die Aufgabe der "historischen Dimension" von VIRCHOWs Medizin anfing; ein weiteres Beispiel für VIRCHOWs historische Methode in der Pathologie: Virchow, Hunger-Epidemie (1852), ND in: Ders., Gesammelte Abhandlungen aus dem Gebiete der öffentlichen Medizin ... l (1S. 416-418.

VIRCHOW, in: Archiv für pathologische Anatomie 18 (1S. 139-141.

Beispielsweise fand er, daß die quellenmäßig belegten Leprosorien sich im Takt mit der deutschen Kolonisation nach Ostmitteleuropa ausbreiteten (vgl. ebda. S. 273-274. 287; ebda. 19, 1860, S. 43).

Vgl. ebda. 18 (1S. 273, und 19 (1S. 43.

Vql. VIRCHOW, in: Archiv für pathologische Anatomie 18 (1S. 329.

Rudolf SEIGEL, der neuerdings die Hospitalgeschichte desselben Raumes aus städtegeschichtlicher Perspektive sehr eingehend bearbeitet hat (Spital und Stadt in Altwürttemberg. Ein Beitrag zur Typologie der landstädtischen Spitäler Südwestdeutschlands {Veröffentlichungen des Stadtarchivs Tübingen, 3) Tübingen 1bemerkt S. 3 mit Rechte daß Sch$n gar keine "Entwicklung", wie im Titel versprochen, sondern bloß zusammenhanglose Nachrichten aneinanderreihe, erkennt freilich nicht, wie diese Darstellungsweise in der medizinhistorischen Hospitalforschung ein Vorbild (und manche Nachfolger) hatte.

VIRCHOW, Hospitäler, S. 3.

Vgl. unten S.

U.a. in der Abwehr des Vorwurfs, er sei gegen Juden voreingenommen (vgl. unten S. ); in der Frage, ob Krankenschwestern Ordens- u.a. Gemeinschaften angehören müßten oder ohne dies genausogut qualifiziert sein könnten ("Hospitäler", S. 23f.; und bsd. "Die berufsmässi-ge Ausbildung zur Krankenpflege, auch ausserhalb der kirchlichen Organisationen. "Rede, gehalten am 6. Nov. 1869 in der Conferenz der Frauen-Vereine zu Berlin. o), in: Gesamm. Abhh. aus d. Geb. d. öffentl. Medicin ... 2, Berlin 1879, S. 47-56. 110-123).

VIRCHOW, Hospitäler, S. 5.

VIRCHOW, Hospitäler, S. 24-28; kennzeichnend ist, wie sich für VIRCHOW von da der Blick "unwillkürlich zurück" lenkt "auf jene Krankenstädte oder Krankendörfer, wofür die Stiftung des h. Basilius das ehrwürdigste Beispiel ist" (ebda. S. 27).

Axel-Hinrich MURKEN, Das deutsche Baracken und Pavillonkrankenhaus von 1866 bis 1906, in: SCHADEWALDT, Hans (Red.), Studien zur Krankenhausgeschichte im 19. Jahrhundert ... (Studien zur Medizingeschichte im Neunzehnten Jahrhundert, 7; Göttingen 1S. 72, nennt diesen Vortrag einen "für das damalige Krankenhauswesen höchst bedeutsamen" .

VIRCHOW, Hospitaliter-Orden vom heiligen Geiste, S. 345.

Ebda. S. 340.

Vgl. oben S. 11, Anm. 31.

Vgl. Näheres oben S. 16f.

KÜSTER S. 4-6

KÜSTER S. 9: "Ausbreitung deutschen Wesens" war u.a. sein Werk.

KÜSTER S. 13f.; die Kaiserin Augusta habe sich "ein dauerndes Recht auf die Dankbarkeit aller Leidenden erworben".

Das übernimmt KÜSTER, S. 20, von einem WALDEMEYER, aus dessen Vortrag "auf der diesjährigen Anthropologenversammlung in Cassel".

KÜSTER S. 3-4 - betont auch, daß die Triumphe nicht ohne der demutsvollen Schwester Dienste errungen werden könnten.

KÜSTER S. 20-22.

Vgl. etwa Michel FOUCAULT, Die Geburt des Gefängnisses.

So beurteilt VIRCHOW die ihm vorliegende Sekundärliteratur danach, ob sie ordentliche Quellenbelege hat oder nicht (z.B. in: Archiv für pathologische Anatomie 18, 1860, S. 295), und vertritt durchaus abweichende Ergebnisse seiner eigenen Quellenkritik gegen frühere Bearbeiter (z.B, ebda. 18, 1860, S. 304).

Es war bereits im Zusammenhang mit LÜCKES und HAESERS Abhandlungen oben S. 23 bzw. S. 22 auf diese Art Veranlassung zu hospitalgeschichtlichem Interesse bei Medizinern hinzuweisen.

Das von den drei Herausgebern unterzeichnete "Vorwort" läßt hinsichtlich Fortschrittsbewußtsein an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig (Bd. l, s. III-VIII).

DIETRICH geht S. 19 zu diesem Gegenstandsbereich über und verläßt ihn dann nicht mehr, d.h. widmet ihm 163 von 182 Seiten.

Iwan BLOCH (wie unten S. 33) S. 22 urteilt über DIETRICHS Darstellung: "mehr eine Geschichte der Krankenversorgung und Krankenwartung".

b. Präzisierung und Einengung

| Iwan Bloch | Jacobsohn |

α Iwan Bloch

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts fand die Medizin verstärktes Interesse an der Krankenpflege. Aus keinem anderen Zeitabschnitt scheint es eine so dichtgedrängte Folge medizinhistorischer Abhandlungen mit "Krankenpflege" als Bestandteil des Titels zu geben wie aus den Jahren 1895-1902. Solche Arbeiten konzentrieren sich im Umkreis der "Berliner Schule". Man befand sich im Vollgefühl der Erfolge, die die wissenschaftliche Medizin in den letzten paar Jahrzehnten auf den Gebieten der Anatomie, Physiologie, Pathologie, Klinik, Aetiologie, Hygiene errungen hattei, und man sah nun als nächstes das "Zeitalter der Therapie" bevorstehen. Das verstand man so, daß künftig die Aufgabe gestellt wäre, die Maßnahmen am Kranken der gleichen naturwissenschaftlichen Erforschung zu unterziehen, wie bisher dessen Körperbau, Körperfunktionen, krankhafte Veränderungen usw. Es war Martin MENDELSOHN, der solche Forschungen unter dem Namen "wissenschaftliche Krankenpflege" oder, auf Hippokrates zurückgreifend, "Hypurgie" als ausdrücklich naturwissenschaftliche Disziplin etabliert hat; und der mit der "Zeitschrift für Krankenpflege" ein Spezialorgan für die neue Wissenschaft herausgab. Darin legte bereits 1898 Dr. Julian MARCUSE eine dieser Schule gemäße "Geschichte der Krankenhäuser" vor: der Krankenhäuser", weil die Geschichte "der Krankenpflege" im eigentlichen Sinne jetzt nur mehr die ärztliche Therapie hätte betrachten dürfen. Wie eine Geschichte dieses Gebietes nach seiner Neudefinition begriffen wurde, zeigt:

Iwan BLOCH
Die geschichtliche Entwickelung der wissenschaftlichen Krankenpflege
(= Berliner Klinik. Sammlung klinischer Vortrage. Doppelheft 136 = Jg. 1899, Heft 10)
Berlin: FISCHERs Medicinische Buchhandlung, 1899 October .

BLOCH, der Geschichte und theoretische Grundlegung des Faches vollkommen miteinander vereint, grenzt vom Gegenstand der Geschichte der Krankenpflege vorbehaltlos aus:

  • die Geschichte der Pflegenden ("Pflegerschaften" HAESERs) wie der Gepflegten,
  • die Geschichte der Anstalten, die die Krankenpflege organisierten: sie gehörten unter den Titel "soziales Werk der ... Allgemeinheit" zur "Krankenversorgung",
  • die nicht wissenschaftlich sondern nur mitmenschlich zu begründenden Leistungen "eines besonderen Hilfspersonals", der Pfleger(innen), wie Säubern, Ankleiden, Füttern u.dgl.

das soll nun wieder "Krankenwartung" heißen. In diesem letzten Punkt bedient sich BLOCH also einer bereits mit starken Wertungen besetzten Begriffsunterscheidung. Die idealistischen Damen aus den Schulen von Th. FLIEDNER in Kaiserswerth wie von Fl. NIGHTINGALE in London hatten sich mit Betonung als "Pflegerinnen" im Gegensatz zu "Wärterinnen" bezeichnet, mit idealer Gesinnung vs. Erwerbsstreben als Kriterium. BLOCH verlegt gerade die am leichtesten idealistisch auffaßbaren, weil am weitesten unter Mitmensch-lichkeit, Diakonie oder Caritas zu subsummierenden, Tätigkeiten der Krankenpflege wieder zur "Krankenwartung". Den Ansatzpunkt freilich boten die Pioniere der Krankenpflegebewegung selbst, wenn sie, wie Florence NIGHTINGALE, zwar um ihre Unabhängigkeit, Neutralität zu sichern, erklärten, über ihnen solle künftig nur die Wissenschaft als Autorität stehen. Diese Wissenschaft (die medizinische war sicher gemeint) hatte aber bis zum Jahrhundertende, als BLOCH sich äußerte, umwälzende Fortschritte gemacht und das Standesbewußtsein ihrer berufsmäßigen Anwender offensichtlich auf eine höhere Ebene gehoben, und zwar so, daß sie sich zutrauten, den Anfang der Geschichte äines ihnen bisher nicht unterstehenden Gebietes wie der Krankenpflege sich selbst zuzuschreiben, und damit die Verfügung über den rechten Begriff davon:

Die eigentliche Geschichte der Krankenpflege beginnt in BLOCHs Abhandlung mit der Berliner Schule; was er auf den vorhergehenden Seiten sammelt, versteht er als gewisse "hypurgische Reliquien aus früherer Zeit", die auch noch von Interesse sein könnten. Von dem Standpunkt aus ist es nur am -zweckmäßigsten, solche Antiquitäten systematisch und nicht historisch zu katalogisieren. Man merkt BLOCHs Geschichtsschreibung an, daß ihm sein wissenschaftlicher Standpunkt selbst die Erfüllung der Allgemeinbildungsforderung, einen solchen Standpunkt historisch zu verstehen, auf jede Weise schwer macht. Mit dieser Art zwiespältiger Motivation zu geschichtlichen Studien (einerseits darauf nicht verzichten wollen, obwohl man andererseits gewiß ist, mit dem Vergangenen nichts mehr zu tun zu haben) ist BLOCHs Abhandlung eine Art Vorbild für spätere medizinhistorische Literatur geworden; ebenso wie mit seiner Behandlung der historischen Fakten, als wären sie Einzelstücke, frei katalogisierbar nach systematischen Gedanken. Freilicht läßt sich nicht zeigen, daß ihn diese spätere medizinhistorische Literatur mit Namensnennung zitieren würde - die Abhängigkeit ist also nur als indirekte zu verstehen, derart daß BLOCH besonders klar eine Forschungsmentalität vertreten hat, die allgemein gängig war und noch heute für so selbstverständlich gelten kann, daß man deswegen nicht eigens einen Theoretiker zu zitieren braucht.

β Paul Jacobsohn
Auf einem Spezialgebiet zeigte der Arzt und Krankenpflegelehrer Paul JACOBSOHN um dieselbe Zeit eine Möglichkeit der praktischen Durchführung jener Geschichtsauffassung, die BLOCH propagierte:

Paul JACOBSOHN
Beiträge zur Geschichte des Krankencomforts. Von Dr. -, Lehrer a. d. Pflegerinnenschule des jüd. Krankenhauses in Berlin, 1-
in: Deutsche Krankenpflege=Zeitung. Fach-Zeitung für die Gesamtinteressen des Krankenpflegeberufes l (1898) S. 141-146. 153-159. 170-175. 255.
gekürzt auch u.d.T.: Ders., Fürsorge auf dem Gebiet des Krankenkomforts, 2: Geschichtliche Entwicklung des Krankencomforts, in: Liebe, Georg; JACOBSOHN, Paul; Meyer, George (Hgg.), Handbuch der Krankenversorgung und Krankenpflege 2,1 (Berlin 1902) S. 7-30 .

"Der Comfort des Kranken" als terminus technicus der medizinischen Therapie wurde von Ernst von LEYDEN , dem Lehrer Martin MENDELSSOHNs, 1891 aufgebracht und sollte diejenige Anwendung der Krankenpflege-Hilfsmittel bedeuten, die dem Kranken seinen Zustand bequemer machen, so daß er seine Kräfte auf das Gesundwerden konzentrieren kann, also Techniken der Lagerung, Ernährung, Lüftung usw. Wie die "Berliner Schule" den Fortschritt vom Zeitalter der Pathologie zu demjenigen der Therapie gekommen sah, so auch die Zeit dafür, die Aufmerksamkeit von den Krankheiten auf die kranken Menschen selbst hinzuwenden - eine modern klingende Formulierung, die ebenfalls E. v. Leyden prägte. Möglicherweise sollte man eine andere Ursache dieser programmatischen Neuerungen am Ende des 19. Jahrhunderts darin suchen, daß, grob gesehen, seit dieser Zeit auch "gebildete" Menschen mit "peinlichem" Gefühl für Comfort im Krankheitsfall in die Hospitäler gelegt wurden und für deren Ausbau reichlichere Mittel erhältlich waren.

Die wirkliche Geschichte dieses Krankenkomforts sieht auch JACOBSOHN demzufolge erst mit seiner eigenen Zeit anfangen, in der"Wissenschaft und Technik weit fortgeschritten' seien und "verfeinerte Leistungen" hervorbrächten, die den mit der allgemeinen Kultur "weitvorgeschrittenen" Ansprüchen der kranken (und gesunden) Menschen entsprächen. Den Inhalt eines geschichtlichen Rückblicks betreffend den Krankenkomfort können demnach nur "erste Uranfänge" ausmachen, die er von den altorientalischen Kulturen an verfolgt - ohne daß sie eigentlich eine zusammenhängende Entwicklung ergäben, so verstreut seien sie. Schon auf der dritten Seite geht er deshalb über zu Ansätzen des eigentlichen, modernen Krankenkomforts in Lehrbüchern des 19. Jahrhunderts usw. Übrigens fallen jene "Uranfänge" des Krankenkomforts nach JACOBSOHN sehr weitgehend mit dem zusammen was andere Autoren als die ältesten Daten der Geschichte der Krankenpflege behandelt haben, erst bei der jüngsten Vergangenheit engt er den Stoff mehr themagemäß ein; von den "Reliquien" der wissenschaftlichen Krankenpflege, die BLOCH vorstellte, unterscheiden sich die von JACOBSOHN genannten Daten so, daß er (jedenfalls aus der älteren Zeit) Geräte für Krankenpflege bespricht, jener literarische Abhandlungen über sie.

Neben dieser ersten Wurzel einer nachmaligen typisch medizinhistorischen Behandlung der Hospitalgeschichte, also der Einengung der Perspektive auf das Wissenschaftlich-medizinische, von Ärzten erdachte, und dies katalogisiert nach heutigen sachlichen Kriterien, scheint mir die andere Wurzel für diese entstehende Forschungstradition fast noch wichtiger :

Vgl. außer der nachfolgenden Aufzählung oben S. l, Anm. l.

BLOCH (wie unten S.33) S. 3.

Den Ausdruck des Direktors der I. Medizinischen Universitätsklinik, Berlin, E. v. Leyden, gibt BLOCH (wie unten S. 33) S. 3 wieder; selber stellt BLOCH, ebda. S. 26, den Zusammenhang mit den errungenen Erfolgen her: "Erst nachdem die äu s s,sere Krankenpflege '-(Krankenversorgung und Krankenwartung) durch die Fortschritte der Technik eine geradezu ideale Vollkommenheit erreicht hatte, nachdem sodann die naturwissenschaftliche Medizin in den übrigen therapeutischen Disziplinen die grössten Triumphe gefeiert hatte, trat auch die i'n n e r e Krankenpflege (...) in die Reihe der naturwissenschaftlichen Disziplinen ein."

Leider geben Nachschlagewerke wie ADB u.a. keine Auskunft über seine Stellung, Lebenszeit, übrigen Werke etc.

Die grundlegenden Arbeiten Mendelsohns - alle 1898-1899 erschienen - nennt BLOCH (wie unten S. 33) s. 3,Anm.l. S. 4,Anm.l. S.26,Anm.3. S.27,Anm.l.2. S.29,Anm.l.

Vgl. dazu Zeitschrift für Krankenpflege 20 (1S. 276.

Jg. 16,1894 - 44,1922; zuvor unter dem Titel "Fortschritte der Krankenpflege" 1,1878-15,1893 und beide seit 189] mit einer Beilage "Ärztliche Polytechnik", d.i. die'ehemals selbständige "Illustrierte Monatsschrift für Ärztliche Polytechnik", ein Blatt mit Beschreibungen der neuesten Erfindungen medizinischer Apparate aller Art: der Titel dieser BeiJage und daß ein solches Blatt als Beilage zu einer Zeitschrift für Krankenpflege aufgefaßt werden konnte, scheinen mir zu bestätigen, daß damals die Ärzte unter "Krankenpflege" einfach die Anwendung ihrer, der ärztlichen, Errungenschaften verstanden - auch wenn BLOCHS Definition (oben Anm. 102) noch manches aus der "ärztlichen Polytechnik" nur als "äußere Krankenpflege": "Krankenwartung und -Versorgung" gelten lassen würde.

S. unten S. 42.

Von HAESER und DIETRICH distanziert sich BLOCH, .S. 5. 22, gerade, weil sie zu viel auf die Geschichte der Pfleger eingegangen seien.

BLOCH S. 4.

Vgl. oben S. 31,'-wie der Titel des von LIEBE, JACOBSOHN und MEYER 1899(-1hg. Handbuches die Unterscheidung BLOCHS wiedergibt.

BLOCH S. 4f.

Vgl. oben S. 2 mit Anmerkung 5.

Vgl. NUTTING-DOCK-KARLL 2, S. 192f"; vgl. auch KÜSTER,-S. 15, der ausgerechnet aus dem Grund modern ausgebildete Krankenpflegerinnen den Dilettantinnen vorzieht, weil "erst damit" der Arzt die Sicher- heit erlialte, "daß seine Anordnungen unweigerlich durchgeführt werden.

Vgl. als Beispiel das Urteil des Direktors der Essener Städtischen Krankenanstalten, Prof. GROBER, über das oben S. 3f. erwähnte Werk von NUTTING-DOCK-KARLL: "Als Arzt und Leiter einer Krankenpflegeschule habe ich gegen das Buch einzuwenden, ... daß die Fortschritte der Krankenpflege wie der Geburtshilfe von den Ärzten ausgegangen sind, und daß diejenigen des Krankenhauswesens von der Hygiene, nicht von Fräulein NIGHTINGALE herrühren." Das Buch "darf also nur reifen und auf dem betreffenden Gebiet erfahrenen Personen empfohlen werden" (in: Ergebnisse und Fortschritte des Krankenhauswesens 2, 1919, S. 525).

BLOCH S. 26ff.

BLOCH S. 5; zum Bildgebrauch, der in diesem Punkt bei den hier erwähnten Medizinhistorikern tatsächlich eigenartig ist, vgl. etwa noch FISCHER (wie unten S. 47) Bd. l, S. l: Geschichtsschreibung über das Gesundheitswesen, die nicht anwendungsorientiert ist, würde zu einem "unermeßlich großen und zumeist doch zwecklosen Steinhaufen statt zu einer Reihe von zielbewußt gestalteten Wohlfahrtstempeln führen" (vgl. auch JETTER, Grundzüge, S. VIH: "Findlinge der Eiszeit ... archaische Konglomerate" über alte Hospitäler).

Vgl. unten S.

Vgl. unten S.

Ernst von Leyden war Direktor der I. medizinischen Universitätsklinik Berlin; Monographien über "Krankencomfort" legte Martin Mendelsohn (1890.) 1892 und öfter vor - über ihn vgl. oben S. 32.

Nach Ernst von LEYDEN, Der Comfort des Kranken als Heilfactor, in: FS Bernhard Spinola = Zeitschrift für Krankenpflege 20,4 (1S. 82-87, wo die zuvor erschienene Literatur erwähnt ist; ebenda S. 85 die Formulierungen betreffend "gebildete" Kranke; über das Motto "Zeitalter der Therapie", dessen Urheber derselbe Ernst von LEYDEN war, vgl. oben S. 32.

JACOBSOHN, Krankencomfort, S. 141 (zum Teil nach E.v.LEYDEN zitiert)

Ebda. S. 141-143.

c. Durchsetzung der Krankenhausbau-Perspektive

| Einweihungsfestschriften | Tollet | Boethke | Dunaj |

α Einweihungsfestschriften

Zwischen 1876 und 1898 wurden im Deutschen Reich 3300 Krankenhäuser neu gebaut, das entspricht 110 v.H. der bis 1876 überhaupt vorhanden gewesenen. Mißt man das Tempo des Krankenhausbaus in Betten, die neu zur Verfügung gestellt wurden, überstieg er in dieser Zeit das Tempo des Bevölkerungswachstums.

Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Mediziner an der Planung der neu zu errichtenden Krankenhäuser maßgeblich beteiligt worden. Dadurch konnten Umwälzungen der Kenntnisse über die Bedingungen der Ansteckung unmittelbar Umwälzungen der Baugrundsätze auslösen, ob es um Grundrißlösungen oder Materialfragen ging, um Lüftungsvorrichtungen oder die Ausrichtung nach den Himmelsrichtungen. War ein Krankenhaus früher ein Ort gewesen, an dem auch den Gesündesten nach nicht allzulanger Zeit irgendeine Krankheit ansteckte und umbrachte, so sollte es nun zu einem Vorbild für hygienische Lebensführung und Einrichtung umgeschaffen werden.

Die enorme Aktivität im Krankenhausneubau wurde von einer ebenso bemerkenswerten Flut von grundsätzlichen Schriften über Krankenhausarchitektur begleitet, die sich bereits um die Jahrhundertmitte angekündigt hatte. Zu einer or- dentlichen Schrift über den Krankenhausbau in der Zukunft gehörte aber damals selbstverständlich auch eine Betrachtung der "Krankenhäuser" der Antike und des Mittelalters -außer der Allgemeinbildung, die nach historischem Hintergrund für alles und jedes verlangte, befand sich ja auch die Baukunst selbst damals in einer historisierenden Epoche. Wie im folgenden Beispiel aus (Wuppertal-)Barmen, so wurden noch viele Schriften über Krankenhaus-Neubauprojekte mit einer Einleitung "Zur Geschichte der Krankenhäuser" verziert (selbst wenn der Titel die Beigabe zur Hauptsache erhebt)

Friedrich SANDER
Zur Geschichte der Krankenhäuser
in: Ders., Ueber Geschichte, Statistik, Bau und Einrichtung der Krankenhäuser. Nebst einem Bericht über das Krankenhaus der Stadt Barmen. ... Von -, Ober-Arzt des Barmer Krankenhauses (Köln: DuMont-Schauberg, 1875) S. 1-7.

Auch die bereits vorhin unter die akademischen Reden eingeordneten hospitalgeschichtlichen Darlegungen des Straßburger Chirurgieprofessors Albert LÜCKE waren ja ein Beispiel für die Verbindung von geschichtlichem Rückblick und Neubauproj ekt.

β Casimir Tollet

Der Verfasser einer großen, bis heute nicht überholten Geschichte der Hospital-Architektur war zu seiner Zeit einer der bekanntesten Krankenhausarchitekten; ganz wie in der kleinen Schrift von Sander folgt auch hier eine aktuelle Projektbeschreibung dem historischen Rückblick, dazwischen geschoben ist ein generelles Programm für modernen Krankenhausbau:

C[asimir] TOLLET
Les edifices hospitaliers depuis leur origine jusqu'a nos jours
[T1.1 = S.1-199:] De l'assistance publique et des hospitaux jusqu'au XIXme siecle
[T1.2:] Les hospitaux au XIX1"6 siede, etudes, projets, discussions et programmes relatifs ä leur construction
Tl.3: Description de l'hospital civil et militaire suburbain de Montpellier
par -, Ingenieur - Laureat de l'Institut [...]
Paris 1892 2

Für TOLLET spielte der historische Rückblick eine bedeutsamere Rolle als nur die des gebildeten Beiwerks: er wollte (1873) die gewölbte Decke der mittelalterlichen Hospitalhallen wieder in Anwendung bringen, und zwar aus medizinisch-hygienischen Überlegungen heraus. Die Wölbung der Decke leite die Luftzirkulation so, daß keine "toten" Winkel entstünden, in denen sich Keime ablagern könnten. In Deutschland konnten sich diese Ideen jedoch nicht durchsetzen, hier bekam die Baugeschichte nicht diese materielle Bedeutung für die modernen Bauprogramme. Immerhin kennzeichnet TOLLETs Vorschlag "ausschnittsweise und in punktu-eller Schärfe"die Bewußtseinslage der Krankenhauserbauer des späten 19. Jahrhunderts.

γ J. Boethke

Ein vielfach im Krankenhausbau tätiger Architekt zu Anfang unseres Jahrhunderts war der Kaiserliche Baurat J. BOETHKE in Berlin. Im 2. Band des "Krankenhausjahrbuches" stehen seine Arbeiten sowohl unter der Rubrik, der die erste Stelle eingeräumt war, "Geschichte" - hier referiert er "im Lichte des modernen Krankenhausbaues" aus einem älteren Handbuch der Architekturgeschichte über mittelalterl. Hospitalbauten - als auch unter der Rubrik "Bau" - dort mit grundsätzlichen Darlegungen zu aktuellen Problemen, auch das nicht ohne Nachzeichnung der Vorgeschichte dieser Probleme von den ältesten Zeiten herauf:

[J.] BOETHKE
1) Französische Krankenhäuser des Mittelalters. Nach Viollet le Duc
2) Die Architektur der Krankenhausbauten
in: Ergebnisse und Fortschritte des Krankenhauswesens. Jahrbuch für Bau, Einrichtung und Betrieb von Krankenanstalten (Krankenhausjahrbuch) 2 (1913) S. 31-42 bzw. S. 219-238

δ Leon Dunaj

Allen Bemühungen um Zusammenhang mit der älteren Hospi-tal-Baugeschichte, auch gar um Wiederbelebung von Vorbildern aus ihr, zum Trotz ließ sich in dem Rahmen, den die moderne Medizin vorgab, nicht viel von dem anwenden, was die geschichtlichen Studien ans Licht bringen mochten. So endet die Verbindung von Geschichtsforschungen dieser Art mit Bauplanungen für die Zukunft um die Wende zum 20. Jahrhundert, und die Geschichte der mittelalterlichen Hospitalarchitektur wird ein Gegenstand für sich. Als solchen behandelt ihn zuerst eine Dissertation, erarbeitet freilich nicht von einem Studenten als fachliches . Debüt, sondern von einem bereits beamteten Regierungsbaumeister:

Leon DUNAJ
Der Hospitalgedanke im Mittelalter. Von Dipl.-Ing. -, Reg.baumeister
1) Diss. ing. Hannover 1911
2) (Zeitschrift für Architektur und Ingenieurwesen. Hg.v. Vorstande des Ingenieur- und Architekten-Vereins zu Hannover 57,4-5 = N.F. 16,4-5 (1911)
3) Sonderdruck aus der Zeitschrift des Hannov. Ingenieur- und Architekten-Vereins, Jahrgang 1911, Heft 4 und 5 Hannover: Jänecke, 1911 (74 S. 3 Taf.)

Das Besondere, wodurch sich diese Darstellung der mittelalterlichen Hospital-Architekturgeschichte von derjenigen TOLLETs etwa abhebt, ist die Art, wie DUNAJ die Einzelbauten, die er gewöhnlich durch je eine Grundrißzeichnung vorstellt, in einen geschichtlichen Zusammenhang fügt: Er nimmt einen "Baugedanken", eben den "Hospitalgedanken" als Realität hinter dem Sichtbaren an, und dessen Schicksal im Laufe der Zeiten ist es, was DUNAJ mittels der Einzelbauten illustriert. Die Ausprägung eines solchen "Gedankens" erklärt er sich, indem er auf Religion, einmal auch indem er auf materielle Bedürfnisse rekurriert. DUNAJ kann geradezu davon sprechen, daß dieser Gedanke selbst (dessen Träger im Verlauf der Geschichte wechseln) Gründungen von Hospitälern "zeitigt". Vergleichbar mit dieser Konstruktion eines "Gedankens", der die Einzelphänomene verbinden soll, sind die Versuche der neueren krankenhausgeschichtlichen Arbeiten, "Bautypen" zu definieren, um sodann allein deren Geschichte zu untersuchen.

Die Jahre kurz vor dem Ersten Weltkrieg waren an Untersuchungen über Krankenhausgeschichte außerordentlich reich. Bei den damals erschienen Arbeiten zeigen sich aber sowohl die Einengung des Gegenstands auf das Ärztliche als auch die innige Verbindung mit der Baugeschichte schon voll ausgeprägt, so daß mit dieser Zeit die seither typisch gebliebene Forschungsrichtung wirklich begonnen hat:

GOERKE, Heinz, Personelle und arbeitstechnische Gegebenheiten im Krankenhaus des 19. Jahrhunderts, in: SCHADEWALDT, Hans (Red.), Studien zur Krankenhausgeschichte im 19. Jahrhundert im Hinblick auf die Entwicklung in Deutschland (Studien zur Medizingeschichte im Neunzehnten Jahrhundert, 7; Göttingen 1S. 63.

Ebda. S. 65, zwar für die erste Jahrhunderthälfte angegeben, vermutlich aber auch für die zweite nicht anders.

LEISTIKOW, Dankwart, Das deutsche Krankenhaus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: SCHADEWALDT, Hans (Red.), (wie Anm. 123), S. 17.

Zuerst lenkte "die Entdeckung der Keimtheorie ... das Interesse der Mediziner auf das Innere der Hospitäler" (NUTTING-DOCK-KARLL l, S. 27): sie wurden vor allem so eingerichtet, daß die Asepsis sich wahren ließe; 1866-1900 gilt als die Epoche, in der man zu diesem Zweck größere Gebäude möglichst weitgehend in Baracken und Pavillons auflöste (vgl. oben Anm. 81); unter dem Einfluß der "Krankencomfort-"Programmatik zu Ende des 19. Jahrhunderts (vgl. oben S. 35f.) konzipierte man die Krankenhäuser wieder mehr in Rücksicht auf Behaglichkeitseffekte (JACOBSOHN, Krankencomfort, S. 235 und danach NUTTING-DOCK-KARLL l, S. 272).

In Wien mußte, wer in ein Krankenhaus kam, noch 1912 damit rechnen, im Durchschnitt nach 2 Jahren eine Pneumonieinfektion zu bekommen; berühmt wurde die Untersuchung der Pariser Akademie im Jahre 1777 über die Sterblichkeitsrate im ehrwürdigen Hotel-Dieu der Hauptstadt, eine Dokumentation, die Schock und Umdenken auslöste; vgl. noch Fl. NIGHTINGALE, die in "Notes on Hospitals" (1863, vgl. oben Anm. 2) einräumt: "Es mag sonderbar klingen, wenn man es für das erste Erfordernis hinstellt, daß ein Krankenhaus dem Kranken keinen Schaden zufügt. Dennoch ist es notwendig, dies als Prinzip festzusetzen, weil die faktisch bestehende Sterblichkeit in den Krankenhäusern, besonders in denen der stark bevölkerten Städte, bedeutend höher ist, als sich durch irgendeine Berechnung für diese Krankheitsfälle außerhalb des Hospitals feststellen läßt"; VIRCHOW, in: Archiv für pathologische Anatomie 18 (1S. 305f., konnte übrigens bereits in einer Regensburger Urkunde von 1250 Bewußtsein von der Gefahr der Anstaltsinfekticn bei zu enger Belegung eines Krankenhauses finden, vgl. Ders., Ueber Hospitäler, S. 24-26.

Vgl. die Beschreibungen neu erbauter Krankenanstalten u.a. in der Zeitschrift "Ergebnisse und Fortschritte des Krankenhauswesens. Jahrbuch für Bau, Einrichtung und Betrieb von Krankenanstalten (Krankenhaus Jahrbuch)" 1,1912-3,1920, insbesondere über die Lungenheilstätten, bei denen besonderer Wert auf die Erziehung der aus der Arbeiterschaft kommenden Patienten zu allgemeiner Hygiene gelegt wurde.

LEISTIKOW, wie Anm. 123, S. 35.

Siehe oben S. 23.

LEISTIKOW, wie Anm. 123, S. 36f., kehrt die Reihenfolge um: "So führte eine Zeit, die einerseits den Beginn einer systematischen Beschäftigung mit der Hospitalgeschichte ... einleitete, gleichzeitig zu einem außerordentlichen Höhepunkt in der Entwicklung des Krankenhausbaues unter dem Einfluß einer selbstbewußten, humanitären Denkweise, die auch die zweifellos vorhandenen Schattenseiten dieser historischen Epoche weithin sichtbar überstrahlt;" man beachte, wie LEISTIKOW die Architekturqeschichte TOLLETs einfach als Hospitalgeschichte überhaupt auffaßt.

Jörn Henning WOLF, Ausstattung und Einrichtung des Krankenhauses in Deutschland 1870-1900, in: SCHADEWALDT, Hans (Red.), (wie Anm. 121), S. 48.

Er sah z.B. ein Problem in einer Überbetonung der hygienischen zum Nachteil der künstlerischen Gesichtspunkte beim Krankenhausbau.

Gemeint ist: Eugene VIOLLET-LE-DUC, Dictionnaire raisonnee de l'Architecture Franyaise du XI6' au XVI6' siede, Paris 1868. 1874-1876; auf dieses Werk stützt sich auch DUNAJ (s. unten S. 41) sehr häufig.

Ablesbar sei er aus Bauplänen, Texten wie z.B. der Benediktinerregel, aus Begriffen wie dem des "Xenodochiums" (DUNAJ S. 9 bzw. 15 bzw. 7).

Vgl. DUNAJ S. 3.5.

Vgl. über die Auswirkungen der "Dezentralisations-Idee" DUNAJ S. 7.

Vgl. DUNAJ S. 10 u.ö.

Vgl. DUNAJ S. 3 u.ö.

Vgl. unten S.

d. «Krankenhausgeschichte» als ausgeprägte Tradition

Vor 1945: Julian Marcuse | Theodor Meyer-Steineg | Karl Baas | Richard Goldhahn |

Nach 1945: Ulrich Craemer | Dankwart Leistikow | Krankenhausgeschichts-Gesellschaften | Dieter Jetter |

α Julian Marcuse

Die erste Abhandlung, die dieser Tradition zuzuordnen ist, war bereits im Zusammenhang mit der bemerkenswerten Zeitschrift zu erwähnen, in welcher sie erschienen ist, nämlich:

Julian MARCUSE
Zur Geschichte der Krankenhäuser. Von Dr. - in Mannheim, 1-2
in: Zeitschrift für Krankenpflege 21 (1899) S. 235-243. 251-263.

Der Begriff, der das Thema angibt, ist bei dieser knappen Darstellung, entsprechend der durch die "Berliner Schule" und die "Zeitschrift für Krankenpflege" eingeführten Sprachregelung, präzise; "Krankenpflegegeschichte" wird nicht mehr mit "Hospitalgeschichte" vermengt, die Geschichten der "Pflegerschaften" fallen aus dem Gesichtskreis heraus. Was MARCUSE klären will, ist die Frage, inwieweit es in früheren Epochen der Geschichte "Krankenhäuser" gegeben habe; diese Frage stellt er an alle älteren "Kulturen", Religionen oder Völker, denn seine These geht darauf hinaus, daß das Krankenhauswesen nicht wesentlich vom Liebesgebot des Christentums hervorgebracht worden sei. Dem entsprechend widmet er dem europäischen Mittelalter nur unbedeutenden Platz in seiner Abhandlung, verglichen mit dem der orientalischen und klassisch-antiken Kulturen. Krankenanstalten, deren Betrieb von Ärzten geleitet wurde, hebt er besonders hervor, selbst wenn seine Einleitungssätze das Krankenhauswesen noch weniger spezifisch auf die Medizin hin definieren, eben weil es ihm ja darum geht, es als eine Errungenschaft und einen "Besitz" fortgeschrittener Kulturen, ob christlich geprägt oder nicht, zu erweisen. Das Interesse an dieser These ergibt sich für ihn aus dem Punkt, den die Geschichte des sozialen Bewußtseins zu seiner Zeit erreicht habe: daßwas bisher religiöse Tugenden gewesen waren, jetzt "in der Kraftfülle der modernen Staatengebilde zum ethischen Bewußtsein des Menschen geworden" sei, welches danach strebe, die "socialen Gegensätze" auszugleichen, in diesem Zusammenhang sei die Geschichte der Krankenhäuser "von hohem Interesse". Auch die Orientierung auf die Baugeschichte hin ist bei MARCUSE zwar zu bemerken (er illustriert seine Abhandlung mit Grundrißzeichnungen und Ausgrabungs-Fotografien), aber noch nicht ausschließliche Richtlinie; gewissermaßen ergibt sich auch eine solche baugeschichtliche Orientierung aus MARCUSES besonderem Interesse von selbst, das ihm die archäologischen Quellen besonders nahelegte und ihn mehr auf "Gründungsnachrichten" (wie es die Forschungstradition später nennt) achten ließals etwa auf Beschreibungen der innergesellschaftlichen Funktion eines Hospitals.

Vgl. oben S. 32.

U.a. über die Ägypter: "Und bei diesem Culturstandpunkt sollen sie der Hospitäler entbehrt haben?" (S. 236); die orientalischen Völker insgesamt "waren ... im Besitz von Krankenhäusern" (S. 239); die Griechen und Römer: "dass beide Völker während der Blüthezeit ihres Bestehens Krankenhäuser nicht gehabt haben (ebda., wird S. 251 bezüglich Sklaven- und Soldaten-Krankenhäuser modifiziert) usw.

Über die christliche Epoche: MARCUSE S. 253-259, d.h. 4 S. Text.

Vgl. unten S.

MARCUSE S. 235.

β Theodor Meyer-Steineg

Daß gerade die Griechen und Römer, deren Kultur in aller sonstigen Hinsicht für die "klassische" galt, dieses Kennzeichen hoher Kultur, als welches man die Krankenhäuser nun betrachtete, nicht besessen haben sollten, mußte alle, die sich nicht mit der christlichen Genese des Krankenhauswesens abfinden wollten, zu besonderen Forschungsanstrengungen anspornen. Eine Spezialabhandlung über dieses Problem ist denn auch mit das erste, was die krankenhausgeschichtliche Forschung der Mediziner vorgelegt hat:

Theodor MEYER-STEINEG
Kranken-Anstalten im griechisch-römischen Altertum
1) (Jenaer medizin-historische Beiträge hg.v. Prof.Dr. Theod. MEYER-STEINEG, 3) Jena: FISCHER, 1912
2) in: Ergebnisse und Fortschritte des Krankenhauswesens. Jahrbuch für Bau, Einrichtung und Betrieb von Krankenanstalten (Krankenhaus Jahrbuch) l (1912) S. 1-27 (wenig abweichend von der Separatausgabe)

In dieser Arbeit des Jenenser Medizinhistorikers, die bis heute das Maßgebende über den speziellen Gegenstand geblieben ist, tritt die Baugeschichte noch mehr gegenüber den anderen möglichen Aspekten hervor als bei MARCUSE.

Dieselbe Zeitschrift die MEYER-STEINEGs Abhandlung abdruckte, behielt auch in ihrem nächsten Jahrgang eine Abteilung "Geschichte" auf den vordersten Seiten bei. Dort behandelte der berühmte Leipziger Medizinhistoriker Karl SUDHOFF den Zeitraum der Krankenhausgeschichte, der sich an den im 1. Jahrgang dargestellten anschließt, bis etwa 1200:

Karl SUDHOFF
Aus der Geschichte des Krankenhauswesens im früheren Mittelalter in Morgenland und Abendland. Skizzen, nach den Quellen gezeichnetin: Ergebnisse und Fortschritte [usw. wie oben] 2 (1913) S. 1-30

SUDHOFF schließt diese Untersuchung ungefähr beim Jahre 1200 ab. Er ist skeptischer als seine Vorgänger bezüglich wirklicher "Krankenhäuser", mit ärztlich geleiteter Therapie, vor diesem Datum. Indem er gegen summarische Aussagen über ganze Kulturen, wie sie MARCUSE versucht hatte, mancherlei Einwendungen vorbringen muß, wendet er sich zugleich als erster einer längeren Reihe medizinhistorischer Forscher einzelnen "großen" Beispielen von Hospitälern zu, um sie als "typisch" und repräsentativ für viele darzustellen. Das Spital beim Pantokrator-Kloster in Byzanz , der Idealplan eines karolingischen Reformklosters aus der St. Galler Stiftsbibliothek stehen jetzt zum erstenmal ganz im Vordergrund.

"Die immer wieder auftauchende Meinung, daß das Krankenhaus eine spezifisch christliche Schöpfung sei, zu widerlegen," nennt MEYER-STEINEG, Vorwort zur Separatausgabe, ausdrücklich als Ziel seiner Abhandlung - wofür er sich Kritik von Franz MEFFERT (vql. S. 109, bei Anm. 343), Krankenwesen, S. 51, Anm. l und ff. zuzieht, nicht jedoch auch noch die von BAAS, Uranfänge, S. 158, was MEFFERT behauptet.

Z.B. SUDHOFF S. 5.

Vgl. unten S. 74 mit Anm. 234. S. 113.

Vgl. unten S. 64-67.

γ Karl Baas

Die Zeitschrift, die MEYER-STEINEGs und SUDHOFFs Beiträge zur Krankenhausgeschichte jeweils am Anfang ihrer beiden Vorkriegsjahrgänge plaziert hatte und den "Fortschritt des Krankenhauswesens" nicht nur als leeres Wort in ihrem Namen führte, erschien nach dem Ersten Weltkrieg nur noch mit einem einzigen Band (3,1919). Die Beschreibungen mustergültiger Neubauten, die stets einen wesentlichen Teil der Bände ausmachten, signalisieren den Umschwung, den der Krieg mit sich brachte: keine warmen Worte mehr über die Hebung des "Krankenkomforts" oder über die künstlerische Gestaltung der Krankenhäuser nach 1918, dafür gründliche Untersuchungen über Möglichkeiten zur "Kostendämpfung im Gesundheitswesen", um es anachronistisch (?) zu bezeichnen. Der Fortschrittsoptimismus, der die Worte der Autoren in den Vorkriegsjahrgängen, sowie der Förderer des Krankenkomforts, der Programmatiker eines "Zeitalters der Therapie", beflügelt hatte, mußte sich anderweitig Bewegungsfreiheit suchen. Man trifft ihn vornehmlich in genau jener Zeitschrift wieder, die nach 1918 zuerst wieder einen Beitrag über Krankenhausgeschichte brachte. Dieses Organ wollte Wortführer für die "Hebung der Volksgesundheit" sein, widmete sich Gegenständen wie den "Volksheilstätten" für Tuberkulöse und deren gesundheitserzieherischer Breitenwirkung oder dem Verbot der Alkoholumsetzung und immer wieder der medizinischen Statistik. Die damit nur ganz grob angedeutete Interessenumschichtung findet sich tatsächlich in der krankenhausgeschichtlichen Literatur wieder, sogar zwischen zwei Beiträgen desselben Autors, deren erster vor und deren anderer nach dem Ersten Weltkrieg erschien:

Karl BAAS
[1:] Uranfänge und Frühgeschichte der Krankenpflege
in: [SUDHOFFs] Archiv für Geschichte der Medizin 8 (1913/1914. ND 1964) S. 146-164
2: Zur Geschichte der Krankenpflege und des Krankenhauswesens vom vom Ausgang der Antike bis zum Aufkommen der Städtefreiheit in Deutschland
in: Sozialhygienische Mitteilungen. Zeitschrift für Gesundheitspolitik und -gesetzgebung. Begr.v.d.Bad.Ges.f.soz.Hygiene 6 (1922) S. 4-13. 42-52.

In dem ersten Beitrag hatte sich BAAS, Professor der Medizin in Karlsruhe, ganz in den Bahnen MARCUSEs und BLOCHs bewegt, die alten Kulturen nach etwaigen Vorkommen von Krankenanstalten, möglichst mit ärztlich geleiteter Therapie, abgesucht und solche als Ausdruck der Vervollkommnung einer Kultur, wie eben gerade in der eigenen erlebt, verstanden. Nur daß er vielleicht etwas großzügiger gedacht und auch die "Naturvölker", ja selbst die Tiere in seine Betrachtung einbezogen hatte, um die Linie wenn schon nicht der Krankenhausgeschichte so zumindest die der Nächstenhilfe noch weiter zurück zu erstrecken als MARCUSE es getan hatte. In seinem anderen Beitrag wechselt BAAS in die Bahnen der kirchlichen Darstellungstradition, wie er gleich durch Angabe seiner Sekundärliteratur ("Quellen") zu erkennen gibt. Was den Inhalt angeht, gibt er die Fixierung auf ärztliche Tätigkeit auf und zeichnet wieder ein großes Bild von den "Pflegerschaften" HAESERS und DIETRICHS. Er verwendet wieder mehr Raum auf das soziale Funktionsfeld der Hospitäler, statt nur auf Gründungen und auf medizinischen Standard zu achten.

BAAS hat übrigens auch eine Menge von Beiträgen zur Geschichte des Gesundheitswesens einzelner südwestdeutscher Städte und Landschaften in den verschiedensten Zeitschriften oder als Monographien veröffentlicht.

Die Grundgedanken der BAAS'schen Darstellung werden deutlicher, wenn man ein etwas später erschienenes Geschichtswerk von dem Karlsruher Arzt Alfons FISCHER, dem Herausgeber der "Sozialhygienischen Mitteilungen", hinzuzieht, bei dem BAAS als Konsulent mitgewirkt hat - auch wenn der Gegenstand dieses Werks die Krankenhausgeschichte nur neben anderem miteinschließt, scheint es für die Methodengeschichte der medizinhistorischen Krankenhausforschung eine erhebliche Rolle gespielt zu haben; gemeint ist:

Alfons FISCHER
Geschichte des deutschen Gesundheitswesens. Von Dr. med. -, Karlsruhe i. B. Bearbeitet im Auftrage und mit Förderung des Reichsgesundheitsamtes. Hg. v. der Arbeitsgemeinschaft sozialhygienischer Reichsfachverbände
1: Vom Gesundheitswesen der alten Deutschen zur Zeit ihres Anschlusses an die Weltkultur bis zum Preußischen Medicinaledikt (Die ersten 17 Jahrhunderte unserer Zeitrechnung)
2: Von den Anfängen der hygienischen Ortsbeschreibungen bis zur Gründung des Reichsgesundheitsamtes (Das 18. und 19. Jahrhundert
Berlin:Herbis/Reichsdruckerei, 1933

Auch diese Geschichtsdarstellung entstand ursprünglich als Nebenprodukt eines systematischen Handbuches, vergleichbar den ersten Krankenhausgeschichten, die Bauprogrammen beigegeben waren. Dann wurde sie als Auftragsarbeit für die zuständige oberste Reichsbehörde zuendegeführt - diesem Auftrag sowie der Anwendungsorientiertheit der Disziplin Sozialhygiene überhaupt entstammt FISCHERs erklärte Absicht, die Geschichtsforschung als Hilfswissenschaft zu betreiben, die "wie Bakteriologie, Vererbungsbiologie etc." der Sozialhygiene nützen soll. Da er es für möglich hält, aus der Untersuchung der Geschichte (vor allem aus dem Vergleich von Kulturen) Voraussagen über die Zukunft abzuleiten, scheint ihm Geschichte als Hilfswissenschaft tatsächlich möglich und vernünftig. Mit dieser kühnen Zielsetzung erscheint FISCHER als das Vorbild der späteren Krankenhausgeschichtsdarsteller in Deutschland. Übrigens auch mit einer entsprechend geringen Familiarität gegenüber der Quellengrundlage seiner Arbeit

Im Hinblick auf BAAS' vorhin erwähnte Krankenhausge-schichtsdarstellungen, die mit ihrer Berücksichtigung der Pflegergemeinschaften von dem medizinhistorischen Muster zum Teil abwichen, wird FISCHERs Verhältnis zur Medizinge- schichtsschreibung interessant. -Es ist ein distanziertes Verhältnis: Er distanziert sich von den Medizinhistorikern, wenn er seiner Forschung als Ziel außer "Sichtung und Deutung" auch "Fruchtbarmachung" setzt. Er distanziert seinen Gegenstandsbereich von dem der Medizinhistorie, indem er seinem die Gesamtheit der Gesundheitsfaktoren, jenem bloß die technischen Methoden der Therapie zuordnet. Und wo er das mittelalterliche Mönchtum behandelt, distanziert er sich von dem skeptischen Urteil der Medizingeschichtsschreibung über deren nicht-ärztlichen Kurbetrieb: "Darauf kommt es nicht an;" FISCHER kommt es dagegen auf die hygienische Erziehung der breiten Volksmasse an, und da schätzt er die Mönche wegen ihrer in vielen Punkten vernünftig geregelten Lebensweise, besonders noch wegen ihrer Sorge um die Kranken, als vorbildlich ein. Von daher kommt vermutlich auch die bei Medizinern sonst ungewöhnliche Aufmerksamkeit für die Hospitalbrüder und -Schwestern des Mittelalters, die BAAS in seinem zweiten Aufsatz gezeigt hat.

Von heute aus gesehen, blieb diese Modifizierung des krankenhausgeschichichtlichen Paradigmas aber schließlich nur eine kurze Episode in den Zwanziger Jahren.

Vgl. oben S. 35f.

Vgl. oben S. 40, Anm. 131.

Nur nebenbei bemerkt, bieten die statistischen und sonstigen Beiträge in den Nachkriegsjahrgängen dieser Zeitschrift, wenn auch in trockenen Zahlen und Diagnosebezeichnungen, ein aussagekräftiges Quellenmaterial über die Lebensbedingungen der meisten Leute damals,

Letzteres nach dem Vorgang NUTTING-DOCK-KARLL l, Kap. l (ersch.1910).

Um damit UHLHORNS vielzitiertes "Eine Welt ohne Liebe" zu widerlegen; daß BAAS S. 159 UHLHORN in diesem Punkt zugestimmt und MEYER-STEINEG sowie SUDHOPF bezüglich vorchristlicher Krankenhäuser grundsätzlich widersprochen hätte, ist eine blanke Verdrehung MEFFERTS (Caritas und Krankenwesen S. 51, Anm. l).

Als seine "Quellen" nennt BAAS 2, S. 4, Anm. 1, die unten Kap. 1.4.1, S. 97.92.108 besprochenen Werke von UHLHORN, RATZINGER, LALLEMAND sowie HAESER (s. oben S. 22)

1873-19.., Gründer dee ersten deutschen Mutterschaftskasse 1909, der Badischen Gesellschaft für soziale Hygiene 1916, Hg. der "Sozialhygienischen Mitteilungen (Jg. 1-4: für Baden)" 1916, Organisator der 1. kulturhygienischen Ausstellung 1925.

FISCHER berichtet Bd. 1, S. VII f., er habe fast jede Einzelheit des 1. Bandes mit BAAS besprochen, in bezug auf die Allgemeine Geschichte habe der Leiter des Bad. Münzkabinetts, Prof. Roller, sein Werk geprüft, beim Lesen "und Deuten" der Hss. habe dieser und Altphilologe Dr. Reinfried geholfen.

Das Fehlen einer Geschichte seines Fachs bemerkte FISCHER, als er die Einleitung zu seinem "Grundriß der Sozialen Hygiene" (1schreiben wollte (FISCHER, Gesundheitswesen l, S. 5).

Als Grund dafür, daß es möglich sei, in der Geschichte Gesetzmässigkeiten zu finden, führt FISCHER an, daß die Triebe der Menschen, die befriedigt werden wollten, immer dieselben blieben (Gesundheitswesen l, S. V und S. 1-3); vgl. noch oben Anm. 114 zum Bildgebrauch.

Vgl. CRAEMER, Bautyp (1963), S. 7; vor allem aber JETTER, Grundzüge (1973), S. VHf. und 4. Umschlagseite; vgl. hier unten S. 58f.

FISCHER berichtet Gesundheitswesen l, S. V, wie ihm bei der Arbeit das "Finderglück hold" gewesen sei und gibt einige Beispiele von Funden, die er für bedeutend hielt, einen Traktat über Gesundheit von 1573 hielt er sogar für dermaßen epochemachend, daß er ihn "in den Mittelpunkt des l. Bandes" stellt - vgl. nun damit JETTER

FISCHER, Gesundheitswesen l, S. l (nennt z.B. SUDHOFF).

Ebda. S. 3.

Ebda. S. 57.

δ Richard Goldhahn

In der Zeit von 1933 bis 1945 erschienen einige bewußt unterhaltsame kulturgeschichtliche "Skizzen" über das frühere Krankenhauswesen, die im wesentlichen auf FISCHER, SUDHOFF und BOETHKE fußen, ohne eigene Forschungen zu unternehmen

Auch wenn neben dem Artikel über "Mittelalterliche Krankenhäuser" in derselben Nummer der "Medizinischen Welt" 1935 z.B. eine bei Ferd. Enke in Stuttgart neu herauskommende "Zeitschrift für Rassenkunde" empfohlen wird, oder et- wa ein Artikel über Krebsfragen mit dem Bekenntnis meint anheben zu müssen: "Die Grundlage erfolgreicher ärztlicher Tätigkeit ist das naturgemäße biologische Denken", ist dieser Artikel über die mittelalterliche Krankenhausgeschichte selbst eine so unauffällige Fortsetzung des um die Jahrhundertwende aus Baugeschichte und "wissenschaftlicher Krankenpflege" herausgewachsenen Darstellungsmusters, wie nur möglich:

Richard GOLDHAHN
[Geschichte der Medizin.] Mittelalterliche Krankenhäuser. Dr. -, Leipzig
in: Die medizinische Welt 9 [,1l] ( [l6.3.]1935) S. 392-395

Dasselbe gilt für die Darstellung des Themas in weiterem Rahmen, die derselbe Verfasser 1933 in der "Zeitschrift für die Schwestern vom Deutschen Roten Kreuz" "auch separat , und, weiter ausgearbeitet, 1940 herausbrachte. Das Buch sei für die "mühsam dem Tagewerk abgerungenen Mußestunden" der Standesgenossen gemacht, um "den Blick für das innere Gefüge einer Berufsgruppe oder eines Standes" zu weiten; etwas direkt Verwertbares sei davon nicht zu erwarten; auch seien Wissenschaftlichkeit und Vollständigkeit für den Zweck "verfehlt"; es soll nur "die der eigenen Tagesarbeit entsprechende Beschäftigung der Standesgenossen früherer Jahrhunderte in farbenfrohen Einzelbildern wieder lebendig werden":

Richard GOLDHAHN
Spital und Arzt von einst bis jetzt. Von Dr.med. -. Mit 40 Abb.
Stuttgart: Ferdinand Enke, 1940 (188 S.)

Wie es diese Formulierungen andeuten, behandelt GOLDHAHN die Hospitalgeschichte völlig unter dem Gesichtspunkt der Ärztetätigkeit, diese Einengung geht bei ihm für selbstverständlich und keiner Begründung mehr bedürfend. Auch darin stärkt er die krankenhausgeschichtliche Darstellungtradi-' tion, daß er den sog. St. Galler Klosterplan optisch und inhaltlich, als die Schlüssel-Quelle zum ganzen Hospitalwesen des Mittelalters, absolut in den Vordergrund stellt und im übrigen unter der Überschrift "Mittelalterliche Krankenhäuser" hauptsächlich Baubeschreibungen gibt. Auch darin hat er in der Krankenhausgeschichtsschreibung Nachfolger gefunden (die Früheren v/aren hier immerhin noch genauer), daß er Ausdrücke wie "über etwas berichten", "Nachrichten über" etwas "mitteilen" u.a. unterschiedslos nicht nur für Aussagen von Quellen, sondern auch für Schlußfolgerungen der Forschung verwendet, so als "berichte" ein Kliniker als quasi Primärquelle über Beobachtungen an Kranken.

"Spital und Arzt von einst bis jetzt" enthält, wenn schon keine Einzelbelege zum Text, doch immerhin ein fülliges Literaturverzeichnis, in dem auch andere Forschungsansätze zur Hospitalgeschichte neben dem medizinischen berücksichtigt worden sind (ohne daß solche Ansätze im Text zur Geltung kommen), und ist auch im Detail die sorgfältigere und zuverlässigere von den beiden Arbeiten GOLDHAHNs.

Selbst die Benediktinerregel zitiert er in FISCHERS Übersetzung (Mittelalterliche Krankenhäuser S. 394).

"Verschiedenes", in: Die medizinische Welt 9 (1S. 396.

Hans AULER, Beiträge zum Gewächsproblem, in: Die medizinische Welt 9 (1He. 11. S. 361.

Zit. nach GOLDHAHN, Spital und Arzt; war mir bisher nicht zugänglich,

GOLDHAHN, Spital und Arzt, S. V.

ε Ulrich Craemer

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die krankenhausgeschichtliche Darstellungstradition in Deutschland ihre nächste Fortsetzung in den Arbeiten von Dieter JETTER fand, waren wiederum einige speziell baugeschichtliche Untersuchungen vorangegangen, an die jene sich anschließen konnte, so daß ein ähnliches Verhältnis zustandekam wie etwa zwischen den Arbeiten SUDHOFF s einerseits und DUNAJs, TOLLETs andererseits .

Insbesondere die eigentümliche Methode in einer der architekturgeschichtlichen Abhandlungen, den Stoff zu ordnen und den geschichtlichen Zusammenhang zu erklären, setzte sich in der medizinischen Krankenhausgeschichte durch. Es handelt sich dabei um das Verfahren, das der Architekt Ulrich CRAEMER zuerst in seiner Arbeit von 1954 angewandt hat:

Ulrich CRAEMER
Das Hospital im Mittelalter
in: Das Krankenhaus. Zeitschrift für das gesamte Krankenhauswesen 46[,8.10.1l] (1954) S. 261-267. 388-392. 429-435.

Ihm geht es darum, die Baugeschichte der Hospitäler "in Verbindung mit der Geschichte des Hospitalwesens" zu demonstrieren, das bedeutet: im Zusammenhang mit den sozialen Aspekten der Hospitalgeschichte. CRAEMER geht davon aus, daß "das Hospital" im Lauf der Zeit sowohl hin sichtlich der Architektur als auch hinsichtlich der sozialen Zusammenhänge sich in verschiedenen "Typen" ausgeprägt habe. Weiter rechnet er damit, daß zwischen der jeweiligen Ausprägung in einem "Bautyp" und der gleichzeitigen in einem Sozialfunktionstyp ein Ursachenzusammenhang bestehe. Seinem Ziel, den Zusammenhang beider Aspekte zu schildern, wird er dann jedoch wenig gerecht; denn während er die baulichen Typen alle ausführlich bespricht, nimmt er, um nun auch in sozialer Hinsicht verschiedene Typen zu unterscheiden, bloß eine Einteilung der Gründer der Hospitäler nach sozialer Stellung vor und verfolgt diese Seite weiter nicht. Ob nun die ausschließliche Konzentration auf die Gründer der Hospitäler einfach davon kommt, daß den Architekturhistoriker die Bauherren am meisten interessieren, weniger die späteren Bewohner, oder ob es eine Nachwirkung ähnlicher Tendenzen in der älteren Krankenhausgeschichtsschreibung ist, wo vor allem MARCUSE die Frage untersucht hat, auf welchem Kultur- und Gesellschafts-"Standpunkt" Menschen sich Hospitäler schaffen - jedenfalls ist gerade diese fragmentarische Durchführung eines viel- versprechenden Vorhabens Craemers (Baugeschichte im Zusammenhang mit der sozialen Geschichte zu schildern) genau so unbefriedigend auch in die medizinische Krankenhausgeschichtsschreibung übernommen worden.

Eine neubearbeitete Fassung seiner Arbeit legte Craemer 1963 als Buch vor:

Ulrich CRAEMER
Das Hospital als Bautyp des Mittelalters
Köln: Kohlhammer, 1963 (4º, 104 S., 54 Abb.)

Den Begriff des "Bautyps" läßt er nun nicht mehr allein auf die einzelnen Entwicklungsstadien der Baugeschichte sich erstrecken, sondern auch auf "das Hospital" des Mittelalters schlechthin. In diesem letzteren Fall denkt er an Hospitalbauten als einen Bautyp neben anderen wie Kirchen, Kloster- u.a. Bauten. Die nicht-bauliche, soziale Seite behandelt er 1963 nicht wesentlich anders als früher. Dessenungeachtet empfiehlt er noch besonders. - nun .im umfassenderen Sinn - "Bautypen" zu studieren, weil das den notwendigen Zusammenhang zwischen Zweck und Form lehre, was allgemein eine für Architekten höchst wichtige Einsicht sei

Vgl. hierzu oben S. 41f. über DUNAJS Konstruktion "Der Hospitalgedanke"; diesen Ausdruck gebraucht auch CRAEMER oft, z.B. S. 9; dazu, daß CRAEMER überhaupt bis in viele Formulierungen und Einzelangaben hinein, -DüNAJ folgt, vg] . Z..B. unten S. 62, Anm. 188.

CRAEMER, Hospital im Mittelalter, S. 261.

CRAEMER, Hospital als Bautyp, S. 7f.

ζ Dankwart Leistikow

Ein weiteres, nur wenig später erschienenes Werk über die mittelalterliche Hospitalarchitektur geht bis in die 40-er Jahre zurück, denn damals begann der Kunsthistoriker H.M. SCHWARZ im Auftrag der Arzneimittelfirma Boehringer (Ingel-heim am Rhein), Fotografien erhalten gebliebener alter Hospitäler in verschiedenen Ländern Europas zu sammeln. Diese Sammlung vervollständigte nun der Architekt Dankwart LEISTIKOW, so daß beinahe alle Länder des Kontinents mit Ausnahme derer im "Ostblock" darin vertreten sind. LEISTIKOW verfaßte zu diesen Bildern je einen speziellen Erläuterungstext unter dem baugeschichtlichen Aspekt und ausschließlich aufgrund bereits vorliegender Literatur, sowie eine knappe Einleitung zur Geschichte der Hospitäler, vor allem der Bauten, im allgemeinen. Dieses Werk gab die Firma Boehringer nicht nur auf deutsch, sondern auch noch in einer englischen und einer französischen Übersetzung heraus:

Dankwart LEISTIKOW
Hospitalbauten in Europa aus zehn Jahrhunderten. Ein Beitrag zur Geschichte des Krankenhausbaues
Ingelheim (Rhein): Boehringer, 1967

Ders.; Oliver HILL; Amy HOGG (Überss.)
Ten Centuries of European Hospital Architecture. A Contribution to the History of Hospital Architecture
Ebda. 1967

Ders.
Dix siecles d'architecture hospitaliere en Europe

LEISTIKOW, Hospitalbauten, S. 5; Robert HERRLINGER, Discorso ufficiale, in: Atti del Primo Congresso Europeo di storia ospitaliera 6-12 giugno 1960 (wie unten S. ) S. LXIVy JETTER, Geschichte des Hospitals 4, S. 117.

Die französische Ausgabe habe ich nicht selbst in Händen gehabt.

η Krankenhausgeschichts-Gesellschaften

Um 1960 wurden in mehreren europäischen Ländern Gesellschaften zum Studium der Krankenhausgeschichte gegründet; indem diese Fachzeitschriften herausgeben und Tagungen veranstalten, haben sie seither zu erheblicher Ausdehnung der medizinhistorischen Forschungstradition auf diesem Gegenstandsfeld beigetragen.

Als erste derartige Gesellschaft wurde 1956 das Centro Italiano di Storia Ospitaliera, Sitz: Reggio nell'Emilia, gegründet. Es hat seine Aktivität neuerdings anscheinend eingestellt. 1957 und 1961 veranstaltete es italienische Kongresse über Geschichte von Hospitälern deren Beiträge gedruckt worden sind

Angeregt durch den ersten italienischen Kongreß, schlössen sich auch französische Fachleute zu einer gleichartigen Gesellschaft unter dem Namen "Societe Francaise d'Histoire des Höpitaux" zusammen. (1958).

In Belgien wurde die "Societe Beige d'Histoire des Hôpitaux - Belgische Vereniging voor Hospitaalgeschiedenis" gegründet. In Frankreich und in Belgien sind neben den Medizinhistorikern und Krankenhausfunktionären auch Archivare in den Gesellschaften für Krankenhausgeschichte vertreten, besonders solche, die die reichen Archive seit dem Mittelalter bestehender Wohltätigkeits- und Krankenversorgungsstiftungen verwalten, und vielleicht ist das der Grund dafür, daß in den Veröffentlichungen dieser beiden Gesellschaften mittelalterliche Stoffe und schriftliche Geschichts-quellen einen selbstverständlicheren Platz haben als in denjenigen der entsprechenden westdeutschen Gesellschaft:

Die "Deutsche Gesellschaft für Krankenhausgeschichte" wurde 1962 gegründet. Sie veranstaltet wissenschaftliche Kolloquien über Themen der Krankenhausgeschichte seit dem 19. Jahrhundert, die dabei vorgetragenen Beiträge werden nachher durch den Druck veröffentlicht

Die von diesen Gesellschaften herausgegebenen Zeitschriften bieten eine große Menge von Spezialabhandlungen zu meist eng begrenzten Themen. Außerdem Literaturberichte, wobei besonders die regelmäßige "Bibliographie d'histoire des hopitaux" in der französischen Zeitschrift hervorragt. Auch wenn ihr Inhalt von Land zu Land, und von Fall zu Fall, mehr oder weniger zu der typischen Forschungstradition der Krankenhausgeschichte gerechnet werden muß, seien hier die Titel der Zeitschriften im Zusammenhang genannt:

Studi di Storia Ospitaliera
Firenze: Centro Italiano di Storia Ospitaliera
l,1963-3,1968

Bulletin de la Societe Francaise d'Histoire des Hopitaux
Paris: Editions de la Revue de l'Assistance publique ä Paris
1,1959-25,1970
fortgesetzt unter dem Titel:
Societe Francaise d'Histoire des Hopitaux
Bulletin Paris: Association des amis de l'Assistance publique ä Paris
26,1971-, ISSN 0583-8517

Annales de la Societe Beige d'Histoire des Hopitaux - Annalen van de Belgische Vereniging voor Hospitaalgeschiedenis
Bruxelles - Brüssel: S.B.H.H.-B.V.v.H.G.
l, -20,1982 usw.

Historia Hospitalium. Mitteilungen [ab 9,1974: Zeitschrift] der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte
o.O.: DGfK
l,1966 März-14,1981-1982 usw. ISSN 0440-9043

Ein glänzender Höhepunkt dieser Bemühungen um eine Organisierung der Hospitalgeschichtsforschungen muß der internationale Kongreß gewesen sein, zu dem 1960 das italienische Forschungszentrum nach Reggio Emilia einlud. Die Zahl der Referate betrug 142, und die Gelehrten, die dabei ihre Arbeiten vorstellten, vertraten nahezu alle Länder Europas und Nordafrikas. Der Band mit den gedruckten "Atti" gehört zur Schwergewichtsklasse:

Atti del Primo Congresso Europeo di Storia Ospitaliera. 6-12 Giugno 1960
Reggio Emilia: CISO, 1962 (1445 S., Gewicht: 2,995 kg)

Der größte Teil dieser zahlreichen Beiträge hat gleichwohl italienische Mediziner und Juristen zu Verfassern; diese Studien teilen kirchliche Standpunkte in einem Maß, daß sie aus der Perspektive der deutschen Forschung am ehesten unter die kirchengeschichtlichen Ansätze fallen. Ein Einfluß dieser auf dem internationalen Kongreß so reichlich vertretenen italienischen Forschungsrichtungen auf die Krankenhausgeschichtsschreibung in Deutschland ist aber nicht zu bemerken, so sehr man auch erwarten möchte, daß eine Zusammenkunft von der Größe dieses Kongresses auf die alten Forschungstraditionen, die die Teilnehmer aus den einzelnen Ländern mitbringen, auflösend und vermischend wirken würde.

Atti del Primo Congresso Italiano di Storia Ospitaliera. Reggio Emilia 14-17 Giugno 1956, Ebda.: CISO, 1957; Atti del Secondo Congresso Italiano di Storia Ospitaliera. Torino-St.Vincent 7-9 Giugno 1961. Tema Generale: L'assistenza Ospitaliera nell'eta del Risorgi-mento, Reggio Emilia: CISO, 1962. (837 bzw. 681 S.)

Symposium 23.-24.2.1972 Berlin siehe: Hans SCHADEWALDT (Red.), Studien zur Krankenhausgeschichte im 19. Jahrhundert im Hinblick auf die Entwicklung in Deutschland. Vorträge des Symposiums ... Mit Beiträgen von Ch.Coury+,H.GOERKE,R.G.Hodgkinson,D.JETTER,0.Larsen, D.LEISTIKOW,H.Müller-Dietz,A.H.MURKEN,L.Premuda,M.Stürzbecher,M.Wiriot, J.H.WOLF (Studien zur Medizingeschichte im Neunzehnten Jahrhundert, 7) Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1976 (vgl. Anm. 81.121.123.126.130). Symposium 24-26.10.1973 Kaiserswerth über "Krankenpflege im 19. Jahrhundert" (Historia Hospitalium 8,1973,S.67-71) noch nicht erschienen.

Daher ist von diesem Kongreß noch äher unten S. zu handeln.

θ Dieter Jetter

Einer der Teilnehmer am Kongreß von Reggio Emilia 1960 aus der Bundesrepublik war Dieter JETTER, der seither der aktivste Fortsetzer der deutschen krankenhausgeschichtlichen Forschungstradition geworden ist.

JETTER referierte beim Kongreß von 1960 über "Hospitäler mit kreuzförmigem Grundriß". Im selben Jahre veröffentlichte er bereits einen Aufsatz über die Gebäude spanischer Hospitäler. Dann behandelte er, zwei Jahre später, ein einzelnes spanisches Hospital "als typische Stiftung seiner Zeit". 1966 legte er eine "Typologie" der französischen und der deutschen Irrenhäuser an der Wende zur neueren Psychiatrie vor

Die baugeschichtliche Perspektive war damit von vornherein festgelegt - und zwar in einer der CRAEMERschen ähnlichen Terminologie: also so, daß Baugestalt und Institutionsgestalt "des" Hospitals auf seinen verschiedenen Entwicklungsstufen vermittels des "(Bau-)Typen"-Begriffs zusammenhingen, als JETTER 1966 eine vielbändige, bisher noch nicht abgeschlossene Geschichte "des Hospitals" zu schreiben begann:

Dieter JETTER
Geschichte des Hospitals
l: Westdeutschland von den Anfängen bis 1850 (271 S.) (= SUDHOFFs Archiv. Beihefte, 5)
2: Zur Typologie des Irrenhauses in Frankreich und Deutschland (1780-1840) (= Habil.-Schrift med. Heidelberg 1966)(303 Bl.)
3: Nordamerika (1600-1776) (Kolonialzeit) (134 S.)
4: Spanien von den Anfängen bis um 1500 (239 S.)
5: Wien von den Anfängen bis um 1900 (160 S.)
Wiesbaden: Steiner, 1966.1971.1972.1980.1982

Die bauten-typologische Perspektive prägt auch die Bände dieses Sammelwerks; und daneben ist der auf das ärztliche Handeln konzentrierte Blickwinkel bestimmend, der das andere charakteristische Element der "Krankenhausgeschichte" ausmacht.

Das gleiche gilt für die Übersicht JETTERs über die gesamte Hospitalgeschichte ohne räumliche oder zeitliche Einschränkung:

Dieter JETTER
Grundzuge der Hospitalgeschichte
(= Grundzuge, 22)
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1973 (135 S.)

Auf diesem Gerüst der traditionell medizinhistorischen Krankenhausgeschichte versucht JETTER, die Zusammenhänge von Bauformen und jeweils gleichzeitigen sozialen Verhältnissen der Hospitäler, dann auch die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Entwicklungsstadien "des" Hospitals nach seinen beiden Aspekten hin zu demonstrieren. Craemer, der zuerst im Singular von einer geschlossenen Entwicklung "des" Hospitals gesprochen hatte, wird von JETTER noch übertroffen, indem dieser von "gesetzmäßiger" Entwicklung spricht.

JETTER versucht, sogar noch einen Schritt weiter zu gehen und die Gültigkeit der zu findenden "Entwicklungsgesetze" bis in die Zukunft sich erstrecken zu lassen, so daß die Ergebnisse der Hospitalgeschichtsforschung geradezu Grundlage für Bestrebungen zur Reform der heutigen Krankenhäuser bilden könnten. "Reform der Krankenhäuser" tritt damit an den Platz, den zu Anfang der medizinhistorischen Krankenhausforschung die enorme Neubauwelle des ausgehenden 19. Jahrhunderts und denn zwischen den Weltkriegen das möglichst breite "sozialhygienische" Wirken mit möglichst wenig Geld eingenommen hatten, es ist nun das Stichwort, das den historischen Bemühungen die den Aufwand rechtfertigende Tagesaktualität verschaffen soll.

Der sozialen Seite des historischen Hospitalwesens in seinen verschiedenen "Typen" widmet die Medizinhistorik allerdings auch jetzt, seit ihre hospitalgeschichtliche Forschung von JETTER fortgesetzt wird, keine besondern Untersuchungen. Man bleibt standhaft bei der vor Jahrzehnten einmal getroffenen Wahl, außer der Geschichte der eigenen Wissenschaft nur die des Bauens zu betrachten. Und da die Fächer, die sich sonst mit Geschichte von Hospitälern, und stärker mit deren sozialen Funktionen, beschäftigt haben, andererseits auch noch kein endgültiges Totalergebnis herstellen konnten, auf das die Medizin- und Architekturhistoriker etwa nur verweisen brauchten, um ihre eigenen Untersuchungen zu komplettieren, stehen die Entwicklungsgesetze JETTERs nur auf einem Bein. Selbst wenn es sich nur um die Architekturgeschichte handeln würde, kritisiert ja Craemer das als ungenügend und "Formalismus", wenn die Baugestalt ohne Einsicht in den Zweck und die sozialen Beziehungen des Gebäudes betrachtet wird. Die Medizingeschichte i.e.S. kann allein auch nicht eine Beschreibung von Hospitalgebäuden zu einer Geschichte des Hospitalwesens komplettieren, dazu spielte offenbar Medizin eine zu wenig zentrale Rolle im historischen Hospitalwesen. JETTER versucht auch kaum, auf diesem Gebiet zusätzliche Fakten ans Licht zu holen, jedenfalls nicht für das Mittelalter. Er formuliert dann auch in seinen jüngsten Arbeiten die Zielsetzung vorsichtiger, mehr positivistisch und kaum noch dahingehend, daß zukunftsnützliche Entwicklungsgesetze gefunden werden sollten.

Dieter JETTER, Hospitäler mit kreuzförmigem Grundriß, in: Atti del Primo Congresso Europeo (wie oben) S. 639-645. Im selben Jahr erschien von Dems.: Daa Mailänder Ospedale Maggiore und der kreuzförmige Grundriß, in: SUDHOFFs Archiv 44 (1S. 64-75.

Dieter JETTER, Hospitalgebäude in Spanien, in: SUDHOFFs Archiv 44.3 (1960).

Dieter JETTER, Das Hospital Real de Dementes in Granada als typische Stiftung seiner Zeit, in: Das Krankenhaus (vgl. S. 52) 54,6 (1962).

Später als Band 2 der "Geschichte des Hospitals" erschienen, siehe unter diesem Titel S. 57.

JETTER bezeichnet im Vorwort zu "Geschichte des Hospitals", Bd. l, S. VI, sein Vorhaben dahingehend, er wolle versuchen "Hospitäler zu typologisch abgrenzbaren Gruppen zu ordnen und innerhalb dieser Entwicklungslinien kenntlich zu machen".

"Hospital" bezeichnet in sämtlichen Arbeiten JETTERS regelmäßig ein Gebäude eines solchen; demgemäß denkt er sich "die Gestalt" von Hospitälern, hier: des Heilig-Geist-Ordens, als aus Quellen über die Bautätigkeit dieses Ordens erkennbar (Geschichte des Hospitals l, 1966, S. 20) - vgl. dagegen den Sprachgebrauch beispielsweise des Rechtshistorikers Siegfried REICKE (vgl. unten S.123), nachdem die rechtliche Entwicklung der Institution die "Gestalt" des Hospitals ausmache (Das deutsche Spital l, 1932, Titel. S. I. VII).

Vgl. Geschichte des Hospitals l (1S. 10: "... Auf weitere Kanoniker- oder Kanonissenspitäler einzugehen, erübrigt sich; denn ... Auf medizinische und ärztliche Fragen erhält man keine Antwort, obwohl es sich bei all diesen Objekten um teilweise sehr wichtige Wegbereiter großer kommunaler Spitäler und späterer Krankenhäuser gehandelt haben muß"; und ebenda S. 34: "Es wäre verlockend, an weiteren Beispielen das Wachsen solcher bürgerlicher Spitäler zu verfolgen... Da jedoch das bürgerliche Pfründnerhaus nur in seinen schwer faßbaren Anfängen medizinhistorisch wichtig ist, um nach langer Pause erst im 19. Jahrhundert zum Kristallisationspunkt heutiger Krankenhäuser zu werden, sei die Betrachtung hier abgebrochen" sowie weitere ähnliche Begründungen für Stoffbeschränkungen, in denen das medizinhistorische bzw. ärztliche Interesse mit dem Interesse überhaupt gleichgesetzt wird, das irgend jemand an der Geschichte der Hospitäler haben könnte.

Vergleiche zum Beispiel JETTER, Grundzüge der Hospitalgeschichte (1073) S. VII: "Die überlieferten Mißstände [des Krankenhauswesens] zu überwinden ..., kann ... nur gelingen, wenn die morschen Institutionsbruchstücke längst vergangener Gesellschaftsordnungen im heutigen Krankenhaus erkennbar gemacht werden"; dazu noch Ders., Geschichte des Hospitals 4 (1980) Umschlags. 4: Die Bände dieses Werks "wollen die Gesetzlichkeiten aufzeigen, nach denen die Behandlungsstätten entstanden"; ferner Ders., Grundzüge der Hospitalgeschichte, S. VIII: "Man lasse sich durch die zahllosen Namen, Jahreszahlen und Orte nicht irritieren. Sie haben nur sekundäre Bedeutung und dienen der Markierung grunsätzlicher Gesetzlichkeiten, die im Blick auf die Zukunft zu durchdenken sind, obwohl sie von scheinbar [!] längst Vergangenem handeln", - die dieser Zielsetzung zugrundeliegende "Überzeugung von der Nützlichkeit der Medizingeschichte für die Gegenwart" fand Beifall innerhalb der Disziplin, vergleiche die Rezension über "Grundzüge der Hospitalgeschichte" von G. HARIG, in: HTM. Zeitschrift für die Geschichte der Naturwissenschaften, der Technik und der Medizin 12 (1975) S. 120; in der allgemeinhistorischen Literatur (zum Beispiel HZ, DA-Rezensionsteil) wurde davon keine Notiz genommen; umgekehrt verursachte dieser Anspruch heftige Kritik JETTERs an einer Lokalsrudie zu mittelalterlichem Hospitalwesen mit allgeimeinhistorischem Ansatz (W. Haug, Das St.-Katharinen-Hospital der Reichsstadt Esslingen. Geschichte, Organisation und Bedeutung, Esslingen 1965), in: Historia Hospitalium 3 (1967) S. 18 f.: "Das heute so brennende Problem, wie sich aus unseren Hospitälern für ALte und Arme die jetzigen Krankenhäuser, und damit ärztliche Behandlungsstätten bildeten, gerade diese für unsere Gegenwart so grundlegenden Vorgänge des 19. Jahrhunderts, werden überhaupt nicht behandelt ... ist wenig geeignet, die jetzt wirksamen historischen Komponenten unserer gegenwärtigen Situation verständlich zu machen."

Gebührende Beachtung der sozialen Seite stellt JETTER zwar, zum Beispiel Grundzüge der Hospitalgeschichte (1073) S. VIII, in Aussicht: "Hier sollte das Hospital als Institution sich wandelnder Ordnungsprinzipien der Gesellschaft in den Vordergrund gerückt werden" und, inhaltlioch konkretisiert: "Die Geschichte der Hospitäler ist fast immer die Geschichte der Armen gewesen", und dieses Programm zusammen mit der daraus zu erschließenden Nützlichkeit der Medizingeschichte für die Gegenwart gibt Anlaß zur zustimmenden Kritik zum Beispiel HARIGS (siehe Anm. 183), S. 120f.; auch postuliert JETTER, bereits innerhalb der Baugeschichte nicht nur Stile und Formen, sondern zum Beispiel (Geschichte des Hospitals 4, 1980, S. 121) auch "stinkende Krankensäle und gefährliche Abortanlagen" in den Mittelpunkt zu stellen - doch diese Ansätze werden dann nicht entfaltet, bloß die Klassifizierung, Anordnung der einzelnen Gebäude wird nach sozialem Kriterium vorgenommen, nämlich nach der Standeszugehörigkeit der Hospitalgründer und -bauherren (vgl. Geschichte des Hospitals l, 1966, Inhaltsübersicht; Ebda 4, 1980, S. 68f.), neuerdings treten die ethnische oder religiöse Zugehörigkeit der Gründer an diese Stelle: Geschichte des Hospitals 4, Inhaltsübersicht; die Geschichte keines Hospitals wir"! über die Gründung bzw. Fertigstellung des Gebäudes hinaus weiter verfolgt, die soziale Geschichte ist mit der Einteilung der Bauherren schon ausgeschöpft, also immer noch der Baugeschichte untergeordnet, ihrem Inhalt nach eine Geschichte der Mächtigen (besonders deutlich in: Grundzüge der Hospitalgeschichte, S. 16-18), weder die Insassen noch das Personal, keiner von denen, die nach der Fertigstellung ein Hospitalgebäude bewohnt haben, hat in dieser "Sozialgeschichte" bei JETTER einen Platz (vgl. Geschichte des Hospitals l, S. 31: "...hier kann nur auf die städtebauliche Auswirkung dieser Entwicklung eingegangen werden" - warum eigentlich?).

Vgl. oben S. 52.

Vgl. die vorläufige Übersicht unten unter Nr. 1.3.2.2, S.7 3-75.

Z.B. charakterisiert er das Ziel seiner Untersuchungen zu den Pilgerhospitälern am Jakobsweg in Spanien (Geschichte des Hospitals 4, 1980, S. 98) so: die Hospitäler eines "Typs", von denen Gründungsjahr und Gründer bekannt sind, zusammenstellen, "um so an Hand einer Denkmalkunde eindeutig fixierte Punkte zu gewinnen und eine Entwicklung zu begreifen, die von politischen und religiösen Kräften bedingt war", aber dies gewissermaßen nur nebenher, um dann noch "durch genaue Formenbeschreibungen zu einer Morphologie, zu einer Lehre von der Baufunktion zu gelangen", sofern es die Architekturquellen ermöglichen; bei der Interpretation des Klosterplans von St. Gallen (vgl. unten S.64-8) ebda. S. 122 formuliert er das ähnliche Ziel noch vorsichtiger: es sei "nötig, eine Topographie, eine Art von Anatomie des Klosters zu vermitteln, die ihrerseits Ausdruck ganz besonderer Funktionsabläufe des Lebens in der Gemeinschaft ist", dies um den Besucher instandzusetzen, "den benediktinischen Formenschematismus und seine morphologisch-topographischen Normvorstellungen hinter den alten Hallen und dem zerfallenen Gemäuer zu erkennen, nur dann wird er Klosterspitäler selbst finden und erkennen können ... um dann schließlich typisch spanische Normen und Gesetzlichkeiten zu finden"; auch an vielen anderen Stellen in Geschichte des Hospitals 4 (1formuliert JETTER die Zielsetzung seiner Darstellung derart in propädeutischem Sinne: S. 103. 131. 136. 139. 140, vgl. bereits Bd. l (1S. 24. 32.

3. Erträge

Der vorstehende Überblick über die Entwicklung der medizinhistorischen Forschungstradition hat hauptsächlich ergeben, daß diese Arbeiten, eng mit baugeschichtlichen Studien verbunden, sich vor allem auf die Frage konzentriert haben, inwieweit die mittelalterlichen Hospitäler bereits "Krankenhäuser" waren, inwieweit noch nicht -"Krankenhaus" als das für die ärztliche, wissenschaftlichmedizinische Praxis bestimmte Gebäude verstanden, das es wurde, während diese Forschungstradition entstand. Die Antwort, die sie, recht einhellig, erarbeitet hat, ist am besten in einer Folge von Negationen zusammengefaßt:

a. Hospitalgbäude - Krankenhausgebäude

Die Gebäude der mittelalterlichen Hospitäler waren nach ganz anderen Prämissen angelegt als die Gebäude der modernen Krankenhäuser.

Daß dem Begriff "mittelalterliches Hospital" ein ganz spezifischer Gebäude-"Typ" entspreche, hat zuerst DUNAJ ausführlich darzulegen versucht. Seine These, daß in dem ausgegrabenen Hospital (xenodochium) von Porto bei Rom, erbaut 398 in Form rund um das Atrium einer Kirche angeordneter und durch Gänge verbundener Räume, das Urbild nicht allein der mittelalterlichen "Hospitalidee", sondern sogar auch des Klosterbaus vorliege, erschien jedoch zu spärlich belegbar und wird nicht mehr aufrechterhalten Die neueren Forscher äußern sich nur sehr vorsichtig über antike Vorbilder mittelalterlicher Hospitalgebäude und eine eventuelle Kontinuität von jenen zu diesen Nur hinsichtlich bestimmter Funktionen, kaum was die Bauformen angeht, führt man die Vorgeschichte des Hospitals bis zur altindischen "vitara"; den "Iatreien", griechischen und römischen Arzthäusern; den Herbergen bei Tempeln des Gottes Asklepios/Aesculapius; den Valetudinarien auf romischen Landgütern und in römischen Legionslagern zurück: die einzige bauliche Gemeinsamkeit, die manche Exemplare von diesen mit den früheren Hospitälern des Mittelalters verbindet, ist die Anordnung der Bauten um einen rechteckigen Innenhof herum.

Das früheste Exemplar eines eigentümlichen Bautyps "Mittelalterliches Hospital" erkennt die medizin-und krankenhausbaugeschichtliche Forschung in dem kurz nach dem Aachener Capitulare monasticum von 817 an zentralem Ort im Karolingerreich entstandenen Idealplan für Klosteranlagen, der durch eine ziemlich gleichzeitig auf der Reichenau unter Abt Haito angefertigte Kopie überliefert ist, die mit Begleitschreiben an Abt Gozbert von St. Gallen adressiert war Als rein idealer, nirgends verwirklichter und auf lokale Bedingungen auch gar nicht erst Rücksicht nehmender Plan eignet sich dieses Stück tatsächlich wie kein anderes, wenn ein Bau-"Typ" quellenmäßig belegt werden soll Immerhin gelingt das nur um den Preis, daß seine ganz speziellen Entstehungszusammenhänge weniger beachtet werden Zwar in der Atmosphäre der Klosterreformen Benedikts von Aniane und der Aachener Reformsynode von 817 angefertigt, gehörten seine Urheber doch eher in den konservativen als in den radikaleren Kreisen um Benedikt von Aniane Indessen hätte das Veranschlagen dieses Entstehungsumstands den Quellenwert des Plans für das tatsächliche Klosterwesen in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts doch auch nur gestärkt

Drei von den Gebäuden oder Gebäudegruppen auf diesem sogenannten Klosterplan von St. Gallen gehören in den Zusammenhang der Hospitalgeschichte: Das Infirmarium für die Mönche links vom Chor der Kirche wegen seiner krankenhausartigen Funktion - das Hospitale pauperum und das Hospicium für die zu Pferde Ankommenden rechts bzw. links vom Kirchenportal, vom medizinhistorischen Interesse her beurteilt, kaum wegen mehr als ihrem Namen, denn diese Räume waren eigentlich Herbergen, in denen nur in besonderen Fällen medizinische Hilfe geleistet worden sein mag Die scharfe Trennung der drei Einrichtungen ist allerdings auch in Frage gestellt worden

Obwohl Hospitale pauperum und Hospicium die der außenwohnenden Gesellschaft offenstehenden Elemente dieses Klosterhospitalwesens waren, das Infirmarium dagegen am weitesten vom Portal entfernt und von der Außenwelt am stärksten abgeschirmt war, wurde gerade letzteres im Laufe der folgenden 4 Jahrhunderte immer größer und prächtiger gebaut, was den Herbergen, zum Vergleich, kaum widerfuhr Wenn die Größe der "Krankenhäuser" in dieser Zeit ein Ansteigen eines Bedarfs und darin etwa auch eine Zunahme der Bevölkerung abbilden sollte, dann müßte es allein die Vergrößerung der Klostergemeinschaften sein, nicht die der umwohnenden Bevölkerung. Es sei denn, Mönchsinfirmarium und Armenherberge wären in der Tat, auch bei größeren Klöstern, nicht so scharf getrennt gewesen.

Auf dem Plan "von St. Gallen" und in der ersten Zeit der Entwicklung zur großen Hospitalhalle hin hatte das Infirmarium die Form eines Klosters im kleinen: drei langgestreckte Gebäude und eine spezielle Infirmariumskirche schließen einen quadratischen Hof mit Kreuzgang ein Das ist das "Resultat" der frühchristlichen Baugeschichte der Hospitäler, von ihren eventuellen antiken Vorbildern her und über die erstmalige deutliche Ausprägung im "xenodochium" von Porto bei Rom (erbaut 398) CRAEMER hat zur Erklärung der konstanten klosterartigen Bauform darauf verwiesen, daß die Hospitalinsassen seit frühester christlicher Zeit nach gewissen Regeln lebten, die sie zum Leben in Klausur verpflichteten Je größer nun die eine Hospitalhalle im 11., 12., 13. Jahrhundert gebaut wurde, desto weiter sanken die drei anderen Flügel des Klausurquadrats zu bloßen Nebengebäuden herab, soweit sie nicht ganz fortfielen Erst als der Platzbedarf in den folgenden Jahrhunderten mancherorts noch zunahm, wurden an die eine Halle wieder Quer- und Parallelflügel angebaut, und wo das nicht, wie gewöhnlich, unregelmäßig geschah, wo etwa gar humanistische Ideale hinzutraten, konnten gegen das Ende des Mittelalters zu wieder von vier Flügeln umbaute Höfe entstehen Kann man bestimmen, welcher von den vier Flügeln der alten quadratischen Infirmariumsan-lage es war, dessen Größe die ändern drei überholte und verdrängte? Die "klassische Hospitalhalle" mit ihrem Altar an der Spitze und ihren anderen Formelementen legt nahe anzunehmen, daß sie aus der alten Infirmariums-Kir- ehe entstanden sei; manche Hospitalhallen verursachten in späteren Zeiten geradezu Verwechslungen mit Kirchen, die "Verbindung von Bett und Altar" (JETTER) ist das bevorzugte Thema für die Krankenhausgeschichtsforschung über das Mittelalter

Die "klassische Hospitalhalle" aber ist noch häufiger in den Städten als in Klöstern bekannt Wie konnten Hospitalbauherren in den Städten auf den Gedanken kommen, eine rein klosterinterne Einrichtung wie das Mönchsinfirmarium in die Stadt zu versetzen? Die Erklärung, in einer Klosteranlage des früheren Mittelalters sei die Stadt des hohen Mittelalters mit all ihren verschiedenen Funktionen und Gebäuden bereits vorgebildet gewesen (CRAEMER), erscheint mir zu allgemein, und andere Erklärungen finde ich in der medizin- und baugeschichtlichen Forschung nicht. Wo bei den Bjschofssitzen infolge des den Kanonikern,wiederum im Zusammenhang der Reformen unter Ludwig dem Frommen,vorgeschriebenen gemeinsamen Lebens Hospicien und Hospitalia pauperum von früher her vorhanden waren, wurden sie oft unter dem Einfluß einer mündig werdenden Bürgerschaft im 12./13. Jahrhundert aus dem Stiftsbezirk heraus, gern an einen Fluß verlegt, doch sind diese Gebäude weder einander noch den "klassischen Hospitalhallen" ähnlich genug, als daß man die Entstehung der letzteren aus jenen erklären könnte - Mir scheint, eine Erklärung kann wie bei der frühchristlichen Epoche an Hand der Lebensregel- der Hospitalbewohner gewonnen werden: In den klassischen Hallenbauten lebten die im 12./13. Jahrhundert sich zusammenfindenden, zunächst "wilden", dann mehr und mehr regulierten Konvente, von denen bereits im Kapitel 1.2 zu reden war Regeln, die sie annahmen, sind, wie im einzelnen noch gezeigt werden müßte, mit denjenigen von Hospitaliter-Orden verwandt, die ihrerseits seit dem späten 11. Jahrhundert aus Gruppen von Konversen erwachsen waren, welchen einzelne große Klöster die Pflegearbeit in ihren Infirmarien und Hospitalia pauperum übertragen hatten Wenn aus Verwandtschaft der Regeln auf eine gewisse Kommunikation zwischen Gruppen geschlossen werden kann, hätte die Verbundenheit zwischen den ehemaligen Infirmarien-Pflegern und den neuen Stadthospital-Konventen die große Halle aus dem innersten Klosterbezirk in die Städte gebracht.

Der nächste entscheidendere Schritt in der Geschichte des mittelalterlichen Hospitalbaus baute bereits darauf auf, daß die Hospitäler in den Städten selbstverständliche Anstalten zum Nutzen der Stadtbürgerschaft waren - ein Vorgang, mit dem sich rechtsgeschichtliche Untersuchungen besonders eindringlich beschäftigt haben

Die ältesten zweigeschossigen Hospitalgebäude sind noch immer wenig erklärt, aber im 13. Jahrhundert scheint vielerorts ein oberes Geschoß den Brüdern und Schwestern des Hospitalkonvents, der die hilfsbedürftigen Bewohner des unteren Saals pflegte, zu Wohnungen gedient zu haben

Aufs neue erklärt sich die Baugeschichte erst durch Herbeiziehung sozialgeschichtlicher Erkenntnisse:

Wer in einen Hospitalkonvent trat, mußte diesem sein Eigentum übergeben, von da ab sorgte das Haus für ihn "victu vestituque".171] Bei steigendem Reichtum vieler Hospitäler mag ein solcher Handel für manchen Bürger, der auf eine gesicherte Versorgung sann, lohnend gewirkt haben; jedenfalls fanden kirchliche Obrigkeiten seit dem Anfang des 13. Jahrhunderts Anlaß, der Zahl der Brüder und Schwestern in den Hospitälern Grenzen nach oben hin zu setzen Der Drang von Pfründnern - denn nichts anderes waren diese,die Bischöfe überflüssig dünkenden Konventualen - ließ sich im großen Ganzen nicht durch Verbote aufhalten Die Pfründnerhäuser des späteren Mittelalters mit ihren Einzelwohnungen im Obergeschoß und der gemeinsamen Stube für die Armen im unteren Stockwerk verbreiteten sich überall in den Städten

Ein merkwürdiges Bauwerk aus dem 15. Jahrhundert scheint die ganze Hospitalbaugeschichte des Mittelalters kurz vor ihrem Ende zusammenfassen zu wollen: Im Hospital von Cues an der Mosel, des Nicolaus Cusanus eigene Stiftung, gibt es einen quadratischen Hof und vier Flügel. Unten wohnen die Armen in einem gemeinsamen Raum, oben ist ein Geschoß mit Einzelkammern für Standespersonen. Doch die Kirche hat keinen Platz in diesen vier Flügeln mehr, sie schließt sich von einer Ecke aus nach außen an Die "Verbindung von Bett und Altar" erkannte das 15. Jahrhundert nicht mehr als Grundgesetz des Hospitalbaus an

In der nachreformatorischen Zeit beginnt in den Ländern sämtlicher Konfessionen eine neue Epoche der Baugeschichte von Hospitälern, die sich fortan am Palastbau statt am Sakralbau orientiert und nur einzelne mittelalterliche Traditionen (vor allem solche im Italien des Humanismus) übernommen hat

DUNAJ S. 9 und S. 9-13 sowie Grundriß Nr. 3; dieselbe These auch noch bei CRAEMER, Hospital als Bautyp (1S. llf., vgl. dazu oben S. 52, Anm. 168.

Zuletzt bestritten von LEISTIKOW, Hospitalbauten in Europa aus zehn Jahrhunderten, S. 10f.; von JETTER nicht mehr erwähnt.

LEISTIKOW S. 10; JETTER, Grundzüge der Hospitalgeschichte, S. l.

Altindische Hospitäler wurden in der europäischen Medizingeschichtsschreibung zu einem sehr frühen Zeitpunkt bekannt: eine singhale-sische Quelle wurde 1837 auf englisch publiziert, eine aus Kaschmir 1846 (im l. Jg. der Zs. "Janus"), eine dritte Quelle, Inschriften, 1883, schließlich existieren chinesische Reiseberichte über uralte Hospitäler in Indien; VIRCHOW, Ueber Hospitäler und Lazarette,S. 6-7.30, hielt Einflüsse aus Indien über die nestorianische Ärzteschule in Persien auf das christliche Krankenhauswesen für möglich, dass. vorsichtiger: DUNAJ S. 4 u.MARCUSE SJ; CRAEMER erwähnt die Frage nicht; SUDHOFF S. 3 hält Einflüsse, gleich in welcher Richtung, für ausgeschlossen, JETTER kann östlichen Einfluß in dem speziellen Fall eines westgotischen Xeno-dochiums widerlegen (Geschichte des Hospitals 4 (1S. 23); mit der Frage, ob "Der ältere Glaube der Inder .. die ersten Bauten der Barmherzigkeit gezeitigt" habe (DUNAJ S. 3) war für die ältere Forschung offenbar eine Entscheidung für oder gegen das Christentum als Schöpfer des Krankenhauswesens verbunden, merkwürdigerweise fühlt sich noch JETTER, Grundzüge der Hospitalgeschichte, S. 3, veranlaßt, aus diesem Grunde gegen die Untersuchung altindischer Hospitäler zu polemisieren CRAEMER, Das Hospital als Bautyp, S. 9, vergleicht die aus Kaschmir belegte "vitara" mit dem Hospital/Kloster Europas, denn beides könne die ' indische Bezeichnung bedeuten und mit beidem habe sie die Anlage um einen quadratischen Innenhof gemeinsam.

MEYER-STEINEG S. 6-20 behandelt diese Arzthäuser am eingehendsten: wo im gewöhnlichen Haus der Laden, lag hier das Behandlungszimmer; wo gewöhnlich geräumige Gastwohnungen um den Innenhof sich befanden (Vitruv. de arch. 6,7(10), hatten Ärzte ihre Krankensäle, d-ie nach Italien übersiedelnden behielten es so bei, und in Pompeji ist ein "Haus des Chrirurgen" ausgegraben (ebda. S. 30f.); ähnlich MAR-CUSE S. 239, gegen HAESER S. 3f; nicht behandelt von CRAEMER, LEISTIKOW und JETTER.

in die Vorgeschichte der Krankenhäuser kaum einbezogen bei HAESER S..; LÜCKE S. 24; DIETRICH S. 2; DUNAJ S. 5; LEISTIKOW S. 10; ausführli-Lich MARCUSE S.240-3.251(gegen HAESER) und MEYER-STEINEG S.20-9, der e. Wallfahrtsort-Typ von einem Kuranstalt-Typ trennt; auf Anknüpfung östlicher christlicher Wunderheilstätten an griechische Tempelheilungen weist SUDHOFF,- S. 4-5, hin; JETTER, Grundzüge der Hospitalgeschichte S. 1-3, faßt zusammen und beurteilt die Asklepieien, wenn nicht als ärztliche Anstalten i.e.S., so doch als Stätten mit starker Tradition medizinischen Erfahrungs wissens innerhalb der Priesterschaft; er scheint zusätzlich eine gewisse bauliche Ähnlichkeit des Tempels von Troizen (nach 400 v.Chr.) mit christlichen Klausuranlagen etc. anzudeuten (ebda. S. 2); Regionalstudie über Spanien: JETTER, Geschichte des Hospitals 4 (1S. 11-15 - CRAEMERs Abschnitt über vorchristliche Hospitäler,in: Das Hospital als Bautyp .. S. 9, bleibt zu oberflächlich und unklar.

Sie sind nicht archäologisch, aber aus Columella, De re rustica lib. 9,1,18. 12,3,8, sowie Codex lustinianus 4,4,4,2. 6,6,1,3 bekannt, wo sie als Rehabilitationsanstalten für arbeitsunfähig gewordene Sklaven erscheinen, von Columella als ökonomisch rentabel empfohlen (MARCUSE S. 251f.; DIETRICH S. 3; JETTER, Grundzüge der Hospitalgeschichte S. 4); MEYER-STEINEG behandelt sie S. 31-33 am eingehendsten und nimmt an, daß sie nicht nur Sklaven, sondern auch dem Landbesitzer, seiner Familie und seinen Gästen als Krankenhaus dienten (ebda. S. 33).

Römische Militärlazarette, ebenfalls "valetudinaria" genannt, sind außer durch den Militärschriftsteller Hyginus (ca.96-138), De munitione castrorum, durch Ausgrabungen z.B. in Aliso bei Haltern, Vetera/Xanten, Bonna/Bonn, Vindonissa bei Baden (Schweiz), Carnuntum bei Wien usw. bekannt; indem sie aus einem im Rechteck verlaufenden Mittelgang mit Einzelzimmern rechts und links daran, sowie einem freien Rechteckhof in der Mitte bestanden, findet JETTER, Geschichte des Hospitals l (1S. 2, auch bei diesen Vorformen von Krankenhäusern bereits ein Element des späteren Bautyps; anders LEISTIKOW S. 10; vgl. sonst MARCUSE S. 252 und DIETRICH S. 2f.; LÜCKE S. 22 erwähnt sie nur.

Bernhard BISCHOFP, Die Entstehung des Klosterplans aus paläographischer Sicht, in: DUFT, Johannes (Hg.). Studien zum St. Galler Klosterplan (Mitteilungen zur vaterländischen Geschichte-Hg.v. Historischen Verein des Kantons St. Gallen, 42, St. Gallen 1S. 67-78, insbsd. S. 73: die beiden Hände gehören einem Reichenauer Anonymus und dem dortigen Schulleiter Reginbert; Walter HÖRN, The Plan of St. Gall - Original or Copy, ebda. S. 79-102: Das vorliegende Exemplar ist als Pause hergestellt.

St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod.Sang.l092.

Von der älteren medizinhistorischen Literatur noch nicht beachtet, zuerst von DUNAJ (1S. 15-17 und SUDHOFF (1S. 17-23 mit großer Abbildung in den Blickpunkt gerückt; bei BAAS (1922). S.11 in den Zusammenhang gleichzeitiger monastischer Texte einbezogen; von CRAEMER zunächst (Das Hospital im Mittelalter, 1954, S. nur beiläufig erwähnt, dann aber (Das Hospital als Bautyp, 1auf dem Umschlag und S. 14 groß abgebildet und an Anfang der "Typenbildung des mittelalterlichen Hospitals" gestellt; in dieser Position dann auch bei JETTER, Geschichte des Hospitals l (1S. 11-13 (nach SUDHOFF!); LEISTIKOW (1S. 13-15 (nach einer Arbeit W. HORNs, vgl. Anm. 196, von 1965); JETTER, Grundzüge der Hospitalgeschichte (1S. 9-11 (nach DUFT, wie Anm. 196,1und JETTER, Geschichte des Hospitals 4 (1S. 122-125.

In der medizinhistorischen Literatur wird demgemäß öfter dem nie realisierten Idealplan geradezu der höchste Quellenwert für die tatsächlichen Klosterhospitäler des Mittelalters beigelegt: z.B. von DUNAJ S. 15, der ihn "vollkommenster Niederschlag der in der Benediktinerregel enthaltenen Baugedanken" nennt und Hospi-tal-"Gedanke" als eigentliches Thema seiner Arbeit hat; von SUDHOFF S. 22, der schließt: "So also sah in Karolingerzeiten ein Klosterinfirmarium der Benediktiner aus, .."; BAAS, dem der Idealcharakter überhaupt entgeht; CRAEMER, Das Hospital als Bautyp .. (1S. 13, der weiter geht als die Früheren und behauptet: "So ist auch das mittelalterliche Hospital in der St. Gallener Infirmaria im Urtyp enthalten", auch er, ohne den Plan als "Sandkastenspiel theoretisierender Äbte" zu begreifen, wie es JETTER, Geschichte des Hospitals 4 (1S. 125, ausdrückt, der andererseits selbst ohne Bedenken den Plan zu dem Modell erhebt, anhand dessen Klosterhospitäler generell zu erklären wären, selbst wenn er dann zugeben muß, daß nicht nur "in der Literatur" (Geschichte des Hospitals l, 1966, S. 12), sondern auch in der Realität "an den Klostergebäuden in Deutschland immer wieder das Haus der erkrankten Mönche mit dem Hospital für Pilger oder selbst mit dem Gästehaus verwechselt werden können" (ebda. S. 11); auch LEISTIKOW gibt dem St. Galler Plan den Platz an der Spitze der mittelalterlichen Hospital-Baugeschichte, sein "Schema.. in allen entscheidenden Punkten vorgezeichnet, wurde für die mittelalterlichen Mönchsklöster verbindlich. "

Ein Charaktenstikum der Krankenhausgeschichtsforschung, und am meisten der neueren, ist, daß sie nur äußerst spärlich den Sinn der Grundrißzeichnungen, ihrer dominierenden Quellen, durch sprachliche Zeugnisse zu erhellen versucht (Martin WARNKE, Bau und Überbau. Soziologie der mittelalterlichen Architektur nach den Schriftquellen, Frankfurt (Main) 1979, setzt sich mit einem gleichen Manko in der Architekturgeschichtsschreibung generell auseinander); so werden auch bei Behandlung des sog. Plans von St. Gallen immer wieder, oft aus zweiter und dritter Hand, bloß karge Hinweise auf die Quellen gegeben, die Vorstellungen, aus denen heraus er gezeichnet worden ist, direkter angeben: vgl. GOLDHAHN, Mittelalterliche Krankenhäuser, S. 392 und CRAEMER, Hospital als Bautyp, S. 13 mit ganz unklaren Angaben über die Benediktinerregel und das Aachener Konzil 816 als Einleitung zur Bauplandiskussion; ausführlicher war immerhin noch DUNAJ, S. 13-15 gewesen, der auch auf Stellen der Regeil des Amalanus und des Isidor Hisp. hinweisen konnte, freilich nur in Ausgaben aus dem 18. Jh. oder Zitaten in der Sekundärliteratur (RATZINGER), auch SUDHOFF behandelte immerhin die Benediktinerregel noch etwas breiter (S. 16f.); LEISTIKOW, S. 17, verweist immerhin auf die Beziehungen des Klosterplans zum Kommentar Hildemars zur Benediktinerregel (nach einer Arbeit in dem Anm. 196 zit. Sammelwerk von DUFT); JETTER widmet den umgebenden Texten erst neuerdings (Geschichte des Hospitals 4, 1980, S. 119f.) eine gewisse Aufmerksam-Keit, doch ohne sie direkt mit dem Plan zusammenzubringen.

Daß der Plan mit den gegenüber 816 gemilderten Vorschriften des Capitulare monasticum von 817 am ehesten übereinstimme, zeigt W. HÖRN, On tbe Author of the Plan of St. Gall and the Relation of the Plan to the Monasti-f Reform Movement, , , - _, 1,4-1 _ in: DUFT, wie Anm. 196 . S.108-23 auf die gleichwohl offensichtlichen Unstimmigkeiten sowie die Nähe zu konservativen Positionen wie etwa denen Adalhards von Corbie, Haitos von Reichenau macht Wolfgang H. FRITZE,in: HZ 200 (1S. 108f., aufmerksam.

".. wohl gesagt werden kann, daß der Plan eine grundstürzende Neuerung nicht enthält, weder als Ganzes noch in seinen Teilen, daß er vielmehr in seinen Grundzügen anknüpft an einen im Abendlande seit der Mitte des 7. Jahrhunderts für fränkische Klöster nachweisbaren Klostertypus,.." (W.H. FRITZE, wie Anm.202 .3.109).

JETTER, Geschichte des Hospitals l (1S. 12 rechnet freilich damit, daß die hier einkehrenden armen Pilger "oft krank" waren und es deswegen erlaubt sei, das Hospitale pauperum als "eine Art Armenkrankenhaus" zu betrachten.

Vgl. JETTER, Geschichte des Hospitals l (1S. 12. 4 (1S. 122 u.ö.

"Bei kleineren Klöstern waren übrigens alle drei Arten in einem Gebäude vereinigt, das dann hospitale hieß, aber mit einem Krankenhaus im heutigen Sinne nicht verwechselt werden darf" (DUNAJ S. 14 ohne nähere Erläuterung, auch nicht dazu, ob etwa kranke Mönche im selben Gebäude zusammen mit kranken Passanten untergebracht werden konnten? Vom Kloster Bebenhausen gibt DUNAJ S. 23 an, dort sei tatsächlich die Domus hospitum im Obergeschoß der Infirmaria gewesen, um 1180).

LEISTIKOW S. 18-23, der als hervorragende Beispiele anführt: Foun-tains Abbey von 1132 mit 55 25 m; Cluny m von der Mitte des 12.Jh. mit 55 27,5 m; Canterbury aus der 2. Hälfte des 12.Jh. mit 75 21 m; Ourscamp von 1210 ohne Flächenangabe, aber: Platz für 100 Betten; Eberbach (Rheingau) um 1220 mit 38,5 16 m.

Über die Armenpflege im Kloster Farfa im Lichte der "Disciplina Farfensis" DUNAJ S. 18f., wo S. 23-28 Weiteres über Herbergen.

LEISTIKOW S. 18f. bemerkt dazu noch, daß die Klosterinfirmarien in England wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Klausur "little cloister" genannt werden. Zisterzienserklöster umfaßten zusätzlich zu den genannten drei Elementen eine eigene Infirmerie für die Konversen (LEISTIKOW S. 20).

LEISTIKOW S. 14; CRAEMER, Hospital als Bautyp, S. 13. 15; vgl. bereits DUNAJ S. 21: ".. verursachten die gleichen Lebensbedingungen der beiden Orden gleiche Anlagen" (gemeint: Benediktiner und Zisterzienser) .

CRAEMER, Das Hospital als Bautyp, S. 11. 98, Nr. 3.

LEISTIKOW S. 18f., der insbsd. Canterbury, Westminster mit Ely, Norwich vergleicht.

CRAEMER, Das Hospital als Bautyp.., S. 98, Nr. 5; vgl. das Beispielmaterial u.a. bei LEISTIKOW S. 51-55.

CRAEMER, Das Hospital als Bautyp.., S. 17. 97; u-a-

CRAEMER, Das Hospital als Bautyp.., S. 97: "Dem Hospital des Mittelalters liegt primär die Bauidee zugrunde, einen oder mehrere Unterkunftsräume für die Spitalinsassen in eine möglichst enge Verbindung mit einer Kapelle zu bringen" u.pass.; LEISTIKOW S.25: "..wurde der freie Blick zum Altar verlangt. Diese Forderung erscheint, jenseits aller praktischen Bedürfnisse, als das eigentliche Anliegen des mittelalterlichen Hospitalbaue=>, als der geistigreligiöse Sinngehalt dieser Architektur"; JETTER, Geschichte des Hospitals l (1S. 27: "..die uralte optisch-akustische Verbindung von Bett und Altar", ähnlich S. 30. 31. 32 (Fehlen derselben nach der Reformation). 37 (über Cues, vgl. hier unten S. ).

LEISTIKOW S. 52 (?).

CRAEMER, Hospital als Bautyp, S. 13.

Vgl. neben anderen bsd. JETTER, Grundzüge, S. 14f.

Auch was CRAEMER, Hospital als Bautyp, S. 15-17 dazu sagt, reicht nicht hin.

Siehe oben S. 16-18.

Hierüber findet man wenig in den Arbeiten aus der medizinhistorischen Forschungstradition; es muß auf die aus der kirchengeschichtlichen verwiesen werden, und zwar neben den "klassischen" Gesamtdarstellungen auf die neueren Untersuchungen von HIESTAND über die Johanniter, von ARNOLD über den Deutschen Orden undon MISCHLEWSKI über die Antoniter, in deren Geschichte der Übergang vom im Klosterhospital dienenden Konversenverband zum selbständigen Orden besonders augenscheinlich ist (die Titel der Arbeiten siehe unten S. 79 , Anm. 246).

Vgl. unten Kap. 1.5, S. 1??-125.

Zu dem zweigeschossigen Johanniterhospital von Niederweisel (b. Butzbach, Hessen), erbaut 1242,'45 od. ' 58, das CRAEMER, Hospital als Bautyp, S. 36-38 interpretiert und JETTER, Geschichte des Hospitals l, S. 18 wieder in Frage stellt, ist jetzt eine Dissertation zu vgl., die Bauten dieser Art insgesamt behandelt: Eberhard GRUMSKY, Doppelgeschossige Johanniterkirchen und verwandte Bauten. Studien zur Typengeschichte mittelalterlicher Hospitalarchitektur, Diss.phil. Tübingen 1969 (gedr.1970), ordnet sich durch Benützung der Werke von CRAEMER (v.a. in der allgemeinen Einleitung) und JETTER der medizin-baugeschichtlichen Tradition ein, ist aber hinsichtlich der Materialgrundlage und auch der Methodik ganz und gar unabhängig davon; ein anderes wichtiges und noch aufrechtstehendes zweigeschossiges Hospital ist das Heilig-Geist-Hospital zu Mainz, das CRAEMER, wie oben, als Vorbild des Nie-derweiseler versteht, JETTER, Geschichte des Hospitals l, S. 22f. aber als die "Sphinx unter den deutschen Hospitälern" hinstellt, es ist nach CRAEMER 1236, nach JETTER 1252 gebaut worden ..

LEISTIKOW S. 52f.

Vorläufig verweise ich auf den unten.Kap. 2.2.4,edierten Text aus Brügge, Gent, Lübeck, leper usw. unter Punkt m., Zeile 8 (1196 mit G zuerst sicher belegt) - eine systematische Untersuchung der Hospitalregeln in ihren Beziehungen miteinander würde Bestimmteres ergeben; vgl. sonst v.a. REICKE, wie unten S.123, Bd. 2, Abschnitt 3, 22, S. 187-224.

Wie mit Anm. 224 verweise ich vorläufig nur auf den unten edierten Text, aus dem hierzu die Var. leper (le) unter Punkt TU., vor Z. 6-7 zu vgl. ist (1268); über die nordfranzösischen Regionalkonzilien, 1212-1214, von denen die bischöflichen Bestrebungen ausgingen, u.a. einen "numerus clausus" für Hospitalkonvente einzuführen, vgl. die oben Anm. 47 zit. Arbeit von BOMENFANT-FEYTMANS; vgl. noch den Kommentar von NUTTING-DOCK-KARLL l, S.316, zitiert hier oben S. 12, Anm. 30.

Ein Anzeichen davon unter vielen ist die Tatsache, daß von den unten edierten Texten von Hospitalregeln, obwohl eine ganze Reihe nach 1212-1214 entstanden ist, nur die Version aus leper eine entsprechende Bestimmung aufgenommen hat (vgl. Anm. 225).

LEISTIKOW S. 51-56.

LEISTIKOW S. 56; ähnlich ist auch das Hospital zu Beaune angelegt, gegründet 1443 und heute das wohl touristisch bedeutsamste der aus dem Mittelalter erhalten gebliebenen Hospitalgebäude (Ebda. S. 30).

LEISTIKOW S. 53; JETTER, Geschichte des Hospitals l, S. 36f. hat wegen der nicht seinen Normvorstellungen entsprechenden Bauart und Regel des Hospitals den Stifter sogar in Verdacht gebracht, er habe vielleicht "unter dem Deckmantel der Hospitalstiftung eine Pflegestätte der bedenklichen Gedanken von Deventer im heimatlichen Cues schaffen wollen," also der Gedanken der Windesheimer Kongregation - JETTER verläßt ab und zu den gegenüber Konfessionsfragen betont neutralen Boden der medizingeschichtlichen Forschungstradition zu solchen Einwanden.

LEISTIKOW S. 61ff.

Vgl.unten S. 110.

b. «medici» in Hospitälern - Krankenhäuser unter ärztlicher Leitung (Skizze)

Arzte in mittelalterlichen Hospitälern sind nur in Ausnahmefällen nachweisbar; doch stellen die Quellen selbst sie nicht als Seltenheiten dar; die Frage ist noch wenig geklärt.

Über die Hospital-Gebäude hat die medizinhistorische Forschung übersichtliche Darstellungen vorgelegt; über die Mediziner selbst, die etwa darin tätig gewesen sein könnten, findet man kaum Auskunft bei den Medizinhistorikern, eher bei gewissen Kirchenhistorikern. Vielleicht hat die Seltenheit brauchbarer Quellenstellen die Medizinhistoriker entmutigt, der Sache nachzugehen.

Es gab jedenfalls Ärzte in mehreren der berühmten Hospitäler der Spätantike und in Byzanz: nämlich in der von Basi-lius von Caesarea im 4. Jahrhundert angelegten Hospital-Stadt vor Caesarea, in dem Hospital in der spanischen Stadt Merida dem Gründungsbericht zufolge (gegr. nach 589) und im Hospital des Pantokrator-Kiosters zu Konstantinopel nach dem "Typikon" von 1136.

Im eigentlichen lateinischen Mittelalter sind es zuerst gerade Quellen von gewissermaßen allgemeiner, nicht nur auf einen einzigen Ort begrenzter Relevanz, in denen die Belege für Hospitalärzte vorkommen, nämlich die Formel "De concedendo xenodochio" im Liber diurnus Nr.66f.(9.Jh.A.) und die sog. Statuten Roger de Molins'(1182) für das Johanniterhospital zu Jerusalem, dem eine Vorbildfunktion für weite Teile des späteren europäischen Hospitalwesens zukam; für diese Angabe der Statuten hat man auch noch die ausdrückliche päpstliche Bestätigung in einer Urkunde von 1184 oder 1185. Der Deutsche Orden übernahm in Palästina die Regelung über Spitalärzte (Regel cap. 6; Gesetze 3, cap. 8). Nach Europa ist sie jedoch nicht verpflanzt worden, so sehr auch viele Hospitäler dort sich nach der Johanniterregel orientierten.

Einzelbelege setzen erst mit dem 13.-14. Jahrhundert merkbar ein, "Reginolt medicus presbyter" im Krankenhaus am Domstift zu Eichstätt 1057-1Q74 steht noch allein zu seiner Zeit. 1221 in Paris und 1280 in Brüssel wurden Chirurgen in die Hospitäler bestellt. Im 14. Jahrhundert hatten mindestens drei französische Hospitäler sowie das von Biberach (Riß) einen festen Arzt. Im übrigen beauftragten Städte ihre Stadtphysici, die Hospitalinsassen zu betreuen, z.B. Frankfurt (Main) 1377. 1486 widmete ein Nürnberger Bürger dem dortigen Heilig-Geist-Spital ein Stiftungskapital, aus dessen Zinsen ein eigener Spitalarzt bezahlt werden sollte.

Inwieweit man aus derartigen Einzelbelegen eine vollständige Landkarte rekonstruieren kann, bleibt zweifelhaft; daß Ärzte in gewöhnlichen mittelalterlichen Hospitälern eine dominierende Rolle spielten, wie das zum Begriff des modernen "Krankenhauses" gehört, wird kaum zu erschließen sein; daß aber deswegen ganz verworfen werden müßte, daß das mittelalterliche Hospitalwesen etwas mit Heilung Kranker zu tun gehabt hätte, scheint mir auch überzogen: in dem Maße, in dem es in einer Gegend überhaupt Ärzte gab, standen sie jedenfalls in "Rufbereitschaft" für den Fall, daß man sie in einem Hospital brauchte. Und daß es zumindest auch Kranke in Hospitälern gab, die dort nur gesund werden wollten und dann wieder zogen, könnte man ebenso mittels Sichtung der bisherigen Forschungsergebnisse und einschlägigen Texteditionen wahrscheinlich machen.

4. Zusammenfassung

Bei den medizingeschichtlichen Forschungsbeiträgen ist gut zu bemerken, wie eine anfänglich noch nicht so enge Fragestellung im Laufe der Verfestigung der Forschungstradition immer präziser wird und die Perspektive immer mehr einengt.

Der baugeschichtliche Aspekt ist auf diese Weise gründlich bearbeitet worden, auch wenn bei Berücksichtigung anderer Quellen und weniger gegenwartszentrierter Fragestellungen vielleicht noch mehr zu erreichen wäre.

Die eigentliche medizingeschichtliche Fragestellung, nach Art und Ausmaß der Therapie in den Hospitälern des Mittelalters, ist leider nur wenig untersucht. Trotz der schwierigen Quellenlage müßte durch geschickte Kombination des Bekannten noch sicherere Kenntnis erarbeitet werden.

III. Kirchengeschichte

Darstellungen aus kirchengeschichtlichen Perspektiven

1. Eingrenzung

Als eine dritte Gruppe von Darstellungen der allgemeinen Geschichte des Hospitalwesens lassen sich sehr gut diejenigen miteinander vergleichen, die von Theologen und Kirchenhistorikern verfaßt sind. Andere stammen zwar nicht von Autoren dieser Profession, ihre Verfasser teilen aber deren Gesichtspunkte und Darstellungsweisen bis zu dem Maße, daß man sie am einfachsten hier miteinbezieht. Besonders in der französischen und italienischen Forschung würde freilich eine solche großzügige Umgrenzung dahin führen, daß fast alle Literatur über mittelalterliches Hospitalwesen aus diesen Ländern unter die Rubrik "Kirchengeschichte geriete, so daß die Einteilung nach Fächern sinnlos würde; da ich hier die deutsche Forschungsgeschichte in den Vordergrund gestellt habe, finde ich eine solche Rubrizierung trotzdem vertretbar und stelle vorerst ciese Arbeiten aus den lateinischen Ländern, die ich ohnehin vorläufig nur summarisch aufzählen kann, unter einem eigenen Punkt für sich zusammen. Eine wichtige Eigenart der deutschen Forschungsentwicklung wäre damit bereits angedeutet: in ihr sind die Unterschiede je nachdem, zu welchem Fach sich ein Forscher gerechnet hat, viel deutlicher, besonders zwischen kirchlich und nicht kirchlich orientierten Autoren.

Welche Gesichtspunkte und Auffassungen nun so kennzeichnend für diese Darstellungen der Hospitalgeschichte sind, daß die, die sie befolgt haben, gleich ob aus Profession oder aus "Weltanschauung", als eine zusammengehörige Forschungstradition angesehen werden können, wird im Laufe der chronologischen Darstellung gezeigt und am Schluß noch einmal zusammengefaßt werden.

Kirchengeschichtliche Darstellungsmuster sind auch in den Darstellungen der Geschichte von Orden, die im Mittelalter mit Krankenpflege zu tun hatten, befolgt worden. Diese Arbeiten decken aber jeweils nur einen kleinen Ausschnitt unseres Themas, des mittelalterlichen Hospitalwesens in seiner Gesamtheit, ab. Sie ziehen ihre Kontinutätslinie von der jeweiligen Ordensgemeinschaft im Mittelalter bis zu deren heutigem Status, etwa in derselben Weise, wie auch die Architekturgeschichte mittelalterliche Hospitalgebäude mit heutigen Krankenhausbauten verglichen hat, was zur Folge hat, daß die Aspekte, Personengruppen usw. des mittelalterlichen Hospitalwesens, die mit der Kontinuität des Ordens bis zur Gegenwart nichts mehr zu tun haben, übergangen werden müssen oder nur als Kulisse ein Stück weit Beachtung finden. Deswegen lassen sich solche ordensgeschichtlichen Werke doch wieder schlecht mit der kirchengeschichtlichen Darstellungstradition vergleichen, die das mittelalterliche Hospitalwesen insgesamt und unter einem anderen Aktualitätsgesichtspunkt zum Thema gehabt hat.

Siehe unten Punkt 1.5, S. 122-125.

Aus der wichtigsten Literatur auf diesem Spezialgebiet der Hospitalgeschichte stelle ich nur bibliographiemäßig zusammen:Ord. S. Antoni i:MISCHLEWSKI, Adalbert, Art.: "Antoniter", in: LdMA l (198.) Sp. 984-992;Ders., Grundzüge der Geschichte des Antoniterordens bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts, Diss.theol. München 1968/1969 (Bonner Beiträge zur Kirchengeschichte, 8) Köln, Wien 1976 Ord. S. Augustini;vgl.: TEEUWEN - DE MEIJER - SCHRAMA (Hgg.), Bibliographie historique de l'Ordre de Saint Augustin 1945-1975, in: Augustinia-na 26 (1976) S. 39-40 Ord. S. Benedicti:vgl. das oben S. 20, Anm. 58 angegebene Werk von SCHIPPERGES Ord. S. loh. Bapt.:HIESTAND, Rudolf, Die Anfänge der Johanniter, in: Fleckenstein,J.;Hellmann,M. (Hgg.), Die geistlichen Ritterorden Europas (Vorträge und Forschungen. Hg.v. Konstanzer Arbeitskreis für mal. Geschichte, 26; Sigmaringen 1980) S. 31-80;MILLER, Timothy S., The Knights of St. John and The Hospitals of The Latin West, in: Speculum 53 (1978) S. 709-733 (bemüht sich zu zeigen, daß es vor den Johannitern keine wahren Hospitäler im Westen gegeben habe und die Johanniter den Anstoß zu solchen nur aus Byzanz erhalten hätten); RICHARD, Jean, Hospitals and Hospital Congregations in the Latin Kingdom during the First Period of the Frankish Conquest, in: Kedar,B.Z.; Mayer,H.E.; Small,R.C. (Hgg.), Outremer. Studies in the History of the Crusading Kingdom of Jerusalem. Presented to Joshua Prawer (Jerusalem 1982) S. 89-100; WADSTEIN-WARTENBERG, Berthold, Rechtsgeschichte des Malteserordens, Wien,München 1969 (behandelt die inneren Rechtsverhältnisse zwischen den Gliederungen des Orden); GRUMSKY, Eberhard (zur Baugeschichte, siehe oben S. 71, Anm.222);* PAPPALARDO, Ignazio, Storia sanitaria dell'Ordine Gerosolimitano di Malta dalle origine al presente, Roma 1958;*Zs.: Annales de rordre Souverain Militaire de Malta 1,1961ff;Urkunden: Cartulaire de l'Ordre des Hospitaliers de S. Jean de Jerusalem (1100-1310) 1-4 ed. J. DELAVILLE LE ROULX, Paris 1894-1906 Ordo S. Lazarii:* DE LA GRASSIERE, Paul Bertrand, L'Ordre militaire et hospitaliere de Saint-Lazare de Jerusalem, Paris 1960 Ordo S. Spiritus;* BRUNE, P., Histoire de l'Ordre Hospitalier de Saint-Esprit, Paris 1892;Schriftenreihe: Collana di studi storici sull'Ospedale di Santo Spirito in Saxia e sugli ospedali Romani l- (Roma 1948-) Ordo Teuronicorum:ARNOLD, Udo, Entstehung und Prühzeit des Deutschen Ordens. Zu Gründung und innerer Struktur des Deutschen Hospitals von Akkon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, in: (wie oben unter Ord.S.loh.Bapt.: HIESTAND) S. 81-107; PROBST, Christian, Der Deutsche Orden und sein Medizinalwesen in Preußen. Hospital, Firmarie und Arzt bis 1525, Diss.phil.Göttingen 1967 (Quellen und Studien zur Geschichte des DeutscheOrdens, 29) Bad Godesberg 1969 (vgl. auch oben S. 21, Anm. 60,Verf. ist zugleich Medizinhistoriker). Weitere Literatur verzeichnet DW 10, Nrn. 42/3599-4386*) Diese Werke zitiere ich vorläufig nur aus zweiter Hand.

2. Entwicklung

a. Anfänge im 19. Jahrhundert

| Vorläufer | Wichern, Fliedner | Mone | Bensen | Haeser |

α Vorläufer

Eigentlich sind die aus kirchengeschichtlicher Perspektive verfaßten Darstellungen der Hospitalgeschichte die ältesten überhaupt. Man kann hierzu Werke des 17. und 18. Jahrhunderts rechnen. Allerdings sind unter diesen ältesten Werken viele, die nur einen Ausschnitt des Themas abdecken, das man, seitdem sich eine moderne Kranken- und Armenfursorge entwickelt hat, als "das mittelalterliche Hospitalwesen" begreift - zum Beispiel auch wieder eine Reihe Geschichten von Orden, deren Mitglieder sich im Mittelalter in Hospitälern betätigten.

Eine einigermaßen festgefügte Forschungstradition im modernen Sinne bildete sich aus diesen frühen kirchengeschichtlichen Darstellungen erst heraus, als gewisse aktuelle Anlässe dazu drängten, den kirchlichen Gesichtspunkt beim Studium der Geschichte des Hospitalwesens zu pointieren, und als zugleich Konkurrenz von anderen Fächern aufkam, die behaupteten, das Ganze dieses Themas von ihrem, beispielsweise medizinhistorischen o.a., Gesichtspunkt aus ebensogut abzudecken, woraufhin die Kirchenhistoriker nicht mehr unangefochten "die" Darstellung der Hospitalgeschichte besorgen konnten, sondern nur "eine" neben anderen.

β Um 1848: Johann Hinrich Wichern, Theodor Fliedner
"Die Literatur über Armen- und Krankenpflege vermehrt sich in neuester Zeit ansehnlich, was von der zunehmenden Nothwendigkeit derselben herrührt",

konstatierte 1850 der katholische Historiker F.J. MONE. - Die gesellschaftlichen und politischen Umstände, die dazu führten, daß um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Forschungen über altes Hospitalwesen plötzlich im grellen Licht öffentlicher Debatten standen, werden in den damaligen Abhandlungen über Hospitalgeschichte immer wieder erwähnt:

Das Jahr 1848 muß nicht zuletzt auch für kirchliche Kreise, die sich auf den Gebieten von Diakonie und Caritas engagieren wollten, etwas wie ein Frühling gewesen sein:

"Es ist vielleicht noch nie so viel für die Sache des Herrn getan worden, wie seit dem Ausbruch der diesjährigen Revolution",

das meinte der Gründer (1833) der Anstalt "Rauhes Haus" in Horn bei Hamburg, Johann Hinrich WICHERN (1808-1881) am Ende seiner aus dem Stegreif gehaltenen Rede beim evangelischen Kirchentag in Wittenberg am 22. September 1848. Zu dieser "vorläufigen freien Versammlung" hatten 41 prominente Vertreter verschiedener deutschsprechender evangelischer Kirchen, unter ihnen FLIEDNER, aufgerufen, um "die Verhältnisse der evangelischen Kirche in der gegenwärtigen Zeitlage" zu beraten. Wicherns Aufruf hatte den Effekt, daß sofort ein "Centralausschuß für die innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche" in Tätigkeit gesetzt wurde. Die massenhaft und überörtlich auftretende "geistige und leibliche Not" "des evangelischen Volkes" sollte durch diese innere Mission der Kirche beseitigt werden, wie Wichern in seiner berühmt gewordenen "Denkschrift an das deutsche Volk" von 1849 erklärte (nicht zum wenigsten an die gewandt, die fürchteten, die Amtsstruktur der Kirche würde durch eine solche grenzensprengende Unternehmung untergraben).

Wichern selbst hat sich als Übersetzer einer damals viel beachteten französischen Studie zur Geschichte der "charité" in den ersten christlichen Jahrhunderten betätigt. Er übersetzte "charité" nicht mit dem katholischerseits dann üblich gewordenen "Caritas", sondern mit "Barmherzigkeit", wofür später auf evangelischer Seite aber gewöhnlich "Liebestätigkeit" oder "Diakonie" gesetzt wurde.

F. J. Mone (1796-1871)

So wurde auch die vormals reine Autonomie der Kirche in ihrer Armenpflege das Hauptthema, als 1850 der Professor für Geschichte und Direktor des Badischen Landesarchivs, F.J. MONE im ersten Band der von ihm selbst herausgegebenen "Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins" Studien mit dem Titel:

F.J. MONE
Ueber die Armenpflege vom 13. bis 16. Jahrhundert
in: ZGORh l (1850) S. 129-163,

veröffentlichte, die er in späteren Jahrgängen noch erweiterte:

Ueber Krankenpflege, vom 13. bis 16. Jahrhundert
in: ZGORh 2 (1851) S. 257-291
Forts.:
Armen- und Krankenpflege vom 13. bis 16. Jahrhundert
in: ZGORh 12 (1861) S. 5-53.

Weitere Fortsetzungen, die er vorhatte, sind nicht mehr erschienen, nur einige ergänzende Beiträge unter den Miszellen in seiner Zeitschrift:

Geschichtliche Notizen, Medizinalwesen
in: ZGORh 14 (1862) S. 122-125.

Von MONE wird gesagt, er sei seiner Zeit darin voraus gewesen, daß er die Rolle der Ökonomie in der Weltgeschichte stark beachtet habe.[18] Damit mag es zusammenhängen, daß er überhaupt in der "Armenpflege" ein Thema für seine historischen Bemühungen erkannte, denn sein Anknüpfungspunkt sind zunächst die praktisch-ökonomischen Probleme von Caritasbestrebungen, wie sie damals aufkamen:

"Wie viel außerdem jetzt über Armen= und Krankenpflege berathen und versucht wird, um dem dringenden Bedürfnisse so viel als möglich zu genügen, ist bekannt und steht mit der wachsenden Literatur über den Gegenstand in genauem Zusammenhange. Auch dafür ist der geschichtliche Rückblick schon durch die Mannigfaltigkeit seiner Beispiele nicht ohne Nutzen, denn alte Erfahrungen sind brauchbare Vorgänge, welche durch neue Verhältnisse nur modifiziert, nicht unnöthig werden."

Besonders kam es ihm auch darauf an, daß die Kirche einfach weit größere Mittel für die Armenpflege mobilisieren könne:

"Kein Staat ist im Stande, aus eigenen Mitteln seine Armen zu erhalten. Er muß also schon aus politischer Nothwendigkeit die christliche Privatarmenpflege gewähren lassen."

Eine zwangsweise Umverteilung der Lebens-Mittel durch staatliche Besteuerung schließt Mone nämlich von vornherein ganz aus, "weil es auf allseitige communistische Beraubung hinausläuft".

Positiv gewendet, "beweisen" für MONE die mittelalterlichen Hospitäler und sonstigen Armenstiftungen das wirtschaftlich Vernünftige der Armenpflege in kirchlicher Regie. Schon weil "die gemeinschaftliche Pflege und Consumtion wohlfeiler zu stehen kommt als die vereinzelte jeder Person." Hauptsächlich aber solange der "kirchliche Charakter streng gehandhabt wurde" - wegen der dadurch garantierten "Sicherheit für eine reelle Verpflegung".

Diese auf aktuelle Fragen bezogenen Überlegungen nehmen jedoch nur wenig Raum in den Arbeiten MONEs ein. Nach kurzen Einführungen bringt er stets eine Fülle von Urkunden und Nachweisen aus der älteren Literatur. Immerhin wird die Zuverlässigkeit seiner Urkundenwiedergaben bezweifelt. Andererseits hat er noch viel besser als spätere Bearbeiter des Themas "Armen- und Krankenpflege" die ganze Breite verschiedenster Teilthemen ausgeschöpft, von Kloster-, Stadt- und Leibärzten bis zu fahrenden Schülern usw. Ähnlich wie VIRCHOW für die medizingeschichtliche Hospitalforschung ist MONE der Pionier, der noch ohne systematische Verarbeitung, damit aber auch noch ohne Perspektiv-Verengung, die Fülle des urkundlichen Materials vorlegt.

Auch wenn er sich als professioneller Historiker und unberufen dazu fühlt, "auf die politische Beurteilung des Gegenstandes" einzugehen, verrät er doch gleich mit der bei Späteren nicht mehr üblichen Deutlichkeit, die sich Schriftsteller um 1850 noch erlaubten, wie er diese politische Bedeutung des Themas einschätzt:

"Das Uebermaß des Geldkapitals [wird mißbraucht], um das Proletariat für politische Zwecke zu revolutionieren und so den Pauperismus zum käuflichen Werkzeuge des Umsturzes zu machen."

Dieser vom Proletariat ausgehenden Gefahr für die bestehende Ordnung durch Entschärfung von dessen Notlage entgegenzuarbeiten, darin liegt für MONE und viele seiner kirchlich-sozial eingestellten Zeitgenossen der Ansatzpunkt für Caritas- bzw. Diakoniearbeit, Im übrigen hält er die Armut für ein notwendiges Element der Gesellschaftsordnung, das sich prinzipiell nicht abschaffen läßt.

δ Heinrich Wilhelm Bensen

Noch klarer und in noch engerem Zusammenhang mit der mittelalterlichen Hospitalgeschichte formuliert das

Heinrich Wilhelm BENSEN
Ein Hospital im Mittelalter. Beitrag zur Geschichte der Wohlthätigkeitsstiftungen, entworfen von Dr. -
Regensburg: Pustet, 1853

Zunächst ist dies zwar eine Geschichte des mittelalterlichen Hospitalwesens der Stadt Rothenburg ob der Tauber. Wie schon nach dem generell formulierten Titel zu vermuten, hat BENSEN jedoch primär ein "höheres" Untersuchungsziel: eigentlicher Gegenstand seiner Abhandlung ist, mit seinen eigenen Worten ausgedrückt, "die Bekämpfung, oder vielmehr Vermittlung des Proletariats durch die christliche Wohlthätigkeit".[26]

"Die Proletarier" (unter diesem Titel hatte BENSEN bereits 1847 "eine historische Denkschrift" veröffentlicht)[27] betrachtet er als eine zeitunabhängige Konstante in aller Geschichte. Sie erfüllen auch zu allen Zeiten eine ganz bestimmte Funktion gegenüber den höheren Gesellschaftsklassen, nämlich deren Erfindungsgeist und "thätiges Mitleiden" anzuspornen. Diese merkwürdig anmutende Gesellschaftsordnung funktioniere freilich nur unter einer Bedingung: Die "Classe" der Proletarier muß gleich einem wilden Strome "gut eingedämmt und geleitet" sein - gelang es ihr je, "die Überhand zu gewinnen, so erschütterten sie nicht nur den Staat, sondern richteten ihn zugrunde." Indem er solches als zeitlose Funktionsgesetze hinstellt, schlägt BENSEN auf elegante Art die Brücke von dem, was er in der mittelalterlichen Vergangenheit zu erforschen meint, zu dem, was er seiner eigenen Zeit zu denken geben möchte: man muß die Wohltätigkeit so sehr ausbauen, gern nach dem "effektiven" mittelalterlichen Vorbild, daß es unmöglich wird, "das Proletariat für politische Zwecke zu revolutionieren und so den Pauperismus zum käuflichen Werkzeug des Umsturzes zu machen", wie Mone es ausgedrückt hatte.

Das Mittelalter begreifen Historiker wie Bensen und Mone als Epoche einer, in ihrem Sinne, ideal geordneten Gesellschaft. Zumindestens bei Bensen kann angenommen werden, daß diese Auffassung gerade erst seine Stoffwahl zum Hospitalwesen hin leitete. Er beschreibt das Mittelalter als eine Zeit, welche "die Mißverhältnisse vermittelte und beseitigte". Das war möglich, weil die damaligen Mittel gegen Mißverhältnisse nicht auf "Staatsgesetzgebung" sondern auf "lebenswarmem Gemüth", "lebendigem Christenthum" beruhten. Solange der "fromme Sinn" der Gebenden mit dem materiellen Wert zugleich den Armen zugewendet wurde, waren sie auch ohne weiteres ungefährlich für die bestehende Ordnung, sie wurden nämlich: "demüthig und bescheiden" erhalten, zu "frömmeren und besseren Menschen" erzogen. Das Gegenteil ereignete sich nach Bensens Verständnis, seit mit der Reformation (Abfall von der Kirche) die "politische Armenpflege" (Mone) sich vordrängte, wo die "kalte politische Berechnung" das Geben prägt. Da ist es nach seiner Auffassung nur natürlich, daß die Armen anfangen, "zu fordern, zu ertrotzen", statt "mit Dank und Bescheidenheit" entgegenzunehmen. Gewissermaßen ist alles Übel der modernen Gesellschaftsentwicklung nach Auffassung dieser konfessionellen Historiker die Folge davon, daß man im 16. Jahrhundert während des "Abfalls" von der Kirche die Armut und das Betteln habe abschaffen wollen, obwohl doch eben die Bettler ein notwendiger Bestandteil jeder Gesellschaft seien und für die Reichen der "natürliche Stoff, ... an dem sich das Mitleid und das christliche Gefühl zu üben habe", Abschaffung der Armut, wie sie die Neuzeit versuchte, begreift Bensen darum, so paradox es auch klingt, als ein Unterfangen "im Interesse der Reichen".

Für Geschichtsschreiber wie Bensen waren freilich auch solche Gedankengänge wohl nicht absonderlich genug, um seine Forschungen im Detail zu verunklären: Auf seinem lokalhistorischen Gegenstandsfeld hat er durchaus brauchbare Daten etabliert, zum Beispiel gibt er einen Abdruck der Regel des Rothenburger Heilig-Geist-Hospitals von 1334/1137, aber als Rahmen um diese Einzeldaten eben das reaktionäre Raisonnement.

ε Heinrich Haeser

Die Erforschung der Geschichte des Hospitalwesens von selten evangelischer Theologen begann nicht so früh. Der Greifswalder Medizinhistoriker Heinrich Haeser hat zwar 1853, als die Grenzen zwischen den Forschungsrichtungen der Mediziner und der Theologen noch nicht so abgesteckt waren, große Rücksicht auf die religiösen Orden ("Krankenpflegerschaften") genommen, und mit der Titelformulierung seiner Festrede: "de cura aegroto-rum publica a Christianis oriunda", eines der späteren Hauptthemen kirchengeschichtlicher Darstellungen des alten Hospitalwesens anklingen lassen, auch wenn er zu seiner Zeit noch im Grenzgebiet zwischen Medizin- und Kirchengeschichtsschreibung gestanden hat, hat ihn doch später mehr die erstere zu den ihren gerechnet, und ich erwähne ihn daher nicht als evangelischen Kirchenhistoriker sondern in der medizingeschichtlichen Tradition.[ 33] Siehe oben S. 22

    Z.B.
  • Ziegler, De diaconibus, (zit.n. Uhlhorn, Liebesthätigkeit, 1l, S. 169);
  • Muratori, De hospitalibus, S. 553-606 (zit.n. Haeser, Kranken-Pflege und Pflegerschaften, Anm. 39);
  • Muratori, Von Spitälern, (zit.n. Liese, Caritas);
  • Muratori, Antiquitates, S. 907 (zit.n. Haeser, Kranken-Pflege und Pflegerschaften, Anm. 94);
  • De Gerando, Bienfaisance, (zit.n. Haeser, Kranken-Pflege und Pflegerschaften, Anm. 4);
  • Dass. bearb. v. BUCS: System der Armenpflege (zit.n. Ratzinger, Armenpflege, 2. Aufl., S. 130);
  • Moreau-Christophe, Histoire;
  • Moreau-Christophe, Problème (zit.n. Ratzinger, Armenpflege, 2. Aufl., S. 41);
  • Morin, Pauvreté, S. 305 (zit.n. Uhlhorn, Liebesthätigkeit, 1);
  • Chastel, Charité;
  • Dass. übers.v. J.H.WICHERN: Chastel, Studien, S. (dagegen Uhlhorn, Vorstudien, S. 44, Anm. l; Uhlhorn, Liebesthätigkeit, 1, S. 395, Anm. 1 u.ö.; vgl. Haeser, Kranken-Pflege und Pflegerschaften, Anm. 27; vgl. Mone, Armen- und Krankenpflege);
  • daneben eine Handvoll lokal oder regional spezialisierter Darstellungen, zumeist nachgewiesen in den Anmerkungen bei Haeser, Kranken-Pflege und Pflegerschaften.

Die älteste Geschichte des Johanniter- wie des Deutschen Ordens stammt aus dem 13. Jahrhundert; bei den Johannitern diente sie dazu, das hohe Alter und den rechtlich unanfechtbaren Ursprung nachzuweisen, um etwaige Zumutungen von außen gegen den Orden zu verhüten ( Hiestand, Anfänge der Johanniter, S. 31f.; vgl. Arnold, Entstehung des Deutschen Ordens, S. 81); an neuzeitlichen Werken sind besonders von Bedeutung: Falco, Antonianae historiae compendium (zit.n. Mischlewski, Art. "Antoniter"); Bosio, Sacro militare ordine (zit.n. Haeser, Kranken-Pflege und Pflegerschaften, Anm. 15, wo noch weitere ähnliche); Paoli, Dell'Origine (zit.n. Uhlhorn, Liebesthätigkeit 2, S.470); Leoni, Crociferi (zit.n. Bibliografia Nazionale Ital.); Monasticon Anglicanum 2 (ÜB München, Sign. 2 H..eccl. 758/2); Paoli, Codice Diplomatico (zit.n. Wadstein-Wartenberg, Malteserorden, S. 95, Nr. !); Helyot, Kloster- und Ritterorden (zit.n. Mischlewski,Art. "Antoniter"); Mosheim, De Beghardis et Beguinabus (zit.n. Grundmann, Religiöse Bewegungen); Dassy, Abbaye St.-Antoine (zit.n. Mischlewski,Art. "Antoniter").

Vgl. dazu oben S. 22ff. über die Anfänge medizinhistorischer Literatur über mittelalterliches Hospitalwesen, seit 1857.

Mone, Armen- und Krankenpflege, S. 5.

Nebenbei bemerkt, betätigte sich auch der Dichter Clemens BRENTANO auf diesem Gebiet, mit seiner Schrift "Die Barmherzigen Schwestern in bezug auf Armen- und Krankenpflege" Coblenz 1831. Mainz 18563 (zit.n. Haeser, Kranken-Pflege und Pflegerschaften, Anm. 173 bzw. n. Liese, Caritas).

Zit. n. Krimm, Quellen, 2 (1963) S. 245.

Vgl. oben S. 9, Anm. 20.

Vgl. "Aus der Einladung nach Wittenberg" bei Krimm, Quellen 2 (1963) S. 239-241, Nr. 125.

Vgl. Schreiner, Wichern, Löhe, Stoecker, bsd. S. 327-338.

Zit.n. Krimm, Quellen 2, S. 246-256, Nr. 127, bsd. S. 255: "Aus den Statuten, l".

Siehe oben Anm. 247.

Näheres bei Schrey, Art. "Katholisch-sozial", Sp. 1199-1206; zum Mainzer Katholikentag im Oktober 1848 und der dort von August REICHENSPERGER initiierten Gründung von "Vinzenzvereinen" vgl. noch Gatz, Kirche und Krankenpflege, S. 352.

Gatz, Kirche und Krankenpflege, bsd. S. 44f.

Vgl. Mone, Armenpflege, S. 129f. 135.; Mone, Armen- und Krankenpflege, S. 13.

Privatdozent (1817), dann ordentlicher Professor für Geschichte an der Universität Heidelberg (1822), dann an der Universität Leuven (1827-1831), zuletzt Direktor des Badischen Landesarchivs in Karlsruhe (1835-1868) - vgl. v.WEECH, Art. "MONE, F.J.", in: ADB 23 (1885) S. 165f.

Mone, Armen- und Krankenpflege, S. 53.

v. WEECH (wie Anm. 16).

Mone, Armen- und Krankenpflege, S. 5f.; ein Beispiel für beachtenswerte praktische Vorzüge im mittelalterlichen Armenpflegesystem: die Garantie der Leistungen durch "poenae" (Einsetzung eines anderen Interessierten anstatt des berechtigten Empfängers für den Fall, daß diesem die Leistung vorenthalten würde Mone, Armenpflege, S. 134f.).

Mone, Armen- und Krankenpflege, S. 12.

Mone, Armen- und Krankenpflege, S. 6; vgl. noch Mone, Armenpflege, S. 133: "... Bei einer solchen religiösen Grundlage und Ausbildung der Armenpflege konnte der Communismus der Proletarier nicht stattfinden"

Mone, Armen- und Krankenpflege, S. 6. Mone, Armenpflege, S. 129f. und sonst ständig.

Von v. WEECH (wie oben Anm. 261).

Mone, Armen- und Krankenpflege, S. 6.

Mone, Armen- und Krankenpflege, S. 12.

Bensen, Ein Hospital, S. 5; BENSEN wandte sich dem mittelalterlichen Hospitalwesen als einem Spezial-"Moment" des Themas zu, das er im Jahr vor dem Revolutionsjahr, 1847, in einer "Denkschrift" behandelt hatte: "Die Proletarier"; da ich diese Schrift noch nicht kenne, kann ich auch noch nicht beurteilen, ob in dem Übergang der Themen vom bloßen Namen der revolutionsverdächtigen Klasse zu deren Unschädlichmachung mittels Wohltätigkeit ein Übergang der Einstellung des Verfassers im Takt mit der auf die Revolution gefolgten Restauration verborgen liegt; frühere Veröffentlichungen BENSENS geben allein durch ihre Titel auch noch wenig Hinweise auf seinen Standpunkt: griechisches Altertum, 16. Jahrhundert, Rothenburger Stadtgeschichte sind die Themen, dann 1835 eine griechische "Ode an Napoleon" und 1844 eine "Denkschrift" m.d.T. "Teutschland und die Geschichte" (zit.n. Bensen, Ein Hospital, S. (111).

Bensen, Proletarier (zit.n. GV); ähnlich klingen die Titel der beiden Schriften Johann Hinrich Wicherns von 1848 bzw. 1849: Wichern, Proletarier und Kirche, Wichern, Innere Mission, S. .

So weit nach Bensen, Ein Hospital, S. 88f.

Siehe oben S. 87 bei Anm. 269.

Dies auch ähnlich bei Mone.

Bensen, Ein Hospital, S. 88f.

Bensen, Ein Hospital, S. 88f.

c. Ab- und Eingrenzung
b. Die klassischen Gesamtdarstellungen (1868-1922)

| Ratzinger | Uhlhorn | Ratzinger und Uhlhorn | Caritasgeschichte Anfang 20. Jh. |

Auf die bisher genannten, recht augenfällig im Zusammenhang mit aktuellen gesellschaftspolitischen Argumenten entstandenen Studien folgen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts und bis über den Ersten Weltkrieg hinaus die für die Zukunft grundlegenden, auch heute zum Teil nicht überholten Gesamtdarstellungen der Caritas bzw. der christlichen Liebestätigkeit. Diese beiden Ausdrücke kennzeichnen nun einerseits die katholische und andererseits die evangelische Literatur über das, was vorher weniger streng auch als Barmherzigkeit, kirchliche Armenpflege und ähnlich bezeichnet wurde. Zwar sind das Themenbegriffe, die sich zunächst nicht mit der Geschichte des Hospitalwesens decken, um die es hier geht, da aber die Hospitäler, im'Mittelalter schlechthin der Ort waren, wo Caritas/Lie-bestätigkeit ausgeübt wurde, sind die Geschichten dieser christlichen Aktivitäten in ihren Mittelalter-Abschnitten doch wieder regelrechte Geschichten des Hospitalwesens, aus kirchengeschichtlichem Aspekt; und anders als jemand es nach den medizingeschichtlichen Arbeiten erwarten könnte, nimmt die Behandlung des Mittelalters in den kirchen- geschichtlichen Darstellungen großen Raum ein, oft genau ein Drittel eines ganzen Werkes. Die Gesamtdarstellungen der Caritas und der Diakonie beinhalten daher auch immer eine ausführliche Geschichte des mittelalterlichen Hospitalwesens .

α Georg Ratzinger (1844-)

Als die Universität München 1868 die Preisaufgabe stellte, eine Geschichte der katholischen kirchlichen Armenpflege zu schreiben, kam folgende Dissertation eines jungen, im Jahr zuvor geweihten, katholischen Priesters ein und wurde mit dem Preis ausgezeichnet:

Georg RATZINGER
Geschichte der kirchlichen Armenpflege. Gekrönte Preisschrift
Freiburg im Breisgau: Herder, 1868 (433 S.)
(jetzt zu benutzen ist:)
Zweite, umgearbeitete Auflage, Ebda. 1884 (616 S.)

Der Verfasser, geb. 1844 als Sohn eines Bauern in Rickering bei Deggendorf, wurde nach seiner Promotion mit der preisgekrönten Schrift "Hülfsarbeiter" seines Lehrers Ignaz von Döllinger, ohne sich jedoch "mit den Ideen des berühmten Theologen irgend zu befreunden". Schon 1870 war er als Redakteur tätig, 1875-1877 wurde er Abgeordneter der bayerisch-katholischen Patriotenpartei im Bayerischen Landtag, 1877-1878 im Reichstag. Anfang der 1870-er Jahre zog er "die Säule des katholisch-feudalen Hochadels", Graf Ludwig von Arco-Zinneberg, in die Parteipolitik hinein, von welchem Grafen er zugleich eine lebenslängliche Rente bezog; 1883 publizierte er dessen Reformprogramm "Die Erhaltung des Bauernstandes". Als sein Hauptwerk gilt "Die Volkswirthschaft in ihren sittlichen Grundlagen. Ethisch-sociale Studien über Cultur und Civilisation" (1881. 18952), auf das er sich in der überarbeiteten Auflage seiner "Kirchlichen Armenpflege" ständig bezieht. Später zog er als Abgeordneter des "Bairischen Bauernbundes" erneut in den Landtag (1893) und in den Reichstag (1898); sein Tod leitete aber kurz darauf auch das Ende dieser Partei ein. Seine politische Schriftstellerei wäre bestimmt ein interessantes Thema für sich, gehört aber umso weniger hierher, als sie zumeist aus den Jahren nach Herausgabe der "Kirchlichen Armenpflege" stammt. Trotzdem würde man das Bild des Hospital-Historikers Ratzinger schief zeichnen, wenn man die Schriften von ihm unerwähnt ließe, die am meisten Neuauflagen erlebt haben: heftige antisemitische Pamphlete, unter erfundenen Namen herausgegeben, die Exemplare auf den öffentlichen Bibliotheken inzwischen auch mit hitzigen Randbemerkungen und Anstreichungen in Rot fortgeschrieben; hier legt er seine populärste volkswirtschaftliche Systematik vor, indem er den ganzen modernen Kapitalismus mit aller entstandenen Ungerechtigkeit einem großen Schreckbild des aus dem Osten vorgedrungenen polnisch-deutschen Juden anlastet: "Die soziale Frage bildet den Mittelpunkt aller Bestrebungen der Gegenwart. Für den eigentlichen Kern der sozialen Frage aber erachten wir das jüdische Erwerbsleben."

Die kirchliche Wohltätigkeit war auf alle Fälle im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts ein Thema, das man studierte, wenn man Ambitionen in der Politik, speziell der Wirtschafts- und Sozialpolitik hatte und einen christlichen Parteistandpunkt einnahm. In diesem Sinne schließt sich die Arbeit des aufstrebenden Politikers Ratzinger gut an die des Schulschriftstellers Bensen an, der ebenfalls viel Wert auf die Lehren der Geschichte für die "sociale Frage der Gegenwart gelegt hatte.

Über die wissenschaftliche Qualifikation Ratzin-gers spricht sich sein Biograph Fränkel zwar durchwegs lobend aus, doch habe jener es nicht so gut verstanden, die Ergebnisse zu systematisieren. Diesen Eindruck erhält man auch aus seinem hier im Blickpunkt stehenden Werk, der "Geschichte der kirchlichen Armenpflege"; und das war der Grund, weshalb dieses Buch in der Tat nicht lange unwidersprochen blieb.

Ratzinger mußte sich den Vorwurf gefallen lassen, daß er nur "Symptome" zusammenstelle und "den Gründen nicht nachfragt, aus denen die im Laufe der Zeit eintretenden Veränderungen auf dem Gebiete der Liebesthätigkeit hervorgehen."

β Gerhard Uhlhorn (1826-1901)

Dieser Angriff kam aus Hannover, wo Gerhard UHLHORN (1826-1901), Schloßprediger (1861), Geistliches Mitglied des Landeskonservatoriums (1866, gerade noch vor dem Verlust der staatlichen Selbständigkeit eingerichtet) und Abt von Kloster Loccum (1878) war. Im Unterschied zu dem bayerischen Theologen Ratzinger hielt sich der hannoversche, lutherische Theologe Uhlhorn von parlamentarischer und Parteipolitik ganz fern; darin unterschied er sich zugleich von dem preußischen Hofprediger Stoecker, der ja auch, wie Ratzinger und wie Uhlhorn, jeder auf andere Art, sozialpolitische Ambitionen hatte. Uhlhorns Standpunkt wurde es, besonders seit er Konsistoriumsmitglied war, zwischen widerstreitenden theologischen Richtungen zu vermitteln und die Geschlossenheit der Landeskirche zu verteidigen - worüber er de facto ihre lutherische Prägung gefestigt hat. Bezüglich der Sozialethik lief sein lutherischer Standpunkt darauf hinaus, daß die Kirche nicht selbst Partei ergreift oder soziale Probleme aufgreift, sondern daß sie durch Seelsorge und Verkündigung versucht, die Menschen von Grund auf zu verändern, oder besser: von dem Wort, das verkündet wird, verändern zu lassen. Uhlhorn hat das bestimmt nicht zu eng aufgefaßt, denn Verkündigung durch Taten neben den Worten, also Innere Mission, war ein Hauptanliegen für ihn. Er verfügte dabei über einen erheblichen Optimismus hinsichtlich der Möglichkeiten für die Kirche, durch Verkündigung und Innere Mission tatsächlich die sozialen Probleme in absehbarer Zeit gelöst zu bekommen und war, vielleicht infolge dieser Selbstgewißheit, im Stande, eine Disputation mit einer Delegation von "Socialisten" zu halten, viel von deren Analyse der Gesellschaft zu übernehmen und in einem (auch gedruckten) Vortrag zu verlangen, daß die Kirchengeschichtsforschung mehr auf "die Art der Produktion und Consumtion" achten müsse - um gleich im Anschluß daran selbst eine Einteilung ihrer Epochen in "Sklavenhalter-", "Feudal/Zunft-" und "kapitalistische Gesellschaft" zu entwerfen. Am Ende dieses Vor-trags, den er 1875 vor Pfarrern hielt, sagt er über das Zukunftsideal, das ihm die Socialistendelegation vorgetragen hatte: "dem Eindruck wird sich keiner entziehen können, daß hier Manches liegt, was dem Christenthum entschieden näher steht als der Kapitalismus der Gegenwart." Nun gibt es andere Beispiele für kirchliche Verdammungen des Kapitalismus und aller modernen Umwälzungen in der Gesellschaft aus dieser Zeit; vergleicht man das, was Uhlhorn zu bedenken gibt, aber z.B. mit Ratzingers Kapitalismuskritik, fällt ein erheblicher Unterschied auch der politischen Orientierungen zwischen dem katholischen und dem evangelischen Theologen in die Augen. Daß Uhlhorn nicht der alten Agrargesellschaft nachträumt, sondern sich in wohlwollende Diskussion mit Sozialisten einläßt, scheint mir auch mit seiner wissenschaftlichen Zuversicht zusammenzuhängen, daß auch die Entwicklungen der neuen Zeit theologisch-historisch schon durchschaut seien.

Daß Gerhard Uhlhorn seiner wissenschaftlichen Arbeit mindestens seit 1881 das Thema "Geschichte der christlichen Liebestätigkeit" stellte, kam also nicht zufällig; für einen Mann in seiner Position mußte es beinahe ein Schlüsselthema sein. Übrigens faßte ein HZ-Rezensent später Uhlhorns Abhandlung in der Tat als Schlüssel zum Verständnis "der gegenwärtigen Verhältnisse" auf. Genausowenig unerwartet aber kommt die Richtung, in die Uhlhorns Angriff gegen Ratzingers Vorgänger-Werk zielt: Wenn man damit rechnet, die gesellschaftlichen Verhältnisse durch Verkündigung, also Einwirkung auf die Haltung der Menschen, zu ändern, muß man bei einer historischen Untersuchung herauszustellen suchen, wie die sozialen Phänomene, zum Beispiel das Wohlfahrtswesen im Mittelalter, auf die Haltungen, die ethischen Einstellungen der Zeit zurückzuführen seien. Das macht Uhlhorn zu dem, perfekt befolgten, Prinzip seiner Darstellung. Er spezifiziert die ihm am wichtigsten scheinenden Faktoren folgendermaßen: wie "eine Zeit den Reichtum und die Armut ethisch beurteilt", wie sie "die Arbeit und den irdischen Beruf würdigt" und schließlich, wie sie "die Liebespflicht des Christen auffaßt".

Die Geschichte der christlichen Liebestätigkeit, auf diese Art bearbeitet und im Laufe von acht Jahren in drei Bänden vorgelegt, wurde Uhlhorns Hauptwerk:

Gerhard UHLHORN
Die christliche Liebesthätigkeit
(l:) in der alten Kirche (421 S.)
2: .Das Mittelalter (531 S.)
3: .Die Liebesthätigkeit seit der Reformation (520 S.)
Stuttgart: D. Gundert, 18822 bzw. 1884 bzw. 1890 .
(Dass. in l Bd., ohne Belegapparat, mit Vorwort, bearbeitet:)Die Christliche Liebesthätigkeit. Zweite verbesserte Auflage
Ebda. 1895 (815 S.)

Kaum eine andere der hier behandelten Darstellungen fügt die Masse der (jeweils genau belegten) Einzelbeobachtungen so ungezwungen zu so wohlkomponierten Linien zusammen. Die drei Bände beinhalten drei Epochen; jede Epoche hat drei Phasen: Vorbereitung, Blüte, Verfall (bei der letzten Epoche steht freilich die Blütezeit noch bevor). Jede Epoche leitet zwingend zur folgenden über: Das Christentum noch als "zauberartige Sühneanstalt" in der Antike, auf den Übergang der Kultur-Trägerschaft an die Germanen folgt dann die "Durchdringung des Volkslebens mit dem Sauerteige des Evangeliums" im Mittelalter, auf die Reformation folgt eine Kirche in Gemeinden, die das rechte Verhältnis zu Arbeit, Eigentum usw. kennen und daher mit der Zeit die Armut abschaffen werden. Bei allem Respekt vor der Quantität des mittelalterlichen Armenstiftungswesens, den er schon durch dessen ausführliche Beschreibung bekundet, sei dieses doch geiade mit seiner Konzentration aller Liebestätigkeit im Anstaltswesen der Hospitäler unvollkommen gewesen und nur für jene Epoche angemessen, in der das Volksleben erst von oben, von der Kirche her, zum Christentum herangebildet werden mußte; ideal sei die Gemeinde-Armenpflege, wo jeder für jeden Verantwortung trägt.

Indem er so konsequent nach seinem Prinzip verfährt, die sozialen Phänomene jeder Zeit aus ihren sozialethischen Ansichten heraus zu erklären, stellt Uhlhorn auch die Geschichte des Hospitalwesens in einen so weiträumigen Zusammenhang wie kaum ein anderer der hier zu erwähnenden Historiker. Allerdings ergibt sich eine Einschränkung dieser Weite wieder daraus, daß Uhlhorn sich eigentlich nur mit solchen sozialen Anschauungen beschäftigt, die ihm aus der Geschichte der Ausbreitung und Durchsetzung des Christentums hervorzugehen scheinen, und daraus, daß er, wie damals selbstverständlich, nur theoretische Literatur dafür als Quellen benutzt, deren Aussagekraft für die tatsächlichen Auffassungen der Mehrheit der Menschen freilich ziemlich begrenzt sein wird - hier geht erst Maurer 1953 einen Schritt weiter.

Seine Einzeldaten mit den genauen Nachweisen der Belegstellen bilden darüber hinaus neben der Materialsammlung von Virchow reichen Zugang zu der einschlägigen älteren Literatur. Er scheint die damals vorliegenden Spezialarbeiten, Lokalgeschichten u.dgl. recht vollständig ausgewertet zu haben, wenn er auch keine systematische Durchsicht z.B. allen gedruckten Urkundenmaterials vorgenommen zu haben scheint, wie später Reicke.

γ Ratzinger und Uhlhorn

Drei Jahre nach jenem Angriff von Uhlhorn in der Zeitschrift für Kirchengeschichte gab Ratzinger eine Neubearbeitung seiner "Geschichte der kirchlichen Armenpflege" heraus; ob als Antwort auf jene Vorwürfe oder einfach aus derselben Gewohnheit heraus, die ihn auch andere seiner Schriften nach einigen Jahren "mit vollem Rechte als 'vollständig umgearbeitet'" neu auflegen lassen ließ, ist nicht zu ersehen, doch kann es scheinen, als unterstreiche er in der Neuauflage die Erklärung der "Symptome" aus den allgemeinen Zuständen und Anschauungen ihrer jeweiligen Zeit noch besonders.

Freilich ist für ihn als Katholiken das Christentum selbst keiner Entwicklung der Auffassungen unterworfen, je nachdem etwa, mit was für einer Kultur es gerade zusammentrifft. Die"Lehre der Kirche über Reichthum und Armuth, Eigenthum und Almosen" ist für ihn eine "constante". "In Wechselwirkung" mit "der socialpolitischen Gestaltung" beschreibt er hingegen die "Gestaltung und Organisation des Armenwesens"; die Armut als "Resultat der socialen Ordnung", der Wirtschaftslage und des Grades von Einfluß, den die Kirche mit ihrer Soziallehre jeweils gehabt habe.

Für diese allgemeinen Bedingungen seines Gegenstandes i.e.S. hat er aber doch nur mehr oder weniger unverbunden bestimmte Kapitel zwischen die Deskription hineingestreut. Den großen Rest hat er bald nach Ländern, bald nach Ordens-gemeinschften, bald nach Arten von Anstalten gegliedert, nicht aber nach eben diesen generellen Zügen der Epochen, die in den eingestreuten Kapiteln behandelt werden.

Immerhin ist ja auch die "Ausgangslage" für Ratzinger einer durchgehend wohlkomponierten Linienführung nicht so günstig: die Reformation ergibt für ihn ja einen unüberwindlichen Bruch, keine Stufe, die weiter zum Fortschritt führt, Mit ihr seien "Habsucht", Zwang und Beanspruchung eigenen Rechts in die Armenpflege gekommen, die dann mit der Zeit zum bloßen "Armenwesen" des Staates heruntergekommen sei. Von da aus dürfte es für Ratzinger eigentlich keine Fortführung der Linie mehr geben, sondern nur den Weg zurück zum Mittelalter, oder, seiner Auffassung mehr gemäß gesagt, zu den konstanten Werten, wie sie "die" Kirche schon immer gelehrt habe. Es entstehen hier zwei einander scharf entgegengesetzte Darstellungsweisen für ein und denselben Gegenstand, deutlich getrennt je nach Konfession. Das unterscheidende Merkmal wird vor allem die Beurteilung, die Einordnung des mittelalterlichen Zeitabschnitts und der diesen abschließenden Reformation. Die sich selbst in ungebrochener Tradition mit dem Mittelalter verbunden fühlen, lassen ihre Darstellung der Geschichte der Caritas darin gipfeln; die sich dagegen nur über die Reformation in der Tradition aus dem Mittelalter fühlen, stellen immer wieder das Unvollkommene an der christlichen Liebestätigkeit im Mittelalter heraus.

Seinen Gegner "von protestantischer Seite" nennt Ratzinger an keiner Stelle mit Namen; selbst da nicht, wo er ihn direkt zitiert.

Die je nach theologischem Hintergrund verschiedenen Ansätze Ratzingers und Uhlhorns führen auch im Detail zu unterschiedlichen Präferenzen bei der Stoffauswahl. Da es für Ratzinger keine Entwicklung im Christentum selbst gibt, "die Lehre der Kirche" immer vollkommen war, kann es für die geschichtliche Beschreibung nur um den Einfluß gehen, den die Kirche mit ihrer Lehre auf die Gesellschaften der verschiedenen Zeiten gewinnen konnte; die Stärke dieses kirchlichen Einflusses auf die "Politik" bedingt das Aufblühen oder den Niedergang karitativer Unternehmungen; so führt Ratzingers Ansatz ihn zu einer Institutionengeschichte mit Zügen politischer und Rechtsgeschichte, ühlhorns Ansatz dagegen führt zu einer selbständigen Ideengeschichte im Rahmen der christlichen Religionsgeschichte, und er versucht, die Entwicklung diakonischer Unternehmungen kausal an diese Ideengeschichte anzuknüpfen. Das ist entschieden das riskantere Vorhaben, insofern es mit dem Problem, ob Ideen Geschichte bestimmen zu tun bekommt. Andererseits ist es ebenso entschieden der spannendere Ansatz, insofern er wirklich in einen Bereich vorstößt, der anderen Forschungszweigen, wie politische oder Rechtsgeschichte, nicht offensteht. Das Problem ist dann aber auch die Wahl der Quellen für die Geschichte der Ideen, wenn es denn wirklich eine Geschichte der allgemeinen Mentalität sein soll: damals konnten literarische Äußerungen, etwa von mittelalterlichen Theologen, noch als direkte Quellen für die Mentalität "ihrer Zeit" überhaupt genommen werden; seitdem man das als problematisch erkannt und bessere Methoden zu suchen begonnen hat, ist es noch nicht wieder zu einer Untersuchung des Gegenstandes in dem großen Rahmen, wie ihn Uhlhorn sich gesteckt hatte, gekommen.

Uhlhorn selbst hat bereits Essenzen seiner Gesamtdarstellung zu verschiedenen theologischen und sonstigen Lexika beigesteuert. Spätere Lexikonartikel über einschlägige Stichworte beziehen sich ebenfalls oft auf sein Hauptwerk.

Die Prägekraft seiner "Christlichen Liebesthätigkeit" für die folgenden Darstellungen der Diakoniegeschichte von evangelischer Seite zeigt sich erneut, wenn 1905 der Kieler Professor für Kirchengeschichte, Hans von SCHUBERT zwei vor dem "Kieler Vaterländischen Frauenverein" auf Wunsch der Vorsitzenden, der Prinzessin Heinrich von Preußen, gehaltene Vorträge im Druck herausgibt:

Hans von SCHUBERT
Kurze Geschichte der Christlichen Liebestätigkeit. Von D. -, Professor dar Kirchengeschichte und Konsistorialrat in Kiel
Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses, 1905. (40 S.)

Denn er bekundet nicht allein mit der Formulierung des Titels sondern auch noch ausdrücklich im Vorwort, er wolle kurz und gut "einen Wegweiser durch die drei Bände Uhlhorn" geben. Freilich diskutiert er doch einige Zentralthesen neu und gibt überdies "leisen lokalen Kolorit" aus Schleswig-Holstein bei, indem er auf dortige Beispiele besonders hinweist.

δ Caritasgeschichte zu Anfang des 20. Jahrhunderts

Wie UHLHORNS Werk auf evangelischer, so galt RATZINGERS Arbeit auf katholischer Seite in der folgenden Zeit als "l'histoire generale, la plus savante et la plus complete de la charite", der Verfasser als "l'historien le plus recent et le plus erudit de la bienfaisance". Mit diesen Worten charakterisierte jedenfalls der Pisaner Nationalökonom TONIOLO sein Vorbild für den Vortrag, den er 1894 bei einem katholischen Wissenschaftlerkongreß hielt:

Joseph TONIOLO
L'Histoire de la Charite en Italic. Par M. le Dr. -, Professeur d'economie politique ä l'Universite de Pise
in: Compte rendu du troisieme Congres scientifique international des Catholiques tenu ä Bruxelles du 3 au 8 septembre 1894 (Bruxelles: Soc. Beige de Librairie, 1895) S. 333-348

Sein im Umfang bescheidener, aber sorgfältig mit Belegen versehener Beitrag steht auch damit in der kirchenhistorischen Tradition, daß er von der "crise sociale, qui pese sur nous" seinen Ausgang nimmt: diese soziale Krise zeige ihm "une grande verite" an, nämlich, wie notwendig die Caritas für die Gesellschaft sei. Caritas aber ist für ihn per definitionem das Gleiche wie Entfaltung des katholischen Glaubens in der Welt. Von beidem aber hat er, ganz wie Ratzinger im Unterschied zu Uhlhorn, einen Begriff, in dem Macht und Einfluß der zuständigen Institutionen den Ausschlag geben. Kirchenvermögen und materielle Ressourcen für die kirchliche Caritas aber standen im Mittelalter stärker als nach der Reformation - so ergibt sich bei To-niolo das gleiche Muster für die Bewertung der Epochen, wie es bisher schon bei mehreren anderen katholischen Ca-ritas-Historikern zu beobachten gewesen ist. Das Mittelalter wird hauptsächlich aus dem Gegenüber zur Neuzeit betrachtet, für innere Konflikte im Mittelalter bleibt wenig Aufmerksamkeit übrig, so spricht Toniolo im selben Atemzuge von der Freiheit der Krankenpflegekommunen im 13. Jahrhundert und von der Freiheit und einflußreichen Stellung der Hierarchie zur selben Zeit, ungeachtet dessen daß viele Hospitalkonvente gerade gegen die Hierarchie ihre Freiheit verteidigen mußten.

Ratzingers Darstellung der Caritasgeschichte wurde schließlich doch relativ bald durch neue Arbeiten katholischer Historiker abgelöst - während ein neuer ühlhorn bisher nicht geschrieben ist. In Deutschland brachte das 1. Viertel des 20. Jahrhunderts Gesamtdarstellungen der Geschichte der Caritas aus der Feder von einigen wichtigen Persönlichkeiten der Zentralorganisation "Deutscher Caritasverband", die 1897 gegründet worden war.

Als eine sehr deutliche Darlegung der Intentionen und als Einführung in die spezielle Begrifflichkeit dieser Abhandlungen bietet sich ein kurz zuvor erschienenes apologetisches Werk über Caritas an:

Franz SCHAUB
Die katholische Caritas und ihre Gegner. Von Dr. -, Kgl. Gymnasialprofessor in Regensburg
M[önchen-]Gladbach: Volksvereins-Verlag, 1909.

Vor allem im ersten, dogmatischen Teil liefert Schaub solche Hintergrundinformationen, indem er Begriffe wie "Caritas", "Almosen", "Armenpflege (kirchliche vs. staatliche)", "Sozialpolitik" abhandelt. Im übrigen verteidigt er die katholische Caritas-Auffassung gegen solche, die ihr Werkheiligkeit, verdeckten Eudämonismus, Verantwortungslosigkeit gegen die Gesellschaft durch Förderung des Bettlertums vorgeworfen hätten; indem Schaub sich bemüht, diese Vorwürfe, aus Bibel und Patristik zitierend, zu entkräften, bietet er zugleich ein selten vollständiges Reperfcorium der einschlägigen Stellen, die ja auch für die Autoritäten gewesen sein dürften, die in unserem mittelalterlichen Hospitalwesen wirksam gewesen sind. Für gewöhnlich bleibt Schaub dabei stehen, daß er diese Sentenzen, mit Ausrufezeichen versehen, für sich selbst sprechen lassen will - was damit zusammenhängen kann, daß er seine "Schrift", wie er das Werk nennt, ursprünglich für mündliche Vorträge erarbeitet hat. Am Schluß, in einer umfassenden Apologie gegen alle Gegner "von der protestantischen Orthodoxie bis zu Nietzsche und Marx", zeigt Schaub noch ein Beispiel jenes Optimismus der kirchlichen Autoren zur Zeit des Kaiserreichs, kraft dessen sie wirklich erwarteten, kirchlich organisierte Privatwohltätigkeit werde in eine gerechtere Gesellschaft führen - so großen Wert Schaub auch traditionsgemäß auf die wörtliche Gültigkeit von Mt 26,11 a legt.

Auch wenn ich in meiner Übersicht aus praktischen Gründen fast nur von den größeren Gesamtdarstellungen sprechen kann, - in dieser Zeit zwischen der Jahrhundertwende und der Novemberevolution wurden wie in späteren Zeiten Einzelstudien und Dissertationen über die Hospitäler einzelner Städte u.dgl. aus kirchenhistorischer Perspektive vorgelegt. Es ist nur ein Manko, daß es noch keine andere Bibliographie über diese Einzelarbeiten gibt, als die Literaturverzeichnisse der hier vorgestellten Übersichtsdarstellungen, worunter dasjenige bei LIESE (1922) besonders reichhaltig ist, die aber doch an Details außerhalb der von ihnen ausgezogenen Entwicklungslinien wenig interessiert gewesen sind.

Mit einer Rezension über eine derartige Lokalstudie hat sich aber bereits 1912 in der Freiburger "Historischen Vierteljahresschrift" Georg SCHREIBER als Sachverständiger für Hospitalgeschichte eingeführt, der - nachdem er 1915 den Regensburger und 1917 den Münsteraner Lehrstuhl für Kirchengeschichte erhalten hatte, 1920 Reichstagsabgeordneter der Zentrumspartei geworden und 1936 von seinem üniversitätsamt ausgesperrt worden war - mit einer größeren Arbeit zum Thema "Mittelalterliches Hospitalwesen"hervorgetreten ist. Als Professor und als Politiker war er darüber hinaus an der Druckfinanzierung des folgenden Werkes durch seine Vermittlerdienste beteiligt:

Dies ist die offizielle Festschrift des "Deutschen Caritas-verbandes" zu seinem 25-jährigen Jubiläum 1922, verfaßt in den Jahren 1915-1922 von dem Schriftleiter der Zeitschriften dieses Verbandes:

Wilhelm LIESE
Geschichte der Caritas. Von Prof. Dr. -, Schriftleiter der Caritaszeitschriften
l: Allgemeine Geschichte der Caritas (394 S.)
2: Geschichte der Träger der Caritas. Die Caritas des Auslandes. [Bibliographie. Gesamtregister] (244 S.)
Freiburg i.Br.: Caritasverlag, 1922

Mit diesem Werk wurde das von Ratzinger, dem Schaub gewünscht hatte, daß es alle zehn Jahre in gründlicher Überarbeitung erscheinen müßte, durchaus überholt. Der Fortschritt liegt schon der dem zweiten Band angefügten Bibliographie mit über 1500 Titeln: praktisch alle die Buchtitel, die die ältere kirchengeschichtliche Forschung nur in heute oft nur schwer enträtselbaren Abkürzungen angefuhrt hatte, sind hier in brauchbarer Form bereitgestellt.

Außer in der damit angedeuteten Verbreiterung der Materi-algrundlage besteht der Unterschied gegenüber früheren Behandlungen des Stoffes hauptsächlich in einer durchgängigen Versachlichung. Viel weniger ist von Apologie zu finden, viel selbstverständlicher bleibt es bei der Dokumentation von Fakten aus einen gewissen Gebiet kirchlicher Tätigkeit. Der argumentierende, theoretisierende Elan scheint sich irgendwie verloren zu haben, ähnlich wie zur gleichen Zeit in der medizinhistorischen Forschungstradition, wenn riian etwa die unambitiöse, aufs Praktische gerichtete Arbeit von Baas mit den vor dem Ersten Weltkrieg erschienen Abhandlungen von Bloch und Jacobsohn vergleicht.

Zum Beispiel kann Liese auf die ehedem so wichtige Grenzziehung zwischen einem idealisierten Mittelalter und einer für alles kommende Übel verantwortlichen Reformation und Neuzeit verzichten. Er will "nach inneren, aus der Entwicklung der Caritasarbeit hervorgehenden Gesichtspunkten" gliedern. Da bleibt zwar gleichwohl die starke Stellung der Kirche das Hauptkriterium zur Unterscheidung der älteren von der neueren Epoche, aber diese letztere, in der neben der kirchlichen eine "weltliche Armenpflege" von selten der Kommunen und des Staates aufgebaut wurde, rechnet Liese schon seit dem 14. Jahrhundert, wodurch die Reformation nur noch ein Glied in einer Entwicklung ist, die schon im Mittelalter selbst wurzelt. Damit verarbeitet Liese Forschungen über die ältesten Armenordnungen, die kurz zuvor vorgenommen worden waren. Besonderes Gewicht legt er auf die Entwicklung dieser nichtkirchlichen Armen- pflege, im 19. Jahrhundert, zurück zu Prinzipien der kirchlichen (vgl., wie z.B. Mone die kirchliche Armenpflege als effektiv und billig im Vergleich mit der staatlichen empfahl. Innerhalb der älteren Epoche, als die Armenpflege noch allein in kirchlicher Verantwortung geschah, unterscheidet Liese die ersten acht Jahrhunderte nach Christus mit Bischöfen und Gemeinden als Trägern der Caritas von den folgenden fünf Jahrhunderten, wo alles sich im Hospitalwesen konzentriert habe - damit kommt er praktisch den Gesichtspunkten Uhlhorns von urchristlicher Gemeinde- versus mittelalterliche Anstaltsarmenpflege einigermaßen nahe.

Andererseits behält Liese das Schema Ratzingers durchaus bei, einer allgemeinen Geschichte der Caritas die speziellen Geschichten aller möglichen besonderen Vereinigungen anzuhängen, die auf diesem Gebiet tätig gewesen sind; eine Einteilung, die auch ein Medizinhistoriker wie Dietrich (1899) anwenden konnte. Bei diesen separaten Ordensgeschichten behandelt er auch mittelalterliche, sowohl untergegangene wie noch bestehende Hospitalkongregationen.

Die folgenden Angaben zu UHLHORNS Biographie und Standpunkt nach Hohlwein, Art. "Uhlhorn#7946#, Sp. 1197f; es wäre unbedingt noch zu vgl. gewesen: Cordes, Uhlhorn#7915#, S. 130-148, mit Lit. (zit.n. HOHLWEIN).

Stoecker, Adolf (1835-1909), seit 1874 Hofprediger in Berlin, versuchte der Sozialdemokratie außer durch"Stadtmission" auch durch Gründung einer eigenen Partei, der "Christlich-sozialen Arbeiterpartei" entgegenzuwirken, was ihm aber mißlang, denn die Partei konnte nur unter Streichung des Namensbestandteils "Arbeiter-" und kräftig antisemitischen Tendenzen im Mittelstand Fuß fassen, und der Kaiser, dem er mit dieser ganzen politischen Aktivität zu dienen gemeint hatte, sandte zum Schluß das verächtliche Telegramm: "Christlich-sozial ist Unsinn!"; günstiger stellt Stoeckers Sozialpolitik dar: Schreiner, Wichern, Löhe, Stoecker#8019#

Uhlhorn, Liebesthätigkeit#978# passim; vgl. dazu z.B. Geiger, 19. Jahrhundert#7934#, S. 445: "Beeindruckend, für uns fast nicht mehr faßbar ist vor allem eines: diese beinahe unerschöpflichen Kraftreserven, die man aus der überlieferten Substanz christlichen Glaubens und christlicher Frömmigkeit zu mobilisieren versteht. Eine Bewegung wie die Innere Mission oder . . . die Aufwendungen zu ''*. . christlicher Liebestätigkeit ... - das alles scheint gespeist von Strömen einer nie versiegenden Christlichkeit, die stark genug ist, den Geist der Glaubenslosigkeit der Moderne zu überwinden. Man lebt im 19. Jahrhundert in den Gemeinschaften und Kreisen der christlichen Kirche weithin noch in einem unerhörten Optimismus des Besitzes -..."

Uhlhorn, Socialismus und Christenthum#8030#, S. 384.

Uhlhorn, Socialismus und Christenthum#8030#, S. 357-364.

Uhlhorn, Socialismus und Christenthum#8030#, S. 369, ähnliche Kritik am Kapitalismus auch ebda. S. 354.

"Wir haben die Schlüssel, denn wir wissen, wo Gott hinauswollte", um es mit einer der bei Uhlhorn sonst seltenen Spitzformulierungen sagen (Liebesthätigkeit Uhlhorn, Liebesthätigkeit#978# l, S. 265).

Der Anlaß sei indessen eine Aufforderung von Theodor Fliedner bei einem Besuch in Kaiserswerth 1863 gewesen: "Sie sollten eine Geschichte der Liebesthätigkeit schreiben. Ein solches Buch könnte dazu dienen, das Interesse für die Werke der christlichen Liebe in weiten Kreisen zu erwecken und zu mehren ", erzählt UHLHORN im Vorwort zur 2. Auflage (1895) S. 3.

Karl MIRBT, Rez. über "Die christliche Liebesthätigkeit" Bd. 3, in: HZ 67 (1891) S. 494: "Je mehr die Gegenwart unter das Zeichen der socialen Frage rückt, ... in demselben Maße wird Uhlhorn's Geschichte der christlichen Liebesthätigkeit, und zumal dieser letzte Band, als sicherer Führer zu geschichtlichem Verständnis der gegenwärtigen Verhältnisse zu Rathe zu ziehen sein."

Uhlhorn, Vorstudien, S. 45

Ebda.

Vgl. die Inhaltsübersicht der einzelnen Bände mit der Einteilung in "Bücher" (entsprechend der Dreiteilung jeder Epoche) und je Buch 4 bis 6, ausnahmsweise einmal 7 oder 8 Kapitel.

UHLHORN, Liebesthätigkeit l, S. 279.

UHLHORN, Liebesthätigkeit l, S. 225; daß die Germanen die alten Völker ablösten, hält UHLHORN direkt für eine Voraussetzung dafür, daß das Christentum das Volksleben durchdringen konnte, denn die Völker, die auf eine kulturelle Tradition im Heidentum zurückblikken konnten, seien zu so tiefer Verchristlichung nicht mehr fähig gewesen; Meinungen über die germanische Gesellschaftsstruktur und Denkweise stützt UHLHORN vielfach auf den französischen katholischen Literaten und Sozialreformer Antoine Frederic OZANAM (1813-1853, vgl. Art. über ihn in: RGG 43, 1960, Sp. 1755) und dessen "Etudes germaniques" (z.B. Liebesthätigkeit l, S. 217).

UHLHORN, Liebesthätigkeit l, S. 216f.

UHLHORN, Liebesthätigkeit l, S. 243; damals in der Antike sei die Gemeinde noch zu schwach gewesen, als das aufkommende Massenelend ihre Liebestätigkeit auf die Probe stellte; "während des ganzen Mittelalters hat das christliche Leben daran gekrankt, daß es wohl Parochien aber keine Gemeinden gab" (ebda. S. 245); über Gegenwarts- und Zukunftsaussichten bsd. ebda. Bd. 3, S. 414. 453-459.

Bis hier eingeschoben, stimmt die Position?

"Caritas" verwenden Schaub, Caritas und Gegner#846# (mit philologischer Worterklärung, Abweisung der früher auch nicht seltenen Schreibung "Charitas", S. 1-5); Liese, Caritas#2170; Meffert, Krankenwesen#1901#; - "Charite" ist dafür im Französischen üblich: Chastel, Charité#7914#; Toniolo, Charité Italie#3973#; Lallemand, Charité#7961#.

"Christliche Liebest(h)ätigkeit" verwenden Uhlhorn, Liebesthätigkeit#978# (der den Begriff doch nirgends erst einführt, offenbar konnte er ihn aus der damaligen Debatte schon übernehmen); Schubert, Kirchengeschichte#3792#; Rink, Preußen#2189#; - "Wohltätigkeit" schreibt abweichend Stark, Ostschwäbische Reichsstädte#8309#; in Krimm, Diakonisches Amt#3621#, sowie in Krimm, Quellen#5850#, die nach 1945 erschienen sind, tritt "Diakonie" an die Stelle der "christlichen Liebestätigkeit".

So übersetzte, wie oben S. 84 erwähnt, Johann Hinrich Wichern 1854 das "Charite" im Titel des Buches von Chastel.

so nur Ratzinger, Armenpflege#1155#; MONE gebrauchte "Armenpflege" ohne ausdrücklichen Zusatz neben "Krankenpflege" i.S. v. "Sozial- (und Gesundheits)fürsorge

Daß nur nach der Armenpflege der katholischen Kirche gefragt gewesen sei, interpretiert Ratzinger, Armenpflege, 2. Aufl.#766#, S. VII, selbst.

Vgl. Ratzinger, Armenpflege, 2. Aufl.#766#, S. V.

Die biographischen Daten nach Fränkel, Art. "Ratzinger"#7930#, S. 215-218; Koch, Katholisches Deutschland#7956#, Sp. 3802.

Vgl. die Verlagsanzeige in: Ratzinger, Armenpflege, 2. Aufl.#766#, 4. Umschlagseite, für: "Die Erhaltung des Bauernstandes. Ein Reformprogramm des Hochseligen Grafen Ludwig zu Arco-Zinneberg".

Z.B. Ratzinger, Armenpflege, 2. Aufl.#766#, S. VI, wo er für den Kampf der Kirche gegen diejenige Armut, die "das Resultat der socialen Ordnung" sei, nach dort verweist, während er hier nur die mehr individuelle Armenpflege behandeln wolle.

Deren Fraktion er allerdings noch kurz vorher verlassen hatte, um als fraktionsloser Abgeordneter zum Centrum hin zu tendieren ( Fränkel, Art. "Ratzinger"#7930#).

Außer den bereits genannten verzeichnet Fränkel, Art. "Ratzinger"#7930#, S. 217f.:
- Ratzinger, Wissenschaft#8003#
- Ratzinger, Bierbrauerei#8004#
- Ratzinger, Bauern einigt euch!#8005#, S.
- Ratzinger, Bairische Geschichte#8008#, rez. HZ 81, 1898, S. 319-328, von S. RIEZLER)

Ratzinger, Jüdisches Erwerbsleben#8002#, S. l; vgl. Ratzinger, Judentum#8001# (hier, im Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek, Bavar. 2182 hd, die Randbemerkungen).

Fränkel, Art. "Ratzinger"#7930#, S. 217, der allerdings damit vor allem die politischen Schlußfolgerungen kritisieren will, die RATZINGER aus seiner Gelehrsamkeit zog, besonders, was FRÄNKEL dessen "Wahn" nennt: daß das Bauerntum der "einzige Nährstand" sein müsse, nach RIEZLER (wie Anm. 48) S. 327 kommt RATZINGERS Qualität als Historiker davon, daß er "bei Giesebrecht im Seminar gesessen" habe.

FRÄNKEL (wie Anm. 285) S. 215.

RATZINGER2 S. VIII.

RATZINGER2 S. VI.

Vgl. z.B. seine praktischen Vorschläge für Gegenwart und Zukunft, 2. Auflage, S. 584f.

RATZINGER2 S. 382, Anm. 2.

Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche (Art. "Armenpflege", Bd. 2, 1897; "Wohltätigkeitsanstalten", von UHLHORN und A. Hauck, Bd. 21, 1908 - von REICKE als der beste Überblick über die Hospitalgeschichte bezeichnet) Handwörterbuch der Staatswissenschaften (Art. "Geschichte der öffentlichen Armenpflege", von Münsterberg, UHLHORN, Laum, Bd. l, 1923)

Z.B. Art. "Sozialhilfe", in: Brockhaus Enzyklopädie 1717 (1973) S. 626

Z.B. Uhlhorns vielzitierte und -kritisierte Überschrift über der vorchristlichen Epoche: "Eine Welt ohne Liebe", wozu von SCHUBERT S. 5-6: "Ich würde also vorziehen zu sagen: Eine Welt ohne Barmherzigkeit, wenn auch nicht ohne Liebe", u.a.m.

TONIOLO S. 334, Anm. l und Anm. 3.

Ebda. S. 333.

Vgl. dazu die Krankenpflege-Geschichtsschreibung, hier oben S. 10-13.

Sitz: Freiburg (Brsg.).

SCHAUB S. 37-184.

SCHAUB S. 142, 22, vor Nr. I. und öfter.

"Ethischer und sozialer Wert des Almosens" und "Die Berechtigung der konfessionellen Wohlfahrtspflege, zuerst gedruckt in: Bayerische Caritasblätter, Jg. 1905, S. 233ff. bzw. Jg. 1907, S. 118ff., 129ff., hier überarbeitet und erweitert (vgl. Vorwort).

SCHAUB S. 229

Ebda.

Z.B. wo er sich mit der sozialistischen Ablehnung von Caritas auseinandersetzt: S. 224-226 - doch ist von der Schärfe des oben S.88f. referierten Standpunkts BENSENS hier nur noch wenig übrig.

Eine umfassende Bibliographie kündigte JETTER, Geschichte des Hospitals l, S. VI, an an, der Plan ist aber leider wieder aufgegeben.

nämlich: Friedrich F. SCHÄFER, Das Hospital zum hl. Geist auf dem Domhofe zu Köln, Diss. phil. Münster, Kreuznach 1910; F.X. LEEB, Das Spital zum heiligen Geist in Neuötting. Ein Beitrag zur Neuöttinger Stadtgeschichte, Neuötting 1910.

Historische Vierteljahresschrift 15 (1912) S. 136f.

Siehe unten S.112.

Geb. 1876, Dr.theol. Münster, Priesterweihe 1899, Akademieprofessor Paderborn, Schriftleiter "Caritas" 1920, Hg. "Caritas-Kalender" 1925-1926, gest. 19.. - schrieb: "Der heilsnotwendige Glaube, sein Begriff und Inhalt" 1902, "Handbuch des Mädchenschutzes" 1904.19082, "Das hauswirtschaftliche Bildungswesen in Deutschland" 1906.19102. Nachtr. 1914, "Die katholischen Wohlthätigkeits-Anstalten und Vereine in der Diözese Paderborn" 1906, "Wohlfahrtspflege und Caritas im Deutschen Reich, Deutsch-Österreich, der Schweiz und Luxemburg" 1913, "Die Kriegsbeschädigtenfürsorge" 1916. "Die große Sehnsucht" 1917, "Glaubensfroh" 19262, "Aus ganzem Herzen" 1928, "Lorenz Werthmann und der Deutsche Caritasverband" 1929, "Mathias Kinn" 1930 (nach KOSCH, Das katholische Deutschland 2, 1937, Sp. 2606).

Da LIESE Bd. l, S. m, angibt, er habe seine Arbeit am Caritas-Institut Freiburg (Brsg.) abgeschlossen, könnte seine ausführliche Bibliographie die Bestände dieses Instituts widerspiegeln.

Vgl. oben S. 45-47 und ff.

LIESE l, S. IV.

Vgl. oben S. 86.

Ebenso der im Zusammenhang mit der französischen Porschungstradition ausführlich vorzustellende Historiker des Sozialwesens Leon LALLEMAND, Histoire de la Charite (Paris 1902-1912), der seinen 2. Band "Les neuf premiers siecles de l'ere chretienne" und den 3. Band "Le Moyen Age (Du Xe au XVIe siede)" überschreibt.

Vgl. oben S. 31.

c. In der Defensive (1925-)

| Meffert | Schreiber |

α Franz Meffert

Konnte die katholische Caritasorganisation nach dem Sieg der Republik 1918, vielleicht aus einem gewissen Gefühl gesicherter Stellung heraus, einigermaßen frei von Polemik und Apologie über die Geschichte ihres Arbeitsfeldes hinblicken, so fand man es schon nach wenigen Jahren erneut nötig, diese Geschichte kräftig in den Dienst "geistigen Kampfes" zu nehmen. Aber jetzt ging es nicht mehr so sehr gegen einen protestantischen Staat, auch nicht einmal so sehr gegen Bestrebungen, alles Sozialwesen in staatliche Regie zu übernehmen - da schien schon Liese ein Übereinkommen leicht erreichbar -, es war vielmehr bereits 1925 die prinzipielle Ablehnung sozialer Hilfe durch die Rassisten, was der Caritasverband durch historische Schriften bekämpfen wollte.

Er beauftragte damit den Redakteur Franz MEFFERT, der damals schon zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Apologetik gesammelt hatte. Von ihm wurde "ein Buch über Caritas und Weltanschauung" gewünscht. Auch wenn Meffert die beiden schließlich vorgelegten Bände:

Franz MEFFERT
1) Caritas und Volksepidemien. Von Dr. -, päpstlicher Hausprälat (Schriften zur Caritaswissenschaft, i.A. des Deutschen Cari-tasverbandes hgv. D.Dr.H.Weber ..., Heinrich Auer, D.Dr.Franz Keller, l) Freiburg i. Br.: Caritasverlag, 1925 (268 S.)
2) Caritas und Krankenwesen bis zum Ausgang des Mittelalters. Von Dr.theol. -, päpstlicher Hausprälat (Schriften zur Caritaswissenschaft usw. wie l) , 2) Ebda. 1927 (444 S.)

nur als Voruntersuchungen zur Beantwortung der ihm gestellten Aufgabe (dazu kam er nie mehr) angelegt hat, sind es auch so schon Texte mit ungehemmter Verwendung von Ausrufezeichen; der Verfasser bekennt auch gerade heraus, wenn man seine Propaganda mit Mt 6,3 habe angreifen wollen, so habe er stets mit Mt 5,16 geantwortet.

Den Standpunkt "der Anderen" stellt Meffert mit einem in der Tat ungeheuerlichen Zitat aus einem Buch von 1 895 mit dem Titel "Von Darwin bis Nietzsche" vor:

"Wir haben eigene Anstalten, in denen wir Krüppel, Lahme, Blinde, Irre, Schwindsüchtige, Syphilitiker aufpäppeln, um sie dann gelegentlich zu entlassen, damit sie sich fortpflanzen, und ihre Krankheiten und Fehler weiter vererben können." "Wie die therapeutische Medizin die Menge der Krankheiten dauernd vermehrt, wie die Armenpflege die Ausbreitung der Armut in hohem Maße fördert, Milde und Nachsicht zur Verschlimmerung von Faulheit und Dummheit dienen und das sorgsame Sichabsperren von jedem Luftzuge nur die Neigung zur Erkältung steigert, so vermehrt auch die Nächstenmoral durch grundsätzliche Fürsorge für die Kranken und Schwachen das Maß des Elends in der Welt ins Ungemessene ..."

Aber trotz des neuartigen Gegners hält sich auch Meffert an die Linie seiner Vorgänger und bemüht sich hauptsächlich, einen notwendigen Zusammenhang zwischen Armen-/Krankenpflege und christlicher Religion nachzuweisen, denn "einen gewissen - sagen wir - Philanthropismus" "ohne Gott und Christentum", wie ihn viele Zeitgenossen "trotz ihres fortschreitenden Abfalls" gern beibehalten möchten, kann er nicht anders verstehen denn als Maske, hinter welcher "rücksichtslosester Egoismus" sich verberge, gepredigt von Darwin und Nietzsche.

Seine Absicht ist daher, der von der christlichen Religion geprägten Armen- und Krankenpflege des Mittelalters "Anerkennung und Bewunderung" zu verschaffen, damit daraus "Tat" angeregt würde "in den Nöten der Gegenwart". Die These Uhlhorns, daß es vor dem Christentum keine Liebestätigkeit habe geben können, inzwischen von anderen eingeschränkt und angezweifelt, von Medizinhistorikern zurückgewiesen, steht darum bei Meffert wieder im Mittelpunkt, ebenso die These, daß keine andere Motivation die Krankenpfleger zu so gro- ßen Leistungen und so geringen Ansprüchen für ihre persönlichen Bedürfnisse führe wie die religiöse, die diese Arbeit als ein Aufopfern seiner selbst, eine Art Martyrium ansieht - etwas ähnliches hat ja auch Mone vertreten.

Zugleich mit der erneuten Hervorhebung dieser der medizinhistorischen Betrachtungsweise entgegenlaufenden Verknüpfung von Krankenhauswesen und Religion kann Mef-fert jedoch ungewöhnlichen Respekt für die Medizinhistorie zeigen. Er legt bei allen Epochen großen Wert darauf, daß die christliche Caritas auf der Höhe des jeweiligen medizinischen Wissens gearbeitet habe, scheint also die Medizingeschichte als Maßstab für die kirchliche Wohltätigkeit anzusetzen. Dabei ist er zum Beispiel dar einzige, der die Frage nach Ärzten in mittelalterlichen Hospitälern eingehend untersucht hat. Die Caritasgeschichte soll jetzt offenbar weniger Entwicklung und Bedrängnis rechter Ideen schildern sondern vielmehr faktische, auch heute jedem Vernünftigen imponierende Leistungen präsentieren. Und wenn man den von Meffert zitierten Angriff von Seiten der Rassisten für allgemein bekannt nehmen darf, dann waren durch ihn ja Medizin und kirchliche Wohltätigkeit in dieselbe Defensive gedrängt, so daß Meffert mit desto mehr Verständnis bei Medizinern rechnen konnte.

Noch ein anderes Merkmal der Darstellungsweise Mefferts scheint mir neu gegenüber Früherem und nicrit ganz ohne Bezug zur zeitgenössischen Mentalität. Er betont es im Vorwort zu "Caritas und Volks epidemien":

"Bei dieser Darstellung kommt auch jener Faktor zu seinem Rechte, der bei der sonst üblichen Behandlung ... gerne übersehen wird oder doch in den Hintergrund tritt: das christliche Volk, das schließlich die Mittel und Arbeitskräfte gestellt hat, ,.."

Auch die medizinhistorische Darstellungstradition schwenkt ja zu dieser Zeit mit Baas und Fischer von ihrer Orientierung an technischem und wissenschaftlichem Fortschritt vorübergehend zu einem sozialmedizinischen, die "Volksgesundheit" in den Vordergrund stellenden Maßstab ab. Und tatsächlich macht sich nun auch Meffert zum Kritiker des Wortes "Krankencomfort" und dem damit zusammenhängenden Perfektionismus; er macht den Glauben, die Medizin stehe unmittelbar vor ihrer höchsten Vollendung lächerlich, indem er die Lage der Masse der Kranken erwähnt, die immer noch in zugigen Dachkammern und feuchten Kellerwohnungen lägen. - Ein anderer Aspekt der Tendenz zur Volkstümlichkeit bei Meffert ist das Streben nach volkstümlicher Darstellung, das auch dem hinter seiner Arbeit stehenden Interesse an Breitenwirkung zustatten kommen mußte: besonders im zweiten Band geht Meffert bis weit über die Grenze hinaus, die eine eigentlich wissenschaftliche Arbeitsweise der Verwendung von Legenden und "Volkssagen" als direkte Geschichtsquellen zu setzen hätte.

β Georg Schreiber

Genau in diesem Geleis fährt auch der bereits früher in die Hospitalgeschichtsforschung eingetretene Münsteraner Kirchenhistoriker Georg SCHREIBER (1892-1963) fort mit dem Werk, das er während seiner Suspendierung vom Universitätsamt 1936-1945 ausarbeitete, das aber nur zum Teil noch vor Kriegsende im Druck herauskommen konnte:

Georg SCHREIBER
Byzantinisches und abendländisches Hospital. Zur Spitalordnung des Pantokrator und zur byzantinischen Medizin
1) z.T. ersch. in: Byzantinische Zeitschrift 42,1 (1944) S. 116-149
2) in: Ders., Gesammelte Abhandlungen l: Gemeinschaften des Mittelalters. Recht und Verfassung. Kult und Frömmigkeit (Münster: Regensberg, 1948) S. 3-80

Die erste Hälfte der Arbeit besteht ungeachtet des Spezialthemas in einer generellen Gegenüberstellung des byzantinischen und des westeuropäischen Hospitalwesens im Mittelalter. Die andere Hälfte ist eine Interpretation der Stiftungsurkunde des Pantokrator-Klosters in Konstantinopel, soweit sie ausführlich den Betrieb des zu diesem Kloster gehörigen Hospitals regel.

War es Meffert mit seiner Betonung des Volkstümlichen darum gegangen zu zeigen, was für eine breite Verwurzelung im Volke die traditionelle katholische Caritas gehabt habe, so wählt Schreiber mit dem Hospitalwesen ein beinahe zufälliges Beispielfeld, auf dem er ein Bild der religiösen Volkskultur in alter Zeit überhaupt entwerfen will. Und wieder im Unterschied zu Meffert verfolgt Schreiber keinen ausdrücklichen Zweck mit dieser historischen Darstellung; es ist das erste Mal, daß eine kirchenhistorische Arbeit über das alte Hospitalwesen ganz ohne Ambitionen geschrieben wird, auf die Sozialpolitik oder auf die private Wohltätigkeit der Gegenwart einzuwirken, und im Jahre 1944 ist eine solche Zurückhaltung wohl leicht zu erklären - eine gesellschaftspolitische Debatte, in die Schreiber mit einer historischen Arbeit hätte eingreifen können, gab es nicht.

Die "Volksgemeinschaft", von der Propaganda der verflossenen Jahre maßlos hochstilisiert, versuchte von einein Tag zum ändern Hunger, Polizeiterror, Bombardierung zu überleben, während ein amtsenthobener Kirchenhistoriker eine intakte Volkskultur aus dem Mittelalter wieder vergegenwärtigen wollte. Möglichst viele Einzeltatsachen aus dem östlichen wie aus dem westlichen Hospitalwesen des Mittelalters versucht Schreiber auf ein allgemeines Kultur-Bild hin zu projizieren- eigentlich ein großartiger Fortschritt für ein Forschungsgebiet, das bisher fast immer an enggezogenen Horizonten zu leiden gehabt hatte. Aber die Gefahr, daß die farbigen, harmonischen Züge überzeichnet werden und die unansehnlichen, konfliktgefüllten Partien zu wenig herauskommen könnten, mußte auch schon in der Ausgangssituation liegen, aus der die Abhandlung entstand. Tatsächlich liegt etwas wie Nostalgie über der ganzen Darstellung; der Zeitabstand wird möglichst ignoriert; der Leser soll in der vergangenen Welt nur Vertrautes wiederfinden, zu den Personen damals soll er ohne weiteres persönlich Sympathie oder Antipathie empfinden können; nicht auf das Funktionieren einer Institution wird geachtet, auf Ursachen und Wirkungen und Zusammenhänge, sondern auf den "Reiz", den eine Quelle ausübt.

Inhaltlich liegt auch bei Schreiber viel Gewicht auf der Medizin, es ist akzeptiert und vorausgesetzt, daß Ärzte für die Qualität eines Krankenhauswesens ausschlaggebend seien. Daneben legt er immer wieder Wert auf Äußerungen von Volksfrömmigkeit, meist Heiligenverehrung, gerade darin soll die vergangene Epoche uns als vertraut erscheinen.

Dabei wäre es ganz verkehrt, in dieser Arbeit eine Art Erbauungsbuch zu vermuten; es ist einer der am sorgfältigsten mit Quellen- und Literaturnachweisen versehenen Beiträge zur Geschichte des Hospitalwesens überhaupt.

Geb. 1868, Studium Würzburg, Priesterweihe 1891, Dr.theol. 1901, Aufbau der apologetischen Abteilung auf Einladung des Volksvereins für das katholische Deutschland 1902, Hg. "Apologetische Korrespondenz (für die Presse) 1902-1916, "Apologetische Volksbibliothek" Nr. 1-60, 1906-1912, Kollektenreise für deutsche Caritasanstalten in USA 1921-1924, Päpstlicher Hausprälat und Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Caritasverbandes 1924 - schrieb: "Der hl. Alfons von Ligouri" 1901, "Arbeiterfrage und Sozialismus" 1901, "Die geschichtliche Existenz Christi" 1903.192l13, "Apologetische Vorträge" über "Israel und der Alte Orient", "Religion und Krieg", "Ernst Haeckel", "Der Kommunismus Jesu und die Kirchenväter" 1905-1922, 'Friedensschlagworte" 1909.1912, "Die Ferrerbewegung" 1909.1910, "Sozialdemokratie und Religion in Theorie und Praxis" 1912, "Englands Verbrechen am katholischen Irland" 1917,"Das zaristische Rußland und die katholische Kirche" 1918, "Das Urchristentum" 1920, "Sozialistische Ethik, Kommunismus, Christentum" 1920, "'Bibelforscher' und Bibelforschung über das Weltende" 1925 u.a. (nach KOSCH, Das katholische Deutschland 2 (1937) Sp. 2902).

"Wenn aber du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut (3) damit dein Almosen im Verborgenen sei."

"So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, preisen."

A. TILLE, Von Darwin bis Nietzsche. Ein Buch Entwicklungsethik.. (Leipzig 1895) S. 120. 112, zit.n. MEFFERT, Krankenwesen, S. 7f.

MEFFERT, Volksepidemien, S. 3.

MEFFERT, Krankenwesen, S. VI.; vgl. Vorbemerkung des Freiburger Generalvikars Sester ebda. S. IV: "Möge das treffliche Werk durch weite Verbreitung das Vertrauen zum katholischen Geisfce bestärken und entgegenstehende Irrtümer überwinden helfen."

Vgl, oben S. 102, Anm. 315 (betr. Einschränkung durch von SCHUBERT); S. 44, Anm. 144 (betr. Zurückweisung durch MEYER-STEINEG) u.ö.

MONE empfahl die christliche als die billigste Armenpflege, vgl. oben S. 86 bei Anm. 267; der Ausdruck "Martyrium" für die Krankenpflegearbeit bereits bei Dionys.Alexandr./Euseb.Hist.eccl.7,22 (vgl. MEFFERT, Volksepidemien, S. 256) und im Mittelalter z.B. bei Jacques du Vitry, seine mal. Bedeutung müßte im Zusammenhang untersucht werden.

MEPFERT, Krankenwesen, S. 22-38. 370-418; vgl. oben S. 73.

MEFPERT, Volksepidemien, S. 6.

Vgl. oben S. 46-49.

MEPPERT, Krankenwesen, S. 4f.; über den Begriff "Krankencomfort" vgl. oben S. 35f.

Aus dem Namen des Verlags machton CRAEMER, Bautyp, S. 102, Anm. 71, PROBST, Hospitalwesen (wie Anm. 60) S. 258 und LEISTIKOW S. 86 einen zweiten Verlagsort "Regensburg"; JETTER, Grundzüge der Hospitalgeschichte, S. 123 sogar den einzigen Verlagsort "Regensburg" - ob das auf indirekte Benützung schließen lassen sollte? auch H. LIERMANN, Rez. über SCHREIBER, in: HZ 171 (1951) S. 118

Vgl. zu diesem Quellentext oben S. 74, Anm. 234; bei einer Untersuchung der Hospitalregeln des Mittelalters, wozu ich im 2. Teil einen Ansatz versuchen will, wird dieser Text im Vordergrund stehen müssen und SCHREIBERS Abhandlung darüber ausgiebig zu benutzen sein.

Mit Recht charakterisiert H. LIERMANN, in: HZ 171 (1951) S. 118,die Arbeit Schreibers dahingehend, daß sie "am Beispiel des Hospitals" gut die Verschiedenheit der mittelalterlichen Kultur in Byzanz und im Westen beschreibe; "am" Pantokrator-Hospital zeige sich das Moderne der byzantinischen Stadt-Kultur usw.

Z.B. die Frau, die von Mitgefühl besonders beseelt sei (S. 26); den Kaufmann, der "berechnend" (S. 24); die Levante, die "weitherzig" sei (S, S. 28) usw.

Bewunderung, Ehrfurcht wird meist einem Herrscher gezollt, der besonders schöpferisch gewesen sei (S. 78 u.ö.); eine Hospitalregel oder eine Gewohnheit wird gelobt, weil sie "modern", getadelt, wenn sie rückständig scheint usw.

Z.B. könnte man gerade bei einem moderne und rückständige Kultur vergleichenden Ansatz die Frage stellen, wie die Zahl der Krankenhausbetten zur Zahl der Bevölkerung im Verhältnis stand; SCHREIBER spricht diese Frage charakteristischerweise folgendermaßen an: "Der Westen ... liebte ... mehr den Typ des Xenodochiums. Gewiß fehlten dort auch die Kranken nicht" (Xenodochium soll hier Fremdenherberge im Gegensatz zum hauptsächlich in Byzanz vorfindlichen Behandlungskrankenhaus, Nosokomium, bedeuten) (S. 37); die Auskunft, Hospitäler im Westen hätten meist nach der Zahl der Apostel 12 Insassen gehabt, ist für Schreiber nicht toposverdächtig sondern interessant, weil sie Verbindungen bis zur Bibel zu ziehen erlaubt ("Derart glitt die Zwölfzahl durch die Spitalkultur des Westens", S. 42f.)

Vgl. SCHREIBER S. 54. 68. 77 u.ö.

SCHREIBER S. 45-62.

Vgl. z.B. S. 56-58 oder (zur "Kultur des Fisches" = Fischspeisen im Hospitalreglement) S. 64f. u.sw.

Im Durchschnitt 5,5 Anmerkungen pro Seite; SCHREIBER kennt als einziger sogar ungarische Literatur zur Hospitalgeschichte (S. 13, Anm. 51).

d. Nachkriegszeit

| Diakoniegeschichte | Internationale Hospitalgeschichts-Kongresse |

α Diakoniegeschichte

Noch viel weniger als bei den früheren Zeitabschnitten läßt es für die Zeit nach 1945 rechtfertigen, die Entwicklung der Forschung über das mittelalterliche Hospitalwesen nur anhand der Gesamtdarstellungen verfolgen zu wollen; deren Bedeutung sinkt gegenüber der der Spezialabhandlungen weit nach unten; je näher man der Gegenwart kommt, desto weniger kann auch damit gerechnet werden, die Ergebnisse der Einzelforschung in Gesamtdarstellungen aufgenommen zu finden. Trotzdem ist diese Einschränkung des Materials für die Forschungsgeschichte aus arbeitsökonomischen Gründen vorläufig notwendig.

Nach dem Krieg knüpften sowohl katholische wie auch evangelische Darsteller der Hospitalgeschichte wieder bewußt an aktuelle Bedürfnisse an und stellten ihre Caritas-bzw. Diakoniegeschichten in den Dienst einer Intensivierung der kirchlichen Aktivität auf diesen Feldern. Am deutlichsten wird das 1953 bei der Herausgabe des Sammelwerks

Herbert KRIMM (Hg.)
Das diakonische Amt der Kirche. Hg.v. -, Dr.theol., Dozent, Leiter des Zentralbüros des Hilfswerks der Evangelischen Kirche in Deutschland
Stuttgart: Evangelisches Verlagswerk, 1953 (546 S.)
(nicht zugänglich war mir:) 2., überarbeitete Auflage, Ebda. 1965 (606 S.)

als dessen "Ausgangspunkt" der Herausgeber bezeichnet:

"die nackte Menschheitsnot, wie sie sich nach dem Ausgang dieses letzten und größten Weltkrieges erhoben und alle Ufer überflutet hat."

Er stellt dann zwei Erfahrungen heraus, die die kirchliche Diakonie in dieser Zeit nach 1945 neu gemacht habe: Das Elend ließ sich nicht hinter Anstaltsmauern verstecken, sondern es lag überall unverhüllt auf der Straße; und es hatte Hilfeleistungen von anderen Kirchen der Ökumene ausgelöst, den ersten Anstoß zu einer ökumenischen Orientierung hatte also gerade die Diakoniearbeit gegeben. Damit seien "Gesichtspunkte" entstanden,die weiter überdacht wrden sollten, sobald es Muße gäbe, "sich einer systematischen Besinnung über den Hintergrund des diakonischen Handelns der Kirche hinzugeben." Einen ersten Wendepunkt hielt Krimm bereits 1953 für gekommen, da die "nackte Daseinsnot" bereits einer "täuschende[n] Decke eines hauchdünnen Scheinwohlstandes" weiche und die Aufmerksamkeit wieder von der "eigentlich[n] Aufgabe" zu Formalitäten und Kompetenzfragen hin abgezogen werde. Dem solle die Herausgabe eines über die Verpflichtung der Kirche zu Diakonie entgegenwirken, das also zunächst als systematische Besinnung gedacht war. Erst durch den Wunsch, einmal die Gedanken aller Epochen und irchlichen Konfessionen zu diesem Thema nebeneinander zu sehen, bekam dieses Sammelwerk einen historischen Inhalt. Der Herausgeber, Herbert Krimm (1905-), wechselte um die Zeit, als das Buch erschien, von der Arbeit im Hilfswerk zur wissenschaftlichen Arbeit über Diakonie und wurde 1961 in Heidelberg erster Inhaber eines Lehrstuhls für Diakoniewissenschaft.

Für das Gebiet der mittelalterlichen Hospitalgeschichte ist nur eine kleine Anzahl der zusammen zwölf Abhandlungen in Krimms Sammelband einschlägig, direkt abgedeckt wird es von dem Beitrag des Erlanger Kirchenhistorikers

Wilhelm MAURER
Die christliche Diakonie im Mittelalter
in: Herbert Krimm (Hg.), Das diakonische Amt der Kirche (Stuttgart 1953) S. 125-155.

Zu einer breiten Darlegung des Materials, wie sie Uhlhorn mit seiner Auszeichnung der großen Entwicklungslinien hatte verbinden können, fehlten den Autoren der Beiträge zu Krimms Sammelband Platz und Zeit. Auch Maurer gibt deswegen bloß eine dichte Zusammenstellung von Einzelforschungen anderer, die wiederum nur durch eine Literaturliste nachgewiesen werden. Der Nutzen und Wert dieses Beitrags liegt darum vor allem in der Anwendung neuer Fragestellungen, unter denen die gesammelten Einzeldaten zu einer Synthese zusammengefügt werden.

Kennzeichnend für Maurers Darstellung ist, daß er die Grenzen zu Forschungstraditionen in anderen Fächern übersteigt :

Zunächst fällt auf, daß über den ideengeschichtlichen Hintergrund, vor dem die Armenpflege und das Hospitalwesen im Mittelalter, wie Uhlhorn so stark betonte, habe werden müssen, was sie waren, nur mehr wenig gesagt wird. Bei diesem Wenigen aber baut Maurer auf der neuen Einsicht auf, daß die Meinungen der schreibenden Gelehrten des Mittelalters nicht für das stehen können, was die Frömmigkeit des "Volkes" in diesen Fragen meinte; auch als in der Zwischenkriegszeit die "Volksfrömmigkeit" eine größere Rolle in den katholischen Caritasgeschichten spielte, war das damit verbundene quellenkritische Problem nie zur Sprache gekommen. Aber auch Maurer geht in dieser Richtung nicht weiter als bis zum Auf werfen der Frage, die Konsequenzen muß die Forschung noch ziehen.

Wegen des weitgehenden Verzichts auf ein Verflechten der Geschichte der Armenpflege mit der Geschichte der sozialen Ideen und Mentalitäten handelt Maurers Geschichte hauptsächlich rein organisatorischen Fragen, wie (a) der nach der jeweiligen Zuständigkeit für Armenpflege, (b) der nach den sie ausführenden Institutionen, (c) der nach ihrer Leistungsbilanz.

(a-b) Wo es um die Zuständigkeiten und die institutionellen Formen geht, macht sich Maurer weitgehend die Dar- Stellung von selten der Rechtsgeschichte zu eigen, deren wichtigste Forschungen zum mittelalterlichen Hospitalwesen, von S. Reicke und von W. Schönfeld, er wiedergibt. Wie um noch stärker seine Unabhängigkeit von der älteren kirchengeschichtlichen Darstellungstradition zu markieren, spricht er sogar ohne weiteres von außerchristlichen Wurzeln des mittelalterlichen Armenpflegewesens: etwa, mit den Rechtshistorikern, von der aus germanischem Rechtsempfinden stammenden Fürsorgepflicht der Reichen und Mächtigen gegenüber den Abhängigen in Notlagen. Diese Antriebskraft sieht er gegen das Ende des Mittelalters über diejenige aus dem christlichen Liebesgebot allmählich Übergewicht bekommen; im Unterschied zu früheren Kirchenhistorikern scheint er aber gar keinen dramatischen Widerspruch zwischen beiden Motivationen zu sehen, auch die Fürsorgepflicht und die obrigkeitliche oder staatliche Armenpflege können aus neutestamentlichen Ermahnungen an die Hausväter begründet werden, worauf Maurer als einziger hinweist. Ein weiteres außerchristliches Bewegungsmoment insbesondere spätmittelalterlicher Armenfürsorge sieht Maurer im Genossenschaftswesen mit seinen Vorkehrungen zu wechselseitiger Sicherung gegen Notlagen.

(c) Allgemeine Aufstellungen ohne konkrete Angaben in Zahlen i'iber die diakonische Arbeit früherer Zeiten genügten bei dem Krimmschen Sammelwerk vielleicht schon wegen dessen ganzer Veranlassung aus der eben erst erlebten Praxis nicht. Zwar hatten auch die früheren Kirchenhistoriker schon Wert auf die Effektivität der im Mittelalter tatsächlich geleisteten Hilfe gelegt, um etwa an mangelhafter Effektivität die ganze Grundlegung der Armenpflege im Mittelalter als unvollkommen zu erweisen oder an hoher Effektivität als vorbildlich, doch gibt Maurer einige Zahlen von nicht geringer Aussagekraft dazu an.

Eine Quellensammlung zur Geschichte der Diakonie, die Krimm 1960 bis 1966 in drei Bänden herausgab:

Herbert KRIMM (Hg.); Wend KRUMBHOLZ (Einltg.)
Quellen zur Geschichte der Diakonie
l: Einleitung. Altertum und Mittelalter. Zeittafel.Reg. (169 S.)
2: Reformation und Neuzeit (554 S.)
3: Gegenwart. Der Hg. zum Beschluß. Reg. (336 S.)
Stuttgart: Evangelisches Verlagswerk, 1960-1963-1966,

enthält nur zum geringsten Teil, nämlich im ersten Band von S. 117 bis S. 162, mittelalterliches Material. Es ist durchweg nach anderen Editionen, nicht nach der Originalüberlieferung abgedruckt und alle fremdsprachigen Texte sind nur in Übersetzungen wiedergegeben.

Ein brauchbares Hilfsmittel können die Zusammenstellungen der Texte nach inhaltlichen Gesichtspunkten sein, die den Bänden angefügt worden sind. Innerhalb von sachlichen Stichwörtern wie "Das Amt und die Person", "Die Aufgaben", "Die Pflegebefohlenen", "Die Einrichtungen", "Die Mittel und ihre Anwendung", "Die Gesinnung des Christen" findet man die Texte des jeweiligen Bandes chronologisch verzeichnet .

β Internationale Hospitalgeschichts-Kongresse

Auf katholischer Seite blieb Schreibers Abhandlung von 1944/1948 bisher die letzte Gesamtdarstellung des mittelalterlichen Hospitalwesens - in deutscher Sprache. In Italien erreichte die Hospitalgeschichtsforschung erst noch ihren Höhepunkt bei den nationalen Kongressen und dem in Reggio Emilia veranstalteten Congresso Europeo di Storia Ospitaliera 1957 und 1961 bzw. 1960. Die italienischen Beiträge sind den in Deutschland entstandenen getrennten Forschungstraditionen schwer zuzuordnen, sie verstehen sich selbst als medizinhistorisch, wirken aber vor dem Hinter- grund der deutschen Forschung wie ausgesprochen kirchlich orientiert. Als Beispiel kann man die Beiträge des Vertreters der Medizinhistorik an der Universität Rom, Adalberto PAZZINI, nehmen: Er arbeitete zuerst über die Geschichte des neuzeitlichen Krankenpflegeordens Fatebenefratelli, präsidierte 1956 beim 1. italienischen Kongreß für Hospitalgeschichte, um 2 Jahre später die Monographie

Adalberto PAZZINI
L'Ospedale nei secoli. [Sotto gli auspizi del "Centro Italiano di Storia Ospitaliera" ...]
[Roma:] Edizione Orizzonte Medico, [1958] [322 S.]

zu veröffentlichen, in der er einen Geschichtsbegriff der Art, daß alle Einzeldinge sich unbedingt nach allgemeinen Gesetzen entwickelten, mit massiver Betonung des wesentlich christlichen Charakters des Hospitalwesens verbindet, also Elemente, die in Deutschland einesteils zur medizin-und ballgeschichtlichen, andernteils zur kirchengeschichtlichen Tradition gehören würden. Die Notwendigkeit christlichen Ursprungs des Hospitalwesens "bewies" Pazzini auch in seinem grundsätzlichen Beitrag beim Europäischen Kongreß 1960. Dieser Kongreß aber faßte einen regelrechten Beschluß, worin er die von Pazzini vertretene Meinung, etwas gemildert, zu seiner eigenen erklärte:

"La storia ospitaliera e la storia delle speranza nella scienza e nella carita, ehe, muovendo dalla ricchezza cristiana degli antichi ospedali, ha segnato nei tempo elementi essenziali di civilta, ri-spondendo alla renoventesi realta sociale"

KRIMM, Vorwort des Herausgebers, S. 7-11.

Vgl. von HASE, Hans Christoph; HEUER, Ansgar; PHILIPPI , Paul (Hgg.), Solidarität + Spiritualität = Diakonie ...[Herbert KRIMM zum 65. Geburtstage] Stuttgart: Ev. Verlagswerk, 1971) bsd. S. 273-283: Bibliographie Herbert KRIMM [1933-1970], zusammengestellt von Wolfgang PAECHNATZ

W. SCHNEEMELCHER, Der diakonische Dienst der Alten Kirche (S. 60-61); H. KRIMM, Das Diakonat in der frühkatholischen Kirche (S. 102-124) setzen sich mit Selbstverständlichkeiten seit UHLHORN auseinander, die z.T. auch die mittelalterliche Geschichte betreffen; R. STUPPERICH, Bruderdienst und Nächstenhilfe in der deutschen Reformation (S. 156-192)

Vgl. KRIMM, Vorwort des Herausgebers, S. 9: "Unserer Zeit ist die Sammlung und Ruhe nicht gegeben, aus der heraus einst UHLHORNS 'Geschichte der christlichen Liebestätigkeit' als das reife Lebenswerk eines einzigen Mannes geboren werden konnte" (Hervorhebg.v.mir).

MAURER S. 128f.

Vgl. oben S. 99. 111-114.

Auch SCHNEEMELCHER (wie oben Anm. 362) weist in seinem Beitrag über die Zeit der Alten Kirche im selben Sammelband die Ansicht, Liebestätigkeit sei etwas orignär Christliches zurück (S. 64-67 und ff.).

Leider auch diese ohne Herkunftsnachweise (z.B. S. 131: Anfang 10.Jh, im Erzbistum Trier < 100 Plätze in Klosterhospitälern).

Nicht immer ist deutlich gemacht, ob es sich um einen Originaltext oder eine Übersetzung handelt; gelegentlich ist der Editionsort "Monumenta Germaniae Historica" wie ein und anstelle eines Verfassernamens angegeben; für wissenschaftliche Zwecke ist diese Quellensammlung also nur eingeschränkt brauchbar.

So schließt er an eine generelle Geschichte des Hospitalwesens und der allgemeinen Gesetze, welche sie bestimmten, die Geschichten einiger "ospedali quasi presi a caso" an, wobei es auf Vollständigkeit aber nicht ankomme, "perche negli altri, numerosissimi, ehe qui non trovano menzione, la storia si ripete identica" (S.253).

Vgl. S. 41: "gli xenodochi sorsero dovunque la parabola del Vangelo giungeva"; S. 31: "Animate da una forza ehe non puo essere umana, una divina, le parole del Maestro si ripercuotono nei secoli come voce di tuono ehe si rimanda di baiza in baiza montana: "Vade, et tu fac similiter'"; von gesellschaftlichen Ursachen für die Entstehung von Hospitälern ist keine Rede.

Adalberto PAZZINI, Saggio di esegesi storica sull'origine del con-cetto di ospedale (Discurso inaugurale), in: Atti del Primo Con-gresso Europeo (usw. wie oben S. 56) S. XLS - XLVIH,

Mozione finale approva ta dal Congresso, in: Atti del Primo Congresso Europeo (usw. wie oben S. 56) S. XC - die gleiche Lehre war einem Telegramm des Papstes zur Kongreßeröffnung zu entnehmen, "in esso, SS. Giovanni XXIU., dopo avere sottolineato il carattere sostanzialmente cristiano del convegno di studi, ... (Giulio FORNACIARI, Cronaca di Congresso, ebda. S. XXV; vgl. J. IMBERT ebda. S. XXXIX) und einer Predigt, die der Bologneser Erzbischof Lercaro zum Abschluß des Kongresses hielt: "...rivolgendo ai congressisti un alto appello alla essenza cristiana di cui tutta l'attivita assistenziale si permea sulla base della eterna parola evangelica di carita e di fratellanza (FORNACIARI, wie vorstehend, S. XXXIX).

3. [Erträge]

IV. Rechtsgeschichte

Kurze Übersicht über die rechtsgeschichtlichen Forschungen über das Hospitalwesen im Mittelalter

1. Ursprünge

Die rechtsgeschichtlichen Forschungen über das alte Hospitalwesen konnten ebenso wie die Medizin- und die kirchengeschichtlichen aus einem Zusammentreffen der Überreste mit aktuellen Interessen der Gegenwart erfolgen. Nicht nur die Gebäude vieler Hospitäler standen ja noch aufrecht, als Mediziner und Architekten ihre modernen Krankenhäuser einrichten wollten, nicht nur die christlichen Konzepte von Wohltätigkeit hatten ja noch ihre Verfechter, die sie zur Bewältigung der sozialen Probleme der Industrialisierung empfahlen: fast noch langlebiger erwiesen sich die alten Hospitäler als juristische Personen, wenn sie einmal nicht durch Krieg oder Inflation erloschen waren. Sie zwingen bis heute die Juristen, sich mit ihrer mittelalterlichen Geschichte befassen, wenn es zu einem Rechtsstreit kommt.

Ein solcher wurde in den 1920er Jahren über die "Vereinigten Wohltätigkeitsstiftungen" Memmingen geführt. Die katholische Kirchenverwaltung verlangte, daß das Anfang des 13. Jahrhunderts gegründete Hospital dort neben den evangelischen auch katholische Pfründbewerber aufnehmen müsse, weil es im späten Mittelalter "kommunalisiert" und seither keine konfessionelle Anstalt mehr sondern eine städtische sei.[1] Zur Abwehr dieses Anspruchs ließ die evangelische Gesamtkirchenverwaltung nun eine rechtsgeschichtliche Untersuchung in weit über das Lokale hinausgreifendem Rahmen anfertigen, die nach der Einreichung bei der Kreisregierung von Schwaben auch in Buchform dem wissenschaftlich interessierten Publikum zugänglich gemacht wurde:[2]

Heinrich GÜRSCHING
Evangelische Hospitäler. Studien zur Rechtsgeschichte der "Vereinigten Wohltätigkeitsstiftungen" Memmingen
Memmingen: Verlags- und Druckerei-Genossenschaft, 1930 (244 S.)

Gürsching argumentiert mit geradezu erschöpfender Gründlichkeit dafür, daß die Pflegschaftsbefugnisse, die ein Stadtrat über ein spätmittelalterliches Hospital erlangte, hauptsächlich dazu gedacht gewesen seien, den Kirchengutscharakter dieser Anstalt zu bewahren, nicht sie der Kirche zu entziehen.[3] Auch die Reformation habe diese Intention nur verfestigt, nicht aufgelöst;[4] schließlich habe auch der Westfälische Friede nichts am Bestehenden geändert.[5] So sei das, was im Mittelalter als frommes Werk gestiftet worden ist, jetzt als "evangelisches Hospital" zu betrachten.[6] Diese Betonung der Kontinuität im Rechtscharakter ist das Besondere an Gürschings Forschungsbeitrag, außer seinem uneingeschränkten zeitlichen Rahmen; und gegenüber der zur gleichen Zeit, aber offenbar ganz getrennt,[7] entstandenen Arbeit Siegfried Reickes, der statt der Kontinuität die schweren Brechungen in der spätmittelalterlichen Rechtsentwicklung der Hospitäler herausgearbeitet hat, ist Gürschungs Abhandlung zu unrecht ignoriert worden.

[ 1 ] Dargelegt in: J. LINDER, Das Recht der Katholiken auf Mitgenuß der Vereinigten Wohltätigkeitsstiftungen zu Memmingen, Memmingen 1925.

[ 2 ] Die Vorgeschichte nach GÜRSCHING S. 5-9; den juristischen Teil bearbeitete anfänglich der Jurist W. Biebinger, der dann aber verhindert war und Dr.phil. H. GÜRSCHING auch seinen Anteil übertragen mußte.

[ 3 ] GÜRSCHING S. 11-34. 106-116 (über die kleineren Stiftungen), bsd.117-159,

[ 4 ] GÜRSCHING S. 34-70. 160ff.

[ 5 ] GÜRSCHING S. 82ff. 185-212

[ 6 ] GÜRSCHING zusammenfassend S. 212-224.

[ 7 ] REICKE bezieht sich zwar auf GÜRSCHING (Bd.l,S.170,Anm.4), aber nur als einen Memminger Lokalhistoriker, nicht auf dessen Theorie.

2. Reicke und Schönfeld

Siegfried REICKES und Walther SCHÖNFELDS Beiträge zur Geschichte der Hospitäler sind als erste ganz aus der und für die akademische Forschung entstanden. Sie stammen beide aus der Schule des Berliner Kirchenrechtshistorikers Ulrich STUTZ (1868-1938).

Walther SCHÖNFELD
Die Xenodochien in Italien und Frankreich im frühen Mittelalter. Von Herrn Privatdozenten Dr.jur. -, Gerichtsassessor a.D. in Breslau
in: ZRG (43 =) Kan. 12 (1922) S. 1-54

Siegfried REICKE
Das deutsche Spital und sein Recht im Mittelalter
l: Das deutsche Spital. Geschichte und Gestalt
2: Das deutsche Spitalrecht
von Dr.jur. -, Bayer. Staatsanwalt a.D. und Privatdozenten für deutsches und Kirchenrecht an der F.-W.-Univ. zu Berlin
(Kirchenrechtliche Abhandlungen. Begr.u.hg.v. ... U.Stutz ..., 111-112.113-114
Stuttgart: Enke 1932. ND Amsterdam 1961

Schönfeld behandelt die Entwicklung der Hospitäler zu eigenen Rechtspersönlichkeiten im frühen Mittelalter, im Spannungsfeld zwischen römischem Recht und germanischen Vorstellungen. Formal ähnlich wie 1911 der Bauhistoriker Dunaj, spricht Schönfeld nicht von einer Geschichte der Hospitalstiftungen o.a., sondern von der Geschichte des Gedankens der Stiftung, der sich hier und da in der Hospitalgeschichte zeigen lasse.

Reicke gibt im ersten Band eine Übersicht über die mittelalterliche deutsche Hospitalgeschichte, aber nur in der Absicht, daraus im zweiten Band den "systematischen Aufbau des deutschen Spitalrechts" abzuleiten. Diese Spezialisierung, die Reicke selbst deutlich genug betont,[8] ist von späteren Darstellungen in anderen Forschungstraditionen oft übersehen und Reicke als "das" Handbuch der mittelalterlichen Hospitalgeschichte überhaupt mißdeutet worden. Als erster nahm Reicke eine systematische Materialauswertung für seine Abhandlung vor, er ging alle bis dahin gedruckten deutschen Urkundensammlungen durch. Bezüglich der Hospitalgeschichte besteht seine Leistung dann in einer Klassifizierung der mittelalterlichen Hospitäler nach ihren Gründern und denen, die über sie zu bestimmen hatten. Diese Einteilung dient vielfach als Rahmen, in den lokale Hospitalgeschichten eingepaßt werden.[9] Reickes besondere These ist, daß im 13.-14. Jahrhundert ein großer Kampf zwischen Kirche und Kommunen um die Befugnis über die Spitäler stattgefunden habe, in dem die Kommunen gewöhnlich gesiegt hätten: der Prozeß der "Kommunalisierung".

REICKE l, S. VII.

Vgl. SYDOW (wie S. 125) S. 175.

3. Neueres

Dem gegenüber ist nach dem Zweiten Weltkrieg, als besonders in Südwestdeutschland zahlreiche stadtgeschichtliche Forschungen mit den örtlichen Spitalstiftungen zu tun bekamen,[10] auf die mittelalterliche Kanonistik und deren Sätze über die Hospitalstiftungen hingewiesen worden, die REICKE nicht berücksichtigt hatte. Jürgen SYDOW bezweifelt aufgrund dieses Materials in seiner Abhandlung

Jürgen SYDOW
Spital und Stadt in Kanonistik und Verfassungsgeschichte des 14. Jahrhunderts
in: Der deutsche Territorialstaat im 14. Jahrhundert (Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte. Vorträge und Forschungen, 13; Sigmaringen 1970) S. 175-195,

daß es eine Kommunalisierung gegen den Widerstand der Kirche gegeben habe; die Kirche habe gar keine so weit gehende Befugnis über Hospitäler verlangt.[11]

Die kirchenrechtlichen Aspekte des Hospitalwesens im Mittelalter sind aber am ausführlichsten in der französischen und italienischen Forschung behandelt worden, mit der ich mich bisher noch wenig beschäftigen konnte:

Jean IMBERT
Histoire des Hôpitaux Français. Contribution à l'Étude des rapports de l'Église et de l'État dans le domaine de l'Assistance Publique
l: Les Hôptaux en Droit Canonique (du decret de Gratien à la sécularisation de l'administration de l'Hôtel-Dieu de Paris en 1505 (mehr nicht ersch.) par -
(L'Église et l'État au Moyen Age, 8)
Paris 1947 (334 S.)

Emilio NASALLI ROCCA
II diritto ospedaliero nei suoi lineamenti storici
(Biblioteca della Rivista di storia del diritto Italiano, 20)
Milano 1956 (485 S.)

Vgl. unten S. 126f.

Griet MARECHAL (wie oben S. 16, Anm. 43) greift die Kommunalisierungsthese nicht aus speziell rechtsgeschichtlichen Gründen sondern als allgemeine Theorie der Hospitalgeschichte noch radikaler als SYDOW an, den sie in ihre Kritik miteinbezieht: Die Hospitäler seien nie kirchlich gewesen, erst später habe die Kirche Einfluß zu gewinnen versucht.

V. Städtegeschichte

Zu den städtegeschichtlichen Forschungen über das Hospitalwesen im Mittelalter

Geschichten einzelner Hospitäler sind etwa seit den 50-er Jahren vielfach als sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Dissertationen erarbeitet worden. Indem solche Arbeiten gewöhnlich das überlieferte Akten- und Urkundenmaterial vollständig berücksichtigen, sind sie den hier bisher erwähnten Gesamtdarstellungen sämtlicher Forschungsrichtungen überlegen. Das sind sie auch, indem sie einen neuen Blickwinkel anlegen und die Institution Spital in ihrer Bedeutung für die Stadt, worin sie sich befand, betrachten.[1] Andererseits sind die Verhältnisse von Stadt zu Stadt immer wieder anders, so daß eine neue Schwierigkeit darin entsteht, wie man die Ergebnisse solcher stadtgeschichtlicher Forschungen zu einer Geschichte des Hospitalwesens im allgemeinen verallgemeinern könnte.

Besonders im Südwesten der Bundesrepublik, wo Stadtgeschichtsforscher seit längerem in einem Arbeitskreis zusammengeschlossen sind, werden jedoch von Zeit zu Zeit auch Versuche unternommen, deren Einzelforschungen zusammenzusetzen:

Arbeitskreis für südwestdeutsche Stadtgeschichtsforschung
Protokoll über die 2. Arbeitstagung "Spital und Stadt". Tübingen 23./24. November 1963
masch. Tübingen 1964 (49 Bll.)

Bernhard KIRCHGÄSSNER; Jürgen SYDOW (Hgg.)
Stadt und Gesundheitspflege. 19. Arbeitstagung in Bad Mergentheim, 14.-16. November 1980
(Stadt in der Geschichte. Veröffentlichungen des Südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung, 9)
Sigmaringen: Thorbecke, 1982 (129 S.)

Der erste dieser beiden Bände enthält mehr mittelalterliche Hospitalgeschichte und eine einheitlichere Folge von Artikeln als der zweite.

Daß die Erfahrungen auf der stadtgeschichtlichen Ebene nun auch dazu anregen können, die Ergebnisse der unterschiedlichsten Forschungsrichtungen auf eine gewinnbringende Art zusammenzusetzen, zeigt

Kuno ULSHÖFER
Spital und Krankenpflege im späten Mittelalter
in: Württembergisch Franken. Jahrbuch des Historischen Vereins für Württembergisch Franken 62 (1978) S. 49-68

Auf so knappem Raum verbindet Ulshöfer die wichtigsten Erträge von Bau-, Medizin-, Kirchen und Stadtgeschichte zum mittelalterlichen Hospitalwesen und gibt wertvolle Anregungen für weitere Fragestellungen.

Die ablehnende Reaktion der medizinhistorischen Porschungstradition auf diese Geringachtung ihrer Interessenschwerpunkte siehe oben S. 59, in Anm. 183.

VI. Armuts- und Fürsorge-Geschichte

Zu den Darstellungen des mittelalterlichen Hospitalwesens in Geschichten der Sozialen Fürsorge und Geschichten der Armut

Die Geschichte des staatlichen und kommunalen Wohlfahrtswesens ist in Deutschland seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts behandelt worden, also ungefähr seit es staatliche Sozialpolitik gibt. Nach einigen Arbeiten um die Jahrhundertwende erschienen jedoch erst seit 1970 wieder weitere.

Willi VARGES
Die Wohlfahrtspflege in den deutschen Städten des Mittelalters
in: Preußische Jahrbücher 81 (1895) S. 250-318,

behandelt hauptsächlich Polizeiordnungen, so daß nur ein kleinerer Teil seines immensen Materials die Hospitalgeschichte betrifft.

L[udwig] FEUCHTWANGER
Geschichte der sozialen Politik und des Armenwesens im Zeitalter der Reformation 1-2
in: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich 32 (1908) S. 1423-1460 = 32,4, S. 167-204. 33 (1909) S. 191-228 = 33,1, S. 191-228,

setzt sich mit dem eigentlich von der kirchengeschichtlichen Forschungstradition aufgeworfenen Problem auseinander, ob sich das mittelalterliche Armenwesen unter der Einwirkung der Reformation zu mehr Bevormundung und weniger Hilfeleistung entwickelt habe. Er behandelt die spätmittelalterlichen Armenordnungen.

Jesko von STEYNITZ
Mittelalterliche Hospitäler der Orden und Städte als Einrichtungen der Sozialen SicherungDiss. im Fach Sozialpolitik Köln 1970(?)
(Sozialpolitische Schriften 26)
Berlin: Duncker & Humblot, 1970, (176 S.)

versucht am ausgeprägtesten, das mittelalterliche Hospitalwesen, das er exemplarisch anhand der Hospitäler der Johanniter und des Heilig-Geist-Ordens sowie des Heilig-Geist-Spitals Lübeck darstellen will, unter modernen Kategorien der Sozialpolitik zu begreifen. Seine Darstellung steht im übrigen ständig auf der Grenze zur reinen Ordensgeschichte; sie enthält wenig sozialgeschichtlichen Realismus.

Egon BOSHOF
Untersuchungen zur Armenfürsorge im fränkischen Reich des 9. Jahrhunderts
in: AKG 58 (1976) S. 265-339,

ist eine umfassende Untersuchung, die weder methodisch noch hinsichtlich der Weite der Perspektive Wunsche offen läßt.

Thomas FISCHER
Städtische Armut und Armenfürsorge im 15. und 16. Jahrhundert. Sozialgeschichtliche Untersuchungen am Beispiel der Städte Basel, Freiburg i.Br. und Straßburg
Diss. Freiburg (Brsg.) 1976
(Göttinger Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte,4)
Göttingen: Otto Schwarz, 1979 (349 S.)

und:

Ingomar BOG
Über Arme und Armenfürsorge in Oberdeutschland und in der Eidgenossenschaft im 15. und 16. Jahrhundert
in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung 34/35 (1974/1975) S. 983-1001

setzen jetzt endlich die Fürsorge, Caritas, Liebestätigkeit in ein Verhältnis zum "Bedarf", der vorhandenen Armut, die nicht mehr als etwas unabänderliches (Mt 26,11) sondern als Gegenstand geschichtlicher Forschung füngiert. (Fischer führt als einer von wenigen auch eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der älteren Literatur, die sich zum Teil mit dem vorliegenden Versuch deckt).

B. Mein Projekt zu den Hospitalregeln

Quellenfund, Forschungsstand (im speziellen) und Vorhaben

Vor meinem Geschichtsstudium hatte ich als Zivildienstleistender in einem Alten- und Pflegeheim der Diakonie gearbeitet und dabei auch am Unterricht in der dortigen Krankenpflegeschule teilnehmen können, abgeschlossen mit dem «einjährigen» Krankenpflege-Hilfe-Examen. Mit dem Beruf noch im Hinterkopf, fand ich recht bald nach Beginn meines Geschichtsstudiums zufällig in einem Karteikasten im Katalogsaal der Bayerischen Staatsbibliothek staunend, daß auch mein Beruf eine mittelalterliche Geschichte hat und es darüber Bücher gibt. Das schien mir unmittelbar ein Thema, über das ich dereinst meine Abschlußarbeit schreiben könnte.

Bald stieß ich auch auf Unerforschtes: Weitreichende Übereinstimmungen zwischen «Regeln» von Hospitälern quer durch Europa: etwa zwischen der des Hospitals zu Eichstätt aus dem Jahr 1250 und der des Hospitals Nôtre-Dame zu Paris (1220), der des Hospitals Santo Spirito in Saxia zu Rom und derjenigen des Johanniter-Haupthospitals zu Jerusalem (1152?). Und die lateinische Regel des Heilig-Geist-Spitals der Hansestadt Lübeck von 1263 stimmt weitgehend mit derjenigen des Sint-Janshospitaal der flandrischen Hansestadt Brugge (1188) überein. Letztere liegt als besiegelte Originalurkunde aus dem Jahre 1188 vor und ist als älteste Quelle für das Sint-Janshospitaal Brugge 1976 von Griet Maréchal in ihrer Geschichte desselben untersucht worden. Mit ihrem Text stimmen auch noch weitgehend überein: ein ebenfalls original überlieferter von 1196 aus Gent in lateinischer Sprache und ein altfranzösischer von 1267 aus Ieper. Und der Lübecker Text begegnet wiederum ähnlich auch in Kiel 1301, volkssprachlichen Hospitalregeln aus Älborg in Dänemark, aus Barth in Pommern und einer lateinischen Handschrift aus Riga.

Wurden Ordensregeln gut erforscht, schon weil bis heute bestehende Gemeinschaften ihre eigene Geschichte bearbeiten, blieben Regeln selbständiger Hospitäler wenig bis unerforscht, obwohl sie viel zahlreicher waren (allerdings war lange Zeit gar nicht klar, daß z.B. die meisten Heilig-Geist-Hospitäler nicht zum Heilig-Geist-Orden gehört haben). Léon LEGRAND, der immerhin eine Menge solcher Regeln selbständiger Hospitäler 1901 gedruckt herausgegeben hat, erklärte rundweg, sie stammten, soweit es um Krankenpflege geht, allesamt von der Johanniterregel ab, ansonsten von der Augustinerregel, und das wurde seither allgemein ohne weiteres repetiert, z.B. noch 1977 und 1991 in Dissertationen. Selbst Siegfried REICKE übernahm in seinem Standardwerk zur Rechtsgeschichte der deutschen Hospitäler bezüglich der Regeln einfach die Ansicht, sie seien Varianten der Augustinerregel.

Umso mehr beflügelte meinen Forscherdrang, was ich über belgische Literatur, herausfand: daß die Regel des Sint-Janshospitaals der Hansestadt Brugge und die des gleichnamigen zu Gent von Januar 1188 bzw 1196 als besiegelte Originalurkunden, also so sicher wie nur möglich, überliefert sind, und dazu erheblich älter als die älteste Handschrift der Johanniterregel (1253). Bereits ein erster Blick auf diese Texte legt auch die These nahe, daß sie und nicht die Johanniterregel über die Hansestadt Lübeck eine breite Vorbildwirkung rund um die Ostsee gehabt haben. 1981 hat BONENFANT-FEYTMANS erstmals europäische Hospitalregeln der Zeit um 1200 sowie Aussagen des Zeitgenossen Jacques de Vitry über Hospitalgemeinschaften sowie Beschlüssen französischer Provinzialkonzile von 1214-1215 ohne die Prämisse, sie wären alle von der Johanniterregel abgeleitet, miteinander verglichen und in Beziehung gesetzt und diese Meinung Le Grands als haltlos erwiesen.

Ich habe dann 1985 zunächst in einer Magisterarbeit, einer der ersten, die Prof. Giese betreute, eine Übersicht über die bisherige Literatur zu den mittelalterlichen Hospitälern gegeben, die ich hier im 1. Kapitel zusammenfasse, und mit einer Edition der Brugger Urkunden samt ihrer Nachwirkung begonnen, die hier meinem 3. Kapitel zugrundeliegt. Das auf alle Hospitalregeln auszuweiten, blieb ein Dissertationsprojekt, wohlwollend beobachtet, aber, da selbst gewählt, ohne befruchtende Umgebung steckengeblieben. 1989 mußte ich vorerst abbrechen und einen «richtigen Beruf» lernen. Sowie ich ab 1999 Computer-Besitzer geworden war, wollte ich lernen, mit Datenbanken umzugehen und hatte viel Hilfe durch Newsgroups und den Access-Stammtisch Raunheim, und gleich versuchte ich auch, mit diesen neuen Werkzeugen die Verwandtschaft der Hospitalregeltexte aufzuklären. Eine Dissertation ist es nicht mehr geworden, dazu war der Abstand zur Universität bereits zu groß geworden und das Wekzeug zu fremdartig für die philosophische Fakultät, aber bei seiner Verabschiedung in den Ruhestand konnte ich Prof. Giese immerhin ein erstes Ergebnis überreichen, über das er sich später anerkennend geäußert hat. Nun will ich es als "Freizeit-Historiker" abschließen, ausformulieren und im Internet veröffentlichen. Danke für Interesse, Nachrichten gerne an post at rosenwelten.de, Verwendung gerne, aber bitte mit Quellenangabe.

Bauch, Regel Eichstätt

Siehe vorerst diese Paralleltextanzeige, Näheres hoffe ich nun am Ende dieser Untersuchung sagen zu können.

Ein Johanniter, Delaville le Roulx, Cartulaire, gab im Rahmen einer mehrbändigen Edition von Ordensurkunden die Johanniterregel heraus und veröffentlichte 1894 (Delaville le Roulx, Les hospitaliers en terre sain) und 1906 (Delaville le Roulx, De prima origine) Aufsätze darüber. 1929 forschte Ambraziejuté, Johanniter-Regel über die Entstehung der Johanniterregel. Die Regel des Heilig-Geist-Ordens gab DE ANGELIS 1954 heraus; die des Deutschen Ordens Perlbach, Stauten Deutscher Orden. Probst, Deutscher Orden (1969) und Arnold, Entstehung des Deutschen Ordens (1980) trugen zur Erforschung der Deutschordensregel bei. Die Augustinerregel schließlich, von der es in der Literatur oft heißt, sie sei die Regel der Hospitäler gewesen, liegt seit 1967 in einer kritischen Edition von VERHEIJEN vor.

Le Grand, Edition

Obwohl bereits ein Blick in die Texte in LE GRANDS Ausgabe zu ernsten Zweifeln daran genügt hätte. Seine Methodik gerät in zweifelhaftes Licht, wenn er die Legende von der urchristlichen Entstehung der Johanniterregel ungeprüft übernimmt (Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit verlegten Institutionen gern ihre Anfänge ins Urchristentum oder wenigstens so weit wie möglich in die Vergangenheit zurück, um an Ansehen und Rechtssicherheit zu gewinnen. In dieser Absicht wurden Legenden über die eigene Gründung entwickelt und tradiert, in denen die Regel als eine Art Gründungsurkunde eine zentrale Rolle spielte.) oder von gewissen Regeln einfach behauptet, sie hätten «auch noch anderswo» gegolten.

Reicke, Spital

Nur in Belgien ist bisher eine kritische Edition einer Hospitalregel erschienen, von der des Hospitals S. Jean zu Brüssel (1211), vorgelegt von Bonenfant, Cartulaire

Bonenfant-Feytmans, J. de Vitry

C. Die Texte

Was sind die ältesten Hospitalregeln für Texte, wie mögen sie zustandegekommen und verwendet worden sein sein und wie liegen sie uns vor

1. Schwerpunkt der St?dtebildung um 1200

3. ((Notwendigkeit neuer Hospit?ler))

4. ((?Kommunalisierung?" alter Hospit?ler und neue kommunale Hospit?ler))

I. Handschriften und Drucke

Wie sind uns die Texte überliefert, wie zuverlässig sind die Textzeugen?

1. Zur Handschriftengeschichte

Oft wurden Hospitalregeln wohl zunächst im Hospitalarchiv aufbewahrt, wurde das Hospital später aufgelöst, kamen sie in ein staatliches Archiv. Manche Hospitalarchive bestehen aber noch und bewahren weiterhin die mittelalterliche Regel ihres Hauses auf.

Ungewöhnlich ist das Schicksal der Handschrift der Regel von Eichstätt: sie scheint irgendwann am Ort in private Hand gekommen zu sein und von da mit Auswanderern 1905 nach Amerika, wo sie später in die Universitätsbibliothek Philadelphia gelangte.

Die Regel des Hospitals von Ypern wurde im Ersten Weltkrieg vernichtet.

Das Kopiar, das eine entstehungszeitnahe Abschrift der Lübecker Regel von 1263 enthält, galt bis vor kurzem als Kriegsverlust, kam dann aber zurück; 2001 war es jedoch noch nicht wieder zur Benutzung freigegeben. Aus dem Zentralen Historischen Archiv der Lettischen SSR bekam ich eine Fotokopie einer Urkunde von 1294, in die die Regel des Lübecker Heilig-Geist-Hospitals inseriert ist.

2. Lücke zwischen Textdatum und Handschriftentstehungsdatum

Wie zuverlässig ist die handschriftliche Überlieferung?

Soweit Entstehungszeiten der Handschriften bekannt sind, haben wir in zwölf Fällen Originalüberlieferung, also Gleichzeitigkeit mit der Datumsangabe des Textes, den sie überliefern, wovon aber eigentlich nur die ersten sechs von vor 1250 stammen und sich so noch einigermaßen unter die «ältesten Regeln mittelalterlicher Hospitäler» rechnen lassen:

Gleichzeitige Handschriften (Original-Überlieferung)
LückeText-DatHandschrift-DatTextFundort (mit verlinkter Abbildung)
01188.01.1188.01Brugge 1188Brugge/Bruges, Archief van het Oopenbar Centrum voor Maatschappelijk Welzijn, St.-Janshospitaal, Signatur.: Charter nr. 1,
01188.01.1188.01Brugge BgBrugge/Bruges, Archief van het Oopenbar Centrum voor Maatschappelijk Welzijn, St.-Janshospitaal, Signatur.: Charter nr. 1,
01188.01.1188.01.Brugge B"Brugge/Bruges, Rijksarchief/Archiv de l"État, Aanwinsten, Signatur.: nr. 6509,
01196..1196..GentGent/Gand, Stadsarchief/Archive de la Ville, Stadscharters, Signatur.: reeks 94, nr. 17,
01236..1236?Gent Lepr mnldGent/Gand, Archives de l"État/Rijksarchief, Fonds Rijke Gasthuis, Signatur.: Voorlopig nr. B4594,
01243.04.1243.04.AbbevilleAmiens, Archives Départementales de la Somme, Archives d"Hôtel-Dieu d"Abbeville, Signatur.: F 1,
01253.08.1253.08.HerentalsHerentals/Hérenthals, arr. Turnhout, [Hospitalarchiv], , Signatur.: ,
01266..1266AalstGent/Gand, Archives de l"État/Rijksarchief, Fonds O.L.V.-hospitaal te Aalst, Signatur.: I, 2,
01301..1301KielKiel, Stadtarchiv, Urkunden, Signatur.: Nr. 9,
01319.12.1319.12EnghienMons/Bergen, Archives de l"État/Rijksarchief, Hôpital Saint-Nicolas d"Enghien, Signatur.: No. 9,
01328.04.231328.04.23München 1328München, Hauptstaatsarchiv, Gericht München, Urkunden, Signatur.: Fasz. 3,
01654.02.251654?Aalborg 1654Ålborg, Hospitalets arkiv, , Signatur.: pk. 9, unbekannte Nr 1,
01675.05.011675?Aalborg 1675Ålborg, Hospitalets arkiv, , Signatur.: pk. 9, unbekannte Nr 2,

Die übrigen sind durch Abschriften (kopial) überliefert. In drei Fällen beträgt die Lücke zwischen Textdatum und Handschriftdatum bis zu 10 Jahre, in noch sieben weiteren immerhin bis um 100 Jahre. Das trifft auch zu für die älteste Handschrift der lateinischen Johanniterregel von 1253.10.07 (deren altfranzösiche Fassung ist mit 46 Jahren Lücke zeitnaher überliefert):

2: Überlieferung durch bis zu 100 Jahre jüngere Hss.
LückeText-DatHandschrift-DatTextFundort (mit verlinkter Abbildung)
31197..1200-1300Tournai ND MeisterTournai/Doornik, Archives de l"État/, , Signatur.: Cart. C,
61294..1300 bis 1400 ?Lübeck 1294Riga, Zentrales Historisches Archiv der Litauischen SSR, Fond 673, opis" 2 (l-1), Signatur.: delo 6 (l-1),
101233.06.1243.04.AmiensAmiens, Archives Départementales de la Somme, Archives d"Hôtel-Dieu d"Abbeville, Signatur.: F 1,
301220.05.1250 ?Cambrai S-JulienCambrai/Kamerijk (Diözese), Bibliothèque municipale, Archives hospices de Cambrai, St-Julien, Signatur.: I A 5 (früher no. 329),
461154.10.211200-1300Jerusalem afrzDijon, Archive de la Côte-d'Or, H, Signatur.: 111,
621238..1300 bis 1400 (nach 1366?)TournaiTournai/Doornik, Trésor de la Cathédrale, , Signatur.: , Cest le riegle et ordenance des sœrs del hostelerie Nostre Dame de Tournay
771227.06.1304.05.Cambrai S-JeanCambrai/Kamerijk (Diözese), Bibliothèque municipale, Archives hospices de Cambrai, St-Jean, Signatur.: inseriert in: X A 2 (früher no. 348),
891211.10.1300 bis 1400Bruxelles 1211Bruxelles/Brussel, Archive de la ville/Stadsarchief, , Signatur.: vol. 1373,
991154.10.211253.10.07 laut BegleitbriefJerusalem latAarau, Staatsarchiv des Kantons Aargau, Johanniter-Kommende Leuggern, Signatur.: Nr. 7,
1121204..1316 bis 1334Roma S-Spirito 1316Roma, Biblioteca Vaticana, Fondo Borghese, Signatur.: N. 292,

Die übrigen liegen nur in Abschriften vor, die über 100 Jahre jünger sind als die Abfasungsdaten der Texte, so daß zunächst unsicher ist, ob der überlieferte Text wirklich in allen Teilen und Einzelheiten von der Zeit ist, auf die er sich selbst datiert; beim Abschreiben können Teile eingeschoben, Veränderungen vorgenommen worden sein, ohne das zu kennzeichnen. Bei diesen Texten müssen, je größer die Lücke ist, umso mehr innere Kriterien mitberücksichtigt werden, wenn es den genauen, ursprünglichen Wortlaut herzustellen gilt.

Überlieferung durch über 100 Jahre jüngere Hss.
LückeText-DatHandschrift-DatTextFundort (mit verlinkter Abbildung)
1301370.11.041500-1600 (nach der Schrift, Mus)Ieper Lepr 1370Ieper/Ypres, Archief der Commissie van Openbaren Onderstand, fonds Hooge Zieken. alg. litt., Signatur.: B,
1371263..1400 bis 1500Troyes latTroyes, Archives Départementales de l"Aube, , Signatur.: carton 4,
1691231..1400 bis 1500CoffortLe Mans (Diözese), Bibliothèque du Mans, , Signatur.: Ms. 253, Livre blanc de l"Évêché
2111309..1520 ca.Barth 1309Barth, Lkr. Nordvorpommern, Pfarrarchiv, , Signatur.: ,
2801220..1500 bis 1600, 2 Kopien, beide lat. und frz.ParisParis, Archive de l"Assistance Publique, , Signatur.: liasse 866,
2891200..1489.07.14AngersParis, Archives Nationales, , Signatur.: X 1a 1497,
3141200..1514.12.1FossesNamur/Namen, Archiv de l"État, Chartrier des sœurs grises, Signatur.: [in die Urkunde Borgnet Nr. 20 inseriert],
3351265..1600 bis 1700Saint-PolArras/Atrecht, Archives Départementales de Pas-de-Calais, Archives hospitalières de Saint-Pol, Signatur.: A 1,
3451255.02.1600 bis 1700Bruxelles S-GertrMechelen/Malines, Archive de l"Archevêché, Cameracensia, Signatur.: reg. 6 (früher X),
3541246..1600 bis 1700BeauvaisBeauvais, Archives Départementales de l"Oise, , Signatur.: A7,
4381162..1600 bis 1700AubracRodez, Archives Départementales de l"Aveyron, , Signatur.: G 404 und G 406 = No. 13 und No. 14,
4471253.11.1700 bis 1800Bruxelles S-NicolaiBruxelles/Brussel, Archive de la ville/Stadsarchief, , Signatur.: vol. 1373,
45212301682-Vienne S-AntoineGrenoble, Grand Séminaire, Inventaire des titres et fondations de l"abbaye de Saint-Antoine, Signatur.: No. 3,
4531247.07.1700 bis 1900Lessines 1247Lessines/Lessen, Centre Publique d"Aide Sociale, , Signatur.: ,

2. Hierarchisch-kirchlicher vs b?rgerlicher Ursprung

3. Drucke und Editionen

Gibt es wissenschaftliche Editionen? Wie zuverlässig sind die sonstigen Drucke?

II. Textcharakteristika

1. Aufbau und Form

a. Urkundenform

Viele Hospitalregeln sind ihrer Form nach Urkunden mit vollständigem Formular. Von der Vollständigkeit und Richtigkeit der Formeln einer Urkunde hing es ab, ob ihr Rechtskraft zugemessen wurde.

4: Hospitalregeln in Urkundenform
TextInvocatioAusstellerSalutatioArengaNarratioDispositioCorroboratioSiegelDatum
1211 Bruxelles[Invoc.]Jean III. de Béthune, Bf v Cambr[Salut.]Quomiam ...Quoniam via vite est custodientibus disciplinam ad laudem et honorem Dei omnipotentis et ut viam vite fideles inveniant in hospitali[Narr.]sic ordinando disponimus[Corr.][Siegel]Actum
1223 Cambrai S-Julien[Invoc.]R. prévost, A. decanus v Cambrai[Salut.]ordinauimus ... modum uiuendi[Corr.][Siegel]Actum
1227 Cambrai S-Jean[Invoc.]Nicolas de Fontaine, Bf v Cambr[Salut.][Narr.]ordinavimus modum vivendi[Corr.][Siegel]Actum
1233 Antwerpen[Invoc.]Godefroid de Fontaine, Bf v Cambr[Salut.]Quum via ...Quum via vite est custodientibus disciplinam ad laudem et honorem Dei omnipotentis et ut viam vite fideles inveniant in hospitali[Narr.]sic ordinando disponimus[Corr.][Siegel]Actum
1246 BeauvaisOdo v Tusc., Ppl Legat{Salut.][Narr.]Dispositio[Corr.]SiegelActum
1247 LessinesGuido, Bf v Cambrai[Salut.][Narr.]statuimus et ordinamus[Corr.]SiegelActum
1253 Bruxelles S-Nic latscabini et universi burgenses v Brx[Salut.]admonitioex parte reverendi patris nostri N..., Dei gracia Cameracensis episcopi, sepuis monicionem recepimus diligentem ut ad reformacionem hospitalis, beati Nycholai in Bruxella curam adhiberemus efficacem, eo quod ad usus et recreacionem pauperum transeuntium a prima fundacione de fidelium elemosinis statutum fuit et ab antiquis temporibus, a quibus non extat memoria, observatum, sicut eciam adhuc superstites recolunt infinit
episcopo
volumus et decernimusarticuli inferius conscripti, quos ibidem eciam volumus et decerni-miis observari[Corr.]der StadtActum
1253 Herentals[Invoc.]Nicolas de Fontaine, Bf v Cambr[Salut.]Cum non ...Cum non sit victima melior quam obedientia et Dominus benedictionem et vitam promiserit ...[Narr.]sic ordinando disposuimus[Corr.][Siegel]Actum
1255 Bruxelles S-Gudule[Invoc.]Nicolas de Fontaine, Bf v Cambr[Salut.]Quomiam ...Quoniam via vite est custodientibus disciplinam ad laudem et honorem Dei omnipotentis et ut viam vite fideles inveniant in hospitali[Narr.]sic ordinando disponimus[Corr.][Siegel]Datum
1258 AardenburgWalter de Croix, Bf v Tornai
et scabini de Rodemburg
[Salut.]consensum est[Corr.]beiderDatum et actum
1277 sHertogenbosch[Invoc.]Jean d Enghien, Bf v Tournai[Salut.]Quomiam ...Quoniam via vite est custodientibus disciplinam ad laudem et honorem Dei omnipotentis et ut viam vite fideles inveniant in hospitali[Narr.]sic ordinando disponimus[Corr.][Siegel]Actum et datum
1286 GeelGuillaume d Avesnes, Bf v Cambr[Salut.]Cum non ...Cum non sit victima melior quam obedientia et Dominus benedictionem et vitam promiserit ...sic ordinando disposuimus[Corr.]und das des
Herrn v Geel
Actum
1319 Enghien[Invoc.]Pierre de Lévis-Mirepoix, Bf v Cambr[Salut.]Quomiam ...Quoniam via vite est custodientibus disciplinam ad laudem et honorem Dei omnipotentis et ut viam vite fideles inveniant in hospitali[Narr.]secundum Regulam b. Augustini
sic ordinando disponimus
[Corr.][Siegel]Actum

Etwa die Hälfte der urkundenförmigen Hospitalregeln hat ganz am Anfang oder nach der Invocatio noch zusätzlich eine Überschrift. Die gehörte nicht zum Urkundenformular, auch für die Verfasser nicht, denn sie konnte z.B. in einer Volkssprache verfaßt werden, obwohl alles Nachfolgende lateinisch war (1176 in Lüttich und 1266 in Aalst):

5: Hospitalregeln in Urkundenform mit Überschrift
TextÜberschriftInvocatioAusstellerSalutatioArengaNarratioDispositioCorroboratioSiegelDatum
1176 Liège Mont CornillonPrivilègesLes Privileges des citains de Liège concedeit et confirmeit alle maison de Cornillon; comment ils se doient governer et estre governeit de leurs maistres et recepveurs[Invoc.]scabini v Liège[Salut.]Que ad pacisQue ad pacis et salutis fidelium [spectare videntur toto annisu] humili tuenda et promovenda sunt[Narr.]duximusVorbehalt[Siegel]Actum
1223 Bruxelles.InstitutioInstitutio fratrum et sororum[Invoc.]Godefridus[Salut.][Arenga][Narr.]duximus confirmandas[Corr.][Siegel]Datum
1233 Montdidierrègle et bulleChy sensuit la teneur de la règle et bulle ordonnance de la religion monseigneur sainct Jehan Baptiste de Mondidier translatée de latin en franchois, faicte par Ricart par la grâce de Dieu évesque dߢAmiens.Ricart, Bf v Amiens[Salut.]Comme d'officeComme d'office de pasteur nous soions tenus de veillier continuellement sur le peuple à nous baillé en garde par quoy nos sommes débiteurs à tous en Jésus-Christ, principallement nous devons pourvoir aux personnes de religion qui ont renoncié au monde et au faitz de celluy monde par les veulx qu'ilz ont fais et par l'abit de la religion quilz ont pris par dehors pourquoy ils sont loiés et estrains du lien d'obédience, en ensuivant Jésus-Christ et la foy priant par bonnes ?uvres par dedens et par dehors.[Nar..]Hospitalgemeinschaft hat Regeln selbst vorgeschlagen und um Bestätigung gebetenconformons et enjoignonsVorbehalt&
[[Corr.]
Donné
1233 AmiensRegulaRegula domus hospitalis ambianensisGaufridus, Bf v Amiens[Salut.]Cum excommissoCum excommisso nobis pastoralis officij talento super gregem nobis creditum assidue et instanter teneamur vigilare. et universis et singulis sumus debitores in Christo precipue tamen religiosis personis. et mundo renuntiantibus debemus providere. ut sicut seculo et actibus secularibus voto emisso et habitu religionis assumpto renuntiaverunt exterius. Ita quoque Christum operibus sanctis et obedientie nexibus astricti. et christianam fidem interius imitentur.[Nar..]Hospitalgemeinschaft hat Regeln selbst vorgeschlagen und um Bestätigung gebetenconfirmamusVorbehalt&
[[Corr.]
Actum
1266 AalstRegeleRegele ofte institutie van den Prieuse ende Susteren van den hospitale binnen Aelst (Titel nach de Potter)Nicolas de Fontaine, Bf v Cambr[Salut.]Quomiam ...Quoniam via vite est custodientibus disciplinam ad laudem et honorem Dei omnipotentis et ut viam vite fideles inveniant in hospitali[Nar..]sic ordinando disponimus[Corr.][Siegel]Actum
1349 HarelbekeCopia literarumCopia literarum tangentim fundationem hospitalis Sancti Nicolai HarlebeccensisJean des Prè, Bf v Tournai[Salut.]Notum facimus quodVorbehalt[Siegel]Datum et actum
1354 IjzendijkeOrdinatioOrdinatio sive statutum ultra fundationem super>statu et regimine hospitalis de Ysendike.Philippus, Bf v Tournai[Salut.]Quia nonQuia non antequam quod conjectura proficuum debet reprehensibile judicari, si aliqua, a nostris predecessoribus pro suo tempore proinde statuta, in melius immutemus, maxime cum ea, ex causis postea emergentibus, videmus obesse potius quam prodesse[Narr.]statuimus et etiam ordinamusVorbehalt&Corr.[Siegel]Datum et actum
1400 TravemünderegulaHec est regula, quam precepimus seruare fratribus et sororibus domus sancti spiritus in travenemunde.Borchardus Bf v Lübeck[Salut.]precepimusDie Überschrift steht an dieser Stelle und fungiert quasi als Dispositio

Der Aufbau ist im allgemeinen folgender: Nach der Anrufung Gottes (Invocatio) bietet der Aussteller allen, die dieses lesen, seinen Gruß (Salutatio), erzählt nach einer allgemeinen religiös-ethischen Erwägung (Arenga) die Vorgeschichte (N

b. Plakatformen

Wenn diese Überschrift Verfasser, eventuelle Mitwirkende und Zweck des Textes nennt, konnten in etlichen Hospitalregeln die einleitenden Urkundenformeln, die sonst diese Angaben enthalten hätten, wohl auch einfach wegfallen und unmittelbar auf die Überschrift direkt die bloße Aufzählung der einzelnen Bestimmungen folgen, mit mehr oder weniger vollständigen Schlußformeln. Nannte (ab Mitte des 13. Jh.) der Verfasser sich dann auch noch statt in der Überschrift erst am Schluß, lief es bis zum 17. Jh. auf ein Schema Überschrift—Inhalt—Unterschrift(en) hinaus.

Manche von diesen Hospitalregeln ohne Urkundenformeln sind aber durchaus in Urkundenschrift auf Pergament geschrieben und besiegelt, besonders die ältesten, von denen wir glücklicherweise einige noch als Originale besitzen, was darauf hindeutet, daß es für ihre Verfasser auf die Urkundenformeln gar nicht so sehr ankam; immerhin haben sie ja auch die Invocatio am Anfang, sonst ein Spezifikum kirchlicher Urkundenaussteller, sogar noch vor der Überschrift stehen und nicht fortfallen lassen. Ich benutze für diese noch feierliche, aber nicht mehr durch das Urkundenformular gebundene, der Bekanntmachung dienende Textform die Bezeichnung Plakatformen.

7: Hospitalregeln ohne vollständige Urkundenform, geschrieben wie Urkunden
TextÜberschrift und vorhandene UrkundenformelnAussteller
1188 Brugge
=1188 Brugge B2
[Invokation] "Hec est regula et ordo observandus fratribus et sororibus domus beati iohannis in brugis dispensatione clericorum et laicorum brugensium probatissimorum institutus ad petitionem sancte congregationis predicte ... Institutum Anno .m.c.lxxxviii. mense Ianuario. confirmatum sigillis appendentibus"scabini
1196 Gent[Invocatio] Hec est regula et ordo fratrum et sororum domus beati Iohannis in gandauo. dispensatione cleri et schabinorum institutus. [Actum]
6: Hospitalregeln ohne (vollständige) Urkundenform mit Überschrift
TextÜberschrift, evtl vorhandene Rest-Urkundenformeln, SchlußformelnAussteller
1154 Jerusalem afrzCeste est la constitucion trovée par frere Raimont. [Invocatio] je Raimont, serf des povres de Crist et garde de l'Ospital de Jerusalem, dou conseil de tout le chapistre, clers et laiz freres, ai establi ces comandemenz en la maison de l'Ospital de Jerusalem. [Bestimmungen, mit Kapitelüberschriften] Amen.Raymond du Puy
1154 Jerusalem lat[Invocatio] Ego Raymundus servus pauperum Christi et custos Hospitalis Jer[oso]l[i]m[itani] cum consilio totius capituli clericorum et laycorum fratrum statui hec precepta et statuta in domo Hospital[is] Jer[oso]l[i]m[itana][Bestimmungen] Amen.Raymond du Puy
1197 Tournai ND MeisterDe magistro scolarum et de hospitalario (nach "B") / De prebendis scolastici seu magistri scolarum et hospitalarii et eorum officiis et quales debent assumi ad has prebendas seu ad hec officia (nach "C")Étienne
1200 AngersHec est institucio Domus pauperum Andegavensis facta cum assensu et voluntate tam fundatorum domus quam fratrum et sororum, a domino Andegavensi episcopo approbata et confirmata. [folgt ein Inhaltsverzeichnis]Guilleaume de Chemille
1230 Vienne S-AntoineHaec sunt Statuta facta a Venerabili Vuillermo episcopo Tornacensi, Apostolicae Sedis legato, in hospitali S. Antonii Viennensis dioecesis, secundum quae vivere et regi et corrigi debent fratres in eodem hospitali constituti.Gautier de Marvis
1250 EichstättDaz ist div regel des spitals des hiligen geistes ze Eystet. (e)in forme vnd ein wise vnd regelHeinrich I/IV.
1263 Troyes latHEC SUNT INSTITUTIONES APPROBATE DOMUS-DEI-COMITIS TRECENSIS. [Bestimmungen mit Kapitelüberschriften] Hec autem constitutiones innovate et abreviate fuerunt legitima collatione facta per Elemosinarium Regis, anno Domini M. Ducentesimo Sexagesimo Tertio, quarto idus junii.
1309 Barth[Invocatio] Dyt is de regula unde orde der broder unde sustere des huszes unde conventes thome hilgen Geeste bynnen Bardt, dede anghesettet ys van erlyken luden, prestern unde leyen. [~Arenga] [Bestimmungen] Item disse vorscreven ghesette unde regule heft confirmeren laten Iohannes Travelemunth, wandages eyn radtman der stad Bardt myt syneme szone Iohannes hyr in disseme husze, eyn begevene man, dorch den werdigen heren in god vader byscop Hermann, van gades gnaden byschop tho Sweryne. Anno domini millesimo trecentesimo nono.Hermann
1485 MünchenAin newe ordenung dem spital des heylligen Geists hie ze Munichen durch Balthazarn Riedler, Ludwigen Pötschner vnd Hannsen Ligsaltz, von innerm rate darczu verordnet, mitsambt den hochmaistern Thoma Rudolff vnd Georgen Riedler gemacht vnd furgenommen an [Bestimmungen] [Actum]
1564 Roma S-SpiritoIncipiunt capitula regule hospitalis sancti Spiritus. [Bestimmungen mit Kapitelüberschriften]
1654 AalborgForordning huorledis hereffter holdis schall med de fattige Christi Lemmer her vdi Hellig Aands Hospital i Aalborg [Bestimmungen] Giffuet vdi Hellig Giesthuus vdi Aalborg den 25 February Aar 1654. [Unterschriften]Erich Jull
1675 AalborgForordning hvor effter de Fattige udi den H. Aands Closter i Aalborg sig hafve udi deris Guds Fryct og Leffnet der inde at forholde. [Unterschrift]Matthias Foss

Und dann gibt es einige Hospitalregeln, die tatsächlich aus beidem zusammengesetzt sind: Walter von Marvis' Regel für die Genter Leprosen von 1236 sowie die Regeln Lübecker Bischöfe ab 1263 umfassen neben den Bestimmungen bloß mit Überschrift noch — in Gent am Anfang, in Lübeck am Schluß — je eine kurze vollständig formulierte Bischofsurkunde mit ein paar speziellen Bestimmungen:

8: Hospitalregeln mit Überschrift, denen eine Urkunde angefügt ist
TextÜberschrift und vorhandene UrkundenformelnAussteller
1236 Gent Leprose am AnfangRegula sanorum fratrum ac sororum de domo leprosorum gandensium a tornacensi episcopo con[firmat]aWalterus, Bf v Tournai
1263 Lübeck lat[Invocatio] Hec est regula et ordo servandus fratribus et sororibus domus sancti spiritus in lubeke; dispensacione clericorum et laicorum lubicensium probatissimorum institutus, ad peticionem sancte congregacionis eiusdem. ... [Corr.][Siegel][Actum et confirmatum]Johannes
1263 Lübeck mnd[Invocatio] Dit is de orde vnde leuent der brodere vnde sustere, de se holden scolen in deme hus to lubeke des hilligen geistes, also se utgegeuen sint van wisen papen vnde leyen na eren egenen couentes begheringhe vnde bedeAussteller micht genannt
1294 Lübeckwie 1263 Lübeck latBurchard
1301 KielHaec est regula et ordo observandus fratribus et sororibus domus sancti spiritus in kyl dispensatione clericorum ...itum et laicorum kylensium probatissimorum institutus ad petitionem sancte congregationis eiusdem.Giselbertus
9: Hospitalregeln angefügte Bischofsurkunden
TextInvocatioAusstellerSalutatioArengaNarratioDispositioCorroboratioSiegelDatum
1236 Gent Leprose am Anfang.Walterus, Bf v Tournai[Salutatio]Cum plurimaCum plurime traditiones plurimas faciunt transgressiones, nos uni sententie beati Jacobi inherentes qua dicitur, religio munda & immaculata apud deum & patrem hec est. uisitare pupillos & uiduas in tribulatione eorum. & immaculatum se custodire ab hoc seculo. summam religionis consistere arbitramur in fouendo personas miserabiles humano auxilio destitutas. maxime quas dominus probat in camino paupertatis & in fornace tam contagiose egritudinis. ut merito propter illam mandato legis precipiantur ab aliorum consortio separari.NarratioduximusCorroboratioSiegelActum
1263 Lübeck lat AnhangJohannes, Bf v Lübeck[Salutatio]Cum plurimeCum plurime tradiciones plurimas faciunt transgressiones, Nos vni sentencie beati iacobi inherentes, qua dicitur: Religio munda et immaculata apud deum et patrem hec est, visitare pupillos et uiduas in tribulacione eorum et immaculatum se custodire ab hoc seculo: Summam arbitramur religionis consistere in suscipiendo et fouendo personas miserabiles, humano auxilio destitutas, maxime quas dominus probat in camino paupertatis et in fornace corporalis egritudinis.[Narratio]duximus[Corr.][Siegel]Actum et confirmatum
1263 Lübeck mnd Anhang[ungenannt][Narratio]wille we[Corr.][Siegel]Gedan unde stedet(get)
1294 Lübeck Anhang2Borchardus, Bf v Lübeck[Salutatio
an Leprose
extra muros]
Cum patiencieCum patiencie exhori... et salutis repromissio temporaliter afflictis afflictioni non addant sed minuant. procerto .n. inmarcessibilem mercedem accipient, qui non obstante corporis imbecillitate iugo christi confidencius se astringenti ... ....[Narratio]duximus confirmandasVorbehaltDatum
1301 Kiel AnhangGiselbertus, Bf v Lübeck[Salutatio]Cum plurime ...Cum plurime tradiciones plurimas faciunt transgressiones Nos vni sentencie beati iacobi inherentes qua dicitur, Religio munda et immaculata apud deum et patrem hec est, visitare pupillos et viduas in tribulatione eorum et immaculatum se custodire ab hoc seculo. Summam arbitramur religionis consistere in suscipiendo et fouendo personas miserabiles humano auxilio destitutas maxime quas dominus probat in camino paupertatis et in fornace corporalis egritudinis[Narratio]duximus[Corr.][Siegel]Actum et confirmatum

2. Länge und Sprache

Es gibt ebenso sehr früh schon sehr lange Texte wie es auch von Anfang an schon volkssprachliche neben lateinischen Texten gibt.

Die meisten Sprachversionen hat die Johanniterregel. Cambrai S. Julien, Gent Lepr und Lübeck sind zweisprachig überliefert.

Die ältesten volkssprachlichen (mittelniederländisch) sind: Mechelen (1220.10.) und Gent Lepr (1236) - es sei denn, die afrz. Fassung der Johanniterregel wäre älter.

In manchen Texten ist bestimmt, daß die Regel in der Volkssprache vorzulesen sei: 'Desen brief / es sculdech in diedsch telesene deca/pelán uan den hus of sin uicaris' (1236 Gent Leprose mnld) — 'et ut plene singula capiant in lingua sui idiomatis e

In manchen Texten ist ausdrücklich bestimmt, daß den Neu Eintretenden oder allen Brüdern und Schwestern in bestimmten Abständen die Regel in ihrer Volks-sprache vorzulesen sei.

3. Gebrauch, Verwendung, Bestimmung

In 13 Hospitalregeln finde ich Bestimmungen darüber, daß sie in einen bestimmten Rhythmus oder beim Eintritt neuer Mitglieder in die Gemeinschaft vorgelesen werden sollen:

10: Hospitalregeln mit Bestimmungen, daß sie vorzulesen seien
TextVorlesen bei Neueintritten
1220 Ieper LeproseBei Eintritt von Leprosen in das Leprosenhaus
1236 Gent Lepr mnldend der/gelike der penitentien die hier te/uoren ghescreuen sin. Desen brief / es sculdech in diedsch telesene deca/pelán uan den hus of sin uicaris in / de comste éns nieus broders oue / suster béde gandses ende siecs. ende // danne mot hebben delesere
1236 Gent LeproseBei Neuaufnahme und an drei Festen/Jahr
1253 Herentalsquocies fratres et sorores recipiendi...perlegatur
1266 AalstStatuimus insuper ut quotiescumque sorores vel fratres recipiendi sunt, constitutionum istarum series coram eis prelegatur, et ut plene singula capiant in lingua sui idiomatis exponantur ad plenum et hec se quantum in eis est observaturas promittant. ...
1277 sHertogenboschquoties Frater vel Soror recipiendus fuerint
1286 Geelquoties fratres aut sorores fuerint recipiendi, ..
1309 BarthItem wen dar eyn nyge broder ifte suster wyl syck geven in dissen orden unde broderschop, szo schal me deme broder edder suster vorleszen laten disse vorscreven regule, unde schal em vrage, ...
TextVorlesen in bestimmtem Rhythmus
Roma S-Spirito 1316Regula et constitutiones tunc ei legantur (c.66)
1250 EichstättAlle wochen zeminsten ze ainem mal brvder vnd swester svlen komen in daz capitel, ... Vnd da sol man von der regelen zeminsten zwai capitel lesen.
1263 Lübeck mndDesses leuendes bescrevenecheit enes in den mane(de) scal men lesen den broderen unde susteren, er se to der taflen gan.
1263 Troyes latLegatur etiam verbo laycali quater in anno omnibus
1301 KielHec regula et instituta legentur coram fratribus et sororibus semel in mense, [Satztrennung? Zeilenwechsel!] antequam ad mensam accedant [Satztrennung?] quilibet eorum pro benedictione dicat pater noster ...

Weitere Texte sind zum Vorlesen eingerichtet, indem Zwischenüberschriften, Interpunktion eingefügt sind:

1. Die ?berlieferten Fehler: das klassische Argument f?r Textabh?ngigkeit

2. Selbst?ndig denkende Schreiber: Die Grenzen der klassischen Methodik

4. Einrichtung zum Lesen

a Interpunktion

Mehrere der original überlieferten Hospitalregeln sind, offenbar als Hilfe zum lauten Lesen, mit einem System von Interpunktion ausgezeichnet. Das einfachste sind nur Punkte (Abbeville, Eichstätt)

Weiter als für das ausgehende 12. Jh. gewöhnlich, haben die verschiedenen Schreiber auf der Brugger Urkunde von 1188 die Interpunktion ausgebildet: Die beiden Zeichen '.' und ':' werden konsequent zur Gliederung des Textes in Sin

b Zwischenüberschriften

In Brugge 1188 ist der Text nicht fortlaufend sondern als Liste mit 'Item.' geschrieben. Einige sind mit Kapitelüberschriften versehen (jerus afrz, Eichstätt: rot, Troyes, roma ss 1564 ), Angers (Hs. von 1490) weist sogar ein zweistufig gegliedertes Inhal

Ein Text enthält sogar eine Abschnittseinteilung zum Vorlesen an meheren Tagen.

c Gebrauchsspuren

Unterstreichungen, Anstreichungen von Lesern, Archivvermerke, Kollationsvermerke sind nichts Ungewöhnliches.

Bischof, Paläographie 1, 438 mit weiterer Literatur.

5. Ausschmückung und Anreicherung

So reich, wie manche Hospitalregel-Handschriften mit Bildern, aber auch zusätzlichen Texten wie Gebeten, meditativen Texten, angereichert sind, scheint es wahrscheinlich, daß sie nicht nur zum Vorlesen und Zuhören, sondern auch zum Be-trachten gemacht wa

Buchschrift Brugge B2, Gent Lepr?, München Bücher (fließender Übergang: Mappe: Aalst, Cambrai S. Julien, Eichstätt: Pergament in Mappe aus Saffian): Mechelen, Rom,(Illumination - begleitende Texte)))

1. Stammb?ume: Die Suche nach dem besten Stammbaum

2. Automatisierung der Stemmatologie

III. Entstehungsgeschichte

1. Herkunftsgebiete

Unmittelbar fällt auf, daß sich die Herkünfte der gefundenen Texte in einigen Gebieten Europas konzentrieren, nämlich vom nördlichen Frankreich bis in die süd-lichen Niederlande, dann im Hanseraum, während der Mittelmeerraum, mit dem südlichen Frankreich, Italien, Spanien viel weniger vertreten ist, als man, auch nach dem Grad seiner Urbanisierung, annehmen möchte.

Karte (Google Maps)

3. Gebrauch, Verwendung, Bestimmung

5. Ausschm?ckung und Anreicherung

2. Beteiligte Personen

Die Initiative zur Ausstellung einer Urkunde ging in der Regel von demjenigen aus, der für einen Besitztitel Sicherheit haben wollte (Empfänger). Er bat dann einen, dessen gesellschaftliche Stellung solche Sicherheit wahrscheinlich würde bieten können (Aussteller), um die Ausstellung einer Urkunde, mit einem ganz bestimmten Text. Statt des Empfängers oder zusätzlich zu ihm konnte eventuell noch eine dritte, dem Empfänger nahestehende Partei um die Ausstellung der Urkunde nachsuchen (Petent). Wenn Empfänger und Aussteller sich des Einverständnisses weiterer im fraglichen Bereich einflußreicher Personen mit dem Urkundeninhalt versichern wollten, konnten sie diese als ihre Ratgeber ausgeben.

Aussteller und "Ratgeber": Das waren Diözesanbischöfe (allen voran die von Cambrai), Schöffen (von Brügge, von Gent), "Verständige Männer"

Adressaten: Als Adressaten nennen die Texte häufig die betroffene Gemeinschaft bzw. als deren Repräsentant den Meister oder die Meisterin.

Daß die Adressaten selbst den Text beigebracht hätten und um Bestätigung gebeten erwähnen viele Hospitalregeln, zum Beispiel Lüb.dt.:

Dit is de orde vnde leuent der brodere vnde sustere, de se holden scolen in deme hus to lubeke des hilligen geistes, also se utgegeuen sint van wisen papen vnde leyen na eren egenen couentes begheringhe vnde bede.

Nicht weniger häufig wird die Allgemeinheit als Adressat genannt. Ihr soll durch die Urkunde verkündet werden, welche Lebensregel in dem Hospital N. gilt.

Manchmal ist auch der Petent der Adressat.

Petenten: Das konnten die betroffene Gemeinschaft oder der Stifter sein.

11: Personenverzeichnis
KiProv o.ä.SitzAmtPersonBeziehungHosptalregel
--PapstInnozenz III. (1198-1216)AusstellerRoma S-Spirito 1316
--Päpstlicher LegatOdon (1246)AusstellerBeauvais
JohanniterJerusalemCustosRaymond du Puy (1120-1158/60)AusstellerJerusalem
HamburgLübeckBischofJohannes (1263)AusstellerLübeck lat
HamburgLübeckBischofBurchard (1294)AusstellerTravemünde
HamburgSchwerinBischofHermann ()AusstellerBarth 1309
KölnCambrai/KamerijkBischofJean III. de Béthune (1200-1219)AusstellerBruxelles 1211
KölnCambrai/KamerijkBischofGodefroid de Fontaine/de Condé (1219-1237)AusstellerAntwerpen
KölnCambrai/KamerijkBischofGodefroid de Fontaine/de Condé (1219-1237)AusstellerCambrai S-Jean
KölnCambrai/KamerijkBischofGui de Laon (1238-1247)AusstellerLessines 1247
KölnCambrai/KamerijkBischofNicolas de Fontaine/de Condé (1219-1237)AusstellerAalst
KölnCambrai/KamerijkBischofNicolas de Fontaine/de Condé (1219-1237)AusstellerHerentals
KölnCambrai/KamerijkBischofNicolas de Fontaine/de Condé (1219-1237)AusstellerBruxelles S-Gertr
KölnCambrai/KamerijkBischofNicolas de Fontaine/de Condé (1219-1237)Vidimus-AusstellerCambrai S-Jean
KölnCambrai/KamerijkBischofGuillaume d Avesnes (1292-1296)AusstellerGeel
KölnCambrai/KamerijkOffizial- (1304)2. Vidimus-Ausst.Cambrai S-Jean
KölnLiège/LuikBischofJean d Enghien (1274-1281)AusstellersHertogenbosch
ReimsAmiensBischofGeoffroy d Eu (1222-1236)AusstellerAmiens
ReimsAngersBischofGuillaume de Chemillé (-)AusstellerAngers
ReimsBeauvaisArchidiakonGarin (-)AusstellerBeauvais
ReimsBeauvaisDominikaner-SubpriorVincentius (-)AusstellerBeauvais
ReimsNoyonBischofÉtienne de Némours (1217)AusstellerNoyon
ReimsTournai/DoornikBischofGautier de Marvis (1219-1252)AusstellerAardenburg
ReimsTournai/DoornikBischofGautier de Marvis (1219-1252)AusstellerOudenaarde
ReimsTournai/DoornikBischofGautier de Marvis (1219-1252)AusstellerGent Leprose
ReimsTournai/DoornikBischofGautier de Marvis (1219-1252))AusstellerVienne S-Antoine
ReimsTournai/DoornikBischofJean des Près (1342-1349)AusstellerHarelbeke
ReimsTournai/DoornikBischofPhilippe d Arbois (1354-1377)AusstellerIjzendijke
ReimsTournai/DoornikBischofJean de Thoisy (1430)AusstellerKortrijk OLV 1430
RouenLe MansBischofGeoffroi I. (1231-1234)AusstellerCoëffort
ToulouseRodezBischofPierre (-)AusstellerAubrac
HansestädteBrugge/BrugesStadtobrigkeitscabini (-)AusstellerBrugge Bg
HansestädteBrugge/BrugesStadtobrigkeitscabini (-)AusstellerBrugge B2
HansestädteBrugge/BrugesStadtobrigkeitscabini (-)AusstellerBrugge 1188
HansestädteGent/GandStadtobrigkeitscabini (-)AusstellerGent Leprose
HansestädteIeper/YpresStadtobrigkeitscabini (-)AusstellerIeper Leprose 1220
HansestädteLübeck [clerici et laici probatissimi] (-)AusstellerLübeck lat
HansestädteSoestStadtobrigkeitconsules (1292)AusstellerSoest 1292
HansestädteSoestBürger[alle] (1292)AusstellerSoest 1292
Andere StädteBruxelles/BrusselStadtobrigkeitscabini (-)AusstellerBruxelles S-Nicolai
Andere StädteBruxelles/BrusselBürger[alle] (-)AusstellerBruxelles S-Nicolai
Andere StädteCambrai/KamerijkStadtobrigkeit: prévostR (-)AusstellerCambrai S-Julien
Andere StädteCambrai/KamerijkDomkapitel-DekanAdam (1192-1219)AusstellerCambrai S-Julien
Andere StädteDammeStadtobrigkeitscabini (-)AusstellerDamme
Andere StädteDammeBürger[alle] (-)AusstellerDamme
Andere StädteHarelbekecapellanusEgidius de Vlaerdslo dictus Smaelkin (-)PetentHarelbeke
Andere StädteLiège/LuikStadtobrigkeitscabini (-)AusstellerLiège Mont Cornillon
Andere StädteLiège/LuikBürger[alle] (-)AusstellerLiège Mont Cornillon
Andere StädteRodemburgStadtobrigkeitscabini (-)AusstellerAardenburg
Andere StädteSaint-Pol-sur-TernoiseGrafGuido de Castillion (-)AusstellerSaint-Pol

3. Anlaß zur Ausfertigung

Urkunden wurden zur Sicherung eines Besitzes ausgestellt, Hospitalregeln speziell, um die Lebensweise einer Gemeinschaft abzusichern. Eine solche Absicherung wurde für nötig erachtet gegen Veränderungen,

- die von künftigen veränderten Einstellungen der Mitglieder dieser Gemeinschaft selbst ausgehen könnten (intern),

- oder von Institutionen, die etwa, indem sie der Gemeinschaft eine neue Lebensweise vorschrieben, ihre Vorherrschaft würden oktroyieren können (extern).

Die Niederschrift einer Regel dürfte immer einen bestimmten Anlaß gehabt haben: vielleicht ein Konflikt, ein Bedürfnis nach Gewißheit, der Versuch, eine als unbefriedigend empfundene Wirklichkeit zu verändern?

Die Päpste waren aus Prinzip abgeneigt, 'neue' Regeln zu geben: Bei den Bettelorden gab es etwas später deswegen erhebliche Auseinandersetzungen. Gemeinschaften ohne Regel waren aber eo ipso häresieverdächtig

TODO: Warum gibt es nur von diesen und nicht von allen existiert habenden Hospitälern eine Regel?

extern: Aus einigen Texten geht hervor, daß sie aus bestimmten Anlässen bei einer kirchlichen oder weltlichen Autorität vorgelegt worden sind, um alte Rechte bestätigt zu bekommen.

4. Nachträgliche Änderungen am Inhalt

Generell––Verschiedene Hände in der ältesten Brugger Urkunde

b Verschiedene Hände in der ältesten Brügger Urkunde (aus der Magisterarbeit)

An der ältesten Brügger Urkunde ("B1") scheinen mehrere Hände geschrieben zu haben. Daher soll mithilfe eines Schriftvergleichs versucht werden, den Text von B1 in verschiedene Textstufen zu zerlegen, die jedenfalls nicht genau gleichzeitig geschrieben worden sein können, um von da aus später die allmähliche Zusammensetzung des Textes aus verschiedenen Stücken untersuchen zu können.

Hospitalregeln, die nicht nur auf Originalurkunden überliefert sind, sondern deren Original auch noch die allmähliche Entstehung des Textes aus Grundbestand, Einfügungen, Nachträgen, Änderungen veranschaulicht, sind äußerst selten. — Allerdings ist im Falle der ältesten Hospitalregel von Brügge in der bisherigen Forschung auch noch keine systematische Untersuchung des mit den verschiedenen Schreiberhänden angedeuteten Entstehungsprozesses vorgelegt worden.

α B1a

Der größte Teil des Textes der Brügger Hospitalregel ist in einer einheitlichen Schrift geschrieben. Der Schreiber dieses Textanteils muß als erster an der Urkunde gearbeitet haben, weil von seiner Hand die Invokation in der ersten Zeile herrührt. Auch die Datumszeile am Schluß gehört aber zu seinem Anteil. Von VII. ab hat er jedes neue Kapitel, dessen Anfang durch das Wort "Item" gekennzeichnet wird, auf einer neuen Zeile anfangen lassen. Ab XVII,1 beginnen fast alle neuen Kapitel mit der Formulierung "Item. Siquis"; und das darin vorkommende "S" kann sozusagen als ein Leitbuchstabe für diese Hand bezeichnet werden. Es kommt weder in einem der von anderen Händen geschriebenen Textanteile auf B1 noch in B2 vor. B1a bildet es aus zwei ineinander gehängten "C".

Der Schreiber, der den frühesten und umfangreichsten Teil des Textes von B1 geschrieben hatte, B1a, hat ab XII nicht nur mit jedem Kapitel eine neue Zeile angefangen, sondern auch Leerzeilen davor übriggelassen, nämlich vor XII 2½ Leerzeilen, vor XIII, XIV, XVII je 2 Leerzeilen; vor XVIII, XIX,1, XXI je 1 Leerzeile, ausnahmsweise keine vor XXIII und XXV (hier schien ihm der Platz für seinen Text vielleicht knapper zu werden als vorher kalkuliert, er begann jedoch weiterhin jedes Kapitel auf einer neuen Zeile); nach XXV,3 etwas über 1 Zeile und nach XXVIII etwas über 3 Leerzeilen.

Das große "S" von B1a:

Die Urkunde B1 im Überblick, hell unterlegt v.o.n.u. die Hände Bg, Bb, Bc, Bd, Be, Bf, Bg:

β B1b

Die beiden Zeilen zwischen XV und XVII rechne ich als von B1a leer gelassen, auch wenn sie jetzt nicht mehr leer stehen: Die Schrift, mit der diese beiden Zeilen gefüllt sind, unterscheidet sich bei mehreren charakteristischen Buchstaben von derjenigen des frühesten Schreibers.

Item Quia melior est obedientia quam victime omnes ad obedientiam magistro suo tenentur Quod siquis fratrum vel sororum contra ipsius preceptum vel alicuius cui vices suas commisit causa peregrinandi vel alio modo voluntatem propriam faciendi iam dictam domum exierit introitum in eandem de cetero non habebit nisi digne penituerit et bonos intercessores habuerit

An dieser Stelle erhält das "d" eine Oberlänge, die von links schräg herabfällt. B1a hatte dagegen den Schaft des "d" auf der Mittellinie über dem linken Rand des Bäuchleins angesetzt und ihn zunächst der Mittellinie waagrecht nach rechts folgen lassen, bevor er in die Senkrechte abfällt; oder, in einigen seltenen Fällen, hatte er einen ganz senkrechten Schaft durch Ober- und Mittellängen hindurchgezogen.

Der Bauch des "a" ist in XVI, ganz im Gegensatz zum Gegenstück an den von B1a geschriebenen Stellen, so ausgedehnt, daß das Dach, das von links her umgebogene obere Schaftende nicht mehr zu erkennen ist.

Der frühere Schreiber hatte den oberen Schenkel der tironischen Note für "et" ebenso wie das generelle Kürzungszeichen für "m", "n" usw. als zweibogige Wellenlinie geformt. Z 84-91 dagegen ist davon nur ein Bogen übriggeblieben, der nach unten durchhängt.

Auch hat in diesen Zeilen das "g" seinen kräftig nach rechts ausgreifenden Unterschwung, den Schuh, zum Teil verloren, den es bei B1a deutlich aufweist.

Ähnlich hatte das "x" einen kräftigen waagrechten Vorstrich am linken unteren Ast besessen, der den ganzen vorausgehenden Buchstaben unterstreicht. Z. 84-91 wird stattdessen der linke untere Ast des "x" in seiner eigenen schrägen Richtung bis weit unter die Zeile weitergeführt.

Eine andere Eigenart der Schrift in diesen beiden Zeilen ist die Abkürzung der Konjunktion "vel" durch bloßes "l¯", während überall sonst in dieser Urkunde und in B2 "ul¯" als Abkürzung für dieses Wörtchen verwendet wird.

Das kleine "d" von B1b und das von B1a:

Das kleine "a" von B1b und das von B1a:

Das Kürzungszeichen "-" von B1b und die von B1a:

Das kleine "g" von B1b und das von B1a:

Das kleine "x" von B1b und das von B1a:

Die Abkürzung für "vel" von B1b und die von B1a:

γ B1c

Der Text von Z. 139 bis 143 (XX) nimmt auf dem Original genau eine Zeile ein. Nach der Raumeinteilungsgewohnheit des ersten Schreibers wäre hier wieder eine Leerzeile zu erwarten gewesen, und es läßt sich auch zeigen, daß diese Zeile nachträglich von einer anderen Hand geschrieben wurde. Hier ist die Feder überhaupt flacher angesetzt als im übrigen Text auf B1. Das zeigt sich an den sehr flach der Linie anliegenden Fußstrichlein der auf der Grundlinie stehenden Schäfte. Die Buchstaben scheinen in dieser Zeile mehr als in den anderen aus rechten Winkeln zusammengesetzt zu sein.

Item. Siquis qui non est frater vel soror domus fratrem vel sororem turpiter percusserit et super hoc comprobatus fuerit: sine spe revertendi foras expelletur. pro turpi autem eloquio .xl. diebus expelletur.

Beim "d" ragt der Schaft nicht nur, wie bei B1b im Gegensatz zu B1a, über die Mittellinie nach oben hinaus, sondern er überragt sogar alle anderen Oberlängen und endet oben mit einer kräftigen Rechtskurve.

Der linke untere Ast des "x" beginnt ebenfalls als Kurve, nach oben offen und den vorangehenden Buchstaben unterfangend.

In der Verbindung mit "o" berührt "r", die Form des Majuskel-R im Rahmen der Mittellänge nachahmend, das "o" in der Mitte der rechten Bauchseite. Überall sonst ist die obere Hälfte dieses "R" bis auf die Grundlinie herab gezogen, so daß der "Abstrich" sich zu einem flachen oder gar wieder ansteigenden Strich verändern muß.

Das "a" hat an dieser Stelle ein großes, von links herübergebogenes Dach, mit voller Federbreite betont (vgl. flacher Federansatzwinkel).

Das kleine "d" von B1c

Das kleine x (Zahlzeichen für 10) von B1c

Die "or"-Ligatur von B1c

Das kleine "a" von B1c

δ B1d

Hanc penitentiam sustinebit. siquis in eadem domo percussor inventus fuerit. et ad hec vir coram viris. mulier coram mulieribus graviter verberabitur.

Von Z. 165 bis Z. 168 (XXIV) findet man wieder übermäßige Oberlängen am "d", doch sind es hier nie, wie bei B1a, B1b, B1c, nach links oder rechts weisende, vielmehr erheben sie sich aus der Schrägen in die Senkrechte und lassen dabei alle übrigen Oberlängen weit unter sich zurück.

Obwohl auch die anderen Oberlängen an dieser Stelle die Mittellängen stärker als sonst überragen.

Ein anderer charakteristischer Buchstabe für diese Stelle ist "g", dessen Schuh zwar nach oben offen ist wie bei B1b, aber mit viel mehr Schwung als dort nach links ausgreift.

Das kleine "a" ähnelt jedoch sehr dem des frühesten Textanteils, B1a.

Das Stück von Z 165 bis 168 ist offenbar nicht wie die beiden vorher besprochenen Nachträge als ein ganz neues Kapitel aufgefaßt worden: Es beginnt nicht mit "Item ...", und es beginnt nicht in einer neuen Zeile - letzteres freilich wäre an dieser Stelle auch gar nicht möglich gewesen, denn zwischen XXIII,2 und XXV hatte B1a ausnahmsweise keine Leerzeile übriggelassen. Die letzte Zeile von XXIII,2 war jedoch kaum gefüllt und bot gerade genügend Platz für den Nachtrag XXIV.

Auch die beiden nächsten Nachträge auf B1, B1e und B1f, beginnen direkt im Anschluß an den Schluß eines von B1a eingetragenen Satzes, also nicht wie eigene Kapitel vorn in einer neuen Zeile, wozu doch die Möglichkeit bestanden hätte. Für diese drei Stücke B1d, B1f und B1e beweist sich damit auch noch auf diese Weise, daß sie jünger sind als das, was an den Anfang der fraglichen Zeilen geschrieben worden war und der einheitlichen Hand angehört, die ich B1a genannt habe.

Das kleine "d" von B1d

Das kleine "g" von B1d

Das kleine "a" von B1d

ε B1e

Von Z 183 bis Z 185 (XXVI) wird die Endung "-bus" durch b und die -us-Kürung bezeichnet und nicht wie sonst im ganzen übrigen Text, doch ausgenommen auch XXIX - siehe unten, durch "b;".

vel infantem genuerit. expelletur. non rediturus nisi penitentia sua mediante et precibus talium virorum quibus deferri oporteat misericordiam consecutus fuerit.

Dem "a" mangelt bei B1e wie B1b das Dach, doch ist im Gegensatz zu B1b hier das obere Ende des Schaftes noch zu sehen. Es biegt nicht von links um sondern steht ganz gerade.

Das untere Schaftende beim "s" endet hier und bei B1f konsequent auf der Grundlinie und läuft in einen kleinen Bogen nach rechts hin aus; der Anfang einer für die nächste Epoche der Schriftgeschichte typischen Erscheinung: Gleichbehandlung der senkrechten Schäfte aller Buchstaben.

Dieser Nachtrag beginnt nicht nur nicht in einer neuen Zeile, es ist nicht einmal ein neuer Satz. Was zuvor von B1a geschrieben worden war, hatte mit einem Doppelpunkt geendet und war auch vom Inhalt her auf eine Vervollständigung angelegt gewesen - ein weiterer Anhaltspunkt für die spätere Untersuchung der Entstehungsgeschichte des Textes.

Das kleine "a" von B1e

Das kleine "s" von B1e

Der Übergang von B1a zu B1e an dem Doppelpunkt

ζ B1f

Ganz genauso wie der Nachtrag B1e verhält sich das zu B1a, was in Z. 192 bis 195 folgt (XXIX); der letzte Satz von B1a war unvollendet gewesen und hatte mit Doppelpunkt geschlossen, direkt anschließend ist die Vervollständigung in anderer Schrift eingetragen worden, auch wenne s hier möglich gewesen wäre, in einer neuen Zeile zu beginnen, wenn man ein neues Kapitel hätte markieren wollen.

si in filiorum procreacione defecerint et numquam de cetero se simul dormituros coram fratribus et sororibus votum fecerint. si sepe dicte domui necessarii fuerint inventi: more dissolutorum recipi possunt.

Hier gleichen zwar das "d" und das "a" einigermaßen demjenigen von B1b (womit zugleich ein unterscheidendes Merkmal gegenüber dem unmittelbar zuvor davor stehenden Text B1a genannt ist).

Aber die "-bus"-Kürzung ist hier wie im vorigen Nachtrag B1e und damit ganz anders als bei B1a–B1f konstruiert.

Auch erhalten die "s" am Fuß des Schaftes feine Abstriche — ähnlich wie bei B1e, aber doch nicht gleich, vielmehr gleichmäßiger und winkliger angesetzt.

Singulär an dieser Stelle ist das "r", denn dessen rechter Haken ist weit vom Schaft nach rechts abgedriftet.

Eigenartig ist auch das Zeichen, mit dem hier die Präposition und das Präfix "pro-" gekürzt wird: Der Rechtsbogen, den B1a und, etwas anders, B1c, links unten an den Langschaft des "p" angehängt hatten, ist hier mit dem Linksbogen auf der anderen Seite zu einer durchgehenden Schlangenlinie zusammengezogen worden.

Das kleine "d" und das kleine "a" von B1f

Die "-bus"-Kürzung von B1f

Das kleine "s" von B1f

Das kleine "r" von B1f

Die "pro-"-Kürzung von B1f

η B1g

Noch eine weitere Hand, die hier an das von B1f Geschriebene anschließt (also nach diesem und erst recht nach B1a am Werk gewesen sein muß) macht sich außerdem an zahlreichen Stellen in der ganzen Urkunde beerkbar. Sie hat sich nie an die vom ersten Schreiber festgelegten Zeilen gehalten, oft auch älteren Text über der Zeile korrigiert. Sie hat auch it einer dünneren Feder als alle bisher genannten geschrieben, und es gibt kaum Unterschied zwischen Haar- und Schattenstrichen. Von Abkürzungen macht diese Hand reichlichen Gebrauch. Im ganzen ist sie als Gebrauchsschrift zu bezeichnen im Unterschied zu den Urkunden schriften B1a–B1f. Da B1a und B1f für ihre Korrekturen und Anfügungen bereits vorhanden gewesen sein mußten, handelt es sich ohne Zweifel um eine nachträgliche Bearbeitung.

Von längeren Textpassagen sind in dieser Schrift geschrieben:

  • Z. 58-61 (XI) auf dem zwischen X und XII freigelassenen Raum, doch diesen nur zum geringsten Teil ausfüllend;
  • Z. 196-212 (XXX-XXXIII) im Anschluß an den vorhin besprochenen Nachtrag von B1f, die dort freigebliebenen über 3 Zeilen praktisch ganz ausfüllend.
  • Außerdem ist in dieser Schrift der B1a-Texst Z. 17, 50, 75, 83, 98, 107f., 110, 116, 124, 160 durch Interlinesrkorrekturen verändert.

Die Buchstabenformen dieser kursiven Schrift sind selbstverständlich nicht mit denen der anderen Schriften auf B1 vergleichbaraber einige merkwürdige Einzelformen sollen nicht unerwähnt bleiben:

  • Das lange "s", das häufig bis weit unter die Grundlinie herabfällt, dort auch gelegentlich bereits nach rechts umbiegt, und anstelle seines oberen Rechtsbogens einen spitzwinklig zum Schaft herabfallenden Dachstrich, zuweilen zu einem durchhängenden Bogen aufgeweicht, bekommt;
  • ebenso das dachlose "a", dessen Schaft völlig senkrecht steht;
  • das "d" dessen Form denjenigen von B1b, B1e, B1f am nächsten kommt.;
  • das "e", dessen linke Hälfte sich entweder auf die Grundlinie herunterlegt, einen nach rechts offenen Bogen bildend, im dem das zusammen mit der Fahne zu einer Wellenlinie geronnene Köpfchen liegt, oder in zwei gerade Schenkel zerlegt, worauf das Köpfchen sich in einen senkrechten Strich reduziert - die Fahne bleibt dann deutlich;
  • das "g", an dem unten statt des Fußes ein rechter Winkel hängt.
  • der linke bogen des "pro"-Kürzungszeichens, der ebenfalls zu einem rechten Winkel geraten ist;
  • der rechte Haken des "r", der noch mehr als bei B1f nach rechts abgetrieben ist, bis an den nächsten Buchstaben heran, und Schaft und Fußstrichlein schließen sich in einem durchgehenden Linksbogen zusammen, der den entschwundenen Haken von links unten her wieder zu erreichen versucht;
  • die Verwendung der "-bus"-Kürzung, nämlich des "b;" auch für "-bet", andererseits: Schwanken zwischen diesem und dem Zeichen "b'" für "-bus";
  • die "et"-Kürzung (tironische Note), deren abfallender Schnekel sich in einen nach Form und Länge ganz unregelmäßigen Schwanz verwandelt hat;
  • die allgemeine Verbindung der Fußstrichlein mit den zugehörigen senkrechten Schäften zu bequemeren Bogen.
θ B1h

Die Vervollständigung, die B1e (XXVI) an B1a (XXV,3) angeschlossen hatte, ist auf dem Rest der Zeile noch einmal erweitert worden: Z 187f. (XXVII). Die Schrift ist wie die von B1g eine Kursive, und zumal diese Stelle heute nur noch undeutlich zu lesen ist, sollte man kaum viel dagegen argumentieren, daß es sich um einen weiteren Nachtrag von B1g handelt. Doch hat diese Schrift eine andere Richtung als B1g: Die langen Schäfte von "b", "s", "f" und "g" sind nicht nur besonders lang, sie neigen sich auch deutlich nach links. Auch sind die Schäfte kaum gerade, vielmehr s-förmig durchgebogen. Mit stillschweigendem Fragezeichen will ich deswegen doch für diesen Nachtrag eine besondere Bezeichnung, B1h, beibehalten.

ι B1i

Ein einziges Mal in der Urkunde B1 ist der in Urkundenschrift geschriebene Text durch eine Interlinearkorrektur in ebenderselben Schriftsorte verändert: Z. 74 steht über der Zeile "excepto magistro". Die Buchstabenmenge ist natürlich viel zu gering, um die Schrift einer bestimmten Hand zuschreiben zu können. Doch ist auf jeden Fall das "x" ganz anders als bei B1a und B1c, am ehesten noch ähnlich wie bei B1b

κ Zusammenfassung

An der Fertigstellung dieser Urkunde B1 sind also bis zu 9 Hände beteilgt gewesen, mindestens 7. Die zum Teil wenig umfangreichen Nachträge geben kaum Deckung dafü+r zu behaupten, es habe sich um so viele verschiedene Schreiber gehandelt. Was für die Geschichte des Textes wesentlicher ist, wird aber doch klar: daß er nicht in einem Zuge, sondern zu neun verschiedenen Zeitpunkten nacheinander zusammengebracht worden ist. Die charakteristischsten Buchstabenformen zeige ich in der rechten Spalte. In der Strichstärke unterscheiden sich jedenfalls B1g und B1h vom Rest des Textes; im Schriftwinkel B1c vom Rest. Über verschiedene Tintenfarben kann ich aufgrund der mir vorliegenden Fotografie und -kopie nur Vermutungen anstellen, das die Urkunde besitzende Archiv war jedoch so freundlich, anhand des Originals die oben dargelegten Unterscheidungen verschiedener Hände zu überprüfen und zu bestätigen, daß jedenfalls alle diese Textstücke Nachträge gegnüber B1a sind.

Brief von Herrn H. Lobelle, Openbaar Centrum voor Maatschappelijk Welzijn - Musea, St.-Janshospitaal, Brugge, vom 2.8.1984

λ Korrekturen

Ein paläographischer Befund, der über den Rahmen des Schriftvergleichs hinausgeht, aber für die Rekonstruktion der Geschichte des Textes von nicht geringerer Bedeutung ist: Der Text von B1a ist an verschiedenen Stellen mittels Durchstreichen getilgt. An einigen dieser Stellen (Z. 17, 50, 98, 110, 130) ist das Durchstrichene durch darüber geschriebene Wörter von B1g ersetzt worden. An anderen Stellen (Z. 49-57, 144f.) lassen die Tilgungen unabgeschlossene Satzbruchstücke zurück.

An den beiden letzgenannten Stellen findet man besondere Zeichen unter oder in der Zeile. Auch sonst kommen gelegentlich derartige Zeichen vor. Es handelt sich um schräge oder liegende Striche mit darangesetzten Punkten – Verweiszeichen. Ähnliche Striche, jedoch ohne Punkte, sind an den Stellen in den Text hineingezogen, wo die überschriebenen Zusätze von B1g eingefügt werden sollen.

Alle diese Tilgungen und redaktionellen Zeichen scheinen mit einer Feder von der Stärke ausgeführt worden zu sein wie die von B1g benutzte, ohne daß das an sich schon für irgendeine Zuweisung srechen könnte.

Eine einzige Korrektur ist durch Unterpungieren vorgenommen: Z. 83. Die unkte scheinen eher mit einer breiteren Feder, ähnlich der für die Urkundenschriften auf B benutzten, gemacht zu sein. Das getilgte Wort ist auch nicht durch eine Einfügung von B1g ersetzt, es war auch für das Verständnis des Sinns eher überflüssig, so daß man gut annehmen kann, daß sich hier B1a selbst korrigiert hat.

&my; Beziehungen zwischen den Änderungen in B1 und B2

Für die spätere Untersuchung der Geschichte des Textes wird es aufschlußreich, die Tilgungen und Verweiszeichen auf B1 mit dem Text der undatierten Brügger Urkunde B2 zu vergleichen. B2 fügt an all den Stellen, an denen in B1 ein Verweiszeichen ohne Bezug zu einer Interlinearkorrektur von B1g vorkomm, einen eigenen Zusatz in den Text ein: am Ende von II, V, XXIV, oder ersetzt die Formulierung in B1 durch eine eigene: X (Z. 49-57), XXI (Z. 145). Daneben hat B2 weitere Zufügungen am Schluß.

Es fällt aber sehr schwer, die Schrift von B2 einer der an B1 beteiligten Hände zuzuweisen. (Am ehesten müßte man an B1g denken, dessen überr den ganzen Text verstreute Einfpgungen mit Verweiszeichen einen ähnlichen Eindruck von Gesamtüberarbeitung hervorrufen, wie man sie sich , auf den ersten Blick, als Motiv einer Abschrift wie B2 denkt.) Denn B2 ist im Gegensatz zu B1 in einer Buchschrift geschrieben, wo allein wegen des anderen Schriftcharakters andere Buchstabenformen vorkommen, so daß man von diesen nicht auf verschiedene Hände schließen kann.

Soviel muß immerhin gesagt werden:

  • daß das für B1a so charakteristische "S", das aus zwei ineinander gehängten "C" gibildet war, in B2 eine grundsätzlich andere Bauform hat.
  • Auch ist das in Kürzungen, z. B. derjenigen für "quam", vorkommende, übergeschriebene "offene a" in B2 immer durch einen waagrechten Querstrich oben geschlossen worden, was in B1 nirgends vorkommt.
  • Bei der Form des "x" stehen B1b und B1i B2 am nächsten, was zugleich bedeutet, daß es ganz anders als bei B1a oder B1c angelegt ist.
  • Beim Abkürzungszeichen für "pro-" hat B2 noch die meiste Ähnlichkeit mit einer der B1a-Formen, womit es sich zugleich deutlich von den Formen bei B1c und B1f unterscheidet.
  • Auch durch den Gebrauch eines "d", dessen berlänge sich bis weit auf die Mittellinie über den Bauch gebeugt hat, zeigt B2 eine gewisse Ähnlichket mit B1a und zugleich deutlichen Abstand zu B1b—B1g.
  • Ferner durch die Benutzung des "b;" zur Abkürzung der Endung "-bus" stellt sich B2 in die Nähe von B1a, B1d und unterscheidet sich von B1e, B1f.
  • Eine gewisse Nähe zu B1f wiederum könnte man in dem besonderen AUsschwingen nach rechts des letzten Schaftes in Verbindungen wie "-ii", "-ui" u. dgl. erkennen, der bei B1a—B1e und B1i immer ohne einen solchen Extraschwung direkt nach etwas links unten abfällt.
  • Mit B1i verbindet B2 schießlich, außer der Form des "x", der Gebrauch eines kleinen Verbindungsstrichleinszwischen Kopf und Schuh des "g", der in den Schriften auf B sonst ungebräuchlich ist.

Weiteres erklärt sich wahrscheinlich einfach aus dem Buchschrift-Charakter von B2, so zum Beispiel der Ansatz des "R" in der "-or-"-Ligatur mitten am Bauch des "o", der bei flacherem Federansatz einfach naheliegt. Oder der konsequente Gebrauch der "et"-Ligatur anstelle des tironischen Kürzungszeichens für "et". Oder die Verwendung eines Sensenblattes statt der aufwärtsschwingenden Wellenlinie von B1a als Kürzungszeichen für "m", "n" und Kontraktionskürzungen. Umgekehrt wird man die charakteristischen Buchstabenformen von B1g ("r", "s", "e", "g" und "pro-") als speziell kursive Formen nicht in Buchschriftformen übersetzen können, so daß ein Vergleich mit B2 möglich wäre.

Im ganzen wirkt die Schrift auf B2, B1a gegenübergehalten, viel gleichmäßiger. Die Buchstabenformen nähern sich vom Hochkantrechteck (B1) dem Quadrat. Das Quadratformat des Schriftspiegels hinzugenommen, ergibt das einen beinahe plakatmäßigen Eindruck.

Verschiedentlich sind für das Ende des 12. Jahrhunderts mooderne Züge in die Schrift von B2 eingegangen: Gelegentlich werden die mittellangen Schäfte "gebrochen", meist die ersten in Buchstaben wie "u", "n", "m", und die in B1 noch zarten Fußstrichlein an den Schäften wachsen zu kräftigen Winkel- oder Bogenansätzen heran, die einen Schaft an den anderen anbinden. Die Oberlängen von "l", "b", "d", "h", zuweilen auch die Schäfte vin "i", "u", "p", werden "spachtelförmig" erweitert; die Unetrlänegn von "p", "q" bekommen Abstriche wie mittellange Schäfte. — Doch ist das nicht genug, um die Urkunde nach der Schrift wesentlich später als B1 (also 1188) zu datieren, etwa auf die 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, wie es G. MARÉCHAL ohne weiteres tut. Kommen doch hier und da auch in dem von B1a geschriebenen Text gebrochene Schäfte, spachtelförmige Oberlängen, gleichorganisierte Unterlängen u. dgl. vor.

IV. Kohärenz

Überliefert sind von Päpsten später zahllose Bestätigungen der Augustinerregel für Hospitäler, bsd. deutsche, das hat REICKE so verstanden, als hätten die Hospital-konvente nach dieser Augustinerregel gelebt.

1214-15 schrieben französische Provinzialkonzile, abgehalten zur Vorbereitung des Laterankonzils, Hospitalgemeinschaften vor, beim Eintritt drei Gelübde abzulegen, d.h. sich zu einem mönchsähnlichen Leben zu verpflichten.[az] Dies dringt in der Folgezeit auch in Texte ein, die es zuvor nicht gekannt hatten (Brugge).

Trotzdem gab es keine Einheitlichkeit der von den Bischöfen erlassenen Regeln.

Es handelt sich bei den mittelalterlichen Hospitalregeln also um ein Korpus von Texten, das konstituiert ist durch

  • Ähnlichkeit ihrer Funktionen,
  • Ähnlichkeit ihrer Formen,
  • multiple Analogien (Textübereinstimmungen) zwischen den Elementen.
  • gewisse lokale und personale Schwerpunkte.,
  • ihre Behandlung in der Forschung.

Sie sind aber trotz des Regulierungsbedürfnisses der kirchlichen Hierarchie durchaus nicht einheitlich in:

  • ihrem Inhalt (sie spiegeln nicht nur einfach alle denselben Geist christlicher Nächstenliebe, dies gegen die ältere Forschung:),
  • ihrer Orientierung an älteren Hospitalregeln als Vorbildern,
  • den Absichten und Umständen, die ihre Entstehung und Einführung be-stimmten,
  • ihrer praktischen Bedeutung für das Leben der von ihnen Betroffenen

De domibus leprosorum et hospitalibus infirmorum et peregrinorum salubri consilio statuimus ut, si facultates loci patiantur quod ibidem manentes possint vivere de communi, competens ei regula statuatur, cujus substantia in tribus articulis maxime continetur, scilicet ut proprio renuntient, continentiae votum emittant, et praelato suo oboedientiam fidelem et devotam promittant, et habitu religioso, non saeculari, utantur.
Cum autem pauci sani possint multis infirmis competentius ministrare, illud omnino indignum est ut numerus sanorum ibidem manentium excedat numerum infirmorum aut peregrinorum.
Bona etenim ibidem ex devotione fidelium collata non sunt sanorum usibus deputata, sed potius infirmorum.
Nec etiam est id sub silentio praetereundum quod quidam sani viri et mulieres, et matrimonii vinculo copulati, quandoque transferunt se ad tales domos, ut sub obtentu religionis possint jurisdictionem et potestatem eludere saecularium dominorum, qui tamen, in domo religionis manentes, non minus immo magis saeculariter et delicate vivunt et operibus carnis vacant, quam antea vacare consueverant. Unde statuimus ut in habitu religionis religiose vivant, vel de domibus ejiciantur; ita tamen quod bona domui collata secum non asportent, ne de fraude sua commodum reportare videantur.

D. Ihre Inhalte

und was aus deren Reihenfolge etwa schon über ihre Altersverhältnisse zu erkennen ist

4. Ergebnisse

1. Die Ketten

2. Beziehungen zwischen den Ketten

2. Br?ckenglied-Texte

3. Ketten?bergreifende Wortfolgenkonkordanzen

4. Die Beziehungen zwischen den Ketten

Zusammenfassung

7. Altersverh?ltnisse

I. Aufnahme und Eigentum der Kranken

II. Speisen der Kranken

III. Zusammenleben der Brüder und Schwestern

IV. Stundengebete

V. Essen der Brüder und Schwestern

E. Rekonstruktion ihrer Verwandtschaftsbeziehungen

mit Hilfe eines eigenen Computer-Programms

I. Strategie

Wie kann man Verwandtschaftswahrscheinlichkeit zwischen Texten messen? Warum mit «Wortfolgenkonkordanzen»?

1. Stemmatologie mit dem Focus auf der Verästelung, nicht dem Fuß eines Stammbaums

| Vom Stammbaum zur Textentwicklungsgeschichte | Automatisierung der Stemmatologie |

a Die Suche nach dem besten Stammbaum

KARL LACHMANN (1793-1851) hat zuerst eine Methode in das Herausgeben alter Texte eingeführt. Wer vor LACHMANN einen alten Text neu herausgeben wollte, hatte die bis dahin allgemein gebräuchliche Version, die sogenannte "vulgata", an etlichen Stellen nach seiner eigenen sprach und literaturgeschichtlichen Einsicht in die Intentionen des Verfassers verbessert, dabei gelegentlich - aber nicht grundsätzlich - auf Handschriften zurückgreifend. LACHMANN verlangte, den Urtext (Archetypus) ausschließlich aus den überlieferten Handschriften zu rekonstruieren und dazu das System von Abhängigkeitsverhältnissen zwischen den Handschriften und dem Urtext (Archetypus) aufzuklären. Das Ergebnis dieses durch LACHMANN in die Editionspraxis eingeführten Arbeitsschrittes, der "Recensio", steht seither in jeder wissenschaftlichen Textausgabe vor dem eigentlichen Text. Bei den Schülern LACHMANNs wurde es üblich, es zusätzlich in der Form eines Stammbaums (Stemma) graphisch darzustellen.

LACHMANN war Zeitgenosse sowohl der Begründer der Indogermanistik als auch der ersten Erforscher der Stammesgeschichte des Pflanzen- und des Tierreichs. Sie lebten um die Mitte des 19. Jahrhunderts und waren alle Romantiker, insofern sie sich dem Vergangenen widmeten, das Verlorene ins Leben zurückholen wollten - zugleich aber auch Wissenschafts-Optimisten, indem sie nicht an der Möglichkeit zweifelten, mittels der richtigen Methode das "Unerreichbare" finden zu können.

Während also Franz BOPP (1791-1867) die Stammverwandtschaft der indogermanischen Sprachen bewies, und andere daraufhin die postulierte UrSprache "Indogermanisch" aus ihren Tochtersprachen zu rekonstruieren begannen, - während Ernst Heinrich HAECKEL (1834-1919) die Ideen Charles DARWINS (1809-1882) über die Evolution der Lebewesen von den Einzellern bis zu uns Menschen mittels einprägsamer Stammbaumzeichnungen weit bekannt machte - verglich Karl LACHMANN mittelalterliche Handschriften klassischer Texte, um daraus die Urtexte des griechischen Neuen Testaments (1831. 1842), des Lukrez (1850), des Nibelungenliedes (1826 1851), der Gedichte Walthers von der Vogelweide (1827) und vieler anderer Werke der Antike und des Mitelalters zu rekonstruieren.

LACHMANN gab diese Texte in einer neuen Form heraus, die zusätzlich zu dem rekonstruierten Urtext in einem Fußnotenapparat zu jeder Stelle diejenigen Lesarten aus den Handschriften bietet, auf denen seine Rekonstruktionsentscheidungen beruhen, sodaß sie für den Benutzer nachprüfbar bleiben, außerdem ein Vorwort, worin ausführlich begründet wird, wie die einzelnen Handschriften als Zeugen des Urtextes eingeschätzt werden und warum. Dazu ist es nötig, das gesamte System von Abhängigkeiten unter den Handschriften zu kennen, und als Darstellungsform für dieses System bürgerte sich bei LACHMANNs Schülern die Stammbaumzeichnung ein. So kam es, daß die Philologen etwa gleichzeitig mit den Biologen und den Sprachwissenschaftlern anfingen, "Stemmatologie" zu treiben. Der Vorzug der aufwendigeren wissenschaftlichen Textausgaben gegenüber den herkömmlichen stieß bei Verlegern und Publikum anfänglich noch auf Unverständnis, doch nicht lange: schon bald begannen, getragen von vaterländischen und mittelaltersehnsüchtigen Zeitstimmungen vielerlei Editionsunternehmen auf der Grundlage des neuen Standards, unter ihnen die MONUMENTA GERMANIAE HISTORICA (gegründet 1817). Als LACHMANN 1851 starb, war seine Art, Texte wissenschaftlich herauszugeben, selbstverständlich geworden.

Mit den einzelnen Handschriften beschäftigten sich also die LACHMANN-Schüler wegen des Stemmas und mit dem Stemma wegen des Urtexts. Die einzelnen Handschriften hatten für sie einen Wert als Zeugen des Urtextes, nicht als Stationen der Textgeschichte. Die Textgeschichte erforschten sie nicht als Geschichte der Entwicklung des Textes hin zu einer Vielfalt an Versionen, sondern retrospektiv, als eine Vorarbeit zur Rekonstruktion des Urtextes.

Das änderte sich erst allmählich ein Jahrhundert nach LACHMANNs Tod. Zuerst hatten sich die Editoren hauptsächlich mit den antiken Klassikern befaßt, die im Mittelalter nur selten abgeschrieben worden sind; je mehr sie sich mit auch wirklich im Mittelalter in Gebrauch gewesenen und entsprechend viel abgeschriebenen Texten beschäftigten (zum Beispiel Rechtssammlungen), desto mehr bekamen sie es mit komplizierten Überlieferungsgeschichten zu tun, die auch als solche einer Erforschung wert erschienen. Schließlich hat zum Beispiel Dmitrij Sergeevic LIKHACEV, ein Herausgeber russischer mittelalterlicher Geschichtswerke (deren Überlieferungsgeschichte besonders kompliziert ist), 1962 gefordert, die Fixierung der Textgeschichte auf den Archetypus zugunsten einer umfassenden Textologie aufzugeben, die die Geschichte des Textes in all seinen Versionen durch die Zeit hin betrachtet.

b Die Automatisierung der Stemmatologie

Indem er Kriterien aufgestellt hat, nach denen mechanisch entschieden werden kann, welche von verschiedenen Lesarten auf den Archetypus zurückgehen müssen, hat LACHMANN selbst bereits eine wesentliche Voraussetzung für eine Automatisierung der Stemmatologie geschaffen.

Bereits seit den 1960-er-Jahren wird die elektronische Datenverabeitungstechnik in die Textkritik einbezogen, auch in die Erforschung von Handschriften-Stammbäumen. Daß nun so viel größere Datenmengen verarbeitbar wurden, führte zunächst manchmal dazu, daß quantitative Argumente überschätzt und etwa auch zum Beweis von Verwandtschaftsverhältnissen eingesetzt wurden.

Ben SALEMANS (Utrecht) hat über die Computer-Stemmatologie mehrere Aufsätze und zuletzt im Jahre 2000 seine Doktorabhandlung geschrieben. Mißtrauisch gegen eine Überschätzung des Computers, bleibt er bei der Methode LACHMANNs und behält die Schlußentscheidung dem Urteilsvermögen des Philologen vor. Aber tatsächlich nur diese einzige, leicht zu kontrollierende und bei Bedarf zu korrigierende Schlußbeurteilung - den Computer programmiert er nämlich so, daß der die gesamte "Vorarbeit" übernimmt und alle in den Textversionen enthaltenen verwandtschaftsrelevanten Daten erfaßt, miteinander kombiniert und in einem einzigen übersichtlichen Schaubild, als sogenannte "Kette", anzeigt. Diese Kette ist fast schon ein Stemma: alles was ihr dazu noch fehlt und was der Schlußentscheidung des Philologen vorbehalten bleibt, ist, sie auf einen Archetyp hin zu "orientieren", also den Ausgangspunkt und damit die Richtung der Entwicklung anzugeben.

Im ersten Schritt läßt SALEMANS eine Liste aller Textgruppen erstellen. Das sind Texte, die sich durch irgend eine gemeinsame Lesart von den anderen unterscheiden. SALEMANS läßt den Computer an jeder Stelle , an der es mehrere Lesarten gibt, die einander entgegenstehenden Textgruppen und ihre Lesarten in einer "Variantenformel" erfassen, nach dem Muster:

Texte abc : Texte defg = Lesung A : Lesung B.

Alle diese Textgruppen sind aufgrund ihrer gemeinsamen Abweichung vom Rest an der einen Stelle bereits Elemente des Stammbaums, insofern diese ihre gemeinsame Abweichung vom Rest nur zu erklären ist, wenn diese Texte auf eine gemeinsame Vorlage zurückgehen.

Wo in der Kette alle diese Textgruppen ihre Plätze einnehmen, ergibt sich im zweiten Schritt. Da läßt SALEMANS die Textgruppen nach den darin enthaltenen Texten logisch miteinander verketten. Die Verkettung der Textgruppen kann tatsächlich rein "mathematisch", allein anhand der enthaltenen Elemente (Texte) und Teilmengen (kleinere Textgruppen) geschehen; welche gemeinsamen, vom Rest abweichenden Lesarten zur Aufstellung der einzelnen Textgruppen geführt hatten, läßt SALEMANS jetzt unberücksichtigt: Alle Textgruppen sind gleichwertige Textgruppen. SALEMANS läßt zuerst die kleinsten Gruppen suchen, die in größeren als Teilmengen wiederkehren. Durch eine Linie läßt er die kleine mit der kleinsten von den Gruppen verbinden, in denen sie als Teilmenge enthalten ist. Sind mehrere bereits verbundene Gruppen komplett in einer größeren Gruppe enthalten, verbindet er die Verbindungslinie der kleineren mit der größeren Textgruppe. Dieser Prozeß schreitet von den kleinsten zu den größten Textgruppen fort und endet erst, wenn alle innerhalb der Gruppenliste möglichen Teilmengenbeziehungen hergestellt sind.

Auf diese Weise ist es mittels EDV möglich, alle Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen Texten eines Korpus anhand bestimmter Merkmale zu erfassen, zu einem Ausdruck zusammenzusetzen und übersichtlich graphisch darzustellen. Dieser läßt dann die möglichen Abhängigkeitsverhältnisse klar erkennen.

2. Verwandtschaft messen an Konkordanzen, nicht an gemeinsamen Fehlern.

| Gemeinsame Fehler: das klassische Argument für Textabhängigkeit | Selbständig denkende Schreiber: Die Grenzen der klassischen Methodik | Konkordanzen statt gemeinsamer Abweichungen

Gemeinsame Fehler: das klassische Argument für Textabhängigkeit

Nach welchen Merkmalen man dabei den Computer die Texte zu Gruppen im Stammbaum zusammenfassen läßt, sollte man je nach der Art der Texte entscheiden, die man untersuchen möchte, und insbesondere danach, wie diese Texte untereinander zusammenhängen.

Klassisches Anwendungsgebiet der Lachmannschen Methode sind Korpora von Texten, die einen und denselben Text überliefern.

Der Zusammenhang zwischen solchen Texte ist dadurch gekennzeichnet, daß sie ein "geschlossenes" Korpus darstellen, "am Anfangspunkt der für uns überschaubaren Tradition" steht "ein einziger fest umrissener Archetypus". Diesen zu rekonstruieren, ist der Zweck, zu dem die wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnisse geklärt werden müssen. Mit "unberechenbaren Sprünge[n] zwischen Vorlage und Abschrift" rechnet man bei solchen Textkorpora nicht. Die Schreiber solcher Texte haben, davon geht man aus, "mit dem Vorsatz gearbeitet [], den Wortlaut ihrer Quelle getreu wiederzugeben."

Auch SALEMANS' Texte sind ein Korpus dieser Art.

Wenn man davon ausgeht, Schreiber hätten den Text, der ihnen jeweils vorlag, abgeschrieben, ohne an seiner Richtigkeit zu zweifeln (eventuell sogar mechanisch, ohne ihn zu verstehen), kann man aus einem Fehler, den mehrere Schreiber verschiedener Textzeugen gemacht haben, schließen, daß ihnen dieselbe Vorlage (direkt oder über Zwischenabschriften) vorgelegen hat und ihr gemeinsamer Fehler seine Ursache in einem Fehler dieser gemeinsamen Vorlage hat. Der gemeinsame Fehler, oder besser die gemeinsame Abweichung vom Rest der Überlieferung, ist bei solchen Texten das Merkmal, das die sichersten Rückschlüsse erlaubt auf die Umstände, die bei der Entstehung der Texte gewirkt haben, vor allem auf Vorlagen, die benutzt wurden. Diese Art zu argumentieren ist in der Lachmannschen Methodik denn auch die klassische:

"la communauté des fautes implique la communauté d'origine".

" non plus les leons communes (bonnes ou mauvaises) mais seulement les leons fautives." beweisen gemeinsame Abstammung.

"Die Verwandtschaft der an der Überlieferung beteiligten Handschriften muß auf Grund einwandfrei erkannter Fehler bestimmt sein."

Wie SALEMANS anhand der gemeinsamen Abweichungen die Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Texten automatisch eruieren läßt, haben wir bereits im vorigen Kapitel gesehen.

Selbständig denkende Schreiber: Die Grenzen der klassischen Methodik

Für Textkorpora, die nicht alle diese Bedingungen erfüllen, sind gemeinsame Fehler aber kein geeignetes Merkmal, um Abhängigkeit zu erkennen. Schon wenn man von einem Schreiber entweder annehmen kann, daß er verschiedene Abschriften eines Textes mehr oder weniger kritisch verglichen ("contaminatio") und daraus seinen eigenen Text gebildet habe, oder daß er die Fehler der ihm vorliegenden Abschrift habe erkennen und selbständig verbessern können ("divinatio"), wird der Schluß von gemeinsamen Abweichungen vom Rest des Korpus darauf, daß die Texte mit der gemeinsamen Abweichung auch eine gemeinsame Vorlage benutzt haben, unmöglich. Wenn aber ein Textkorpus gar keine geschlossene Überlieferung eines festen Archetyps darstellt und die Schreiber der einzelnen Texte gar nicht "mit dem Vorsatz gearbeitet haben, eine Vorlage getreu wiederzugeben", ist es sinnlos, nach "gemeinsamen Fehlern" der Abschreiber zu suchen, um aus diesen darauf zu schließen, was für Texte ihnen vorgelegen haben. Textverwandtschaft muß in solchen Fällen an anderen Merkmalen als an gemeinsamen Abweichungen erkannt werden.

Diesen Fall haben wir bei den Hospitalregeln: Daß an ihrem Anfangspunkt ein fest umrissener Archetypus gestanden hätte, den alle Verfasser der späteren Hospitalregeln getreu hätten übernehmen wollen, das anzunehmen, gibt es keinen Grund. Die Hospitalregeln sind nicht "Textzeugen" einer fest umrissenen "UrHospitalregel", sondern selbständige Texte, in die aufgrund ganz bestimmter Umstände eine Menge übereinstimmender Wortfolgen gekommen sind.

Damit erfüllen die Hospitalregeln keine der Voraussetzungen für die Anwendung der Lachmannschen Methode. Trotzdem läßt sich die Verwandtschaft unter solchen Texten analog zur Lachmannschen Methode aufklären, man muß nur statt nach gemeinsamen Fehlern nach einem anderen Textmerkmal suchen, das genealogische Information enthält.

Konkordanzen statt gemeinsamer Abweichungen

| Datengrundlage | Wortfolgenkonkordanzen | Kapitelfolgenkonkordanzen |

Datengrundlage

Bei Texten, die eigentlich dazu geschrieben worden sind, einen anderen Text getreu zu überliefern, ist Abweichen von der übrigen Überlieferung etwas Unerwartetes. Nicht ohne einen besonderen Grund werden zwei oder mehrere Texte an irgendeiner Stelle gemeinsam zu einer anderen Lesart kommen als der Rest der Überlieferung. Man muß annehmen, daß beim Abschreiben dieser Texte irgendein besonderer Umstand vorgelegen hat oder daß es ein bloßer Zufall war. Kann man den zufall ausschließen, ist die naheliegendste Erklärung eine gemeinsame Vorlage.

Bei einer Gruppe von Texten, die ihrer Intention nach selbständig sind, wie den Hospitalregeln, ist es aber umgekehrt: wenn sie trotzdem an einzelnen Stellen übereinstimmen, ist diese Übereinstimmung das Erstaunliche. Wo Verschiedenheit zu erwarten war, muß Übereinstimmung irgendeinen besonderen Grund haben. Das kann, wenn der Zufall sich ausschließen läßt, kaum etwas anderes als die Benutzung einer gemeinsamen Vorlage gewesen sein.

Die Datengrundlage für klassische Lachmannsche Textkritik sind gemeinsame Abweichungen - die Datengrundlage für Verwandtschaftsanalysen an Hospitalregeln und ähnlichen selbständigen Texten werden Konkordanzen sein.

Texte bestehen aus Sinnabschnitten und Wörtern. Dies sind also diejenigen Eigenschaften, deren Übereinstimmungen man vor allem auswerten sollte, um Ähnlichkeiten zwischen Texten zu messen.

Wortfolgenkonkordanzen

Eine Folge von zwei oder mehr aufeinanderfolgenden gleichlautenden Wörtern, die in zwei oder mehreren verschiedenen Texten einmal oder mehrmals auftreten, bezeichne ich im Folgenden als "Wortfolgenkonkordanz".

Ich habe eine Prozedur "WortfolgenkonkordanzenFinden()" in der Sprache VBA (Visual Basic for Applications) geschrieben, um die konkordanten Wortfolgen aus allen möglichen Wortpaaren aller in einer Datenbank abgelegten Texte herauszusuchen und sie in einer neuen Tabelle zur weiteren Auswertung bereitzuhalten.

Die Stärke der Wortfolgenkonkordanzen als Datengrundlage für Ähnlichkeitsbestimmung besteht darin, daß man durch sie Textgleichheit findet, auch wenn die Reihenfolge von Abschnitten verschieden ist; und das ist ein Umstand, mit dem gerade bei Regeln und ähnlichen Texten, denen ein Erzählzusammenhang als innerer Stabilisator fehlt, häufig zu rechnen ist.

Kapitelfolgenkonkordanzen

Ihre Schwäche haben die Wortfolgenkonkordanzen darin, daß sie sich vollständig vom Wortlaut abhängig machen und den Inhalt der Texte ignorieren. Wenn zum Beispiel eine lateinische Hospitalregel Kapitel für Kapitel in eine Volkssprache übersetzt worden ist, liegt ja ohne Zweifel eine enge Verwandschaft vor, obgleich zwischen der lateinischen Vorlage und der Übersetzung kein einziges Wort übereinstimmt - die Abfolge der Sinnabschnitte hingegen gänzlich. Daher müssen die Wortfolgenkonkordanzen als Datengrundlage für Verwandtschaftsuntersuchungen eigentlich noch durch andere Daten aus denselben Texten vervollständigt werden. Diese komplementären Daten müssen gerade Gleichheit in der Disposition der Inhalte erfassen und sollen vom Wortlaut ruhig absehen.

Wörter und Wortfolgen kann ein Computer ohne weiteres erkennen und vergleichen; Inhalte und inhaltlich definierte Abschnitte kann er erst erkennen, nachdem man sie von Hand gekennzeichnet hat, am besten durch Textmarken.

Und sofern man nur sicherstellt, daß für gleiche Inhalte jeweils genau dieselben Textmarkennamen gewählt werden, kann man auch die Inhalte später automatisch vergleichen lassen: Die Liste aller Textmarkennamen eines Textes, in der Reihenfolge des Vorkommens im Text hintereinandergeschrieben, repräsentiert ja fortan dessen Inhaltsreihenfolge. Sequenzen von Textmarkennamen kann der Computer dann auf genau dieselbe Weise wie Wortfolgen automatisch vergleichen und Konkordanzen festhalten.

3. Den Zufall weitestmöglich ausschließen

| bei gemeinsamen Abweichungen | bei Wort- und Kapitelfolgenkonkordanzen |s

a bei gemeinsamen Abweichungen

Ob man also nach der klassischen LACHMANNschen Methode mit gemeinsamen Abweichungen arbeitet oder bei selbständigen Texten mit Übereinstimmungen: für beiderlei Datengrundlagen gilt, daß sie zunächst nicht frei von zufallsbedingten "Parallelismen" sein werden. Immer ist auch damit zu rechnen, daß der schiere Zufall oder ein ähnliches Sprachgefühl zwei oder mehrere Schreiber auf den gleichen Gedanken gebracht hat. Solche Parallelismen enthalten natürlich keine "genealogische Information" und erlauben keinen Rückschluß auf eine Vorlage. Bevor man mit der Datengrundlage arbeiten kann, sollte man sie deshalb gegen den Zufall als Fehlerquelle absichern.

Je mehr die eigentliche Arbeit automatisiert wird, desto aufwendiger fallen die Vorüberlegungen aus: Vor dem Computerzeitalter sah sich ein Textkritiker jede einzelne Variante an und entschied, ob sie wichtig oder unwichtig für die Rekonstruktion des Stemmas und des Archetypus sei. Bei SALEMANS sind alle diese Einzelentscheidungen der Subjektivität des Bearbeiters entzogen, dieser braucht nur noch am Ende die gesamte Kette zu beurteilen und zu "orientieren". Für Entscheidungen aber, die nun dem Computer übertragen werden, muß zuvor ein Programmierer hundertprozentige Kriterien festgelegt haben.

In vielen Wissenschaften, treten bei genealogischen Fragestellungen entsprechende Probleme auf, z.B. in der Vergleichenden Sprachwissenschaft, Archäologie, Kunstgeschichte und in der biologischen Systematik. In der Biologie haben sich hierbei zwei methodische Richtungen herausgebildet, deren Verschiedenheit darin besteht, was für eine Datengrundlage sie zur Erstellung von homologen Systemen verlangen. Die gleichen methodischen Richtungen entstanden, seit die Verarbeitung sehr großer Datenmengen möglich geworden ist, auch in der Philologie . Die eine Richtung, in der Biologie Phenetik genannt, fordert, die Gesamtheit der Merkmalsausprägungen der einzelnen Taxa möglichst vollständig zu erfassen, weil so das getreueste Abbild der wirklichen Abstammungsgeschichte zu erzeugen sei und die Fehler, die durch bloß zufällige Analogien verursacht werden, möglichst gering zu halten seien. Die andere, in der Biologie als Kladistik bekannte Richtung fordert dagegen eine sorgfältige Vorauswahl der Merkmale, deren Ausprägungen bei den einzelnen Taxa zu berücksichtigen sind, um die Auswirkung solcher, die "keine genealogische Information enthalten" auf das Gesamtbild mit Sicherheit auszuschließen. SALEMANS erklärt sich vehement für die kladistische Methodik.

SALEMANS geht beim Bereinigen seiner Datengrundlage nicht gerade zimperlich zu Werke. Er stellt elf "textgenealogische Prinzipien" auf. Sie zu begründen, ihnen geradezu Allgemeinverbindlichkeit für Textverwandtschaftsuntersuchungen zuzusprechen, macht überhaupt den Großteil seiner letzten Abhandlung aus. Von mehreren 10.000 bleiben bei ihm nur 239 Textgruppen übrig und die reduziert er dann "von Hand" noch einmal auf ein Sechstel, bevor er sie dem Programm zur Konstruktion der Kette übergibt! Die Kettenbildung funktioniert mit diesen wenigen Textgruppen denn auch, ohne daß irgendwelche inneren Widersprüche auftreten -

Im einzelnen sind SALEMANS' "textgenealogische Prinzipien" auf die Hospitalregeln wohl nicht anwendbar. Das Prinzip hinter den Prinzipien ist zwar schon gültig: Genealogisch informativ sind Textmerkmale, die in ihrem Kontext eine so große Überlebenskraft besitzen, daß sie Zufällen und Eigenmächtigkeiten beim Abschreibvorgang widerstehen konnten. Sie müssen dem Abschreiber so selbstverständlich vorgekommen sein, daß er extra starke Gründe hätte haben müssen - stärkere als bloß einen Zufall -, um sie nicht so abzuschreiben, wie sie ihm vorlagen. Aber das in Filterkriterien umzusetzen halte ich nicht für möglich; bestenfalls ergäbe es eine ziemlich subjektive Auswahl.

b bei Wort- und Kapitelfolgenkonkordanzen

| "Ähnlichkeit" und "Verwandtschaft" | Wahrscheinlichkeit von Verwandtschaft |

α "Ähnlichkeit" und "Verwandtschaft"

Viel mehr verspreche ich mir von den statistischen Möglichkeiten, die die elektronische Datenverarbeitungstechnik jetzt bietet.

Eigentlich läßt sich zwar mit quantitativen Methoden nur Ähnlichkeit feststellen: Übereinstimmende und nicht übereinstimmende Werte von Texteigenschaften zu zählen und statistisch auswerten, reicht zum Beweis von Verwandtschaft eigentlich nicht aus, kann doch die Werteverteilung einer einzigen Eigenschaft als Argument schwerer wiegen als alle anderen zusammen. Entscheidend ist nicht die Menge der Übereinstimmungen sondern ihre jeweilige Ursache: Sind sie vom Zufall verursacht und damit ohne genealogischen Informationsgehalt oder hat ein Text bei der Abfassung eines anderen als Vorlage gedient, dann sind sie verwandt, auch wenn das nur an einer einzigen Stelle sichtbar wird. Nur wenn man den Zufall ausschließen könnte, könnte man zu genealogischen und historischen Dimension vordringen und auf Verwandtschaft und Abhängigkeit schließen. Erst wenn man wenigstens für einige Übereinstimmungen aufgrund irgendwelcher Indizien ausschließen kann, daß sie von Zufällen verursacht sein können, kann man Texte als verwandt bezeichnen.

"Verwandtschaft" impliziert stets eine Hypothese über Abstammung. Es ist ja eigentlich ein Begriff aus der Biologie. Im engeren Sinne "verwandt" sind Lebewesen, die von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen. Die Existenz eines solchen, sei er noch bekannt oder nur noch postuliert, wird immer unterstellt. "Verwandtschaft" bei Texten hieße, daß der Verfasser eines dieser Texte einen anderen gekannt und als Vorbild bei der Abfassung seines Textes benutzt hat. Und zwar einen. Streng genommen könnte man den Begriff "Verwandtschaft" daher auf die Hospitalregeln gar nicht anwenden; man müßte ihn zuvor erweitern, so daß er auch mehrere gemeinsame Vorfahren zuläßt. Auf Beziehungen zwischen Texten läßt sich "Verwandtschaft" also nur in weiterem Sinne anwenden. Auf jeden Fall erfordert es, die Entstehung ihrer ganzen Übereinstimmungen und Verschiedenheiten geschichtlich erklären zu können.

Aber bei einem hohen Grad an Ähnlichkeit, also sehr vielen Übereinstimmungen im Verhältnis zur Textlänge, müßte man schon unwahrscheinlich viele in dieselbe Richtung gehende Zufälle unterstellen, um nicht von Verwandtschaft sprechen zu müssen. Deshalb muß ein gewisses Maß an Ähnlichkeit doch auch wenigstens eine gewisse Wahrscheinlichkeit von Verwandtschaft beinhalten. Ich möchte versuchen, für jede Textgruppe das Maß der Ähnlichkeit zu finden, um so die Wahrscheinlichkeit, mit der ihre Mitglieder verwandt sind, bestimmen zu können. Dann kann ich die Textgruppen mit signifikanten Verwandtschaftswahrscheinlichkeiten zu einer Kette zusammensetzen lassen, die den Entstehungszusammenhang der Hospitalregeln recht genau repräsentiert.

β Wahrscheinlichkeit von Verwandtschaft

Ähnlichkeit von Texten ist nicht nur daran zu erkennen, daß in ihnen die gleichen Elemente (einerseits Wörter und andererseits Sinnabschnitte) vorkommen, sondern auch daran, daß die Reihenfolge dieser Elemente übereinstimmt. Die Wortfolgenkonkordanzen und Kapitelfolgenkonkordanzen sind daher die geignete Datengrundlage, um ein Maß für Ähnlichkeit zu erhalten. Je höher entweder die Zahl oder die Länge der zwischen zwei Texten bestehehenden Wort und Kapitelfolgenkonkordanzen ist, desto ähnlicher sind diese Texte.

Bildet man die Summe der Längen aller Konkordanzen, hat man Zahl und Länge in einen Wert zusammengefaßt. Diesen Wert bezeichne ich als "Gesamtkonkordanzenlänge". In ihm schlägt sich eine hohe Zahl kurzer Konkordanzen ebenso nieder wie wenige sehr lange. Faßt man im Sinne der Mengenlehre Texte als Mengen von Elementen (nämlich 1. Wörter, 2. Sinnabschnitte) auf, so wäre die Gesamtkonkordanzenlänge die Schnittmenge der verglichenen Texte:

Die bloße Gesamtkonkordanzenlänge ist jedoch noch kein Maß für Wahrscheinlichkeit von Verwandtschaft, da sie noch von der Länge der jeweils verglichenen Texte abhängt: denkt man sich gleich ähnliche Gruppen von Texten unterschiedlicher Länge, so werden die Textgruppen mit den längeren Texten mehr Übereinstimmungen miteinander aufweisen als die mit den kürzeren, schon allein weil sie mehr Wörter enthalten.

Die Gesamtkonkordanzenlänge muß daher zur Länge der verglichenen Texte ins Verhältnis gesetzt (mit den Textlängen standardisiert) werden, um eine von Textlängen unabhängige "Verwandtschaftswahrscheinlichkeit" zu erhalten:

Eine solche Definition der Verwandtschaftswahrscheinlichkeit bewirkt, daß ihre Werte stets zwischen 0 und 1 liegen werden,

denn sie wird 1, wenn die verglichenen Texte identisch sind und umgekehrt sind die verglichenen Texte identisch, wenn sie 1 ist:

,

und sie wird 0, wenn die verglichenen Texte überhaupt kein gemeinsames Element haben und umgekehrt sind die verglichenen Texte disjunkt, wenn sie 0 ist:

.

Wenn ein Text B in dem Text A enthalten ist, dann ist die Verwandtschaftswahrscheinlichkeit gleich dem Quotienten aus den Quadratwurzeln der beiden Textlängen:

II. Technik

Wie habe ich es gelöst? (mit gewöhnlicher Büro-Hard- und Software, hauptsächlich einer MS-Access®-Datenbank)

1. Allgemein

Vorzüge einer Datenbank

Eine Datenbank bietet die besten Möglichkeiten, aus den Texten jede Art von Informationen zu gewinnen, auch solche, die für ihre Verwandtschaftsverhältnisse relevant sind. Man kann nämlich mit stärkeren und schnelleren Abfragewerkzeugen auf den Inhalt einer Datenbank zugreifen als auf einfache Textdateien. Die Daten werden bereits Eine Voraussetzung dafür ist bereits die strukturierte Art, wie die Daten abgelegt werden: in Feldern und Zeilen: in Zeilen (auch Datensätze genannt) werden die Werte der verschiedenen Eigenschaften einer Einheit angeordnet, in Feldern Werte derselben Eigenschaft für verschiedene Einheiten. Der Zugriff auf jeden beliebigen Wert ist dann über Feldnamen und Kriterien zur Auswahl bestimmter Datensätze möglich. Ein "relationales" Datenbankmanagementsystem (DMS) speichert zusätzlich Regeln für Beziehungen zwischen Daten in verschiedenen Feldern und Indizes über ausgewählte Felder. Dadurch schützt sie die Integrität der Daten gegenüber Eingabefehlern, und beschleunigt das Suchen

Um die Daten auszuwerten, benutzt man genormte Abfragesprachen, allen voran "Standard Query Language" (SQL). Man gibt in SQL die Felder an, aus denen man Daten abfragen möchte und hat ansonsten praktisch unbegrenzte Möglichkeiten, durch Kriterien die Datensätze einzugrenzen, deren Werte berücksichtigt werden sollen; die gefundenen Werte kann man einzeln anzeigen lassen oder aber gleich ihre Summe, ihren Mittelwert oder was auch immer berechnen lassen; außer zum Abfragen von Daten kann man SQL auch benutzen, um bestimmte Daten zu ändern, zu löschen oder hinzuzufügen.

Ich habe für meine Untersuchung ein relationales DMS benutzt, das mir wie sehr vielen PC-Besitzern als Teil des Microsoft-Office-Softwarepakets nun einmal zur Verfügung gestanden hat: MS Access (in der Version 97). Es wird zwar landläufig nur zur Verwaltung von Kunden- oder Artikeldaten in kleinen und mittelgroßen Unternehmen eingesetzt, hat sich aber, vor allem durch die eingebaute Programmiersprache VBA als an die verschiedensten Erfordernisse der Textuntersuchung (zum Erstaunen auch erfahrener Access-Programmierer) hervorragend anpaßbar erwiesen. Da alle entscheidenden Schritte der Untersuchung aus SQL-Anweisungen bestehen, ist jedoch das ganze Projekt nicht auf MS Access angewiesen sondern ohne Probleme auf andere relationale DMS portierbar.

SALEMANS läßt die Verkettung der Textgruppen übrigens von einer Software namens PAUP durchführen, die in der biologischen Systematik entwickelt worden ist, um die Position von Pflanzen- oder Tierarten in der Entwicklungsgeschichte aufgrund von Ausprägungen einzelner Merkmale zu bestimmen. Dieses Programm ist leider nicht frei erhältlich, die für unsere Zwecke wichtigen Funktionen lassen sich aber in VBA gut nachbauen.

Sind die Texte erst einmal in einer Datenbank, kann man sie nicht nur statistisch auswerten, sondern auch sehr komfortabel nach bestimmten Stellen suchen, die man zum Nachweis von Verwandtschaft benötigt.

indem sie jeden Versuch verhindert, Daten so hinzuzufügen oder zu verändern, daß die vorgegebenen Regeln verletzt würden.

Andreas Kelz, Relationale Datenbanken, http://v.hdm-stuttgart.de/~riekert/lehre/db-kelz/.

2. Wortfolgenkonkordanzen

a. Vorbereitung

| a Die Texte digitalisieren | b Die Texte in eine Datenbank einfügen |

a Die Texte digitalisieren

Texte, die gedruckt vorliegen, wurden mithilfe eines Scanners fotografiert und mit der damals führenden Texterkennungssoftware FineReader© in digitale Texte umgewandelt Ungedruckte Texte wurden nach Fotos oder Kopien, die mir Archive freundlicherweise zur Verfügung stellten, von Hand per Tastatur digitalisiert. Nun stehen alle diese Texte auch hier als html-Dateien zur Verfügung.

b Die Texte in eine Datenbank einfügen

Beim Import in eine neue Datenbank habe ich jeden Text in einer eigenen Tabelle gespeichert. Dieser Vorgang wäre automatisierbar gewesen. Alle Tabellen haben die gleiche Struktur: sie bestehen aus drei Spalten.[2]

Eine enthält die Wörter des Textes, und zwar immer genau ein Wort pro Zeile, so daß jedes Wort einen eigenen Datensatz darstellt. Eine zweite Spalte wurde zuvor als Auto-Wert-Feld angelegt. In ihr wird bei Einfügung des Textes zu jedem Wort automatisch eine Identifikationsnummer erzeugt, für das erste Wort 1 und dann von Wort zu Wort um 1 ansteigend. So erhalten alle Wörter eindeutige Zahlen als Schlüssel, und zugleich wird die richtige Reihenfolge der Wörter im Text festgehalten und ihre Position im Kontext durch Zahlen ausdrückbar, zum Beispiel kann man dann sagen, die Wortfolge 17 bis 25 in Text X sei gleich der Wortfolge 38 bis 46 in Text Y.

In einer dritten Spalte habe ich nachträglich durch eine selbst geschriebene Prozedur zu jeden Wort ein Synonym erzeugen lassen, also dasselbe Wort in einer Schreibweise, die bekannte orthographische Varianten ausgleicht. So kann ich diese Synonyme anstelle der Wörter vergleichen, und gleiche Wörter finden, auch wenn die mittelalterlichen Texte sie verschieden schreiben. In Adreßdatenbanken ist dieses Verfahren üblich, um zum Beispiel den Namen "Meyer" auch unter "Mayer", "Maier" und "Meier" zu finden. Meine Synonymtabelle berücksichtigt folgende Orthographie-Varianten:

Eine ausführliche Beschreibung dieses Vorgangs geben SAHLE/SCHAßAN, Hansisches UB digital, wobei die Idee mit dem selbsterstellten Wörterbuch zur Rechtschreibkontrolle mittelalterlicher Texte aus einem Beitrag von mir in der Mailing-Liste MEDIAEVISTIK vom 23. 2. 2000 stammt.

b. Wortfolgenkonkordanzen finden und auswerten

Dazu habe ich eine Prozedur geschrieben, die folgende Arbeitsschritte erldigt:

Sie öffnet der Reihe nach alle möglichen Paare von Text-Tabellen, um jeden Text einmal mit jedem zu vergleichen

Aus allen diesen Textpaaren bildet sie zunächst das Kreuzprodukt aus den Wörtern beider Texte), das heißt sie kombiniert jedes Vorkommen jedes Wortes in dem einen Text (definiert durch die laufende Nummer des Worts) mit jedem in dem anderen Text. Alle jene Wortpaare, deren beide Hälften gleich sind, speichert sie mit den zugehörigen Wort-Nummern in einer Hilfstabelle, die, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hat. wieder gelöscht wird.

Diese "Einzelwörterkonkordanzen" dienen als Datengrundlage bei der Suche nach längeren Folgen übereinstimmender Wörter. Von jedem der Paare in der Liste der Einzelwörterkonkordanzen ausgehend, wird gefragt, ob auch die jeweils darauffolgenden Wörter (also die Wörter mit der nächstgrößeren Wort-Nummer) in derselben Liste stehen. Wenn sie in beiden Texten gleich sind, muß das der Fall sein. In diesem Fall wird die Frage bezüglich der nächsten beiden Wörter wiederholt, so lang, bis die Übereinstimmung aufhört. Dann werden der Wortlaut der Wortfolgenkonkordanz und die Anfangs- und Endpositionen aus beiden Texten in einer Tabelle "Wortfolgenkonkordanzen" abgelegt. Das Wortpaar in der Einzelwörterkonkordanzenliste, von dem die Suche ausgegangen war, wird nun als erledigt gelöscht und die nächste Suche beginnt beim nächsten Wortpaar.

Man kann in diese Suchprozedur noch eine gewisse Fehlertoleranz einbauen, indem man programmiert: falls eine Übereinstimmung nur durch ein Paar (einstellbar wären auch 2, 3 ? Paare) verschiedener Wörter unterbrochen wird und beim nächsten Wortpaar weitergeht, soll bei dem ungleichen Wortpaar nicht abgebrochen werden. In der Ergebnistabelle soll es durch Auslassungspunkte kenntlich gemacht werden. Ich habe den Vergleich mit dieser Einstellung durchgeführt, um die Gefahr der Verfälschung des Ergebnisses durch bloß orthographische Abweichungen oder geringe sprachliche Freiheiten noch weiter zu minimieren. Will man die Ergebnisse ohne diese unvollständigen Übereinstimmungen sehen, ist es später ein Leichtes, sie auszublenden.

Als Ergebnis der Datenerfassung habe ich eine Tabelle mit 290510 Wortfolgenkonkordanzen erhalten.

Das gelingt mithilfe der SQL-Anweisung: "SELECT Text1.Name, Text2.Name FROM Textverzeichnis AS Text1, Textverzeichnis AS Text2 WHERE Text1.Name < Text2.Name;". wobei "Textverzeichnis" eine Tabelle mit einer einzigen Spalte, nämlich "Name", ist. Diese einfache Lösung für das nicht banale Problem, jeden Text in einer Liste mit jedem, aber nicht mit sich selbst zu kombinieren, fand für mich Frau Rita SCHMITT, Systementwicklerin, Idstein, deren Rat mir den entscheidenden Anstoß zur Entwicklung der Textvergleichsprozedur gegeben hat und der ich deshalb größten Dank schulde.

Die SQL-Anweisung dafür lautet: SELECT Text1.Nr AS Nr1, Text2.Nr AS Nr2, Text1.Wort AS Text1Wort, Text2.Wort AS Text2Wort FROM Text1, Text2 WHERE Text1.Wort = Text2.Wort OR Text1.Wort = Text2.Synonym OR Text1.Synonym = Text2.Wort ORDER BY Text1.Nr, Text2.Nr;.

Indem man die Ergebnisse nach dem Kriterium "Not Like '*...*'" filtert.

Diese Tabelle zeigt jeden Konkordanzfund mit dem Textpaar, in dem er vorkommt, für sich an. Das ist noch nicht ganz der Gesamtüberblick über die Beziehungen zwischen Wortfolgen und Texten, den ich brauche, um Textgruppen anhand der Wortfolgen (anstelle der Varianten in Salemans' Verfahren) als Kriterium bilden zu können.

Zu jeder Wortfolge sollen also alle Texte, in denen sie vorkommt, angezeigt werden und zu jedem Text alle Wortfolgen, die er mit andern gemeinsam hat. Durch ein paar Datenumformungen ist das jetzt leicht zu erreichen. Beim Suchen nach Wortfolgenkonkordanzen geich jeden Fund daraufhin zu prüfen, ob die Wortfolge neu oder schon in anderen Texten gefunden worden ist, hätte die Such-Prozedur übermäßig belastet, das Erkennen von Wortfolgen-Duplikaten ist nämlich recht aufwendig, müssen doch orthographische Varianten auch hierbei ausgeschlossen bleiben.

Deswegen will ich die in der Tabelle "Wortfolgenkonkordanzen" enthaltenen RohDaten "normalisieren", indem ich sie in drei miteinander verknüpfte Tabellen verteile: In einer sollen nur die wirklich verschiedenen Texte stehen, in einer anderen nur die wirklich verschiedenen Wortfolgen und eine dritte soll als Verknüpfungstabelle darüber Auskunft geben, zu welchen Texten welche Wortfolgen gehören. So wird das Tabellenvolumen verkleinert, die Abfragegeschwindgkeit gesteigert, und die Eindeutigkeit der Daten gesichert, denn die Verknüpfungstabelle akzeptiert nur noch Verweise auf eindeutigen Datensätze der Text- und der Wortfolgentabelle - und dazu die Incipit- und Explicit-Nummern

1. Die eindeutige Text-Tabelle habe ich bereits beim Textimport angelegt.

2. Eine eindeutige Wortfolgentabelle erhalte ich mit Hilfe eines "INSERT-INTO"-SQL-Statements aus der Tabelle mit den Wortfolgenkonkordanzen. Dabei muß jedoch verhindert werden, daß Duplikate oder orthographische Synonyme von Wortfolgenkonkordanzen in die neue Tabelle übertragen werden. Um orthographische Synonyme zu erkennen, wende ich dieselbe Methode an wie beim Finden der Wortfolgenkonkordanzen: In einer neuen Spalte füge ich das SoundEx-Synonym der jeweiligen Wortfolge hinzu. Die drei Auslassungspunkte, die beim Aufzeichnen der Wortfolgenkonkordanzen gesetzt worden sind, wo zwei Texte in einem einzigen Wort inmitten einer längeren Wortfolgenkonkordanz voneinander abweichen, ersetze ich in den Synonymen durch einen "Regulären Ausdruck", der ein beliebiges Wort vertritt Nach diesen Synonymen gruppiere ich dann die gesamte Tabelle. Nur den jeweils ersten Wert jeder Gruppe übertrage ich in die neue Tabelle Da ich die Wortfolgen in Zukunft nicht mehr sortieren oder durchsuchen brauche, brauche ich als Felddatentyp jetzt nicht mehr "Text" mit der Längenbeschränkung auf 255 Zeichen zu wählen und kann den Wortlaut derer, die bisher unvollständig eingetragen waren, vervollständigen. Es zeigt sich, daß es 10.518 verschiedene Wortfolgen gibt, die in mindestens 2 Texten vorkommen.

Abschließend füge ich der neuen Tabelle schon jetzt ein Feld hinzu, in dem ich die Länge der Wortfolge in Wörtern berechnen lasse (aus der Differenz von Explicit- und Incipit-Wortnummer in der alten Tabelle),[12] das spart später Rechenleistung. Die Längen liegen zwischen 485 und 2 Wörtern.

3. Nun ist noch aus der Tabelle "Wortfolgenkonkordanzen" eine Tabelle "WortfolgenUndTexte" zu erstellen, die in einer Spalte Texte und in der anderen die darin vorkommenden Wortfolgen zeigen soll, dazu noch 2 Spalten für Anfangs- und Endwortnummer der Wortfolge in dem Text.

Dazu füge ich der alten Tabelle zunächst ein numerisches Feld "Wortfolge_Nr" hinzu, das das Textfeld "Wortfolge" ersetzen soll. Nun verknüpfe ich die Felder "Synonym" in beiden Tabellen miteinander und setze daraufhin alle Werte im Feld "Wortfolge_Nr" in der alten Tabelle auf die Werte der Wortfolgennummer in der neuen Tabelle.[13] Schließlich ändere ich die Beziehung zur Wortfolgenkonkordanzen-Tabelle dahin, daß sie statt der Synonym-Felder die beiden Wortfolge_Nr-Felder umfaßt. Von der Tabelle Wortfolgenkonkordanzen aus kann nun über den Verweis auf die eindeutigen Wortfolgen in der neuen Tabelle zugegriffen werden, was man durch eine Abfrage testen kann.[14] Die Felder "Wortfolgen" und "Synonym" in der alten Tabelle sind jetzt überflüssig geworden, und ich könnte sie löschen , wenn ich nicht die alte Tabelle sowieso durch eine neue Grundtabelle "WortfolgenUndTexte" ersetzen würde.

Danach kann ich aus "Text1" und "Text2" der Wortfolgenkonkordanzen-Tabelle durch eine UNION-Abfrage eine einzige Spalte "Text" bilden[14] und daraus die neue Grundtabelle erstellen,[15] die künftig "Wortfolgenkonkordanzen" ersetzen soll. Dies ist eine Tabelle mit nur noch 53.530 Datensätzen gegenüber den mehr als 290.000 in "Wortfolgenkonkordanzen".

Siehe Kap. 4 im bereits oben zitierten Artikel von Andreas Kelz über realationale Datenbanken: "Der Königsweg: Normalisierung"

Vgl. oben S. 39.

Vgl. oben S. 40; [Was ist RE?] Der lautet: [^ ] {2;}, und der SQL-Befehl für das Ersetzen lautet: "DB.Execute ("UPDATE Wortfolgen SET Wortfolgen.Synonym = SuchenUndErset-zen([Synonym],' ... ',' [^ ]{2;} ') WHERE (((Wortfolgen.Synonym) Like '*... *'));") wobei "SuchenUndErsetzen" eine eigene Funktion ist, die in jedes Vorkommen von durch ersetzt.

INSERT INTO Wortfolgen ( Wortfolge, Synonym ) SELECT First(Wortfolgenkonkordanzen.Wortfolge) AS [ErsterWert von Wortfolge], Wortfolgenkonkordanzen.Synonym FROM Wortfolgenkonkordanzen GROUP BY Wortfolgenkonkordanzen.Synonym ORDER BY First(Wortfolgenkonkordanzen.Wortfolge);

DB.Execute ("UPDATE Wortfolgen SET Wortfolgen.LängeWörter = TextelementeAnzahl([Wortfolgen]![Wortfolge],' ')+1;")

DB.Execute ("UPDATE Wortfolgen INNER JOIN Wortfolgenkonkordanzen ON Wort-folgen.Synonym = Wortfolgenkonkordanzen.Synonym SET Wortfolgenkonkordanzen.Wortfolge_Nr = Wortfolgen.Wortfolge_Nr;")

c. Texte nach Wortfolgenkonkordanzmaß gruppieren

Zu jeder Wortfolge in dieser Tabelle "WortfolgenUndTexte" kann ich nun durch eine ganz einfache Abfrage alle Texte finden, die sie überliefern.[16] Das sind die gesuchten Textgruppen. Da sich die Daten nicht mehr ändern, kann ich die Textgruppen fest in eine neue Tabelle "Textgruppen" schreiben; das spart bei künftigen Berechnungen Rechenleistung.[17] Ich frage zu jeder Wortfolge aus der Tabelle "Wortfolgen" die zugehörigen Text-Nummern als alphabetisch sortierte Aufzählung ab und fülle damit die zweite Spalte der neuen Tabelle, in der ersten sollen die Textgruppen eindeutig numeriert werden. Fast alle Textgruppen verdanken sich nicht nur einer sondern mehreren Wortfolgenkonkordanzen, daher gibt es unter ihnen noch Duplikate, die sich aber leicht ausblenden lassen. In einer zusätzlichen Spalte der Tabelle "Wortfolgen" verweise ich dann auf die Nummern der zugehörigen Textgruppen.

Die Zahl der zugehörigen Texte und die Nummern der zugrundeliegenden gemeinsamen Wortfolgen ebenfalls als sortierte Zeichenkette kann ich nun dank der Beziehungen zwischen den Tabellen problemlos feststellen und in zusätzliche Spalten der Textgruppen-Tabelle eintragen lassen.[18]

Um die Textgruppen nun gleich zu einer Kette zusammensetzen zu können, muß zuvor bekannt sein, welche Textgruppen Teilmengen von anderen sind. Das herauszufinden ist wieder etwas aufwendiger, es geht nicht per SQL-Befehl, sondern nur mithilfe einer Prozedur. Die vergleicht jede Textgruppe mit allen anderen, die größer sind als sie selbst, und sucht aus diesen alle heraus, in denen sämtliche Mitglieder der kleineren enthalten sind. Sie legt ihre Ergebnisse (Textgruppe_Nr und Nummer der möglichen Vater-Textgruppe) in der neuen Tabelle "Textgruppenbeziehungen" ab.

Die gleiche Prozedur habe ich auch auf die Wortfolgen angewendet, um auch von diesen zu wissen, welche kürzeren möglicherweise Teilstücke von längeren sind (wobei natürlich die Reihenfolge der Wörter zu berücksichtigen war).

Datenmodell

Abbildung 1 gibt nun einen Überblick über alle Tabellen, wie sie als Ergebnis der Normalisierung und Feststellung der internen Beziehungen zwischen Textgruppen und Wortfolgen miteinander verknüpft sind. Die Zeichen "1" und "∞" an den Enden der Beziehungslinien charakterisieren die verschiedenen Seiten von 1:n-Beziehungen, also Beziehungen, die genau einen Datensatz in der einen Tabelle mit einem oder mehreren Datensätzen in der anderen verknüpfen. Für alle diese 1:n-Beziehungen stellt das DMS übrigens die "referentielle Integrität" sicher, das heißt, es wacht darüber, daß auf der n-Seite kein Wert eingetragen wird, der auf der 1-Seite nicht schon vorhanden sind.

3. Kapitelfolgenkonkordanzen

4. Verwandtschaftswahrscheinlichkeiten berechnen

Die Verwandtschaftswahrscheinlichkeit und noch einige zusätzliche Kenndaten zu ihr erhalte ich nun sehr leicht durch Abfragen, die die Beziehungen zwischen den Tabellen nutzen, um pro Textgruppe die Daten der zugehörigen Wortfolgen[19] und der zugehörigen Texte[20] auszuwerten und beides zusammenfügen.[21]

Es ergeben sich für die Verwandtschaftswahrscheinlichkeit Werte von 0,964 bis 0,00286. Die Gesamtkonkordanzenlänge schwankt zwischen 6743 und 2. Die Anzahl Wortfolgenkonkordanzen liegt zwischen 594 und 1. Die grösste Wortfolgenkonkordanzlänge reicht von 485 bis 2, die kleinste von 47 bis 2 und die mittlere von 102,231 bis 2.

Die Textgruppe mit der größten Gesamkonkordanzenlänge hat auch die meisten Wortfolgenkonkordanzen sowie insgesamt die höchste Verwandtschaftswahrscheinlichkeit: Roma S. Spirito 1316—Roma S. Spirito 1564. Die Textguppe mit der längsten Wortfolgenkonkordanz hat auch die höchste mittlere Wortfolgenkonkordanzlänge: Bruxelles 1211—Bruxelles 1223.

5. Texte nach Verwandtschaftsmaß verketten

Damit ist alles vorbereitet für die Rekonstruktion der Verwandtschafts-Ketten Ich beginne mit den kleinsten Textgruppen und beziehe nach und nach immer größere ein. Komme ich zu einer Textgruppe, die ganz neu ist, lasse ich sie unten hinzufügen; steht eines ihrer Elemente bereits in der Liste, füge ich diese Gruppe nicht unten an, sondern verbinde das oder die noch nicht vorhandenen Elemente direkt mit dem schon vorhandenen. Soweit folge ich der Vorgehensweise SALEMANS'.

Anders als er, bewerte ich aber die Textgruppen nach ihrer Verwandtschaftswahrscheinlichkeit. Die Liste, aus der ich die Textgruppen an die Kette anfüge, habe ich außer nach zunehmender Gruppengröße auch nach abnehmender Verwandtschaftswahrscheinlichkeit sortieren lassen.

Das Zusammenfügen der Kette wäre sicher auch völlig automatisierbar, da es sich bei mir aber nur um 55 Texte handelt, mache ich es "halbautomatisch".

Alle 55 Texte lassen sich aus Zweier-Textgruppen einfügen;[22] größere Textgruppen brauche ich also gar nicht zu berücksichtigen. Um jeden Text entsprechend seiner größten Verwandtschaftswahrscheinlichkeit nur einmal an die Kette anzufügen, lasse ich mir also eine nach fallender Verwandtschaftswahrscheinlichkeit sortierte Liste der Zweier-Textgruppen anzeigen, in der jeder Text nur einmal vorkommt und zu jedem Text nur die Textgruppe mit der höchsten Verwandtschaftswahrscheinlichkeit angezeigt wird. In dieser Liste lasse ich Textgruppen, die völlig neu sind, an ihrem Platz stehen, aber Textgruppen, von denen ein Element bereits weiter oben vorgekommen ist, verschiebe ich unter die Textgruppe, zu denen sie gehören und rücke sie dort um einen Tabulatorschritt ein.

Das führt nicht zu einer zusammenhängenden Kette, sondern zu 8 Teilketten.

III. Ergebnisse

1. Die einzelnen Ketten

Die meisten Texte (37 von 55) haben sich als Glieder von Ketten erwiesen, die jedenfalls im jeweiligen Zentrum sehr stark zusammenhängen. Querverbindungen zwischen Ketten gibt es erst unterhalb einer Verwandtschaftswahrscheinlichkeits-Schwelle von ca. 3. Die beiden Ausnahmen von dieser Regel sind Brüssel 1211—Herentals und Brügge B'—Kiel mit Verwandtschaftswahrscheinlichkeiten von 68 bzw. 43.

Die Auffassung, daß alle Hospitalregeln auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgehen, kann nach dieser Erkenntnis nicht mehr bestehen bleiben. Stattdessen scheinen gewisse Gruppen von Hospitaregeln je für sich einen gemeinsamen Ursprung haben.

Einige Texte hängen nur lose mit den übrigen zusammen. Ihre nächsten Verwandten sind vielleicht nur nicht mehr vorhanden oder noch nicht aufgefunden. Ich habe sie vorläufig als "Pseudo-Kette" zusammengestellt.

Die Zahlen zwischen den Regelnamen in den folgenden Schaubildern und die in Klammern im Text geben die Verwandtschaftswahrscheinlichkeit an.

Kette 1: Johanniterregel und Heilig-Geist-Regel

In dieser Gruppe befindet sich zwar mit einem Wert von 96 die größte Verwandtschaftswahrscheinlichkeit, die überhaupt gefunden werden konnte; das überrascht allerdings nicht, denn daß Roma S. Spirito 1316 die Vorlage für Roma S. Spirito 1564 gewesen ist, stand nie in Frage. Wirklich bemerkenswert ist hingegen, daß die beiden anderen Texte in dieser Gruppe, die Johanniterregel und Aubrac, weit schwächer mit den übrigen Kettengliedern verwandt sind. LE GRANDs Auffassung, daß die Johanniterregel die Vorlage aller europäischen Hospitalregeln gewesen sei, ist nach diesem Befund darauf zu reduzieren, daß sie es in gewissem Maß für die Regel des römischen Heilig-Geist-Hospitals gewesen ist, und für sonst keine.

Kette 2: Die Regeln aus Brüssel und Brabant

Die zweitengste Verwandtschaft nach der zwischen den beiden römischen Texten ist die zwischen den beiden Versionen der Regel des Brüsseler St.-Johannes-Hospitals. Auch das überrascht nicht; es bestätigt höchstens, daß die angewendete Meßtechnik zuverlässig arbeitet.

Fast genauso eng ist die Verwandtschaft zwischen den Regeln von Antwerpen O.L.V. und Herentals. Herentals ist der nächste Verwandte von Enghien und von Geel. Geel wiederum ist der engste Verwandte von s' Hertogenbosch. Antwerpen dagegen der engste des Hospitals St. Gertrud in Brüssel, das seinerseits der engste Verwandte von Aalst O.L.V. ist. Alle diese Regeln sind auch mit den beiden Versionen von Brüssel St. Johannes verwandt, aber für keinen von ihnen ist einer dieser Brüsseler Texte der nächste Verwandte. Am ehesten für Herentals: es ist an den älteren Brüsseler Text mit 68 Punkten gebunden, nur 10 Punkte schwächer als die Bindung an Antwerpen. Auf die "starken Querverbindungen" komme ich später noch zurück.

Kette 3: Die Regeln aus Brügge und Lübeck und anderen Hansestädten

Auch hier liegen wieder zwei Teilketten mit einer ziemlich starken Querverbindung vor.

Kernbereich der älteren Teilkette sind Brugge 1188 und die Bearbeitungen dieses Textes durch mehrere Hände bis hin zu Brugge Bg., zwei Textstufen, deren Verwandtschaft meine Untersuchungstechnik mit 73 beziffert., Brugge B' (64) und schließlich Gent 1196 (28) hinzu. der jüngeren Lübeck 1263—Kiel (74)., Später stoßen Lübeck 1294 (69)Die Querverbindung Brugge B'—Kiel (43) ist sogar stärker als die ketteninterne Verbindung von Brugge B' zu Gent; nur ist nur für keine der beiden stärkste Verwandtschaftswahrscheinlichkeit, Gents nächster Verwandter ist eben Brugge B'. Bis herunter zum Wahrscheinlichkeitswert 3 liegen alle Verwandtschaftsbeziehungen dieser Texte innerhalb der beiden Ketten, darunter kommen dann auch Verbindungen zu Kette 6 (Gautier de Marvis, s.u.) vor.

Kette 4: Die Regeln aus Bischofsstädten der Picardie

Unter diesen Texte aus einigen Bischofsstädten in Nordfrankreich besteht die stärkste Verwandtschaftswahrscheinlichkeit zwischen Beauvais und Noyon. Es folgt der Text aus Amiens und dann als Brückenglied zu anderen Ketten der von Abbeville. Praeceptum ist ein Teil der Augustinerregel, ich habe ihn in den Vergleich einbezogen, weil die Vorbildfunktion dieser Regel für die Hospitäler so oft betont worden ist. Er hat seine meisten Übereinstimmungen mit Abbeville.

Kette 5: Die Regeln aus Cambrai und Lessines

Kette 6: Regeln von Gautier de Marvis, Bf. v. Tournai

Kette 7: Regeln aus Frankreich

(Pseudo-)Kette 8: Lose verbundene Texte

1. Datenverarbeitungstechnik

2. Die Daten sammeln und vorbereiten

2. Beziehungen zwischen ihnen

a. Starke Querverbindungen

Es gibt zwei Ausnahmen von der Regel: Nur diese beiden Querverbindungen zwischen Ketten haben wirklich große Verwandtschaftswahrscheinlichkeiten:

Die Teilketten Brüssel 1211-1223 und Herentals-Antwerpen-Brüssel St. Gertrud-Aalst-Geel-Enghien-s'Hertogenbosch möchte man aufgrund der Verbindung zwischen Herentals und Brüssel 1211 (Verwandtschaftswahrscheinlichkeit 68) als eine einzige Kette auffassen; zumal sie auch in demselben geographischen Raum beheimatet sind.

Brugge/Gent und Lübeck/Kiel sind im Vergleich mit der Brüssel-Brabanter Kette, trotz der immer noch hohen Verwandtschaftswahrscheinlichkeit zwischen Brugge B' und Kiel von 43, zwei deutlicher verschiedene Teile einer Gruppe. Auch geographisch sind sie ja deutlich voneinander geschieden.

b. Brückenglied-Texte

Von diesen beiden abgesehen, bestehen die relativ stärksten Querverbindungen zwischen Texten, die an ihre eigene Kette mit relativ geringer Wahrscheinlichkeit angeschlossen sind. Diese "Brückentexte" sind offenbar in ihrem jeweiligen Kontext besonders alte oder besonders junge Texte, die für. Solche Brückentexte sind vor allen:

c. Kettenübergreifende Wortfolgenkonkordanzen

Mit wenig "Handarbeit" ? Um kettenübergreifende Wortfolgenkonkordanzen zu finden, habe ich die Tabellen "Textgruppen" und "Wortfolgen" nach Textgruppen abgefragt, die sowohl einen Text aus einer als auch einen aus einer anderen Textgruppe enthalten, also zum Beispiel "Antwerpen UND Brügge B'". Dabei habe ich zuerst Kerntexte (Antwerpen, Brüssel 1211, Brügge B', Cambrai S. Jean, eingegeben, anschliessend dann auch Brückentexte. Die Nummern der so gefundenen Wortfolgenkonkordanzen habe ich in einer Hilfstabelle gespeichert, um auf sie später jederzeit wieder zugreifen zu können.

  1. Themenbereich Stundengebete

    pro qualibet … horarum ist gemeinsamer Bestandteil der Brüssel-Brabanter Kette (ohne Aalst) mit Brügge B'-Gent und Kiel-Lübeck. Auffällig ist, daß die älteste Brügger Fassung loco cuiuslibet horę geschrieben hatte und der Bearbeiter Bg diesen Text unterpungiert und durch die Brüssel-Brabanter Formulierung ersetzt hat.

  2. Themenbereich Fasten/Fleischenthaltung: Ab St. Martin

    usque ad festum … Martini ist nur der Brügge-Genter Teilkette und der Brüssel-Brabanter Doppelkette gemeinsam; es kommt nicht in Kiel-Lübeck vor.

  3. Themenbereich Aufnahme und Eigentum der Kranken

    sub stola, res suas und sub testimonio … magistro verbinden die Brüssel-Brabanter Kette mit der zweiten Fassung aus Brügge (B') sowie Gent und der Kiel-Lübecker Teilkette.

    Infirmus … recipiatur kommt in Abbeville und Cambrai S. Jean-Lessines vor, es fehlt jedoch in Noyon-Beauvais-Amiens und Paris.

  4. Themenbereich Speisen der Kranken

    Die Wortfolgenkonkordanzen zu diesem Thema verbinden alle die Picardie-Texte und Rom-Jerusalem mit Cambrai-Lessines:

    • Et quicquid in ejus desiderium venerit si tamen und quod non sit ei contrarium secundum posse domus und noch drei kleinere Wortfolgen verbinden die Ketten Noyon-Beauvais-Amiens mit Cambrai S. Jean-Lessines.
    • quasi dominus domus … antequam fratres comedant verbindet dieselben beiden Ketten, kommt jedoch nicht mehr in Lessines vor, dafür zusätzlich in Paris.
    • dominus domus steht in denselben beiden Ketten, auch wieder in Lessines, dazu in Paris, S. Pol und Troyes.
    • secundum posse und posse domus kommen ebenfalls in diesen Texten vor, dazu jedoch noch in Jerusalem, den beiden Versionen von Rom, S. Spirito, und Troyes; die erste Wortfolge auch noch in Gent Lepros.
    • antequam fratres ist gemeinsamer Bestandteil von Noyon/Amien/Beauvais, Cambrai/Lessines, Jerusalem/Rom und kommt außerdem in Angers, Paris und Troyes vor.
    • sanitati restituatur steht in Noyon/Beauvais/Amiens sowie in Cambrai S. Jean/Lessines sowie in Paris und Troyes.
  5. Themenbereich Zusammenleben der Brüder und Schwestern
    1. Thema Ausgang

      Nullus fratrum … sororum extra domum suam und die ähnliche Wortfolge Nullus fratrum vel sororum … domum verbinden die Ketten Brüssel/Brabant und Cambrai S. Jean/Cambrai S. Julien/Lessines, wobei die zweite Version im Gegensatz zur ersten auch Brüssel 1223 und sogar noch Coffort umfaßt.

    2. Thema Kleidung

      non coloratis fratres … sorores verbindet dieselben Ketten wie die Bestimmungen über Ausgang, umfaßt jedoch nicht Coffort.

    3. Thema getrennte Räume für Schwestern und Brüder

      refectorium dormitorium et … officinas kommt ebenfalls in denselben Ket-ten vor wie die Bestimmungen über den Ausgang, jedoch noch nicht in Brüssel 1211.

      sorores a fratribus und fratres a sororibus verbindet dieselben Texte (die zweite Wortfolge fehlt allerdings in Herentals) und zusätzlich s'Hertogenbosch.

  6. Nicht signifikante kettenübergreifende Wortfolgenkonkordanzen

    Pro … autem furto und jejunio unius … in pane et aqua punietur scheinen die Brüssel-Brabanter Kette mit bestimmten Gliedern der Brügge-Gent-Kiel-Lübecker Doppelkette zu verbinden, nämlich Brügge B' und Gent, die zweite Wortfolge kommt auch noch in Aalst und den beiden Lübecker Texten vor, in Kiel jedoch nicht. Die Wortfolgen stehen jedoch in den verschiedenen Ketten jeweils in anderem Zusammenhang und können deshalb nichts über Verwandtschaft sagen.

    Nennung des Patrons des Hauses: beati iohannis kommt selbstverständlich kettenübergreifend in den Texten vor, die aus St.-Johannis-Hospitälern stammen: alle Brügger Texte - nicht die Lübecker - in dem aus Gent, denen aus Brüssel S.Jean und dem aus Jerusalem.

d. Die Beziehungen zwischen den Ketten

Zusammenfassung

Bestimmungen über die Speisung der Kranken verbinden die Hospitalregeltexte aus der Picardie mit denen aus Cambrai/Lessines. Zum Teil beziehen sie auch Paris, Troyes, Jerusalem und Rom ein. Diese Verbindungen dürften den Anlaß dazu gegeben haben, die Jerusalemer Regel als Vorbild aller anderen hinzustellen.

Bestimmungen über Aufnahme und den Verbleib des Eigentums der Kranken sowie diejenigen über Kleidung, Ausgang und getrennte Räume verbinden die Brüssel/Brabanter Kette mit Cambrai/Lessines. Sie stehen in Cambrai S. Jean vor denjenigen, die mit den Picardie-Texten zusammenhängen.

Einige Bestimmungen über das Stundengebet und über Strafen verbinden die Brüssel/Brabanter Kette mit mehr oder weniger großen Teilen der Brügge/Lübecker.

Andere Strafbestimmungen verbinden Abbeville nur mit den Brügger Texten ohne ihre Genter und Lübecker Verwandten.

Jerusalem und Rom gehören mithin am ehesten zur Verwandt-schaft der Picardie-Gruppe. Brüssel/Brabant hat wie die Picardie-Gruppe Verbindungen zu Cambrai/Lessines. Direkte Verbindungen zur Picardie hat Brüssel/Brabant nicht. Dagegen hat es direkte Ver-bindungen zu den jüngeren Texten der Brügge/Gent-Gruppe sowie der Lübeck-Kiel-Gruppe.

Es ergibt sich ein klares Bild:

1. Alle kettenübergreifenden Wortfolgenkonkordanzen verbinden
- entweder die Picardie-Texte mit Cambrai-Lessines
- oder Cambrai-Lessines mit Brüssel-Brabant
- oder Brüssel-Brabant mit Brügge-Lübeck.
Direkte Verbindungen zwischen Brüssel-Brabant und den Picardie-Texten fehlen;
ebenso wie direkte Verbindungen zwischen Brügge-Lübeck und den Picardie-Texten.
2. Wortfolgenkonkordanzen zwischen denselben Ketten handeln auch von denselben Themen. Diese Themen sind:

3. Traditionsstränge

Versteht man die kettenübergreifenden Wortfolgenkonkordanzen als mögliche Spuren von Text-Traditionen und prüft nun, ob die Stellen, die durch Wortfolgenkonkordanzen verknüpft sind, auch inhaltlich tatsächlich Textwanderungsspuren enthalten. Die wenigen Wortfolgen, die quer zu Ketten übereinstimmen, bezeugen direkt europäische Wechselwirkungen in der ältesten Hospitalgeschichte. Sie werte ich deshalb im folgenden genau aus, um die Textelemente zu finden, die von Region zu Region gewandert sind.

Beim Themenbereich Aufnahme und Eigentum der Kranken

Die zu diesem Themenbereich gehörenden Bestimmungen der Cambrai-Lessines-, der Brügge-Gent-. der Rom-Jerusalem- und der Picardie-Kette samt der Regeln aus Troyes und Angers ordnen sich zu drei Traditionssträngen, von denen der dritte in drei Varianten vorliegt:

Cambrai-Lessines mit dem einfachen

infirmus benigne recipiatur

Die älteren Texte in der Kette Brugge-Gent mit

Item Siquis peregrinus vel errans necessitate ductus hospitium a domo requisierit recipietur una nocte tantum.

Die Johanniterregel im nachgetragenen Abschnitt sowie die Picardie-Texte, dort teils leicht abgeändert:

… cum venerit ibi infirmus ita recipiatur primum peccata sua presbitero confessus religiose communicetur et postea ad lectum deportetur …

Die Brüssel-Brabanter Texte beginnen ebenso, lassen aber das Kommunizieren und ins Bett Bringen weg und behandeln stattdessen im Anschluß an die Beichte den Verbleib des Eigentums der eintretenden Kranken:

Quicumque igitur infirmus domum ingressus fuerit primum Deo per confessionem factam sacerdoti, deinde proximo, si quem lesit, pro posse suo satisfaciat et veniam petat. Res suas sub testimonio committat magistro, eadem in integro, si convaluerit recepturus. Quod si, imminente periculo mortis, omnia sua (mobilia, ANTWERPEN) domui forte relinquere uoluerit, deductis expensis suis, de residuo poterit condere testamentum. Si autem intestatus decesserit, omnia sua ad usus pauperum ejusdem domus devolventur.

Die jüngere, undatierte Fassung von Brügge und Gent haben nun dem Text, der in der älteren Brügger Fassung gestanden hatte, am Ende ein paar neue Kapitel hinzugefügt, darunter eines, das inhaltlich dem Brüsseler fast genau entspricht. Lediglich die Möglichkeit des Testaments fehlt:

tem siquis infirmus ad domum uenerit ut misericorditer ibi suscepto in necessariis sicut consuetudo habet prouideatur. in primis deo satisfaciat. et presbitero ipsius domus sub stola reatum suum confiteatur et de consilio ipsius penitentie formam suscipiat. res suas siquas habet de conscientia et sub testimonio fratrum magistro committat. easdem si conualuerit recepturus. si minus: pro remedio anime sue domui ad usus pauperum remanebunt.

Beim Themenbereich Speisen der Kranken

Die Traditionsstränge Jerusalems (lila), der Picardie-Texte (blau) und von Cambrai-Lessines (grün) verlaufen zunächst gemeinsam, und es geht um Zeitpunkt und allgemeinen Charakter des Speisens der Kranken; Brügge-Gent haben hierzu keine direkte Entsprechung

Die Traditionsstränge über das Speisen der Kranken
Jerusalem Rom 1316/34 S. Pol Noyon-
Amiens-
Beauvais
Paris Cambrai
S. Julien
Cambrai
S. Jean
Lessines 1247
quasi dominus secundum posse domus quasi domini secundum posse domus tanquam dominus domus quasi dominus domus quasi dominus domus et tanquam dominus domus et quasi dominus domus et quasi dominus domus,
omni die antequam fratres eant pransum omni die ante quam fratres eant pransum omni die ante quam fratres eant pransum quotidie, antequam fratres comedant, [omni die antequam fratres et soro reficiantur] cotidie antequam fratres comedant cotidie antequam fratres comedant,
caritative reficiantur caritariue reficiantur honorifice ibi tractetur caritative reficiatur [aus reficiantur verb.]. [...] caritative reficiatur, reficiatur omni die antequam fratres et soro reficiantur reficiatur caritative [p]reficiatur
et hoc secundum infirmitatem suam - secundum infirmitatem suam . secundum infirmitatem suam,

Dann endet die Gemeinsamkeit mit Jerusalem und es beginnt ein Thema, das Cambrai-Lessines und die Picardie-Texte mit der ältesten Schicht von Brügge-Gent und mit Brüssel-Brabant gemeinsam haben: das Recht der Kranken, selbst zu wählen, was sie zu essen bekommen.

Die Johanniter haben nur in einer jüngeren Konstitutionensammlung eine vergleichbare Bestimmung über besondere Speisen für Schwerkranke, allerdings kei-ne über freie Wahl. Immerhin geht dort, sowie in Brügge und Brüssel-Brabant voraus, was die Kranken normalerweise zu essen bekommen sollen bzw. wie oft sie Fleisch essen dürfen, und daß nur die Schwerkranken etwas Besonderes bekommen bzw. selbst wählen dürfen. Eine solche Einschränkung findet sich in Cambrai-Lessines und den Picardie-Texten nicht

Die Traditionsstränge über freie Speisenwahl der Kranken
Jerusalem 2 Brugge 1188 Bruxelles 1211 Abbeville Angers S. Pol Noyon-Amiens-
Beauvais
Paris Cambrai S.
Julien
Cambrai S.
Jean
Lessines 1247
galine ea que desiderant. dentur eis quecumque desideraverint, quecumque in eorum desideria uenerint quos poscunt et quecumque voluerit aut petierit, Et quicquid in ejus desiderium venerit et quicquid in ejus desiderium venerit, Et si quid eius desiderio euenerit et quicquid in eius desiderium venerit et quicquid in ejus desiderium venerit,
et necessitate cogente requirunt.
tribuebantur dabuntur eis: queri debet:
si ullo modo (commode, Bg,B') perquiri poterunt dummodo haberi possint, si inueniri possit si possit inveniri . si inveniri possint, si tamen inveniri poterit; si tamen poterit inveniri, si tamen poterit inveniri si tamen poterit inveniri
et hoc exigat necessitas postulantis
ei inferantur,
et eis expediunt, dum tamen sue infirmitati contraria non sint. quod non sit ei contrarium. quod non sit ei contrarium, dumtamen non sit sue infirmitati contrarium — quod non sit ei contrarium , quod non sit ei contrarium,
secundumfacultatem domus secundum posse domus ei secundum posse domus et hoc fiat perfecte secundum facultates domus: secundum posse domus secundum posse domus
eis querantur et offerantur. volumus provideri. ... queratur. diligenter ei queratur queratur , queratur
donec conualeant uel decedant. donec sanitati restituatur. donec sanitati restituatur. donec sit restitutus sanitati donec perfecte sanitati restituatur , donec perfecte sanitati restituatur.

In Brüssel und Jerusalem 2 schließen sich hieran Bestimmungen über die Anstellung von Ärzten für die Kranken an. Dies kommt nur in Brüssel selbst vor, nicht in den anderen Texten der Brüssel-Brabanter Kette.

Bestimmungen über Ärzte
Jerusalem 2 Brüssel 1211
Post vero statutum de assensu omnium fratrum quod ad servicium pauperum Hospitalis Jerusalem quatuor sapientes medici deputentur qui urinarum qualitates et infirmitatum diversitates discernere sciant et qui in medicinis conficiendis consulere possint eis, etiam habere medicos quibus cura imminebat infirmorum quique eisdem infirmis sirupa necessaria faciebant. Si quis vero decumbentium, particulari laborans infirmitate, medicorum egens auxilio nec habens quod medico tribuat, a magistro hospitalis pro curatione corporum dabuntur precia laboris moderata.

In den Picardie-Texten, Cambrai-Lessines und der jüngeren Jerusalemer Konstitution folgen darauf Bestimmungen zur Krankenpflege. Diese werden nur in den Picardie-Texten und Abbeville damit abgeschlossen, daß die Kranken nach ihrer Genesung noch sieben Tage im Hospital bleiben dürfen, um einem Rückfall vorzubeugen, eine Bestimmung, die in einer späteren Urkunde Pp. Innozenz IV. für Amiens (Lyon, 1244.02.09) in den Zusammenhang gesetzt wurde, die Überlastung der Hospitäler mit gesunden Pfründnern zu verhindern.

Die Traditionsstränge über die Krankenpflege
Abbeville Angers Jerusalem
2
S. Pol Noyon-
Amiens-
Beauvais
Paris Cambrai S. Julien Cambrai S. Jean Lessines 1247
[Infirmi numquam sint sine lumine nec cum obierint sine vigili custodia] Una autem soror, et una pedisseca, vel eciam plures, si necesse fuerit, qualibet nocte vigilent ut infirmos custodiant et eis de nocte necessaria subministrent, et ad communicandum infirmos, si necesse fuerit, vocent vel vocari faciant sacerdotes. 11. Item pauperes habeant coopertoria vel cotas, ita quod frigus non habeant. [hier folgt: Preterea res infirmorum …] Et quod fratres hospitalis noctu dieque custodiant infirmos tamquam eorum dominos. Additum est insuper in capitulo generali quod in qualibet rua domus ubi infirmi jacebunt IX servientes ad eorum servitium deputentur, qui de mandato fratrum humiliter … [Infirmi (autem, AMIENS) numquam sint sine vigili custodia] Quod si ad tantam infirmitatem devenerit ut a communi consortio removeatur et in infirmaria pauperum ponatur, tunc diligentius etiam quam prius in omnibus provideatur, et nunquam sine custodia relinquatur, Infirmi diligenter custodiantur Infirmi sollicite[r] custodiantur Infirmi sollicite custodiantur.
Et ne quis sanitati restitutus pro nimis festina recessione recidiu[u]um paciatur septem diebus in domo sanus si uoluerit sustentetur. Sanitate vero ei reddita, per septem dies domi, si voluerit, remaneat, ne in egritudinem propter nimiam velocitatem surgendi relabatur. Et nequis sanitati restitutus pro nimis festina recessione recidivum patiatur. septem diebus in domo sanus si voluerit sustentetur. et, ne aliquis sanitati restitutus pro nimia festina recessione recidivum patiatur, septem diebus sanus in domo sustentetur.
  • Beim Themenbereich Zusammenleben der Brüder und Schwestern

    Brüssel 1211 hat das Kaptel über getrennte Räume für Brüder und Schwestern noch nicht, das es in Cambrai und in Antwerpen gibt.

    Brüssel hat dieselbe Bestimmung wie Cambrai, aber in zwei Sätze aufgeteilt, und der zweite ist in der Formulierung angelehnt an Jerusalem

    Die Traditionsstränge über Ausgang
    Jerusalem Brüssel 1211 Antwerpen Cambrai S. Jean Cambrai S. Julien Lessines 1247
    8 Septa loci sui et terminos ambitus domus vel ecclesie sue, nisi de officio sibi commisso vel de licencia rationabili, nequaquam excedant 10 Septa loci sui et terminos ambitus domus vel ecclesie sue, nisi de officio sibi commisso, vel de licentia rationabili, nequaquam excedant. septa loci nullus fratrum vel sororum sine certa causa et licentia presumat excedere , et licentiata soror 9 Nullus frater vel soror exeat loca domus sine certa causa et licentia sui superioris. Soror cum habuerit licentiam exeundi per ciuitatem: non vadat sine testimonio et sororis societate vel alterius honeste persone. 8 Septa loci nullus fratrum vel sororum sine certa causa et licentia presumat excedere et licentiata soror non sine testimonio et comitatu sororis alterius vel honeste persone per villam deambulet.
    Iterum cum ierint fratres per civitates et castella non eant soli set duo vel tres nec cum quibus voluerint sed cum quibus magister jusserit ire debent et cum venerint quo voluerint simul stent 9 Per vicos et plateas seu domos, nulla sororum absque alterius sororis comitatu et testimonio incedere vel spaciari presumat 11 Per vicos et plateas seu domos nulla sororum absque alterius sororis comitatu et testimonio incedere vel spatiari presumat. non sine testimonio et comitatu sororis alterius vel honeste persone per civitatem deambulet ..
    10 Nullus fratrum vel sororum extra domum suam intra Bruxellam, a quocumque invitatus, manducet. 12 Nullus fratrum vel sororum extra domum suam intra Antverpiam a quocumque invitatus manducat. Nullus fratrum vel sororum extra domum suam aquocumque invitatus , intra cameracum manducet , vel pluries quam bis bibat 10 Nullus fratrum vel sororum extra domum suam quocumque loco in cameraco | plus quam bis in die reficiatur. 9 Nullus fratrum vel sororum extra domum suam a quocumque invitatus intra villam de Lessines manducet aut bibat.
  • [Themenbereich Stundengebete]

  • [ThemenbereichFasten/Fleischenthaltung: Ab St. Martin]

  • 4. Altersverhältnisse

  • Jerusalem-Brüssel älter als die jüngere, aber jünger als die ältere Schicht in Brügge-Gent

    Der Schlüssel zur Bestimmung des Altersverhältnisses zwischen der Jerusa-lem-Brüsseler und der Brügge-Genter Tradition zum Thema Aufnahme der Kranken liegt darin, daß Brügge B' und Gent sie beide in nacheinander niedergeschriebenen Textschichten aufweisen die durch die Brügger und die Genter Originalurkunde klar datiert werden können.

    Die ursprüngliche Brügger Tradition
    Item Siquis peregrinus vel errans …,
    die bereits in der Urkunde von 1188 steht ist also älter als
    Quicumque igitur infirmus domum ingressus fuerit primum Deo per confessionem …,
    die Jerusalem-Brüsseler Tradition, die die Neufassung Brügge B' und die Genter Ur-kunde von 1196 am Ende hinzugefügt haben. Der Jerusalem-Brüsseler Einfluß auf Brügge-Gent hat zwischen Januar 1188 und 1196 gewirkt.

    Wäre die Jerusalem-Brüsseler Tradition dem Verfasser von B im Januar 1188 bereits bekannt gewesen, so wäre schwer zu erklären, warum er sie nicht verwendet. haben sollte. Daß 1188 in Brügge noch keine Kranken gepflegt worden wären und es deswegen keinen Grund gegeben hätte, die Bestimmung aus Jerusalem-Brüssel über sie einzufügen, kann nicht sein: man hatte ja eine Bestimmung über die Speisung der Pauperes et inbecilles lecto accumbentes, nur eben nicht die aus Jerusalem-Brüssel. Daß die Jerusalem-Brüsseler Tradition 1188 schon bestanden hätte, aber in Brügge noch nicht bekannt gewesen wäre, ist bei der zentralen Verkehrslage und dem überaus regen Reiseverkehr dieser Stadt ebenfalls sehr schwer vorstellbar.

    Beim Thema Stundengebet haben wir gesehen, wie der Bearbeiter Bg eine alte Brügger Formulierung unterpungiert und über der Zeile durch diejenige aus Brüssel ersetzt hat; also dürfte auch beim Themenbereich Kranke Brüsseler Einfluß die Änderungen und Hinzufügungen in Brügge bewirkt haben und nicht die Brüsseler Tradition auf Brügge-Gent zurückgehen.

    Die Anfügung zum Verbleib der Güter eines Eintretenden konnten Brügge-Gent nur aus Brüssel, nicht aus Jerusalem übernehmen. Jerusalem kann deshalb für Brügge höchstens indirekt über Brüsseler Vermittlung ein Vorbild gewesen sein.

  • Jerusalemer Tradition älter als Brüssel-Brabanter

    Jerusalem mit der vollständigen Sakramentenspendung kann im übrigen eher Vorlage für Brüssel-Brabant gewesen sein, das die Kommunion weggelassen und Eigentumsbestimmungen daran geknüpft hätte, als daß umgekehrt Jerusalem die Eigentumsbestimmungen weggelassen und die Kommunion zur Beichte hinzugefügt hätte - das sollte aber noch durch weitere Belege gestützt werden.

  • Brügge und Gent

    Vergleicht man, was die Brügger und was die Genter Übernahme mit der Brüsseler Vorlage gemacht haben, setzt die erstere bereits einen eigenen Hospital-Pfarrer voraus, der den Kranken im Hospital die Beichte abnimmt, während das in Gent noch einem der örtlichen Pfarrer vorbehalten ist. Leider haben wir vor 1200 noch keine anderen Quellen darüber, wann das Brügger St.-Janshospitaal eine eigene Pfarrei geworden ist.

  • Cambrai-Lessines unbeeinflußt von Jerusalem-Brüssel

    Eine Beeinflussung durch Jerusalem-Brüssel wie in Brügge hat es in Cambrai-Lessines überhaupt nicht gegeben. Noch 1247 übernimmt Lessines die Formulierung Cambrais, in der nichts von Beichte oder Kommunion beim Eintritt eines Kranken und auch nichts vom Verbleib seines Eigentums gesagt ist.

  • Cambrai-Lessines und die ältere Schicht von Brügge-Gent gleich alt

    Cambrai ist durchaus erklärbar als eine religiöse Parallelle zu der ältesten Schicht Brügges. Im Vergleich zu Brügge beschränkt sich Cambrai auf Aufnehmen, Speisen und Pflegen von Kranken, Reisende kommen nicht vor, und es ist begibt sich bei der Formulierung dieses Gebots in die Nähe der Benediktinerregel: Omnes supervenientes hospites tanquam Christus suscipiantur. Die Kranken sind mithin die Herren des Hauses. Keine Rede ist aber davon, daß die Kranken bei ihrer Aufnahme Sakramente empfangen würden. Die Einschränkungen der freien Spei-senwahl auf Schwerkranke, wie in Brügges ältester Schicht, gibt es in Cambrai-Lessines auch nicht, und am Ende ist noch eine allgemeine Bestimmung über sorgfäl-tiges Behüten (custodia) der Kranken hinzugefügt, die es wiederum in Brügge nicht gibt. Erklärbar sind diese Unterschiede eventuell auch durch eine andere Klientel, aber die Tendenz zum Religiösen allein hätte auch schon genügt, die Kranken und deren Pflege in den Mittelpunkt zu stellen, ist das doch ein Werk der Barmherzigkeit und eventuell auch bereits eine asketische Übung, Reisende zu beherbergen dagegen nicht.

  • Cambrai Vorbild für jüngere Schicht Brügges

    Der Brügger Bearbeiter Bg, der in die ältere Brügger Formulierung Siquis peregrinus […] hospitium a domo requisierit recipietur una nocte tantum vor recipietur das Wort caritative über der Zeile eingefügt hat, Cambrai als Vorbild gehabt haben.

  • a. Jerusalem-Brüssel älter als die jüngere, aber jünger als die ältere Schicht in Brügge-Gent

    b. Jerusalemer Tradition älter als Brüssel-Brabanter

    c. Brügge und Gent

    d. Cambrai-Lessines unbeeinflußt von Jerusalem-Brüssel

    3. Gebrauchsspuren
    e. Cambrai-Lessines und die ältere Schicht von Brügge-Gent gleich altCambrai-Lessines und die ältere Schicht von Brügge-Gent gleich alt

    f. Cambrai Vorbild für jüngere Schicht Brügges

    F. Folgerungen

    Ergebnisse im historischen Kontext

    1. Themenbereich Aufnahme und Eigentum der Kranken

    Dieser prinzipiell wichtige Arbeitsschritt ist vorerst hintangestellt. Verschiedensprachige Texte habe ich zunächst noch nicht in den Vergleich einbezogen, und die Struktur der Beziehungen zwischen den lateinischen hat sich auf Grundlage der Wortfolgenkonkordanzen bereits so gut aufklären lassen, daß es genügt, im folgenden an einigen wenigen "neuralgischen" Stellen, an die die Ergebnisse der Wortfolgenkonkordanz-Untersuchung hinführen, auch nach der Inhaltsreihenfolge zu sehen, um die Entstehungsgeschichte dieser Texte aufzuklären. Dafür ist keine Untersuchung der Kapitelfolgenkonkordanzen aller Texte nötig. Die Einbeziehung auch der volkssprachlichen Hospitalregeltexte ist demnächst geplant.

    2. Themenbereich Speisen der Kranken

    3. Themenbereich Zusammenleben der Br?der und Schwestern

    5. [ThemenbereichFasten/Fleischenthaltung: Ab St. Martin]

    I. Zusammenhang mit Städtebildung und Religiöser Bewegung um 1200

    1. Schwerpunkt der Städtebildung um 1200

    2. Religiöse Bewegung

    3. ((Notwendigkeit neuer Hospitäler))

    4. ((«Kommunalisierung»" alter Hospitäler und neue kommunale Hospitäler))

    II. Waren die ältesten Hospitäler hierarchisch-kirchlichen oder bürgerlich-kommunalen Ursprungs?

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    Ziegler, Caspar, De diaconibus et diaconissis veteris ecclesiae liber commentarius, 1678

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