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Hohes Alter
geblogt am 04. 06. 2024

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Am Sonntag, 14. Januar 2018, hatten wir mittags Leberknödel gemacht, und nicht gleich nach dem Essen die Küche aufgeräumt. dAls meine Mutter das vor dem Abendessen nachholte, stellte sie ein Schälchen mit übrig gebliebenem Eiweiß in den Kühlschrank und verschüttete dabei unbemerkt einen kleinen Klecks auf den glatten Boden. Auf dem ist sie dann wenig später ausgerutscht und mit einem dumpfen Schlag, der mir noch im Ohr tönt, der Länge nach auf die linke Seite mit dem Kopf knapp vor den Herd hingefallen; dabei ist der linke Oberschenkelhals glatt durchgebrochen. Noch beim Warten in der Notaufnahme im Krankenhaus, der HSK, sagte sie zu mir Die besten Jahre werden jetzt wohl vorbei sein. Sie haben den Bruch mit einem langen Nagel aus teurem Metall so gut operiert, daß es komplikationslos und schnell verheilt und zeitlebens schmerzfrei geblieben ist, in diesem Alter! Aber durch die Pflege in diesem Krankenhaus wäre sie beinahe kaputtgegangen, wie sie selbst es nachher bezeichnete.[x]

[→Krankenhaus][x]

Wie durch schiere Vernachlässigung in einem Krankenhaus oder Heim ein naher Angehöriger, dessen Gewohnheiten und Bedürfnisse ihnen so gut wie die eigenen vertraut sind, seiner Würde beraubt wird, sich in das nahe Ende fügt, aufhört zu essen und zu trinken, körperlich und seelisch von Tag zu Tag verfällt, nur weil es sich für das Krankenhaus nicht lohnt und niemand es wagt, ihm zu helfen, ich begreife nicht, wie Menschen bei so etwas zusehen können ohne auszurasten. Viele schreckliche solcher Geschichten habe ich gehört, seit ich unsere meinen Nachbarn und Bekannten erzähle, etliche geschahen in demselben Krankenhaus. Dort gibt es nach den Worten eines Bekannten, der dort gelernt hatte und nach Jahrzehnten mit seiner gesamten Station an ein Frankfurter Krankenhaus gewechselt ist, um nachts wieder ruhig schlafen zu können, nur noch PflegerInnen denen alles egal ist oder die alles mit sich machen lassen. Tagelang bekam ich zuhause nichts zustande, konnte kaum essen oder schlafen, an nichts als das Krankenhaus denken, bis ich wieder hin kam und die nächste Verschlimmerung vor Augen hatte und nichts tun konnte, so daß ich nur weglaufen wollte. Maria ließ sich von der Sozialdienstfrau der HSK täglich vertrösten, morgen käme meine Mutter in die Reha, würde wieder laufen lernen. Meine Schwester hat eine Familie zuhause, kann sich ihre Arbeitszeit nicht so frei einteilen wie ich als Selbständiger und wird daher mehr gehofft haben, daß das Notwendige von den dafür Zuständigen schon irgendwie ohne ihr eigenes Zutun verrichtet werden würde.[x]

So fest entschlossen wie noch nie zuvor im Leben zu irgend etwas, war ich jedenfalls, als ich am 30.1.2018 auf den Flur der Station I kam: ich wollte meine Mutter nach hause holen, wie auch immer das gehen würde. Wenn ich es anfinge, würde mir doch sicher der liebe Gott helfen, es zu schaffen, wenn ich es nicht machen würde, was sollte ich zu ihm je noch sagen? Maria hatte ich gesagt, was ich vor hatte, sie klang nicht begeistert, war aber auch nicht dagegen. Und es geschah tatsächlich, daß mir auf dem Flur der Stationsarzt entgegenkam. Ohne ihn hätte ich mich wahrscheinlich auf den Kopf stellen ohne etwas auszurichten. Er war mir vorher noch nie zufällig begegnet und ich hätte nicht gewußt, wie ich ihn hätte erreichen können. Ich hatte ihm aber ein paar Tage vorher, als er während der Besuchszeit zur Visite kam, schon mal meinen Gedanken, sie zuhause gesund werden zu lassen, vage angedeutet, und er hatte meiner Mutter zu solchen Kindern gratuliert. Ihn bat ich gleich um ein Gespräch und ging mit schon viel leichterem Herzen Mama besuchen. Sie saß gar nicht mehr im Bett, lag nur auf dem Rücken, aber als ich ihr ohne viel Umschweife sagte, was ich vor hatte, wurde sie sehr froh. Als der Arzt wenig später dazu kam, sagte er zu meinem Wunsch, entscheiden müsse sie selbst. Er beugte sich zu ihr und fragte sie, und ihr Stimmchen war bei der Antwort Ja! ganz hell und freudig. Bald kam auch die Sozialdienstfrau herzugeeilt, wollte mir Angst vor der Verantwortung machen, die ich übernähme, aber der Arzt wies sie zurecht: Wir sind ein Krankenhaus und kein Gefängnis![x]

Am nächsten Morgen, dem 31.1.2018, machte ich Mamas Bett auf dem Sofa im Wohnzimmer, und um zehn Uhr kam sie tatsächlich. Ab dem Tag, an dem sie nachmittags wieder in ihrem Sessel mit geschlossenen Augen sich die tiefstehende Wintersonne ins Gesicht scheinen lassen konnte, ging es noch einmal aufwärts mit ihr, und wenn die fast sechs Jahre, die sie nun noch zuhause erlebt hat, bis sie an Weihnachten 2023 in genau demselben Sessel sitzend beim Mittagessen im gesegneten Alter von 99 Jahren gestorben ist, auch vielleicht nicht die besten waren, war sie doch zum Glück, gerade auch in der Coronazeit, zuhause und ihr eigener Herr und alles, was in dieser Zeit Heimbewohnern angetan wurde, blieb wenigstens ihr erspart.[x]

Es dauerte einen Monat, bis sie abends und mittags wieder die Treppe hinaufgehen und in ihrem Bett schlafen konnte. Bis dahin hatte sie aufstehen und Laufen gelernt und die Traumata aus dem Krankenhaus überwunden, hustete nachts nicht mehr, konnte wieder schlafen, hatte keine dicken Beine mehr, aß wieder richtig, war nicht mehr wund zwischen den Beinen und hatte wieder regelmäßige Verdauung. In der turbulenten ersten Zeit waren Maria und Anna Lena (zum geduldigen Beine massieren) oft nachmittags gekommen, aus dieser Zeit stammten auch die Versprechen von Maria, notfalls auch mal über nacht zu kommen. Ich habe extra zwei Stehlampen brennen lassen, damit keine Gespenster Mama belästigen kämen, trotzdem habe ich viele Nachtstunden in dem Sessel neben dem Sofa verbracht und beruhigend mit ihr gesprochen.[x]

Aber in diesen wilden Nächten und den folgenden Frühjahrsmonaten bekam ich vieles erzählt, das ich früher noch nie gehört hatte; es war schon eine Art neues Leben, das sie nun noch einmal begann, jedenfalls mit einem neuen Blick auf das bisherige.

Sie erfand eine Reihe neuer, eigener stehender Redensarten, ein paar davon habe ich jetzt in Briefen von Tante Marichen aus ihren letzten Lebensjahren wiedergefunden, sie waren vielleicht auch bei ihrer Mutter gebräuchlich, und sie freute sich an ihrer neuen eigenen sprachlichen Kreativität:[x]

Und mit schwindender Sehkraft und abnehmender Mobilität hat sie immer mehr und feiner mit ihren Fingern gestikuliert und ihren Stock zum Zeigen benutzt.[x]

In dieser Zeit, als die ärgsten Gespenster endlich verschwanden, hat sie noch viele alte Geschichten in Träumen erneut durchlebt und verarbeitet. Ihren Enkelinnen hat sie solche alten Geschichten erzählt, weil sie oft nichts zu sagen wußten, wenn sie zu Besuch da waren und Mama es nicht ertragen konnte, daß Leute stumm um ihren Tisch saßen. Aber die jungen Damen konnten nur mit großen Augen zuhören und keine Zwischenfragen stellen, die ihr geholfen hätten, Geträumtes und wirklich Erlebtes auseinanderzufieseln, und so redete sie sich manchmal, damit es nicht still würde, immer weiter in Phantasien hinein, die ihr dann erst recht auf der Seele lagen. Aber mit all den Geschichten ist sie vor ihrem Tod offenbar fertig geworden, und es war nie mehr zu merken, daß sie noch etwas plagte.[x]


Zu Hilfsmitteln und Pflege hatte Maria viele gute Ideen: ihre Bauchmassage bei hartem Stuhlgang, im letzten Jahr ihre sorgfältige und geduldige Maniküre und Pediküre im Garten, einen Leih-Rollstuhl, einen zweiten Rollator für die 1. Etage, einen neuen Küchenteppich hat sie besorgt und Motten in allerlei Wollsachen aufgespürt und bekämpft. Aber sie wollte auch schon kurz nach Mamas Operation das Haus umräumen, um ein Pflegebett unterzubringen, brachte einen Stock mit drei Füßen und kümmerte sich auf meine Anregung hin um ein Hörgerät, das Mama aber nicht mochte und das ihr auch gar nicht half. Mama nahm nichts einfach hin, sie war ja nicht krank und blieb bis zuletzt mißtrauisch gegenüber allem, was jemand mit ihr vor hatte. Von jeder neuen Tablette, von jedem neuen Dingsbums mußte sie erst geduldig überzeugt werden, und Maria wurde damals schnell ruppig, wenn Mama eine von ihren guten Ideen nicht befolgte. Als ich dann einmal am Mittag um Mäßigung bat, mit der alten Frau nicht so zu schimpfen, wurde sie zornig, als ob man sie persönlich beleidigte, ließ es eskalieren und ich hatte von der Arbeit eh hohen Blutdruck und konnte mich nicht beruhigen, bis sie mich aus der Küche rausschmeißen wollte und ich sie packte und auf dem Flur einmal kräftig schüttelte - ein Konflikt über die bisher stets ängstlich vermiedene Frage, wer in diesem Haus außer Mama bestimmen sollte; dafür hat Mama 2019 dann das Testament geschrieben. Später spielte sich aber alles ein bis zu der schlimmen Nacht 6./7.10.2023.[x]

[→Um ein Hörgerät][x]

Störungen ihres autonomen Tagesablaufs, Termine, etwas zu müssen, fremde Leute die kamen und etwas wollten, regten sie tagelang auf und brachten ihre Verdauung durcheinander und mußten daher immer möglichst vermieden werden.[x]

Mit Herrn Laufer, dem Physiotherapeuten, der ihr 2018 das Laufen wieder beigebracht hat, war es etwas anderes, der hätte immer kommen können. Die Fußpflegerin, die vor 2018 alle drei Wochen gekommen war, kam ein paar Mal so früh, daß Mama ihren Kaffee kaltwerden lassen mußte, da haben wir sie abbestellt und die Nägel selbst geschnitten - zB nach einem warmen Fußbad abends im Bett. Maria kam ein Mal/Woche an ihrem freien Tag, dem Donnerstag, am späten Vormittag und blieb manchmal bis nach der Mittagspause. Mama fragte manchmal, wenn ich beim Frühstück erwähnte, daß heute Maria kommt: Und was will sie? Der bisherige Hausarzt, Dr. Gehrcke, gab leider ausgerechnet im Frühjahr 2018 seine Praxis auf, und wir kamen zu Dr. Lührs, der aber bis zur Coronazeit verlangte, daß wir einmal im Vierteljahr in der Praxis erschienen; wir haben es sogar ein, zwei Mal versucht, aber das war viel zu beschwerlich und riskant, später wurde zum Glück Dr. Drexel sein Praxispartner, der kam ohne weiteres öfter zu uns nach hause. Petra, ihre Friseurin, kam sie sogar mit ihrem Auto zuhause abholen, nachdem wir einmal mit dem Rollator hingegangen und in ein Gewitter geraten waren. Wir sind aber auch zweimal mit einem Taxi in die Stadt gefahren zu meinem Friseur, noch im Juli 2023; als Maria, die ihr sonst auch öfter die Haare geschnitten hatte, in Griechenland weilte. Im November 2023 kam eine sehr gute mobile Friseurin.[x]

Aber das meiste in ihrem von früher gewohnten Tagesablauf konnte sie zum Glück bald wieder allein oder mit etwas Hilfe: Wenn mein Morgentee gegen halb acht bis acht ziemlich ausgetrunken war, hörte ich sie meistens ins Bad gehen. dann deckte ich unten in der Küche ihren Frühstückstisch mit dem weißen Geschirr mit grünem Rand, zwei Scheiben Brot, Butter und Honig, holte die Zeitung herein, riß den Kalender ab, legte ihr beides links neben den Teller, richtete ihre Tabletten (als sie im späteren Frühjahr 2018 keine Schmerzmittel mehr nehmen brauchte, begann ich, jeden Morgen 1 Crataegutt und 1 Ginkgobil ins Gläschen und ein Tröpfchen Gelee Royal auf einen Löffel Honig zu tun, das Mama schon früher genommen hatte. Es schien ihr gut zu tun, jedenfalls wurde es schlechter mit ihr, als sie im letzten Sommer Crataegutt und Ginkgobil nicht mehr herunter geschluckt bekam und wir ein paar Wochen kein Gelee Royal da hatten.) ins Gläschen und einen Extralöffel Honig mit einem Tropfen Gelee Royal, füllte die gute alte Filterkaffee-Maschine und schaltete sie ein. Sonntags half ich ihr, neue Wäsche, eine frische Hose und Bluse herauszusuchen und manchmal hatte sie sogar Lust zu duschen, da habe ich ihr hineingeholfen, ihr den Rücken eingeseift und und sie hinterher schön abgetrocknet und nochmal kurz ins Bett gepackt. Werktags zog sie sich alleine an, dann ging sie noch einmal ins Bad sich kämmen und den Mund ausspülen und dann ging es mit Unterstützung die Treppe herunter; da durfte und ist auch gottseidank nie etwas passiert. Beim Kaffee trinken durfte man sie nicht mit schwierigen Problemen stören, aber ein bißchen dabeisitzen und plaudern mochte sie gern. Das Frühstück ging allmählich über in Lesen (Kalenderblatt und Zeitung, die letztere wenigstens durchblättern und gucken, ob jemand gestorben war, den wir kannten) und endete mit dem Zahlen- und dem Kreuzworträtsel. Dann hat sie ihr Geschirr abgewaschen, das machte sie immer gern, mit den Händen im warmen Wasser baden, ist zur Toilette gegangen, und dann wollte sie wissen, was wir zum Mittag machen mußten. Wenn's was Größeres war, hat sie schon mal die passenden Töpfe und Werkzeuge herausgesucht, davon hatte sie ein großes Sortiment, für jedes Gericht das Richtige. Bis zum Kartoffeln Schälen war dann meist genug Zeit, da hat sie ihre Zeitung mit ins Wohn- oder Eßzimmer genommen und sich in ihren Sessel am großen Fenster oder in ihren Armlehnstuhl am großen Tisch gesetzt und ich hab meine Rosen versorgt. Eine Stunde vor Mittag brachte ich aus dem Keller die Kartoffeln zum Schälen und aus dem Garten oder Gefrierschrank ein Gemüse zum Putzen oder aus dem Faß im Keller einen Topf Sauerkraut, und es ging in die Küche (Soll ich kommen?). Kartoffeln Schälen war ihr wichtig, das Symbol, daß sie sich nicht versorgen läßt sondern mithilft so gut sie kann, und sie hat es bis zum letzten Sommer gemacht, zuletzt am Tisch sitzend und nur noch schlecht sehend. Der große Suppentopf blieb immer auf dem Herd, um halb zwölf wurde Feuer drunter gemacht und die Kartoffeln in dem roten Topf mit Dämpfeinsatz aufgesetzt. Dann kamen die karierten Deckchen und die Suppenteller auf den Tisch, das Werktagsbesteck und die Senfgläser, und sie hat alles hübsch aufgedeckt. In die Suppe hatten wir mal Markklößchen, mal Leberspätzle (beides vom Eismann), mal Suppennudeln oder nur Backerbsen, sonntags alles zusammen, und im Frühling frischen Schnittlauch aus dem Garten. Oft machten wir eine Flasche Bier auf, die für beide und auch noch zum Abendbrot reichte (wie das zuging ist mir heute ein Rätsel), oder es gab Saft. Nach dem Essen mußte unbedingt abgewaschen, abgetrocknet und die Küche aufgeräumt werden, denn dann ging es hinauf zum Mittagsschlaf und beim Wieder Herunterkommen um drei mußte es unten schön aufgeräumt sein, sonst war der Nachmittag im Eimer.[x]

Und was wurde nicht alles aufgetischt! Jeden Sonntag gleich nach dem Frühstück habe ich einen großen Topf Brühe aus einer Querrippe oder Beinscheibe und viel Lauch, Sellerie und Mohrrüben aufgesetzt und Kuchen gebacken, je nach Jahreszeit. Im Winter gab es jeden Tag eine Apfelsine aus Apulien. Das beste Brot, das kräftig schmeckt und doch weich genug für Mamas Zähne war, hat der Bäcker aus Prüm auf dem Wochenmarkt, den durfte ich nie verpassen; einmal kam ich mit hängender Zunge buchstäblich im letzten Moment, als er gerade heimfahren wollte, und habe noch eines bekommen. Käse aß sie in den letzten Jahren lieber als Wurst, handwerklich hergestellte italienische Ziegen- und Schafskäse, auch vom Wochenmarkt. Fleisch und Wurst von richtigen Metzgern ebenfalls, im Winter aßen wir immer gern oberhessisches Weckewerk. Als Busfahren ohne Coronaimpfung verboten wurde, kündigte ich mein Busabo und ging einmal pro Woche zu Fuß auf den Markt und fuhr mit einem Taxi heim, billiger als das Busabo.[x]


Bei einigermaßen gutem Wetter sind wir täglich in den Garten gegangen. Bis zum vorletzten Jahr mit Rollator, den ganzen Berg hinunter und nachher wieder hinauf. Wir hatten verschiedene schöne Sitzplätze, je nach Sonnenstand. Im zeitigen Frühjahr hat Mama mitgeholfen, Rosenwildlinge zu putzen, im Sommer, Beeren abzuzupfen und Bohnen abzufädeln. Gern haben wir auch den Nachmittagskaffee draußen getrunken. Ein ruhiger Nachmittag im Garten, den Wolken und Flugzeugen beim Segeln über den Himmel zugucken, den Vögeln zuhören, einen kühlen Lufthauch auf der Haut bei stickiger Hitze spüren (jetzt kommt schöne Luft!), konnte wirklich ihre Stimmung heben, wie schöne Musik (besonders Trompeten oder Chorgesang), mehr als alle Worte. Die Schneeglöckchen und Winterling, nach denen sie immer solche Sehnsucht gehabt hatte, hat sie die letzten beiden Vorfrühlinge nicht mehr richtig sehen können, auch die Farbe Blau sah sie nicht mehr.[x]

Mußte man drin bleiben, hat sie auch noch lang ihre Sachen selbst gebügelt. Und als es stehend am Bügelbrett nicht mehr ging und wir die Bügelmaschine wieder in Betrieb genommen hatten, hat sie sich daran gesetzt und mit dem Knie die Walze bedient, während ich ihr die Teile angelegt und die fertigen abgenommen und zusammengelegt hab.[x]

Oder es wurde im Wohnzimmer am großen Fenster gerätselt, Kreuzwort- oder Zahlenrätsel, solang sie die Definitionen einigermaßen lesen konnte, noch als sie die Zeitung selbst längst gar nicht mehr zur Kenntnis nahm.


Am Abend haben wir uns meist statt Fernsehen schöne Konzerte im Internet angeschaut und -gehört. Selten kam mal etwas Schönes im Fernsehen, am ehesten Schweizer Natur und Eisenbahnen oder italienische Landschaften auf 3sat; die Fernsehzeitung wurde 2022(?) abbestellt, als auch die Rätsel darin ihr nicht mehr taugten.[x]

[→Musikabende][x]

So gut wir uns in dieser Art Klausur durch die Coronazeit geholfen haben, ohne den eigenen Kompaß zu verlieren, so gut wäre es gewesen, wenn wenigstens danach auch mal andere bekannte Menschen als nur immer ich sie besucht und aufgemuntert, mit ihr gegessen, geredet hätten, spazieren gegangen wären, sie (so lange sie noch besser sehen konnte) zu einem Ausflug durch die blühende Frühlingslandschaft oder den bunten Herbstwald mitgenommen hätten.[x]

Aber die meisten Bekannten waren ja schon gestorben oder zu weit weg. Und die anderen hatten Angst, sie würden vielleicht eine tödliche Ansteckung mitbringen. Und danach waren die Leute auch nicht gleich wieder wie vorher. Pfarrer Fromme kam einmal direkt vor Corona, da saßen wir hinten im Garten und sie sprachen von der schlesischen Heimat, und dann noch einmal 2022, da saßen wir im Wohnzimmer, schauten Familienbilder an und sprachen vom Leben nach dem Tod; er wollte dann zum Hundertsten eingeladen werden, kam aber glücklicherweise am 99. kurz gratulieren. Maria und die Enkelinnen hatten während der Kontaktbeschränkungen noch nicht einmal angerufen, saßen später mit Masken im Gesicht um sie herum und sahen ihr beim einsam essen zu. Sie hat immer wieder versucht, sie zum mitessen zu überreden, biß aber auf Granit und bekam nur ausweichende Antworten. Selbst wenn sie, um das Gespräch fortzusetzem, dann immer fragte, was es denn heute bei ihnen gebe, kam darauf immer nur dieselbe Nicht-Antwort Wer grad Lust hat, wird schon irgendwas kochen. Später kamen die Enkelinnen einmal die Woche abends und spielten mit ihr Mühle, aber nur bis Anfang Oktober. Maria kam nie öfter als den halben Donnerstag und sie fuhren auch im letzten Sommer wie im vorletzten zwei Monate nach Griechenland, ab Anfang Oktober kam sie nur noch mit Aufpasser und sie verbreiteten Grabesstimmung. Aber schon Ende 2022 hatte ich auf Drängen mehrerer Nachbarinnen Pflegegeld beantragt, und Ende des Jahres haben wir Stufe 2 bewilligt bekommen, im Sommer 2023 Stufe 3, und zum Glück kamen dann auch erst ein, später zwei Mal pro Woche zwei Pflegerinnen vom Pflegedienst unserer Nachbarin Frau Bieniek mit ganz großen Herzen und ansteckendem Lächeln, eine davon ist sogar im Landkreis Nysa/Neisse zuhause. Sie kamen ab Sommer für je eine Stunde zur gründlichen Körperpflege und zum in-der-Wohnung-Spazierengehen und reden. Sie fand es meist unnötig und verstand sich nicht als pflegebedürftig. "Mir tut nix weh", bedauerte aber schon ab und zu, daß du so viel Arbeit mit mir hast, und wenn sie auch vorher nicht duschen wollte – da werd ich ja ganz naß! – strahlte sie doch hinterher fast jedesmal neugeboren und glücklich und spielte oft ein bißchen Mundharmonika.[x]

Der Garten verlor im letzten Sommer viel an Reiz, weil ihre Augen über die Fenster des Hauses hinaus kaum noch etwas erkennen konnten, trotzdem hat sie noch die legendäre Bohnenernte dieses Jahres abgefädelt (bei Rosamunde Pilcher wird einmal auch ganz breit über das Bohnen abfädeln erzählt), war noch im Oktober mit auf dem Feld und ließ sich von der letzten Herbstsonne das Gesicht wärmen, einmal waren wir mit Maria und den Enkelinnen bis zur Straßenmühle und durch's Loh zurück und zu zweit bei Frau Demel Honig kaufen, aber ihr Kopf hing immer öfter müde, und sie war froh, bald wieder heimzukommen. Die Abendmusik ging ihr auch weniger zu Herzen, dann mußte sie auf einmal auf die Toilette, wenn es grad am schönsten war.[x]

zul. bearbeitet 2024-12-30 15:07:24