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Weihnachtswunder
geblogt am 23. 12. 2024

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An einem der Weihnachtsabende in Aschaffenburg, die mir als das schiere Urbild von Harmonie und Leben, wie es sein soll, in Erinnerung sind, hat es im Stillen gewaltig geknirscht, wir mir Mama irgendwann 2018 oder 19 erzählt hat.[x]

Es muß 1963 gewesen sein, am letzten Weihnachtsabend in Aschaffenburg, denn der Grund war die Eisenbahn. Die hatte mein Vater nämlich in dem Jahr gebaut. Aber der Heilige Abend war gekommen, und er war mit seinem Werk noch nicht ganz fertig oder, wie es sene Gewohnheit war, noch nicht recht zufrieden. Draußen war es dunkel geworden, und meine Mutter war in der Küche fast fertig: das Sauerkraut und die Kartoffeln waren aufgesetzt, die Kalbsbratwürste warteten neben der Pfanne, in der die Butter schon geschmolzen war (am Heiligen Abend gibt es bei uns seit Menschengedenken Kalbsbratwürste in so reichlich Butter gebraten, daß man nachher ordentlich davon über die Kartoffeln gießen kann, denn wer am Heiligen Abend nicht satt wird, wird das ganze nächste Jahr nicht satt). Aber aus dem Wohnzimmer, in dem seit Wochen das Christkind tätig gewesen war, weswegen nur die Eltern Zutritt hatten, drangen noch immer unweihnachtliche Geräusche und kein Papa war da, weder im Bad, sich mit seinem Festtags-Rasierwasser rasieren noch im Schlafzimmer, sein bestes weißes Hemd und den schwarzen Anzug anziehen und die festliche Krawatte umbinden.[x]

Da ist Mama, nach außen völlig unsichtbar, nur innerlich, aber sowas von der Kragen geplatzt. Sie ist ganz leise ins Wohnzimmer gegangen und hat hinter verschlossener Tür zum Christkind gesagt: "Wenn du nicht in fünf Minuten fertig bist, nehm ich die Kinder und gehe!" Und dann hat sie die Bratwürste in die Pfanne gelegt und die Gasflamme darunter angezündet.[x]

Diese Entschlossenheit hat offenbar ein Wunder bewirkt. Für das Christkind sind Wunder ja, wie man weiß, nie ein Problem. Die Eisenbahn war plötzlich fertig, Papa tauchte lächelnd, nach dem guten Rasierwasser duftend, frisch gebügelt und im feinen Anzug aus dem Nirgendwo auf, und alle setzten wir uns um den großen Küchentisch, auf dem das beste weiße Tischtusch, gestärkt und gebügelt, lag, und Mama trug die dampfenden Kartoffeln und das duftende Kraut zur Feier des Tages in weißen Schüsseln auf und teilte allen mit silbernen Gemüselöffeln auf die Teller aus. Von den herrlich brutzelnden Bratwürsten gab es für jeden erst mal nur eine, aber sie waren nicht abgezählt, und kaum daß man seine aufgegessen hatte, fragte Mama: Magst du noch eine? Eßt och, Kinder! Wer am Heiligen Abend nicht satt wird, wird das ganze nächste Jahr nicht satt. Und dann goß sie jedem, der mochte (sich selbst nicht), die ganze flüssige Butter aus der Pfanne über die Kartoffeln. Und wie ich mochte![x]

Nach dem Abwasch war Papa wieder verschwunden, aber im Wohnzimmer hörte man jetzt das helle Glöckchen am Christbaum klingeln, und dann ging man hinein, stellte sich vor die Krippe, hörte Papa das Evangelium nach Lukas vorlesen und Mama ganz allein mit ihrer zarten Stimme Stille Nacht singen, und nach der dritten Strophe zog Papa einen dünnen Vorhang weg und da war eine ganze Landschaft mit Häusern und Pappmachée-Bergen und Brücken und die Eisenbahn, eine Dampflok und ein roter Triebwagen, fuhr vom Bahnhof Lindental durch ein Tunnel nach Zindelstein hinter dem großen Berg und vorneherum wieder zurück. Das war also eine Schleife und wäre mit Märklin kein Problem gewesen, aber mein Vater hat es auch mit Fleischmann, dank vieler Kabel und eines trickreichen Umschalters hingekriegt.[x]

P.S.: Ich wiederum erinnere mich genau, wie ich an einen Weihnachtsabend mit meinem Vater in Aschaffenburg schon im Dunkeln noch eilig in die Stadt gegangen bin, den Landing hinauf bis auf den Marktplatz am Schloß, wo der Christbaummarkt gewesen war, ob vielleicht doch noch einer zu kriegen wäre. Und tatsächlich war noch ein Christbaumverkäufer da, der kehrte noch Zweige und Nadeln zusammen. Und wie durch ein Wunder hatte der auch tatsächlich noch ein übriggebliebenes Bäumchen. Zwar fehlte dem auf einer Seite das Grün, aber der gute Mann fand auf seinem Kehrichthaufen auch noch einen Zweig, den wollte er gratis dazugeben und riet meinem Vater, an der kahlen Seite ein Loch in den Stamm zu bohren und den Zweig da hineinzustecken. Vielleicht war das im selben Jahr am Tag vor dem Heiligen Abend, dann wäre Weihnachten '63 sogar ein doppeltes Wunder gewesen. Daß es in zwei verschiedenen Jahren so knapp war, kann ich mir schwer vorstellen.[x]

zul. bearbeitet 2024-12-23 13:04:18