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Eine Sitzwache geblogt am 08. 08. 2024 |
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Am 6. Oktober 2023 hatte sich Mama nach dem Aufwachen vom Mittagsschlaf so frisch und stark gefühlt, daß sie einfach wie früher allein aufstand, war aber gleich vor dem Bett umgefallen und wohl mit dem Kopf an den Nachttisch geschlagen. Ich hob sie, erleichtert, daß wohl nichts gebrochen war, auf und legte sie auf ihr Bett, wo sie bis zum Abend liegen blieb. Sie bekam dann schnell einen großen blauen Fleck vorn auf der Stirn, der sich in den folgenden Tagen in allen Farben schillernd über die ganze linke Gesichtshälfte herunter zog.[x]
Über Schmerzen hat sie wie so oft nicht viel geklagt, aber nach dem Ausziehen abends im Bett wurde sie furchtbar unruhig. Sie fuhr mit den Armen durch die Luft herum, als suchte sie Halt an irgendwelchen Griffen und wollte immerzu aufstehen. Sie müsse heim, um zehn müsse sie zuhause sein. Wenn ich ihr nicht Schuhe und Mantel brächte, würde sie es ihrem Sohn sagen, dann bekäme ichs mit dem zu tun. Ich blieb noch lang bei offenen Türen oben an meinem Schreibtisch und stellte Stühle von beiden Seiten neben das Bett, die schmiß sie aber um. Nach Mitternacht setzte ich mich in den Korbsessel im Schlafzimmer und versuchte, sie durch Zureden zu beruhigen. Das half aber nicht viel, sie hörte gar nicht zu, redete immerfort selbst weiter. Ich versuchte es mit Anfassen, hielt immer wieder ihre Hände auf der Bettdecke fest und versuchte auch ein paar Mal, sie mit einem leichten Klaps auf die Backe in die Realität zurückzuholen. Es wurde 2, 3, 4 Uhr, wen hätte ich anrufen können? Die 112 - dann hätte ein Dutzend Männer und Frauen mit Apparaten im Zimmer gestanden, und Beruhigung wäre erst recht unmöglich geworden, außerdem hätten sie sie wahrscheinlich mitgenommen und wer weiß, ob sie wiedergekommen wäre. Nach 4 Uhr versuchte ich, mich im Nachbarzimmer hinzulegen und etwas zu dösen, sie war aber immer noch so agil, daß ich alle Viertelstunden zu ihr rüber mußte. Erst um 6 Uhr ist sie eingeschlafen. Den nächsten Tag, Samstag, hat sie durchgeschlafen. Am Sonntag wachte sie auf und alles war wieder gut. Ich erzählte Mama, was passiert war, sie wollte es kaum glauben. da hab ich ihr hinterher offen erzählt, daß ich sie aus Verzweiflung sogar ein bißchen gehauen hab und es mir jetzt leid tut, und sie hat nur müde gelächelt und den Kopf geschüttelt darüber, daß sie so schlimm gewesen sei..[x]
Daß es sich wahrscheinlich um eine Gehirnerschütterung gehandelt hat, darauf kam ich erst nachher, als ich die Geschichte am Telefon Lene und Christa erzählte und Frau Bieniek am Gartentor. Die pflegerische Lösung des Problems besteht, wußte Frau Bieniek, in einem Pflegebett, das rechts und links Holme hat, die gegen Herausfallen und nicht allzu beharrliches Herausklettern sichern. Als wir endlich eines leihweise auf Rezept hatten, hat es Mama erstaunlicherweise ohne weiteres akzeptiert und nie versucht, über die Holme zu steigen. Wir haben uns aber ab da auch jeden Abend alle erdenkliche Mühe gegeben, für einen ruhigen, guten Schlaf vorzusorgen durch ein warmes Fußbad, eine Wärmflasche, beruhigenden Raumduft, Abendlieder und Vermeidung aller Aufregung, aber auch von zuviel Schlaf tagsüber.[x]
Ich hatte Maria und Anna Lena am 6. Oktober vom Nachmittag und Abend, als sich etwas Schlimmes abzeichnete, bis zum ersten Aufatmen am nächsten Morgen und endgültig am Sonntag, per Email auf dem Laufenden gehalten und inständig gehofft, sie würden es lesen und gleich, wenn schon nicht mir zu Hilfe, so doch wenigstens ihre arme Mutter bzw. Oma besuchen kommen, man wußte ja zunächst nicht wie es ausgehen würde. Jetzt weiß ich: ich hätte anrufen sollen, es klingeln lassen, bis jemand abhebt, egal ob es ihnen gerade gepaßt hätte oder ungelegen gekommen wäre und klipp und klar sagen müssen: Komm' jetzt mal bitte gleich jemand her, es ist schlimm und wird mir zuviel.
. Dazu war ich aber zu schüchtern gewesen, ich habe immer lieber Emails geschrieben, die jemand in Ruhe lesen kann, und, so hoffte ich, eher positiv darauf reagieren würde, als wenn ihn/sie ein klngelndes Telefon überfällt, dabei klingeln die Telefone der jungen Leute heute eh dauernd, und Emails kennen sie nur noch beruflich oder von Ämtern. Es kam jedenfalls von den Angeschriebenen überhaupt keine Antwort, was mich beunruhigt hätte, wenn ich Zeit gehabt hätte, mir darüber Gedanken zu machen. Erwähnt hatte ich in den Emails auch meine ausgerutschte Hand, um zu unterstreichen, wie ernst die Lage war.[x]
Am übernächsten Tag, als Mama übern Berg schien und wir bereits entspannt über das Geschehene gesprochen hatten, bekam ich statt der vorher benötigten Hilfe in akuter Notlage eine Brand-Email von Marias Mann. Es war das erste Mal, daß er sich überhaupt - über die saisonalen Höflichkeitsbesuche hinaus - für Mama und für Pflege interessierte. Es sei natürlich und selbstverständlich
, daß er sich mit seinen Töchtern und seiner Frau über wichtige Dinge austausche, entschuldigte er sich für seine Antwort auf nicht an ihn adressierte Mails, und das Geschehen habe ihn teilweise ein wenig erschreckt
. Ja, mich erst! Keine Silbe über die Reaktion der Angeschriebenen, warum sie nicht gleich gekommen waren, warum nicht sie sondern er antwortete: von ihnen darum gebeten, weil sie allzu erschrocken und keiner Worte fähig waren, oder hatten sie gerade keine Zeit, oder hatte es eine Meinungsverschiedenheit gegeben und er sich damit durchgesetzt, die Sache an sich zu ziehen? Am Dienstag schrieb Anna Lena eine Absage ohne jede Begründung, zwar unterzeichnet mit der Freundlichkeitsfloskel bis bald
, doch hat sie Mama zu Lebzeiten nie mehr besucht noch angerufen, desgleichen alle ihre Schwestern. Wie auf Knopfdruck, als hätte man ihre Besuche abonniert gehabt und abbestellt. Maria kam am Donnerstag nach Plan, aber fortan bis zu Mamas Tod nur noch mit ihrem Mann als Personenschützer. Er stand immer hinter mir, wenn ich bei Mama war und hat, wie er später sagte, wirklich geglaubt, ich wäre dadurch beherrschter
ihr gegenüber geworden. Maria hat später gesagt, ohne Beschützer wäre sie gar nicht mehr gekommen. Bei einem Vier-Augen-Gespräch, das er mir am Ende ihres ersten gemeinsamen Besuchs aufdrängte, sagte er, alle seine Frauen hätten nun Angst vor mir, und ich sei schuld, daß seine Töchter nun ihre einzige noch lebende Oma verloren hätten. Das ist so ungeheuerlich boshaft, ich mußte es überall in der Nachbarschaft und Verwandtschaft herumerzählen, daß es mir nicht nachts wie Blei auf der Seele lag, und Lene war die erste, aber beileibe nicht die einzige, die spontan sofort dazu gesagt hat; Such Dir einen guten Rechtsanwalt, denn die wollen an Dein Haus.
W.F. betonte die Belastung für mich, aus der heraus ich gewalttätig geworden sei, um daraus zu folgern, daß mir die Pflege meiner Mutter zum Besten aller entzogen werden müsse, ganz wie Jugendämter bei Inobhutnahmen argumentieren, er ist ja Sozialarbeiter und war bis zur Rente kommunaler Sozialverwaltungsangestellter, also sein Metier.[x]
Gottseidank war damals Mama noch da, und ich hatte dauernd genügend zu tun, nun noch mehr als bisher, mußte ich doch nun auch noch vorsorgen, daß kein Sozialbürokrat sie von zuhause wegbrächte oder uns eine fremde ~$Ukrainerin$~ ins Haus setzte. Die Verpflichtungen hielten mich am Laufen und bewahrten mich davor, mir die Boshaftigkeit in der eigenen Familie zu Herzen zu nehmen. Vom Pflegedienst kam dann auch noch am Freitag eine freundliche Mitarbeiterin und und redete und spazierte eine Stunde mit Mama, so hatten wir nach dem tristen Donnerstagsbesuch von Maria mit Mann im Gefolge, bei dem nie gelacht oder gescherzt wurde, wenigstens vor dem Wochenende noch eine Aufmunterung, auf die wir uns freuen konnten. Mehr wurde von Werners absurden Vorstellungen zum Glück nie verwirklicht. Um sie zu konkretisieren, hat er mir bloß 2 Links zu Seiten des Bundesgesundheitsministeriums und 3 allgemeine Merkblätter geschickt. Selbst über diese zusätzliche Betreuungsstunde, die ich mit Frau Bieniek im Vorübergehen am Gartentor vereinbarte, wollte er einen Besprechungstermin anberaumen, und das weitere Vorgehen bezüglich der Versorgung meiner Mutter zeitnah mit Ihnen und meinem Bruder gemeinsam besprechen
, weil es ja nicht nur Deine Mutter ist
, wie er mir immer wieder einschärfen zu müssen meinte (aus dem Termin ist nichts geworden, weil Mama an dem Morgen nochmal leicht hingefallen ist und ich zuhause bleiben mußte). Seit Mama nicht mehr da ist, schreibe ich in diesen Blog und telefoniere mit allen Leuten, um nicht darüber nachdenken zu müssen, daß ich Feinde in der eigenen Familie habe.
zul. bearbeitet 2024-08-28 09:32:53