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…et ibi quasi dominus domus…

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Forschungsstand

Seit der Herausbildung der Krankenpflege als aufopferungsvoller und selbstloser Frauenberuf im 19. Jh. gelten die Johanniterregel und die Heilig-Geist-Regel als die mittelalterlichen Vorbilder für Krankenpflege aus christlichem Geist.

Die Pflege der Kranken, Armen und Schwachen wird darin als Gottesdienst im Rahmen liturgischer Handlungen beschrieben. Um die Entstehungszusammenhänge dieser Regeln haben die bis in die Neuzeit fortbestehenden, später sehr mächtig gewordenen Orden zwar großartige Legenden gewoben, bei kritischer Betrachtung ist ihr genaues Alter jedoch recht unklar.

Aus Originalurkunden genau bekannt sind dagegen Entstehungszeit und -umstände einiger Regeln von Hospitalbruderschaften in niederländischen Handels- und Hansestädten (Brügge, Gent, Ypern) und Hansestädten an der Ostsee (Lübeck, Kiel, Riga). Die ältesten dieser Hospitalregeln sind mit Sicherheit vom Ende des 12. Jahrhunderts und damit mindestens gleich alt wie die Regeln der Hospitalorden. Sie zeigen, daß die Pflege der Kranken, Armen und Schwachen, bevor sie religiös überhöht wurde, durchaus auch im Mittelalter als eine praktische Aufgabe der gegenseitigen Hilfe gesehen wurde.

Aufbau

Der Aufbau etlicher Hospitalregeln, darunter Brugge, Jerusalem, läßt einen inhaltlich fest zusammenhängenden Kern und davor und danach, wie bei einer Zwiebel, andere Inhalte erkennen, die vielleicht nachträglich am Ende angefügt bzw. dem Anfang vorangestellt worden sein können. Das Original der Brugger Regel von 1188 macht einen solchen Entstehungsprozeß augenfällig, erst recht, wenn man auch ihre Neufassung und die Genter Regel von 1196 mit betrachtet. Die älteste überlieferte Fassung der Jerusalemer Regel von 1253 mit ihrer konfus wirkenden Anordnung der Inhalte wirkt wie das Endergebnis eines derartigen Prozesses.

Krankenpflege-Kapitel

In der Erstfassung der Brügger Regel von Januar 1188 wird nach den geistlichen Werken, den gemeinsamen Mahlzeiten und der Aufnahme in die Gemeinschaft deren Arbeit damit beschrieben, daß man einen "peregrinus vel errans", der, notgedrungen, zu dem Haus kommt, aufnehmen und, man ihm, wenn er selbst nichts zum essen hat, zu essen geben soll. Bei den Speiseregeln heißt es wenig später, daß allgemein Arme und Schwache das gleiche Essen wie die Brüder, Schwerkranke, die besondere Speisen benötigen, aber das Essen bekommen sollen, das sie sich wünschen. An diese Bestimmung schließt sich direkt die inhaltlich dazu passende erste von einer ganzen Reihe Strafbestimmungen an: wer nicht krank ist und unnötigerweise und nur aus Appetit solche Speisen verlangt oder darüber Bemerkunge macht, soll zwei Tage bei Wasser und Brot fasten.

|:I:|tem . Siquis peregrinus vel errans . necessitate ductus hospitium a domo requisierit : [üb.d.Z.: caritative, Bg] recipietur una nocte tantum . Recepto autem in hospitio et non habenti quid comedat : [dabitur ei ad comedendum zu caritas eiusdem domus ad comedendum ei providebit, Bg]
|:I:|tem . Pauperes et inbecilles lecto accumbentes quos non detinet nominata et manifesta infirmitas : comedent de eisdem cibariis de quibus et fratres . Illi vero qui adeo infirmantur quod delicatioribus cibis indigent : ea que desiderant . et necessitate cogente requirunt . dabuntur eis : si ullo perquiri poterunt. Siquis vero ex non infirmantibus appetitu visorum . vel odoratorum cibariorum delicatorum commotus . ea importune et absque necessitate postulaverit . vel aliquod turpitudinis verbum . vel sinistri inde dixerit : punietur ieiunio duorum dierum in pane et aqua.

Dies steht auch so und im selben Kontext in der Genter Regel, in der Neufassung der Brügger Regel, in der Regel von Ypern und in den Regeln aus Lübeck und Kiel, obwohl überall dort ans Ende eine Version des berühmten Kapitels aus der Johanniterregel angefügt ist.

Die Regel von S. Jean, Cambrai, von 1227 formuliert eine inhaltlich reiche Bestimmung sehr kompakt: Ein Kranker (keine Pilger) soll (ohne zeitliche Beschränkung gütig aufgenommen und jeden Tag, bevor die Brüder essen, wie der Herr des Hauses gespeist werden gemäß seiner Krankheit, was immer er sich zu essen wünscht, soll man ihm reichen, wenn es ihm nicht schadet und man es irgendwie auftreiben kann, bis er vollkommen gesundet ist. Die Kranken sollen eifrig behütet werden.

Infirmus benigne recipiatur et quasi dominus domus cotidie antequam fratres comedant reficiatur secundum infirmitatem suam et quicquid in eius desiderium venerit si tamen poterit inveniri quod non sit ei contrarium secundum posse domus queratur donec perfecte sanitati restituatur Infirmi solliciter custodiantur

Die Brüsseler Regel von 1211 beginnt damit, daß wer in das Haus eintritt, nach einer Probezeit, wenn er dem zuständigen Gremium gefällt, Besitzlosigkeit, Keuschheit und Gehorsam versprechen soll: quicumque divina inspiratione tractus in eadem domo se Deo famulaturum obtulerit […] seculo et propriis ac proprie voluntati renunciet votum continencie sub stola in manu sacerdotis deponat jugum obediencie super se tollat. Später beginnt das Kapitel über die Aufnahme eines Kranken sehr ähnlich:

Quicumque igitur infirmus domum ingressus fuerit primum Deo per confessionem factam sacerdoti deinde proximo si quem lesit pro posse suo satisfaciat et veniam petat Res suas sub testimonio committat magistro eadem in integro si convaluerit recepturus Quod si imminente periculo mortis omnia sua domui forte relinquere uoluerit deductis expensis suis de residuo poterit condere testamentum Si autem intestatus decesserit omnia sua ad usus pauperum ejusdem domus devolventur

Danach folgen Speisebestimmungen für die Kranken, nämlich wie oft sie Fleisch essen und die Bestimmung der freien Speisenwahl für Schwerkranke, und anschließend eine seltene Vorschrift über die Hinzuziehung von Ärzten.

Tribus diebus in ebdomada egri carnibus reficiantur Si qui fuerint inter eos qui pro egritudinis magnitudine grossioribus uti non possunt cibariis dentur eis quecumque desideraverint dummodo haberi possint

Die Johanniterregel Raimunds de Puy hat in der ältesten überlieferten Fassung von 1253 bereits mit einer Schlußformel ( Et de omnibus aliis peccatis et rebus et clamoribus in capitulo judicent et discernant judicium rectum. Et hec omnia uti ut supra scripsimus ex parte dei omnipotenti et beate Marie et beati Iohannis et pauperum precipimus ut cum summo studio ita per omnia teneantur.)geendet, als noch ein Kapitel über die liturgische Aufnahme von Kranken mit Beichte und Kommunion und ihre tägliche Speisung "quasi dominus domus" folgt.

Et in ea obedientia ubi magister hospitalis concesserit cum venerit ibi infirmus ita recipiatur primum peccata sua presbitero confessus religiose communicetur et postea ad lectum deportetur et ibi quasi dominus secundum posse domus omni die antequam fratres eant pransum reficiantur et in cunctis dominicis diebus epistola et evangelium in ea domo cantetur et cum processione aqua benedicta aspergatur

Inhaltselemente

Freie Speisenwahl: in allen Texten außer der Johanniterregel. In Brüssel zusätzlich noch Arztbesuch. In Cambrai S. Jean noch "solliciter"

Aufnahmebedingungen: in der Brügger Erstfassung Einschränkungen "necessitate ductus" und "una nocte tantum"

quasi dominus antequam… in allen Texten außer der Brügger Erstfassung

Aufnahmezeremonie: in allen Texten außer Cambrai S. Jean, der Brügger Erstfassung und Brüssel, in Brüssel stattdessen Beichte und Testament/Besitzverzicht

Altersverhältnisse

Das Kapitel über die Aufnahme und Speisung eines "peregrinus vel errans" war in der Brügger Hospitalregel bereits mindestens seit Januar 1188 vorhanden, als bei der Neufassung B' nach dem Vorbild der Genter Regel von 1196 zusätzlich ein Kapitel über die liturgische Aufnahme von Kranken mit Beichte und Kommunion und ihre tägliche Speisung "quasi dominus domus" ähnlich dem am Schluß der Johanniterregel am Schluß hinzugefügt wurde. Das ältere Kapitel wurde nicht durch das neuere ersetzt. In der Regel von Gent von 1196 und in allen später nach dem Brügger Vorbild verfaßten Regeln blieb es an seinem originalen Platz.

Das berühmte Kapitel war also im Januar 1188 in Brügge noch unbekannt oder unerwünscht, 1196 in Gent aber schon und danach auch in Brügge.

Das älteste Krankenpflege-Kapitel besagt, daß die Kranken zu essen bekommen sollen, was sie wünschen.

Der Bearbeiter der Brügger Regel nach Genter Vorbild hat außerdem "recipiatur" durch "caritative" ergänzt und "dabitur ei adcomedendum" zu "caritas eiusdem domus ad comedendum ei providebit" verbessert, eine Bestimmung über finanzielle Zuständigkeit: caritas war eine spezielle Bruderschaft.

zuerst geblogt am 01. 08. 2025; zul. bearbeitet 2025-08-21 07:27:07 2986

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